Dies geschah, -- und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich

mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich

in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen

Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem

Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht

an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in

der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin

ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer

wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es

wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.

Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert führen sah

wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig

und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich

stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich

gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind

pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es

ehedem nicht, wie ein rechter Christ +beides ist+: +tapfer wie

ein Löwe und sanft wie ein Lamm+, hie aber habe ich’s erfahren. O

du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin

hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen

und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich

bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin

ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was

dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst

herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.

Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter

Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein

und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört,

daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen

sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein

Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und

selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was

ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem

Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.

An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn

mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft

ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu

und wieherte hell auf vor Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte

mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder

heimkehren mußte.

Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen,

wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen

gesund sein würde? -- „+Mit dem ist’s aus!+“ lautete die Antwort,

„die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß

er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und

sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen

Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und

scheint keinen Gedanken daran zu haben.“

Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen

würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „+Dies+ das

Ende? -- Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß

und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über

mir gewaltet, -- wider den hilft kein Streiten!“

Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen

Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon

Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren

würde. -- „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. -- „Nicht mit?“

fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ -- „Heimgehen will

ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen,

von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend

heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß

ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen

bin.“ -- „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit

deinem Gott; wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber

gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme,

daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn,

er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von

dem Obersten bekomme. -- „+Ist’s also ernst?+“ fragte er traurig.

-- „+Ja, ’s ist ernst!+“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört,

was der Feldscherer mit dir geredet hat. +Morgen scheiden wir!+“

In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen

und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und

der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich

ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte,

und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.

Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen,

es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es

gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur

einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, -- denn das

Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei

Nördlingen, -- ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude

nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte,

wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen

zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete.

Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs

Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.

Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in

Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle

grüne Reiser auf den Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir

ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich

meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt

-- ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor

dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum

Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für

alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn

nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich

und ging schnell davon.

Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan,

über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’

ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen

Blick zurückzuwerfen, -- sie setzten sich eben in Marsch, einzelne

Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen

durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem

Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve!

-- -- „+Was geht’s dich an?+“ sagte ich, „+dein Weg ist der

weiteste+!“ wandte mich und zog meine Straße.

[3] Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung

eines Zeitgenossen, welcher ~Theatr. Eur. III~ also schreibt:

„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche

Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen

Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen

müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu

beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese

Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein

und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll

man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit

keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und

noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere,

vorzunehmen bist gezwungen worden?

„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß

in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal

verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden?

Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten

Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen,

wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige

Gedärme weggefressen worden?

„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene

Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit

den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem

schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann

derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet,

und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen

Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als

den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen)

aufgefressen wird?

„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und

Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers

widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten

ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem

Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?

„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen

aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger

Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“

„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines

Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst,

nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor

ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund

Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl.,

vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“

„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute,

eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund

und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und

deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes

Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei

allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber

belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“

Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die

Eroberung von Breisach verfertigte ~Distichon Chronologicum~ eine

Stelle finden. Es lautete: ~Heroi in victo Bernhardo de Weymar

Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum~:

„~InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI IVngitVr & tanto DIgna

pVeLLa VIro~.“

Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Brief. (Schluß.)

Darum still, darum still,

Füg ich mich, wie Gott es will.

Volkslied.

Als ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine

große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein

Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange

des Lenzes waren, brannte sehr heiß, -- so legte ich mich denn nieder

in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das

Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen

dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff

ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen,

sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der

erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein

Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich

auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt

hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der

Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein:

der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine

Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu

machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott

dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von

Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten

läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel

gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr,

der Gott Israels! +Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du

nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.+

Ich mußte diesem Worte nachdenken! -- +Das+ hatte ich ja selbst

schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „+Bann+“

auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und

mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und

träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft

herzhaft wie ein Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und

Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft

schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder

zerronnen!

Ich gedachte +Olufsohns+. -- Wie ganz anders war’s dem gelungen!

Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein

armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht

tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog

er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach

so viel abgestandenen Mühen und Gefahren -- ein Landläufer und Bettler,

wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen,

ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf

mir allenthalben ein Bann gelegen?

Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s

wie Schuppen von den Augen -- +es war ein Unterschied, ein großer

Unterschied zwischen mir und ihm+: er hatte seines Vaters Segen

beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn

gemacht. Ein Gebot hatte +ich+ unter die Füße getreten, +er+

aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „+Du sollst deinen

Vater und deine Mutter ehren!+“ und der Herr war Richter gewesen

zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „+auf

daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden+!“ Mich aber

hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel

gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht,

siehe! das ist der +Bann, der auf dir liegt+!“ So sagte mir die

Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.

Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan

würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den

heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch,

herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch,

lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der

Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht

vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer

Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch

sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern

erzählen, daß „+wenig und böse+“ die Zeit Eures Lebens gewesen um

des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir:

es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt,

wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben

Jahre lang gewesen war, -- ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst

fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale

wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich

damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich

beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.

„+Wehe, wehe, wehe!+“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der

Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum

liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in

der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen -- nur so lange noch, bis

ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht,

bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten

Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir

ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und

ihm sagen kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir,

ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“

So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem

anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder

Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte

mir nicht Ruhe noch Rast.

Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den +Mainstrom+ wieder. Nun

hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders

beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen

Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen

werd ich Euch nicht mehr!

Als ich an ein Dörflein kam unterhalb +Wertheim+ --

+Bestenheida+ genannt -- konnt ich vor heftigem Stechen kaum

mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon

dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse,

wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg

gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er

mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon.

Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu

mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen,

leeren Zimmer.

Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges

Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen

offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich

fragte, wo ich denn sei. -- „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte

das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest

hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause gestorben; ich

allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“

„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. -- „Ein Waisenkind!

Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages

die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater

totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben

sie hierher getan.“

„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, -- „der Krieg

bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“

„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber +beten+!

Meine Mutter hat mich’s gelehrt -- ich bete alle Tage! -- Soll ich

einmal beten?“ -- „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die

Hände und hub an:

„Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit,

Sein Will’, der ist der beste;

Zu helfen den’n er ist bereit,

Die an ihn glauben feste.

Er hilft aus Not,

Der fromme Gott,

Und züchtiget mit Maßen!

Wer Gott vertraut,

Fest auf ihn baut,

Den will er nicht verlassen.

Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht,

Mein’ Hoffnung und mein Leben,

Was mein Gott will, daß mir geschicht,

Will ich nicht widerstreben:

Sein Wort ist wahr,

Denn all mein Haar

Er selber hat gezählet;

Er hüt’t und wacht,

Stets für uns tracht’t,

Auf daß uns gar nichts fehlet.

Drum will ich gern von dieser Welt

Scheiden nach Gottes Willen

Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt,

Will ich ihm halten stille.

Mein’ arme Seel’

Ich Gott befehl’

In meinen letzten Stunden:

O frommer Gott,

Sünd’, Höll’ und Tod

Hast du mir überwunden!“

Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein

Lob zugerichtet! -- Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt,

und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des

Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte

ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den

letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei

Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein

Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir

kein nütze!“

„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht,

einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“

„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon

dagewesen, -- aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht

aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“

Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden

Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden

verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein

so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber

nun all mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen

und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den

Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von

hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch

mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes

Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen,

aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und

löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer

Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt +tiefer, viel tiefer graben+! Womit

Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren

+himmlischen+ Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt,

wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht

Psalm 51 und lautet: =An dir allein= +hab ich gesündigt und

Übel vor dir getan+, auf daß du recht behaltest in deinen Worten!

+Das+ Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge

Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, -- ich gönn Euch

herzlich diese Freude, -- aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr

am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde

vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr

bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre

kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu

Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn

zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was

für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen

und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts

ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber

dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk

an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung,

der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und

lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat.

Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger

dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer

werten Wort, daß +Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder

selig zu machen+.“

So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß

sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn

hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich

gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen

Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind

gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des

Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s

sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und

dem Abgrund ewigen Jammers, -- gerade da hat der Herr die Decke von

meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des

Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen

Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten,

der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort

gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese

sein!

Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel

schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist,

wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei

der Hölle gewesen, ich bin so müde geworden von Seufzen, ich habe

wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen

manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort

Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst,

ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab

ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das

Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es

durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark

und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die

alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal

ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben

auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in

meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele.

Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege · 第 8 / 10 段