Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch

einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören,

doch aber -- es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders

beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade

gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens,

in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die

geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt

ich das Böse nicht auch hinnehmen?

Warum sollt ich mich denn grämen,

Hab ich doch Christum noch,

Wer will mir den nehmen?

Wer will mir den Himmel rauben,

Den mir schon Gottes Sohn

Beigelegt im Glauben.

So lebt denn wohl, +herzliebe Eltern+! Gottes Lohn für jedes

Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele

gelegt! -- endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der

Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine

Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde

beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, -- +dort+,

wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. -- Ihr,

meine lieben +Geschwister+, gedenket mein wiederum im Guten und

betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, -- denn auf dem

heißt’s: +Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!+

Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß

geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine

Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder

führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme

gebricht. Sagt auch dem +Amtskeller+, daß ich ihn tausendmal um

Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir

stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen

keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in

Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn

von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn

gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter

Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht

anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele

Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung

verleihen wolle mit den andern allen!

Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit!

Christus, der ist mein Leben,

Und sterben mein Gewinn,

Dem tu ich mich ergeben,

Mit Freud fahr ich dahin.

Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der

+siebten+ kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs

finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch

Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem,

der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin +lebet wohl

und gedenket mein in Frieden+! Darum bittet Gott und Euch

Euer getreuer Sohn

=Valentinus Gast=,

der Verlorene, aber +Wiedergefundene+.

Am 3. Juni 1639.

~P. S.~ Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem

Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf

den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten.

Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein

Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen

Brief Euch zustellt, -- ich will das Wenige, was ich noch habe, vor

meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich +allhier+ sterben, wird

der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die

Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. -- Werde ich Euch

noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s

manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! -- +Nun wie Gott

will!+ Amen, Amen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Valentins Tod.

Da neigt er sich nun eben,

Verwelkt und sinket hin,

Den ich sah aufwärts streben

Mit also stolzem Sinn,

Der Knabe, jung von Tagen,

Sein Haupt herniedersenkt,

Ach, ach, nun muß ich klagen,

So sehr ist es erkränkt;

Die Seel’ schon auf der Zungen

Wird er’s jetzt hauchen aus,

Nun muß es sein gerungen

Mit Tod und letztem Strauß.

Spee’s Trutz-Nachtigall.

Als ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen,

verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige

Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden

meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens

war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war

durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele

freute sich Gottes, meines Heilandes.

Da gedachte ich auch, wie die droben -- mein Weib und meine Töchter

und mein Johannes -- auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des

Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und

Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn

gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut,

vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher

waren sie mir wohl immer vorgekommen als solche, die geschieden aus

großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die +Seligen+,

angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und

verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte,

ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine

Gedanken! -- der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind

und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.

Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht

von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern

und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und

durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben,

betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und

Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte

ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem

getreuen Gott, -- derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den

Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut

nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken

hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit

seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus

einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein

Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten

bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.

Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr

matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte,

daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit

begraben sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem

ich für ihn oder für mich zu beten hatte.

Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn

fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter

unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:

„Nur elf Jünger blieben treu,

Gib daß gar kein Abfall sei.“

Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen

Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die

Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich

angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn

Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, -- doch hat der

gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen

Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit

meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und

das Brot essen werde im Reich Gottes! -- -- Gott segne dich, Olufsohn!“

Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan,

und dankte dem Herrn, daß er es erhört.

Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für

sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet.

Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr

sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann

wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte,

so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem +Siegesbette+

denn an einem +Siechbette+ zu stehen meinte.

Endlich schlug es +ein Uhr+! Da hielt er den Atem an, wie wenn

er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, -- es war

wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit

bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“

rief und seinen Spruch anhub:

„+Eins ist not!+ du treuer Gott,

+Schenk uns einen sel’gen Tod+!“

„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank

auf sein Kissen zurück. -- „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn,

-- da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.

Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete

die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner

seligen Mutter geworden waren, und betete, -- unten auf der Straße aber

wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das

Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen

einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend,

zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten

und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da!

sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals,

da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und

darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird.

Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem

Weinen: „+Armer, armer Valentin!+ was ist aus den hochgehenden

Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen,

wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, -- auf der

grünen Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins

arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du

seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch -- wie muß ich dir,

mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit

dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß

du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen

in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. +Der

Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei

gelobet!+“

Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah,

daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und

weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete

mich mit viel lieblichen Worten.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Noch ein Gottesgericht.

Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.

Sprichwort.

Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!

Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.

Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,

Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.

Shakespeares Macbeth.

Gegen Morgen schickt der +Pfarrherr+ zu mir und läßt mir

ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse

nehmen und mit hinter nach +Eibelstadt+ gehen, ein Soldat sei vom

Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige

Nachtmahl empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den

Weg.

Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und

erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein

gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen

Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und

eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und

den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt.

Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr

treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.

In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn +von Greifenklau+ Haus

gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte.

Als ich die Lichter angezündet und die ~vasa sacra~ hergerichtet,

wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit

meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das

Rathaus ist.

In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel

Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern

gedachte des Hingeschiedenen.

Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann

mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich

freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei.

Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister

fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände

bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach

dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er

unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem

Morgen gekommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten

in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das

Städtlein heiße?

„+Sommerhausen!+“ erwiderte ich. -- „Sommerhausen?“ sagte der

Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen

Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten

einer unter unserem Regiment gedient.“

„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter

das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die

herumliegenden Soldaten, -- es waren schwedische Dragoner, was ich

jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“

fragte ich, indem mir das Herz klopfte.

„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der

Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter

Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort

steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da

sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst

schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen,

wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin

nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen

Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“

„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt,

nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer

Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.

„Ich heiße +Olufsohn, Swen Olufsohn+!“ gab er mir zur Antwort, „und

bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen,

und dieser mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißen

+Gast+, -- +Valentinus+ war sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“

Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname

geheißen!

„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja

mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich

auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt:

Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“

„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden

Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“

„Ja!“ erwiderte ich, „+er ist heim+ gekommen -- seit drei Tagen zu mir,

seinem +leiblichen+ Vater und zu seiner +irdischen+ Heimat, und heute

nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu

seinem +himmlischen+ Vater und zu seiner +himmlischen+ Heimat. Euch

aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“

Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines

Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun

wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch

Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er

habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht,

er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er

selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott

so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen,

er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar

ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen

lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was

meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und

Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich

sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn

sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.

Während wir noch also miteinander redeten, kam der +Pfarrherr+ ganz

erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und

sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben!

Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen

aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein

verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen!

Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine

Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber,

als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten,

da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten

freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei

jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum

Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst

zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die

Stube.

[Illustration: Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu

sehen (24. Kap.)]

Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß

aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei

Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen

umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren

Stimme, „du Graukopf, -- hab ich dir nicht schon einmal den Schädel

gespalten? -- Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und

jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher

in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine

Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? +Vorwärts,

vorwärts+, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute

gibt’s Dukaten -- wird +alles+ geteilt, brüderlich! -- aber dem

Grünrock seine gehören mir, -- pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück

ihm die Kehle zu, -- ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes!

’s sind zwei über einen! -- Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen

starren! So -- jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der

+Graukopf+ lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei,

du kennst mich schon!“

„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist +Nikol Paradeiser+, der den

alten Veit erschlug!“

„+Nikol Paradeiser?+“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel

hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner!

Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht

stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! -- So ist’s

recht, -- Teufel, da liegt er ja wieder! -- Hopp, hopp, Schimmel! --

+Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!+ Laß mich doch, alter Tropf,

du wirst mich doch nicht zwingen?“

„+Das ist Gottes Gericht+, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich,

„dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen

einen Mord begangen!“

„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die

ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, -- „ich

bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid

darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter

dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben

und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der

Geschichte gesprochen, -- mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht

er!“ und es ist mir ein Schrecken durch alle Glieder gefahren, denn

ich sah ihn auch leibhaftig.“

„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein

für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat

euch geschlagen. +Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von

nun an!+ -- Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen

geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er

seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes

Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und

fallen, da sie niemand jagt!“

„+Niemand jagt?+“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist

er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will

dir den Rest geben, -- ich will -- ich will“ -- damit schleuderte

er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von

sich und sprang aus dem Bett, -- der Rittmeister lief herzu, wollte

ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke

jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und

war tot.

Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes

mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der

Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber

und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister

Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Schluß.

Dem Leib ein Räumlein gönn’

Bei frommer Christen Grab,

Auf daß er seine Ruh’

An ihrer Seite hab’!

Als der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin

Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war

nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe

weiterziehen müssen.

Es hatte +Hans Ebeling+ meines Weibes und meiner Kinder, dazu

des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden

Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes

hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte.

Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben

noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um

ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube,

ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte

schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort

einmal eine Liebe erzeigt, -- selbst des +Hans Mündleins+ Witwe

kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen

Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen,

erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie

jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen

ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das

war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr

schlug, hörten wir einen starken Schritt auf der Straße und laut

Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin

ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff

mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald

kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm,

Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen

noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten

des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes

gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid

um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir

gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“

Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und

Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter

auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, --

dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.

Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege · 第 9 / 10 段