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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern
die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im
Text mehrmals auftreten.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Texts
versetzt. Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende
des betreffenden Kapitels verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration: Ich fand ihn am Fenster stehen und dem abziehenden Volk
nachsehen (4. Kap.)]
Der Schulmeister und
sein Sohn
Eine Erzählung aus dem
dreißigjährigen Kriege von
K. H. Caspari
Neunzehnte Auflage
:: Mit acht Bildern ::
[Illustration]
1913
Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart
[Illustration]
Gedruckt in Stuttgart
bei J. F. +Steinkopf+
Inhaltsübersicht.
Seite
Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen 7
Zweites Kapitel. Der Sohn 10
Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk 14
Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber 21
Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach 26
Sechstes Kapitel. Die Warnung 33
Siebtes Kapitel. Der Torwart 37
Achtes Kapitel. Der Überfall 41
Neuntes Kapitel. Die Plünderung 46
Zehntes Kapitel. Die Entdeckung 50
Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht 56
Zwölftes Kapitel. Die Flucht 63
Dreizehntes Kapitel. Die Pest 69
Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr 79
Fünfzehntes Kapitel. Der Brief 83
Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 87
Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 91
Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 98
Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 104
Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung) 112
Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß) 124
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod 136
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht 141
Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß 147
Vorrede zur ersten Auflage.
Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher
wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft
die +alten+ Kirchenbücher gewährt, -- einen wohltuenden Blick in
das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit.
Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer
Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten
Schuldiener, +Udalrikus Gast+, geführte Kirchenbuch durchlesen,
der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem
warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende
Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr
lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen
seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich
aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes
von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, --
und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift -- aus einer
sehr interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten
Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses
Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte
zusammenzustellen gesucht.
Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener
selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht
herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse,
da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die
altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende
Sprache der modernen Zeit ferne zu halten.
Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und -- Gottes
Segen.
+Eschau+ bei Aschaffenburg, den 30. Mai 1851.
+Der Verfasser+.
Motto:
Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot,
Doch innen schwarzer Farbe, -- finster wie der Tod.
+Walther von der Vogelweide+.
Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt.
Was ihnen der König des Himmels gegeben,
Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.
+Chr. Fr. Richter+.
Erstes Kapitel.
Des Autors Stand und Herkommen.
Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm
genügen.
1. Tim. 6, 6.
Seit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer
eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein
verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios
eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die
Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen
gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen
Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind.
Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß
auch ich, +Udalricus Gast+ von +Sommerhausen+ im Frankenland,
mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser
letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich
nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer +Schuldiener+,
der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes
Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure
Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht
wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der,
welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem Gott, der
da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, -- +das+,
lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk
ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er
der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im
Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s
anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch
das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest,
und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht
verhalten, und lauten soll es:
~Soli Deo Gloria!~
+Dem Herrn allein die Ehre+!
Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir
nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende,
Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, -- doch läßt sich
nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch
meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf
absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur
ein weniges zum besseren Verständnis.
Mein nun in Gott ruhender Vater, +Paulus Gast+, war seines
Handwerks ein Schneider drüben in +Winterhausen+. Mein Mütterlein
hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt
geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen,
dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins
Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich
sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich
zu einem Schulmeister. Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen
aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem
seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter
dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach
wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines
Schuldieners betraut worden.
Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit:
+mein alter Vater und Margareta Späthin+, der ich nun meine Hand
vor dem Altare Gottes geben konnte, -- mein Herz hatte ich ihr schon
seit zehn Jahren gegeben. -- Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn
und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich
alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit
nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn
schaut von Angesicht zu Angesicht.
Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen
auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und
Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen.
Das Städtlein +Sommerhausen+ liegt im gesegneten Frankenlande. Es führt
billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube scheint.
Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, dagegen
viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, wenn die
Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren vielen Türmen,
wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch ein stattlicher
Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der +Main+, der vom Bayreuther
Lande herunterkommt und hier die Grenze macht zwischen den beiden
Flecken Sommerhausen und Winterhausen. -- Gott segne dich, liebes
Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und Kindeskind. Hier bin
ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter Hoffnung an mein Tagewerk
gegangen, hier hab ich des Tages Last und Hitze getragen, hier will
ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte Stunde schlagen hören
und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft zum Feierabend, mein
Gröschlein zu empfangen. +Das walte Gott+!
Zweites Kapitel.
Der Sohn.
Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!
Psalm 127, 3.
Am 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren.
Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in
das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des
Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand
und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie
wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen
hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der
Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ -- In der heiligen
Taufe ward es vertreten von +Valentin Orplich+, dem +Bäcken+, der
ihm den Namen +Valentin+ beilegte. Ich hab’s nicht unterlassen, auf
dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß er einen rechten,
christlichen „+Valentinus+“ aus ihm machen wolle, einen Helden, stark
und streitbar wider diese Welt und alle Feinde seiner Seligkeit.
In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den Knaben aufgezogen,
soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist. +Gewollt+
wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in der Einfältigkeit
ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen finden konnte, ist mir
treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß der Herr nicht umsonst
sage: „+Die frühe+ mich suchen, werden mich finden.“ Es ist das Herz
der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das liebliche, hehre Bild des
Herrn Christus noch leichtlich sich prägen läßt. Später kann solches
nicht mehr geschehen, oder aber -- es braucht heißer Trübsale, das Herz
wieder weich zu machen.
Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon
nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter,
vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude,
wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem
Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens
hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr
klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen
guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war
gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein
am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen
am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und
doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er,
wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter
den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens
ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr
geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter
gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger
Jahre, als der leidige Krieg uns ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen
Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon
dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter
den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder
reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.
Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein tapferes
Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur +Naturgaben+,
die ein Kind noch lange nicht geschickt machen zum Himmelreich, obwohl
sie vor Menschen es zieren. Wohin ist Absolom gekommen mit seiner
lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem hochherzigen Wesen? -- +zum
schweren Fall+! Ein Mensch mit solchen Eigenschaften ist wie ein
Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln seine Fahrt beginnt. Wenn’s
unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s einen stattlichen Lauf in den
Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm in die Segel fährt, wird’s um so
schneller zerscheitert. Der rechte Fahrwind aber ist der +Geist des
Herrn+. Ich hätte das wohl wissen können, aber wo ist der Vater, dem’s
nicht süß eingeht, wenn alle Welt sein Kind als ein liebwertes lobt und
preiset?
Anno 1626, am heiligen +Pfingstfest+, ist mein Valentin das erstemal zu
Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle miteinander
auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine Seele
schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, -- den
Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein
schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen
schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu
gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei,
nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren Bruder
so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten
nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre.
Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles
ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der
andern Kinder ins Gotteshaus.
Es waren ihrer gerade +zwölf+ in diesem Jahre, die ihr erstes Nachtmahl
feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das Sakrament
empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich mich einer
großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den Kirchenstühlen
stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im Städtlein
Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen im
eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne Zeit,
die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg gebracht
hatte.
Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen
sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser
Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre
Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe
mitten unter die Wölfe.“ -- Ist doch auch unter den Zwölfen, die der
Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit
der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn
geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum
Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser
Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen
haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht,
ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in
Nacht und Finsternis?
So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber
fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies
arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe
sie, wie dir’s gefällt, -- in die Höhe oder in die Tiefe, durch die
grüne Aue oder durchs finstere Tal, -- nur führe sie so, daß keines von
dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der
großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu
den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“
+Er hat’s getan, -- ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.+
Drittes Kapitel.
Valentin beim Handwerk.
Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt,
Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! --
Seit sie eingeritten in unseren Toren
Mit Schulterstück und rostigen Sporen,
Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren!
Altenglische Ballade.
Eine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne
werden sollte, -- doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein
Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut,
ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag
noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen
werde, aber -- der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s.
Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der
Heimsuchung über die evangelische Kirche gekommen, und auch bei uns,
in +Limpurgischen+ Landen, sah es bereits aus, als wenn der Leuchter
des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell gebrannt, wieder
von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In +Markt-Einersheim+,
+Possenheim+ und +Hellmizheim+ hatte das +Würzburger+ Domkapitel die
evangelischen Kirchen geschlossen, und die Seelsorger hatten sich auf
den Speckfeld geflüchtet, wo sie sonntäglich ihre Gemeinden unter
großen Anfechtungen versammelten und ermahnten, um des Herrn willen das
Unrecht zu ertragen, aber dabei fest zu beharren im wahren Glauben.
Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die Kirchgänger vom streifenden
Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf den Turm in Iphofen gesetzt
wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich loskaufen mußten.
In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar
eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen
der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist,
und wehe -- dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern
Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen,
drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen.
Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? -- +Ich nicht!+
Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht
hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller
Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt
angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören
dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt,
daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als
auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann
findest, glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen
Menschen gefunden.
So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu
+Valentin Orplich+, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen
Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu
fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als
stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er
werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm:
„Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot
erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘
-- Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für
alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ -- Drauf war er’s zufrieden,
und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei,
den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des
elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, --
‚+im Schatten des Vaters+,‘ sagt man, ‚+wird der Sohn groß+!‘
So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein
Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich
herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße
stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit
sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das
Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein
Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat
seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er
war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister
sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Geschäft ihm in
die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister
nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer,
doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den
Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.
In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein
gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich
vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der
Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen
Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen,
welcher der +Venusberg+ heißt. Dort brächten sie in heidnischen Greueln
und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den Berg
nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag des
Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander und ein
Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande und blase
wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, werde alsbald
wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind dahinten, frage
nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern wolle sofort dem
Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem Spielmann immer
auch ein Warner da, der +treue Eckart+ genannt, der bäte und flehte,
dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei zeitlich und ewig um die
geschehen, welche sich verlocken ließen; aber nur wenige gäben ihm
Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, führe den ganzen
Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören müßten, um des
Teufels Feste zu feiern.
Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann
mit der wundersamen, verlockenden Weise ist der +listige Versucher+,
der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und die rechte
Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem +Heil+ ihn abzuführen.
Der getreue Eckart aber ist +Gottes Wort+ und das +Gewissen+, die dem
Menschen die Wahrheit verraten und sein Los ihm voraussagen, wenn er
sich von dem Versucher betören lassen will, -- aber bei den meisten
+leider umsonst+.
In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum
Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze +Zechgesellschaft+ in der
unteren Schenke, -- die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der
Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten
sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend
sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind.
Da war im zweiundzwanziger Jahr +Michel Hamsterloch+, der Kornwucherer,
-- der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf
dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht
Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei
kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten
und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der +Jäger von Erlach+, der
hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die
Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen
elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war
des Schenkwirts +Rosamund+, das liebliche Mägdlein, -- das hörte das
süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt
wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und
sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub
und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen,
doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)
Aber auch +das+ vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund,
daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von
+Zeit zu Zeit+ den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt
seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine
Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen
Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen
ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht
mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker
verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt
allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s
zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und
die Gemeinde den Seelsorger, -- der Tunichtgut achtet sich berufen, die
Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird
verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und
Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat
Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater
ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt,
will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot
treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück
und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat.
Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die
Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und
taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder
nüchtern wird und zur Vernunft kommt.
Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl
unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte
doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder
nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚+Bet und arbeit, so hilft
Gott allezeit+‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer
ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen,
und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der
Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs
Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften
Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde;
die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt
laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit
Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit
der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische
Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚+dummen
Jakob+‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen
Mann verstanden. -- Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das
freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und
nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und
Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch
diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die
törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier
umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.
* * * * *
Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so
zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht
eigentlich über ihn zu klagen, aber so oft ich ein Näheres über seine
Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter,
er gefällt mir nicht mehr, -- er ist unlustig geworden und Ihr werdet
sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang,
mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte
Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.
Viertes Kapitel.
Valentin der Schreiber.
Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los,
Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben,
Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß,
Da meint er sein Glück zu heben.
Er gräbt und schaufelt so lang er lebt,
Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.
Schiller.
Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen
Valentin aufzuwecken, -- da hörte ich Stimmen auf der Gasse und
Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen
Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter
kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und
trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und
Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten
sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die
Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen
die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte
und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den
Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin
der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen
wird, und das also anhebt:
1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1],
Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,
Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,
Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.
Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das
Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum
Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft
schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen.
Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch
das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern
die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit
wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen
Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit
und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.
Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand
ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden
Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn
betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend
und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die
abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die
weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie
ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne
Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als
ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am
Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen -- schlechter könne
es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.
Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle,
wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und
Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der
+Amtskeller+ habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es
sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er
Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink
von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen,
sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem
Gewissen einen andern Beruf ergreife -- wir sollen dann gewiß unsere
Freude an ihm erleben.
Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und
daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte
auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem
Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er
verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst
ein gutmütiger, freundlicher Mann war, -- doch aber bei so bewandten
Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn,
wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller
und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem
neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand
gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines
Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid
ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder
Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein
Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn,
denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch,
der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s
zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts
und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden.
Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich
Ehre von ihm haben.“
Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den
Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm
der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor
uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst
hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem
Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet:
Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das
alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die +Ehre+ und
der +Amtskeller+ galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater
und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten
Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am
Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen
Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz
gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder
auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens
vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser
auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu
und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. -- Um auf schlimme Wege
ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die
sollte er auch bald genug finden.
[1] Das Lied ist von +J. W. Zinkgref+ im Jahre 1624 gedichtet und
seine übrigen Verse heißen:
2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!
Schlagt ritterlich darein! -- Eu’r Leben unverdrossen
Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch
Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!
3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,
Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,
Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,
Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.
4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,
Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme
Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut
Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.
5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe,
Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,
An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein,
Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.
6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden
Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten,
Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier,
Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.
7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben,
Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben:
Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin,
Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.
Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses
Liedes ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied
aus dem Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „+Kein besser
Leben ist auf dieser Welt zu denken+“ usw.
Fünftes Kapitel.
Der Jäger von Erlach.
Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an
jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten,
die auf seine Güte hoffen.
Ps. 147, 10. 11.
In +Erlach+ hatte die +Seinsheimische+ Herrschaft seit einem
halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig,
hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die
untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff
und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er
grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine
Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner
Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele
hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was
einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm
wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche
Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.
Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der
Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch
mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend,
und als +Veit Geißendörfer+, der Torwart, ihm solches verwies,
weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes
leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte,
der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage
den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! -- Der Torwart
meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu
greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch
der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er
unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.
Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand,
der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden
könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein
Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender
Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König +Gustav Adolf
von Schweden+ mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm
das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung
über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens
sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen
Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu
Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh
ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so
huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann
zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten,
und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede
unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, --
da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“
Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche
Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel,
die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte,
wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden.
Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher
geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße
folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute
Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller
vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und
ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde
nichts dawider haben, -- er war aber mittlerweile weit weg an den
Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet,
gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich
an sie, wie es seine Art war, -- mit einem Male aber schaut ihm der
eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt:
„Heißt Ihr nicht +Franz Sorawitz+, und habt unter dem +Friedländer+
gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So
seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann
vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig
Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? -- Das sollt
Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein.
Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes
Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß
über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der
andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden
auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht
geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen
solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch
und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie
seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und
jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.
Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf
offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken
war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte,
welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der
andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers
angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne
Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter
dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was
seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen
mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier
am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der
gesprochen hätte wie ein Mann! -- Für was habt ihr denn Mauern und
Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt?
-- Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein
Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen.
+Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!+“
Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand
mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und
seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern
könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre.
In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon,
um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und
stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die
Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen
Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die
schlimmen Gäste zu erwarten.
Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und
ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein.
Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not
keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen
fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle
Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs
von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein
Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie
schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft
ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.
Da kam von ungefähr +Klaus Mündlein+ mit einem Karren Holz rechts
den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war,
und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen
die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn
nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore
hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der
Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht
auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann
wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger,
was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger
bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und
ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der
Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.
Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie
wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten
aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege
hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken
vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies
würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie
aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern
hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das
Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber
der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten,
auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er
hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und
sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach
dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den
letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner
ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.
Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen.
Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie
Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende
Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir
hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein
Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub,
die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte
ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die
Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen.
Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen
den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein
großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam
auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte:
„Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich
ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den
Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die
dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles
Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug
jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er
das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum
besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“
Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne
gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und
Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn
man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter
Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger,
hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller
aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk
auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.
In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und
ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. -- Das war
es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie
und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches
Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als +Hans Ebeling+, der Türmer,
der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „+Nun lob, mein’ Seel’,
den Herren+,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter
vorübergezogen war.
[Illustration: In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und
Bankettieren (5. Kap.)]