und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger,
freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der
Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm
er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem
Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht
werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner
vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch
mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen +Nürnberg+ ziehen,
wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann ich
nicht sagen.
Siebzehntes Kapitel.
Der Brief. (Fortsetzung.)
Morgenrot, Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod!
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad.
Volkslied.
So hatte nun mein Kriegsleben angefangen! +Stolz hat’s begonnen,
trübselig geendet+, doch ’s ist so auch gut!
Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das
sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein
Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus +Schweden+, teils
aus +Finnland+ gekommen und unter die Dragoner treten sollten.
Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne,
die es noch zu halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch
Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt.
Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische,
und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als
„verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir
wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt,
wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht
viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen
in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, +Olufsohn+ geheißen,
mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb,
ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange
gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein
rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte
mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte,
fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber
ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für
ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer
ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem
König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun
und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren,
die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen
gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner
Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn
seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm
auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit
großer Gelassenheit gefallen ließ.
Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Friedländische Lager
abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee
mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach
Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß
und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit
meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug
des Königs -- weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war
-- eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn
Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr
und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern
kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz
aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie
darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber
dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!
Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl
zu, dem König zu folgen, der wieder auf +Donauwörth+ zu gezogen.
Dort bin ich bei +Rain+ am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen.
Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im
Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen,
aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die
Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das
General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich
hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit
dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück
Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute
gekostet.
Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles bereitet, lagen wir abends
um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das
gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein
Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und
Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt!
Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen
Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen
anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:
„Und wenn die Kugel geschossen ist,
Die mir mein’ Seel’ ausbläst,
Dann sag ich: bis zu dieser Frist
Bin ich allzeit voll gewest!
Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit
Hinüber in die Ewigkeit!“
Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und
stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. -- +O Herr, erbarme
dich!+ und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!
Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam,
brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß +Olufsohn+. Er
hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem
Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte,
was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken
gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er
seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die
Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und
daraus gelesen.
„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen,
statt daheim zu hocken! -- Da hättest du auch einen tapfern Mut
bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze;
wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei
Gedanken das Herz schwer zu machen!“ -- Er aber schüttelte den Kopf,
sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder,
nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.
Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden
in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch
war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König
hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien
einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde.
Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch
nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle
ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun
begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir
sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und
in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen
auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn
tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein
Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die
Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte
geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.
Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte
einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen.
Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke
gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben,
traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und
das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in
den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät
lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts
getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es
sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge,
von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein
schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem
Tod in den Rachen laufen wollte. -- „+Nun, wer hat Lust?+“ fragte der
Korporal wieder und lachte, „+keiner+?“
„+Ich+,“ sagte +Olufsohn+, „+und ich auch+!“ wiederholte einer von den
+Finnländern+. Olufsohn, der neben mir gehalten, stieg ab und wollte
mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: „Was du vermagst,
vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: „+Ich bin der Dritte!+“
So gingen wir an dem König vorüber, der uns freundlich zunickte, liefen
mit den Planken unter mörderischem Schießen über die Brücke und machten
sie fest. Als es geschehen, wollten wir uns so schnell als möglich
davon machen, -- da krachten wiederum die Stücke der Bayrischen, und
der Finnländer stürzte, zum Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom
Kopf geschossen, ich aber blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes
Regiment im vollen Jagen über die Brücke setzen, wobei viele das Leben
verloren, zuerst der +Korporal+, dessen Pferd, von einem Schusse
getroffen, sich aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte.
„Nun kommt er ja naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern
gemeint hat,“ sagte einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil
er sich gegen ihn zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott
sei der Seele gnädig!“ Von den übrigen ward hierauf die bayrische
Schanze genommen. Hiemit entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe
des Städtleins ist nun alsbald geschehen.
[Illustration: Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen
und las in einem Büchlein (17. Kap.)]
Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an
die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben,
dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke
fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also,
und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein
Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler
auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der
aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie
es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe;
wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe
sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe
gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine
sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, -- dem möge das Geld
durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. -- „Es sei so,
mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und
die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen
auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr
Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er
doch nicht gar leer ausgeht.“
So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig
Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die
Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte
zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl
ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren
trocken; der schwedische Fuchs habe es aber wohl verstanden, wie man
dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar
süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“
und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.
Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte
ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen,
denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege
ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm
nicht feind sein konnte.
Achtzehntes Kapitel.
Der Brief. (Fortsetzung.)
I bi bi’m Paschal Paoli
In Corsika Draguner gsi,
Und gfochte hani, wie ne Ma’
Und Bluet an Gurt und Säbel gha.
Hebel.
Als ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob
davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß
ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen
würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches
geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief
schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch
dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu
rühmen und zu freuen Ursache hättet.
Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte,
damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib und Leben dran zu wagen, war
ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm
achtete, wenn anstatt eines Helden +Glück+ eines Helden Tod mein
Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu
Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben -- das hab ich nicht, wiewohl
ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und
Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte,
und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem
Glauben, daß er +Gott zu Ehren+ das Schwert trage und +Gott+
diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel
glücklicher vorgekommen denn +ich+, wenn er etwa seiner alten
Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm
geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue
und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn
sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein
prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten
Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus,
tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar
sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg
priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.
Bei +Lützen, wo Gustavus Adolphus+, der große christliche Held,
sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch
zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen
Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei
+Nördlingen+ uns zusammengezogen.
Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals +Horn+
Befehl gebetet und das Lied gesungen: „Verzage nicht, du Häuflein
klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig
hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch
gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir
mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten
hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk
bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit
von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen,
aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte,
wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.
Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach
überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug,
ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden
angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns
doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern
etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze
Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das
greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken
und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den
Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten
still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu
holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen
gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an
uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und
kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von
dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich stürzen,
und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß
ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der
Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die
Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen
und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu
bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz
nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich
befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: +nun+ hoffte ich eine
Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn
aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre,
und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die
Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte.
Nun ließ ich mein Pferd los, -- aber im selben Augenblicke hatte
auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die
andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter
den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den
Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich
die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn
und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war
ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu
gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er
so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte
seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und
ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach
mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.
Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße kommen konnte, war
alles vorüber, -- unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen,
und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir
und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete
im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich
dem Feinde abgenommen.
Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte,
daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich
zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir
nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, -- übrigens haben wir die Fahne
wieder! -- und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, --
denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen -- so sei doch dafür
der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, -- da sahen
wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller
gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.
Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle
gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn
zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so
wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts
hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um
sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon.
Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch
bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden
Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte,
weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder[2] aus dem Hause
gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden
Tag unser Regiment ein, das, so gut es anging, nach seinem schweren
Verlust sich wieder gesammelt hatte.
Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir
zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch
davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe.
Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin
selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege
uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen
treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“
„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so
schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne
gestickt: ‚+Gott mit uns!+‘ und Gott war mit meiner und meines
Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“
Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte
empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte
und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist
tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und
der getreulicher sie bewahren würde, denn +dich+. +Glück zu dem
Fähndrich!+“
Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und
Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles
des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir:
„Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du
fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal
aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es
muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“
[2] Marodeurs.
Neunzehntes Kapitel.
Der Brief. (Fortsetzung.)
Kaum gedacht, kaum gedacht,
Ward der Lust ein End gemacht.
Altes Volkslied.
Nun fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in
das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit
auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender,
so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir
einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück
dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde
wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas
Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei
Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster
Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig
und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege
ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich
schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine
Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren
konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt
gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins
Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten,
und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten.
Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen
Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren
lassen, sondern mich noch einmal gedemütigt, und bereits zum dritten
Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen,
das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen
schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment
auch unter des Herzogs +Bernhard von Weimar+ Oberkommando gekommen
war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein +Wittenweyer im
Breisgau+ den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen +Johann
von Götz+ und des Herzogs von +Savelli+ Oberbefehl gegenüber.
Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die
kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter
gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward,
weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein
treffliches Lob davongetragen hatte.