Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich

meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und

wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten

Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug

es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon

erfahren hatten, -- die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich

aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach.

Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein

Psalmbüchlein, das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte

mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling

mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker

zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige

Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig

geblieben waren unter dem großen Sterben.

Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein

Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande

zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus

meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus

meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und

sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr

lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe

mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will

schreien zu dem Ewigen für und für!“

Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret

fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen

lassen mit Trauern und Weinen, +Gott aber wird euch mir wiedergeben

mit Wonne und Freude ewiglich+.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen

Himmel und rief: „Schauet da +hinauf+, lieber Bruder, und nicht bloß

da +hinunter+! ‚+Deine Toten werden leben+, spricht der Herr.‘“ --

Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und sein Wort hat mich

wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer und einfältiger Mann

war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir vorhielt, aber wenn der

Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s uns besser ein. Es ist

der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem Nachbarhaus besser

schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben Korne gemahlen und von

demselben Meister bereitet ist.

Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu

sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus

großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen,

und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen.

Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen

mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin -- freilich mit großer

Schwachheit -- dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und

Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte.

So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines

Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem

geneigten Leser hiehersetzen will.

+Es ist zu viel!+

Mein Gott, wie kann ich es ertragen!

Mit Weib und Töchtern und dem Sohn

Eilst du in Einem Jahr davon.

Das heißet vierfach hart geschlagen.

So blieb ich deiner Pfeile Ziel?

+Es ist zu viel!+

+Herr, wie du willst!+

Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen

Und andrer Fäll’ gewärtig sein,

Wohlan, ich gebe mich darein.

Ich will in Staub und Asche liegen,

Bis deiner Plagen Maß erfüllt.

+Herr, wie du willst!+

+Gib nur Geduld!+

Und zünd in dem betrübten Herzen

Des Trostes helle Kerzen an,

Denn was mich noch erfreuen kann

Bei so viel überhäuften Schmerzen,

Ist einzig deine Vaterhuld.

+Gib nur Geduld!+

+Du meinst es gut+,

Auch wenn du mich mit Wermut speisest

Und aus dem Taumelkelche tränkst,

Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst,

Daß du den Weg zum Himmel weisest.

Dies stärket wieder meinen Mut:

+Du meinst es gut!+

+Mein liebstes Kind+

War auch ein Gut, von dir erborget,

Drum geb ich es jetzt willig ab,

Weil ich nicht Macht dawider hab,

Und denk: wie wohl ist es versorget,

Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’,

+Mein liebstes Kind.+

+Nun gute Nacht+,

Ihr heiß von mir geliebten Seelen!

Lebt wohl in jenem Vaterland,

Darin euch lauter Lust bekannt,

Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen,

Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht,

+Nun gute Nacht!+

+Ich folge nach+,

Wenn es dem höchsten Gott gefället,

Da werdet nach der Traurigkeit

In unzerstörter Herrlichkeit

Ihr wiederum mir zugestellet,

Und hiemit end’t sich meine Klag’,

+Ich folge nach!+

+Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!+

Vierzehntes Kapitel.

Die Heimkehr.

Scheiden bringet Herzeleid,

Wiederkommen -- Trost und Freud.

Altes Lied.

Unter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich

meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn

Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.

Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war

nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und

kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und

Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen

ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß

der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr,

und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den

Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen

brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten,

das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem

Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall

auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah,

so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa

ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind,

der ihn anfallen wollte.

Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am

Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames

Kämmerlein. Gegenüber aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang

eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein

Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und

ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit

schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und

begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein

Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den

Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines

alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die

Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem

Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang

umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und

als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein

kleines Bündelein in seiner Hand.

Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem

und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der +Valentin+ ist

da!“

Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten

und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn

und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als

verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die

Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns

verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts

getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen,

Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre

meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet

vergeblich, -- alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald

Angst, bald Freude, wenn ich an dem Angekommenen hinaufsah, er war

mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid

davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die

Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und

Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so

liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden

herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern

ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu

Boden gesunken.

[Illustration: Ich öffnete die Stubentüre und trat hinaus mit einem

Licht (14. Kap.)]

Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch,

in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir

die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger

darauf deutete. Es waren die Worte: +Vater, ich habe gesündiget in

den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn

heiße!+ Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte

gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden,

er war verloren und ist gefunden worden! -- „+In Gottes Namen+,“

sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.

Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine

Mutter?“ -- „Sie ist tot!“ antwortete ich.

„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. -- „Tot!“

„Und mein Brüderlein Johannes?“ -- „Tot, mein Sohn!“

„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. -- „Tot, auch

tot!“

„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen

und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen,

traurigen Ton, der mir durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum

erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen

ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen:

aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine

Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern

hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war

schneeweiß.

„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von

Hause weg bist?“

„Gut, mein Vater! -- Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und komme

heim mit heiler Seele. -- Ich bin noch nicht daheim, aber ich +komme+

heim -- bald -- sehr bald. -- Das Haus bricht, darin meine Seele

geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. Dem Herrn

sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen können: Der

verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein Vaterhaus!“

Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit

nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich:

„Bist du krank, Valentin?“

„Sehr krank und sehr müde -- ach, ich habe meinen letzten Weg auf

dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir,

daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon

getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt,

-- es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in

Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles

geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die

Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“

Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott

gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte ihn in

das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl

seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das

kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas

Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment,

darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine

Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider

diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott

mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch

eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“

Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse

verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben

Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden

dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen

denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein

tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen

Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Brief.

+Wertheim+, den 20. Mai 1639.

=An meinen Vater Udalricum Gast und meine Mutter

+Margareta+, eine geborene +Späthin+,

in Sommerhausen.=

Von dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will

ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und

herzliebe Mutter. Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch

so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen

von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich

über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich:

meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann

ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß

Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon

voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet

nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem

Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit

mir sündigem Menschen!

Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! -- Daß ich’s geworden bin in

Euren Augen, ist also gekommen:

Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß,

hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß

ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die

für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend

Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger

vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen

und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz

gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht

hinausführen würde.

An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann,

den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen

gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen,

sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem

heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie

Dienst nehmen wollte, so könne er mir denselben empfehlen, und sei

jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz

auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war

und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade

verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie

diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick

geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine

bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich

damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf

den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute

in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann

wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher

sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte

mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter,

daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen

gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde

darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger

aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß,

Bruder!“ -- Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld

erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach

ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische

antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit

ihm zusammentreffen.

Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube

erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie

das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der

Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls

gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen

müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle

er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht

bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er

nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und

Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken,

daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle.

So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der

alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei

geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor

unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein,

kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft

aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und

alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich,

eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande

bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen,

zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen

Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den

Amtskeller.

Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat.

Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann,

der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur

guten Mutes sein -- er wolle den Leuten schon wacker Sand in die

Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder

Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach

den alten Geschichten krähen.

Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er

glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn

als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann

mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen

Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder

zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen

ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld

getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken

geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht

und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem

gerechten Richter nicht entgangen sein!

Sechzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

Vorgetan und nachgedacht

Hat manchen in groß Leid gebracht.

Ich zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben

das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer

Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden.

Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen

konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der

Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer

und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.

„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das

Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen

und Würfel spielen, als auf der Erde liegen und in die Tannenäste und

in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei

den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und

morgen vull!“

Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich

in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher

Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer

gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.

„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen!

-- solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht

brauchen.“

„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst

nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich

nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit

sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen

mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem

Diebsgesind Geld zu stehlen!“

Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach

Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen

Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da

wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den

Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht,

du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube

des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem

einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und

Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder

ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach

mir mit dem Fuße.

Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn

meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den

Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber

fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich

los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit

gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als

er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte,

gebot er, mich zu binden -- denn morgen müsse ich hängen.

So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben

hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte,

und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen

sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht

entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum

steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und

schliefen.

Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken.

Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht

anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl

dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein

Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und

nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben,

wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen

können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht

hingerafft in meinen Sünden!

Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich

in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme

spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s, wenn ich Eure Stricke

durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten

zu den +Schwedischen+? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von

+Kitzingen+, -- soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht

leise, -- ein Messer habe ich schon bei mir!“

Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube

war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die

Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“

„Wozu?“ fragte der Roßbube. -- „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem

verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht

und noch so jämmerlich traktiert hat!“

„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt

Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen

machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“

Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich

geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er

die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht

oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend

wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die

Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir

alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und

das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er

einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann

mitgenommen, und bot mir auch davon an, -- ich wollte von diesem

Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum

zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.

Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege · 第 5 / 10 段