befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt
und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu
treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen
im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während
die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und
jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im
Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer
in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und
dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß
der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen
singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den
Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt
zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute
und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige
seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten
und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten.
„Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend
Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr
alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht,
wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ -- Der Amtskeller bat um
Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht
tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und
nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm
auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm
den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme:
„Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch
nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol
Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen
war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart
quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der
totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher
wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen
wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers
Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er
hätt’ es Euch auch getan!“ -- „Herr Amtskeller,“ rief ich über das
Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will
lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind
Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“
Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er
der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die
Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter
einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld
brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die
Pferde und war im Nu wieder davon.
Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie
uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten,
schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die
Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen
habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber
sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten
abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl
mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen,
da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid,
den alten Mann beschuldigt zu haben. -- Es war aber offenbar, daß
sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie
die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem
Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor
aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen
und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie
das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für
den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart,
von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles
dieses war ihnen nur zu gut gelungen.
[Illustration: Seine Mutter kniete neben dem Leichnam und schluchzte
heftig (10. Kap.)]
Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so
war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit -- Gott sei’s
geklagt! -- etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese
Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort
eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und
die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft
über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der
Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas
an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der
ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen,
könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt,
als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt.
Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt
nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst
müsse kein Gott im Himmel sein!
Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „+Verrat+“ lief es mir
eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in
Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes
Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich
nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich
fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt
fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein
könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und
gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute
rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem
Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein
Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst
nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er
daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, -- aber ich sah ihn
nirgends.
Zehntes Kapitel.
Die Entdeckung.
Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,
Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz
Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.
Thompsons Jahreszeiten.
Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren
Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen,
und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren
getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit
seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des
Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den
Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.
Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der
Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen,
an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und
getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte
im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die
Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten,
weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten
Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte
Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem
Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie
ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob
Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr
und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu
sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie
stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht
mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits
hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum
Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein
stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand,
das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert
bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf
seine schluchzende Mutter.
Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter,
oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben
dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen
Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht
geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um
die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen,
oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den
Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen
Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer
ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie
auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.
Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt.
Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn
sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und
einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten
Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn
sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich
wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom
Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines
gewaltsamen Todes gestorben, -- sonst schien er zu schlafen. Seine
Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen
wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter
Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus
ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er
aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt,
stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand
seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.
Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich
gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets
bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende
und wie er sterbend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich
gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und
fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier
Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte
klagen helfen.
Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht
bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist
auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende
vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem +Johannes+
durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun
eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört
worden; -- da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts
weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei
er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen
und zu Boden sinken wollte.
Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß
ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an
meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach
Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von
Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen
Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen
gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein
Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten,
wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der
einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der
Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den
Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne
ihn wohl, er habe ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von
Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin
zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn
gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen
und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem
Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er
besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der
Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach
trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit
ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei
er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an
der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen
gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den
Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern
sei eilends nach Hause gegangen.
Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während
des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und
gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann
gleich bekannt vorgekommen, -- er habe nur nicht recht gewußt, wo
er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe
verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch
spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst
dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber
der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe
ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.
Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Botschaft ihm gebracht
wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne
sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater
Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder
sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes
Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit
anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes
Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand
auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes
Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen,
wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die
Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer
dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein
den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und
seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob
er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht
verdient um dich und deine Kinder!“
Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward,
hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich
aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich
kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind
groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich
rechtfertigen solle.
Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei
den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr
nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er
in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die
Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den
seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn
der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer
gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm
auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle
Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und
werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein
Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.
Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib
und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und
bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und
die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend
Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um
das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause
gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)
Elftes Kapitel.
Ein Gottesgericht.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t,
Da bleibt kein Gottloser nicht,
Summa: Gott liebt alle Frommen,
Doch wer bös’ ist, muß umkommen.
P. Gerhardt.
Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist
nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren
wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der
Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,
So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,
Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Ach, das war kein Kleines! -- Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt
es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen
getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege
getan haben, so weiß ich’s nicht, -- ich wenigstens konnte dieses
Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in
der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand
jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den
Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du
hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen,
wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich,
du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig
geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte
ich mich an, daß ich nicht +streng+ genug, und dann wieder, daß ich
nicht +lind+ und +gütig+ genug gegen ihn gewesen, und warf mich bald
auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin,
der sich grausam in mein Herz bohrte.
Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken
unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein
miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen,
mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den
Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu
sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie
konnte nicht einmal weinen. Endlich, als es auf Mitternacht zuging,
sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und
denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott
finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen
Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war,
fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend,
meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war,
sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, -- er sei mit
einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen
sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen:
„Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die
andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen,
während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr
ausgestreckt habe.
In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich
hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok,
und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich
stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „+Ich lasse
dich nicht, du segnest mich denn!+“ Als nun die Morgenröte anbrach,
war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden
Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in
guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.
Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts
bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und
zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist
wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, -- es
kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr meinen
Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort.
Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner
gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben
hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den
aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene
Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So
beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest
zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht
verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft
anzuweisen, -- ich aber ging in die Schule.
Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber
Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem
andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern
Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild
gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher
steigen +sie+ in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch
herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils
verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser
Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder
desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen
hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem
Gott, dessen Wahrzeichen lautet: +Holdselig den Freunden, erschrecklich
den Feinden!+
Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die
mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf
von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe
den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht
sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die
Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem
Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem
Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um
gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, -- dort
fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren
war, wie ich hörte, der +Meister+ von +Sulzdorf+. Er erzählte: es seien
heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn
geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen
hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend,
mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf
der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der
auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen
zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben
würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn
nur mit einem Finger anzurühren! -- Das habe er nun getan, und die
Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut
dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er
solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte
Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn
meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen
und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, -- dann setzte er
sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an
zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte.