Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von +Goßmannsdorf+

gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und

Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie

sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig

vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern

sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen,

um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe

sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel

voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft

gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen

Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe

sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein

in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange

das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe

sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie

habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber

nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch,

wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber

sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf

gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe,

habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den

Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach

+Kleinochsenfurt+ ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles

erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen

zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut

und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.

Mittlerweile hat +Georg Ebert+, der Schmied, mit einem Stecken

des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der

leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen

Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem

Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können.

Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen

Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein

Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit

dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.

Wie dem auch sein mochte, -- hier hatte Gott gerichtet und sein Wort

erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm

gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids

getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und

durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines

bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer

ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte

und unerforschlich seine Wege!“

Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der

Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister

übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein

ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun

auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden,

wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft,

-- es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras

da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein

häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt die Stätte

zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis

zum großen Tage des Gerichts.

+Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich

aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin,

ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.+ Ps. 37.

Zwölftes Kapitel.

Die Flucht.

Was bringt Frieden? Lauter Freud.

Was bringt Kriegen? Lauter Leid.

Was bringt Frieden? Wein und Brot.

Was bringt Kriegen? Hungersnot.

Was bringt Frieden? Mut und Gut.

Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut.

Was bringt Frieden? Fröhlichkeit.

Was bringt Kriegen? Herzeleid.

Friede kommet aus dem Himmel,

Aus der Höll das Kriegsgetümmel.

Alter Spruch.

Bis hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab

dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt,

über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller

hinüberführen.

Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest

du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die

Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, -- aber dem ist nicht

so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die

Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weisheit und

Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit

gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten

können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist

der beste!

Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die

Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst

und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut,

sondern auch, -- das weiß Gott! -- unser Blut und unsere Tränen hängen

an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische

Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so

müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in

den Hütten seiner Väter wohnen.

Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen

haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit

schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken

und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend,

dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe

vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh

ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an

Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts

zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634

hereinbrachen.

[Illustration: Unser Nachbar, der Schreiner, brachte ein Kreuz (13.

Kap.)]

Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige

Schlacht bei +Nördlingen+, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig

verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige

Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben

das Dörflein +Lindelbach+ geplündert, den Kelch aus der Kirche

geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber

meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden

werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der

König +Gustavus Adolphus+ noch lebte, hatte die schwedische Armee den

Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde:

der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen,

betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen

hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte

freundlich für die empfangene Bewirtung. Das +kaiserliche+ Volk aber

trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen,

verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen.

Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu

dem Reiterregiment des Grafen +Piccolomini+ gehörend, im hiesigen

Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße,

dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften,

daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein,

daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld

vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen,

welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte,

aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer,

die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen

ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen

Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh

oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen,

die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten,

die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die

Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den

ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren

Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das

nackte Leben.

Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem

Kaiser +Ferdinandus+ an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und

sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann

wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres

zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die

meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu

retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und

dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich

sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder

todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre,

daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr

Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger

hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich

mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen,

sich über den Main in den +Gau+ zu flüchten, andere aber, darunter

auch wir, hofften in +Kitzingen+ und in den benachbarten Orten ein

Unterkommen zu finden.

Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir

uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das

Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre

Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem

Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als

plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die

Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und

das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog

ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27.

Psalm vor: +Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich

mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir

denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet

sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet,

so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte

ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang,

zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu

besuchen.+

Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und

alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten

Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum

heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des

Allmächtigen, als aber +Hans Ebeling+, der Türmer, anhub zu singen:

Das Wort sie sollen lassen stahn

Und kein’n Dank dazu haben,

Er ist bei uns wohl auf dem Plan

Mit seinem Geist und Gaben.

Nehmen sie den Leib,

Gut, Ehr’, Kind und Weib.

Laß fahren dahin,

Sie haben’s kein Gewinn,

Das Reich muß uns doch bleiben, --

da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit

lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken

zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied

sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und

getröstet fühlte.

Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der

+Amtskeller+ trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen

aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten

also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte:

darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war

dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, -- denn er

ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und

gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.

Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo

er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging

mit den Meinen nach +Kitzingen+, wo Gott einem alten Mann, den ich

nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und

vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat +Sebastian

Popp+ geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt.

Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!

Dreizehntes Kapitel.

Die Pest.

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,

Hat Gewalt vom höchsten Gott,

Heut wetzt er das Messer,

Es schneidet schon besser,

Bald wird er drein schneiden,

Wir müssen’s erleiden,

Hüte dich, schön’s Blümelein.

Altes Lied.

Nach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil

wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder

nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem

Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den

Heimweg.

Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker

kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch

zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner

konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt

hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den

Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große

Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen,

das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es

lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der

Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine

Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor

großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich

zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem

fremden Volk in den Häusern lägen, der alte +Merten Geuder+, der

Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot

mit ihnen, -- das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre

Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß

die Männer die Wahrheit gesprochen.

Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen,

die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich

wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens,

wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr

da, in welchem nicht ein Toter lag.

Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In

meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf

den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft

schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl

es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von

ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter

Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen

Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs

lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die

Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist.

Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen

Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr

mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun

nicht mehr hungern und dürsten, +es wird auch nicht mehr auf sie

fallen die Sonne oder irgend eine Hitze+, denn das Lamm mitten im

Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen!

Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß

es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe

entbundenen Seele galt.

Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man

der Worte gedenken: +Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und

dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.+ Wenn man es mit

ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war,

wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause

nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr

den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute

Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei,

sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut,

wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der

Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen

als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen

hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in

+eine+ große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so

daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man

einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.

Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie

umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer

in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:

„Eßt Bibernell,

Sterbt ihr nicht so schnell!“

Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die

Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein

Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die

Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und

selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn

vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem

Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil

dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.

Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal,

aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die

Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches

Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei +gut+ von Natur,

die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer

und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben

nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die

Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.

Der Herr hatte beschlossen, daß +mein+ Haus auch leer werden sollte:

an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter,

Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward,

hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein

Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu

kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker

Stimme: „+Valentin+! +Valentin+! +Mein Sohn, mein Sohn!+“ rief. Als

es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem

Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand

gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend:

„Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,

Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig,

Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“

Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. --

„Dein Leid, mein Leid,

Meine Freud’, deine Freud’,

Deine Not, meine Not,

Mein Brot, dein Brot,“

so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben:

das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle

beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst

hat.

Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das

Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, -- ich weiß

es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein

im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein

Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten

die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und

Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der

Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures

Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi

Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in

ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst

lohnen am großen Tage der Vergeltung.

Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen

Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein +Johannes+

zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und beschloß, noch am

selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, wo ich ihn bei dem

Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um das Aufhören der Pest

abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich ließ also den Knaben sogleich

aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor einbrechender Nacht die

Stadt erreiche.

Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf.

Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten

uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im

Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder

aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen

heraus, und siehe! -- mit einem Male stand über dem Tal ein schöner,

glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte,

mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just

auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein

Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort

hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe

Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies

wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge,

wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ -- „Wie Gott will, mein Kind, du

meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und

empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.

Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn

willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach

die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm,

daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein

zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk

belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen

nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.

Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen desselben Tages, an

welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den

Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind

werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, -- aber ich sah

nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem

Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war.

Drin sah ich meinen Johannes liegen.

Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem

Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf

schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß

er +tot+ sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller

seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod

aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater

zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er

sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der

Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen,

weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch

nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter

und Geschwistern begraben sein wolle.

Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege · 第 4 / 10 段