Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald
das Lied anstimmten: „+Jerusalem, du hochgebaute Stadt!+“ Als die
drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden,
welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein,
wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst,
geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern
Dragonern, welche den Zug schlossen.
Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage
sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben
nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun
laßt uns den Leib begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die
Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, -- dann war alles vorüber, und
wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen.
-- Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis
bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt
begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch
übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir
alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen
Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem
Rittmeister -- nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die
Wallfahrt auf Erden dauert.
* * * * *
Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? --
Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen,
abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in
diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte,
jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „+Komm!+“ und meiner
Kinder Stimme: „+Komm, komm!+ du hast auf Erden nichts mehr zu
suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre
Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist
mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins
Begräbnis:
Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
Wollt Gott, ich war in dir!
Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat,
Und ist nicht mehr bei mir!
Weit über Berg und Tale,
Weit über blaches Feld
Schwingt es sich über alle,
Und eilt aus dieser Welt.
Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das
„Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine
Nachfahrt halte?
Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der
Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert
während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt
einen +besseren+ Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht,
mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur
Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird.
+Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren+, und ob mein
Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm
gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, -- doch aber
hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm
und Nacht, in Angst und Not allezeit meine +Augen deinen Heiland
gesehen+, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich,
ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach:
„Herr, hilf mir!“
+Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine
holdselige Gestalt festgehalten bis heute?+ Dann tritt her zu mir
und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen:
~Soli Deo Gloria!~
=Dem Herrn allein die Ehre!=
Amen!
Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli ~anno Domini~ 1650.
=Udalricus Gast=,
zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier.