Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten,
hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg
verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu
finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun
recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien
mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen
nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du
gesagt hast!“
Sechstes Kapitel.
Die Warnung.
Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide
Und redet frech die Sprache Kanaans.
Der Alchymist.
Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm
mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst
du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber
Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der
Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du
in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel
helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu
hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen,
denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und
gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es
dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte
und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen
und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen,
das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen
läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten,
wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s
gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet!
Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir
dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden
seinerzeit, -- wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen
Trost aber haben wir jetzt?“
Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich
wolle? er könne mich nicht verstehen.
Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum
+krank, todkrank+, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum,
daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im
Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der
Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald --
bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern
abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund
sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der
ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes
Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut
redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du,
unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind
wir wiederum bekümmert, und +diesmal+ haben wir +keinen Trost+!“ Ich
sprach noch viel, wie mir’s die väterliche Liebe, mein bekümmerte Herz
und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen
und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid
in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden.
Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter
Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun
habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders
zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe
ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen
beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben
nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit
ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern
ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und
nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse
man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon
zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es
habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s
in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten
also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen,
daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe,
wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen
Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen,
auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein
Vorgesetzter, -- den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir
würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.
Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn wiewohl der
Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm
doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige
denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur
in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine
Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich
sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche,
die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn
er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des
Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind
geredet.
Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von
Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren
wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen
bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten +Veit+,
der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den
Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten,
ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger
gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr
von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht,
antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz-
oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für
einen wüsten Gesellen, -- nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das
Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei,
und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn,
dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage
kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch
ist, da ist auch Feuer!“
Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes,
dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken,
der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten +Veit
Geißendörfer+, des Wächters auf dem untern Tor.
Siebtes Kapitel.
Der Torwart.
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,
So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,
Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.
Am 10. Sonntag ~post trinitatis anno~ 1632 hatte der Amtskeller
nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen
für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden
Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf
dem +Speckfeld+ an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte
der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die
Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller
alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm
geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein
weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort
gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich
aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta
mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.
Unser hochbetagter Pfarrherr, ~M.~ +Hieronymus Theodoricus+, hatte am
Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt,
von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem
unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die
Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und
hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten,
damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und
bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene.
Gesungen hatten wir: „+Es ist gewißlich an der Zeit+,“ und als ich
die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst
und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen
liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie
das Gesangbuch, -- ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die
man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so
oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte
und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels
allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm
entgegen!“ Das ist ein lutherisch ~Dies irae~, das kein Menschenkind
sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar
werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.
Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die
betrübte Zeit, kam +Veit Geißendörfer+, der Wächter auf dem untern
Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte
sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für
sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit
dem seligen Schenk +Konrad+ von +Limburg+ gegen den Erbfeind der
Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn
einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein
wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den
ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der
Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war
er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der
Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende
bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern
Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so
hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen.
-- Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute
eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein
Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein
gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein
Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier
öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und
Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder
abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir
dann fröhlich miteinander verplaudert.
Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen -- und das war ein
Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume
verhielt es sich also:
Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen
von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen.
Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der
Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume
sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt;
alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem
Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe
geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden
können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein
Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann
plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf
in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt:
„Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm
seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie
ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall
gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe
er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen
vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das
sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit
werde einschlagen müssen.
Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen,
doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele
wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft
eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß
wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind
heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat.
So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit
Joseph: ‚+Träume kommen von Gott!+‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch
lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm,
und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust
vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl,
vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es
gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung
und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob
er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr
sterben.‘ +Glaubest du das?+“ -- „Das glaube ich,“ sagte der
Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und
drüben singen auf dem Gottesacker:
Sein Trübsal, Jammer und Elend,
Ist kommen zu einem seligen End’.
Er hat getragen Christi Joch,
Ist gestorben und lebet doch.“
Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im
Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein
Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor
dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. -- „Laßt Euch das
nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand
wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ
eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf
grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott
Euch und mir für den Streit auf Erden -- +ehrlichen Kampf und seligen
Tod+!“ -- „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und
ging von dannen.
Achtes Kapitel.
Der Überfall.
Sein Jammer, Trübsal und Elend
Ist kommen zu einem seligen End’.
Er hat getragen Christi Joch,
Ist gestorben und lebet doch!
Am folgenden Tage feierte mein Kollege +Johannes Fentsch+ drüben in
+Winterhausen+ seine silberne Hochzeit. Mein +Johannes+, den er aus
der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern
Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden,
um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten
zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor
aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde.
Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und
zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen
herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege
so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander
ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.
Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer
fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel
erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich
ging er damals mir zur Seite, als wir seinen +Udalricus+, sein
einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen
und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice,
Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid
angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos
seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der
Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend
angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo
man sagen müsse: +Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die
nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!+
Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte,
blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute
hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein
goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, -- über dem Tal aber
und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern
lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes
aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu,
das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.
In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und
die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen
sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen,
sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen
Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem
Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem +Hans Mündlein+ und
seinem Sohn +Klaus+ einen guten Morgen bieten wollte, die heute
die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten.
-- Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam,
fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum
seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die
bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.
Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder
herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er
sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes
Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer
hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert,
was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, -- siehe, da
kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten
sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter
ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte
nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern
Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.
Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß
mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen
Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf
das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm
aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.
„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten
Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte,
das Tor zuzumachen, -- aber die beiden Kroaten waren auch schon da und
mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie
warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem
Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber
behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den
Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins
Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein
unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.
Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und
mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will
ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier +Nikol Paradeiser+
und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab
seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den
Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus
Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der
Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter
dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für
geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. -- Der Alte ließ sich
nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der
Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde
des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den
Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er
sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten
Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“
jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins
steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.
Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft,
Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei,
ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um
nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu
kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch,
schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja,
Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen
wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind
groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter
Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“
worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen
langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter
der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den
Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.
Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim
Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen
und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem
Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei
voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben,
sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch
geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert
und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie
sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und
geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg
nach +Lindelbach+ liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den
Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen
guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der
Veit schon auf ihn gewartet. -- Ich führte ihn schnell nach Hause,
fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von
allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in
solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die
Soldaten vorbeijagen sehen, -- der Valentin war nicht daheim, sondern
eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk
im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und
nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars
Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen
nach zum gräflichen Schlosse.
Neuntes Kapitel.
Die Plünderung.
Mit leichter Müh’ gewonnen -- lustig nun zu Pferd.
Shakespeares Heinrich IV.