Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt
worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten
aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „+Gott mit uns+;“ oder bei
den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche das Deutsche
nicht wohl aussprechen konnten, „+Emmanuel!+“ Die Götzischen und
Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“
Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen der
Generalmajor +Taupadel+ geführt, von der Kaiserlichen und Bayrischen
stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und zurückgetrieben. Wir
wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des kaiserlichen Volks
herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen sich zu trennen,
und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu der Reserve
zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten und tiefen
Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in den Rhein
ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen angeschwollen
war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über deren Eingang
ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen etliches
französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen
die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm
verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war
nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind,
wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen
würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich
wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen
und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor
Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte
Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu:
der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann,
widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie
halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher
aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten
konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in
seiner Nähe.
„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft
Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so
lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst,
so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“
„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer
will mithalten?“ sagte Olufsohn, und bemühte sich, von seinem Pferde
zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und
am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht
imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein
wackerer Soldat verloren!“
Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der
heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und
der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen
will, so will ich’s selber tun!“ -- „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte
Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie
+Valentinus Gast+, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der
Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen
finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als
er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“
„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern
tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. -- Du willst
Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde,
bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst
morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen
Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob
ich’s selber wäre!“ -- Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die
dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das
Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom
Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns
fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der
Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.
Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und hätte hellauf
jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen
hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein
sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns,
Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ -- „Lob und
Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an
ein Entlaufen nicht zu denken.
Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor
geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern
die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr
Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer
Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle
über die Klinge springen!“ -- „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich
hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! --
Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister
und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten
einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten
sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen
zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande
durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben
nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann
gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst
griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den
Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht
weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft,
jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn
nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den
Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen hineinstürzten und nicht
mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den
andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.
Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches
Gewitter losgebrochen, -- es ward schier ganz finster, stürmte und
blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß
die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte
die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte
nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.
Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren
noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben
mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn
wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer
Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal
sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete
mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den
angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu
gelangen. -- „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so
sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen
in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:
Wann es nun muß gestorben sein,
So geb ich willig mich darein.
Und denk in dieser letzten Not
An meinen lieben Herren Gott.
Und im Gebet ja immerzu
Ich Jesu Namen rufen tu,
Und schrei mit Herzen und Begier:
Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen.
Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf
die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben,
hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen,
ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn.
Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften
uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren
Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da
meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich
mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand
eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch
erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis
auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf
dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme
deuchte mir bekannt, -- ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm
jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann +Paradeiser+ genannt.
„Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! +Du oder ich!+“
rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn
kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren
geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger
Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir
die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet,
hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten,
über die Mauer hinunter in den Strom.
Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die
Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden
Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das
Wasser heben und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts,
wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten
links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte
aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „+Gott
mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!+“ -- Während nämlich
unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst
+Rosa+ nebst dem Grafen von +Nassau+ der Kaiserlichen rechten
Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte,
hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder
gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt
getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo
der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem
Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom
zu steigen.
Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen
Lobgesang aus der Ferne hörte, -- sie sangen aber den 124. Psalm:
+Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!+ usw. -- begann der Haufe
im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits
Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten.
Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden
Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich
fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich
durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn
heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er
mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein
Pferd und jagten mit mir davon.
Zwanzigstes Kapitel.
Der Brief. (Fortsetzung.)
Ach wie bald, ach wie bald
Schwindet Schönheit und Gestalt!
Prahlst du gleich mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Ach, die Rosen welken all!
Volkslied.
Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem
Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im
Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd
bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten,
bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern
wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun
sei’s mein Letztes.
Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich
totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte
mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme
ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas
von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder
zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt,
die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl
der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er
unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs
Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. -- Es war aber das
die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei
Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben
hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem
Fieber von dem Haufen nach +Breisach+ geschleppt worden mit noch
andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen
hatte.
[Illustration: Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße (19.
Kap.)]
Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine
Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von
der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen
alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle
die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach
vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. -- Ach! zu mir
hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „+Oh,
wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner
Zeit, was zu deinem Frieden dient!+“ -- aber es war vor meinen Augen
verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen
konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.
Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig
Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer
alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene,
und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern
wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines
Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir
saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich
ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine
Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde,
hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete
es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam
wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde ich von unsäglichem Hunger
gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, -- aber wir sollten noch
Schrecklicheres erleben.
Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste
belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe
am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als
ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei
noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten
auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die
Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es
blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des
Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen,
heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und
sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben,
weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis
zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen
gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde
und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und
Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage
in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die
Festung nicht übergeben, -- so sollten wir selbst zusehen, was wir tun
könnten, uns das Leben zu fristen!
Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und
Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche
beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig
wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere
lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere
und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten wieder einige
Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem
Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, -- denn ihr würdet’s
doch nicht glauben.[3] Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch
unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als
auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer
geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in
seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern
noch eine Frist zur Buße geben -- freilich eine letzte.
Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die
Türe und rief -- denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder-
und Totengeruches -- von oben herab uns zu: wenn noch einige von den
Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, -- es sei ein
Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die
Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir
erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen,
wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt,
unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer
nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten
im Hof hin und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem
Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als
wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des
Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und
Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war
ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den
Füßen halten, der Kommandant, Freiherr +von Reinach+, selber
mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von
der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht
gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter
übergeben werden.
Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im
Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief
dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die
Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und
unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt
allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm
nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer
gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler,
Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde
genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen
Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um
Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort
einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den
Akkord zu halten.
Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger,
welche schwedische Dienste nahmen, den Rhein hinunter gebracht zu
werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment
liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder
zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes
Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war,
weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen
würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und
gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich
einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und
Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum
Willkomm. Sie kannten mich nicht, -- denn ich sah aus wie ein Gerippe,
auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser
bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider
trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als
ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle?
Ich nannte ihnen meinen Namen, -- da fingen sie laut an zu lachen und
riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich
einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden?
Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ --
Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches
ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich
sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins
Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein
Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht
haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns
auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“
Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des Todes achteten, weil
sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben.
Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und
wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich
weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan,
und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem
Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.
Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich
vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern
in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und
einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das
Stroh und -- ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe
getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft
ausgestanden -- plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem
Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand
hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in
meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich
ganz gewiß, es sei aus!
Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme
nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein
habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und
ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. -- Es war +Olufsohn+.
Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah,
kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind,
„Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden,
weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß
ich dich also finden muß.“ -- Ich nahm seine Hand und sagte: „Gott
segne dich, +Olufsohn+! So hab ich doch noch einen guten Freund in
der Welt und will gerne sterben!“ -- Er aber erwiderte: „Das wolle Gott
nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch
meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt,
ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo
der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der
gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen
in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend
aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß
ich dem Lazarett zugewandert.
Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und
ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber
sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und
wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem
Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der
Feldscherer nachgeschickt würde.