Wie die geistige Freiheit sich hier als ein christlicher Antinomismus

ausspricht, der durch mehrere Züge an die lutherische Beschreibung

von »der Freiheit eines Christenmenschen« erinnert, so ist sie auch

verwandt mit der Gemüthlichkeit und seelenvollen Innigkeit, die sich

in der protestantischen, besonders in der lutherischen Kirche in so

reichem Maaße entfaltete. Die Religion ist das persönliche Innewerden

Gottes, ein jeder Gedanke ist erbaulich, denn das Denken ist mit dem

Seyn der Persönlichkeit verschmolzen. Ein herrliches Zeugniß von diesem

reichen Gemüthe ist uns aufbewahrt in der Lebensbeschreibung Tauler's,

die sich in den meisten Ausgaben seiner Schriften befindet. Dieses

Gedicht oder, wie Tieck es nennt, diese theologische Novelle enthält

die innere Geschichte Tauler's und erzählt, wie der hochgelehrte

Doctor Tauler, der wegen seiner großen Predigtkunst weitberühmt war,

in Straßburg von einem armen Laien bekehrt wurde; wie dieser Mann

durch seine einfältige, aber vom Geiste Gottes eingegebene Rede ihn

überwies, daß er, obgleich er sich dünkte ein christlicher Prediger

zu seyn, doch nur ein Pharisäus sey, da er den Buchstaben wohl möchte

erkennen, aber die Süßigkeit des heiligen Geistes noch nicht geschmeckt

hätte, dieweil er sich verließ auf seine sinnreiche Meisterschaft und

nicht die Ehre Gottes, sondern nur sich selbst suchte und meinte;

und wie nun der hochgelehrte Doctor durch viele schwere Anfechtungen

innerlich und große Verschmähung und Verspottung äußerlich zu einer

gründlichen Demuth gelangte, und von nun an in christlicher Einfalt

predigte, dieweil er nicht mehr war im Buchstaben, sondern in sich

hatte die Schrift. Daß der Laie in dieser Erzählung den Geistlichen

zurechtweiset, ist ein Zeichen, daß der äußere Unterschied der

+clerici+ und +laici+ nicht mehr gilt. Es regt sich hier das

Princip der Subjectivität und das Gemüth macht seine Rechte geltend,

indem es der christlichen Verkündigung keinen Werth zulegen will,

wenn nicht die Persönlichkeit selbst von der Wahrheit ergriffen ist.

Die Verkündigung des Worts von einer von der Sache tief bewegten und

gleichsam imprägnirten Persönlichkeit gehört zu den schönsten Vorzügen

der Mystik. Bedenkt man, daß diese Predigten in der neu erwachenden

Muttersprache gehalten wurden, in deren ebenso tiefsinniger wie

schlichter Ausdrucksweise das Volksbewußtseyn sich heimisch fühlen und

geistig erstarken konnte, so wird es begreiflich, daß sie große Wirkung

hervorbringen mußten und in vielen Beziehungen der Reformation den

Weg bereiteten. Die unmittelbare religiöse Lebenswärme der Mystiker

zeigt sich zugleich darin, daß sie das lebendige Wort hoch über das

geschriebene stellen. »Ein Ding soll man wissen,« heißt es in der

Vorrede zu Suso's Büchlein von der ewigen Weisheit, »als ungleich ist,

der ein süßes Saitenspiel selber hört süßiglich erklingen gen dem, das

man allein davon hört sprechen, also ungleich sind die Worte, die in

der lauteren Gnade empfangen werden und aus einem lebendigen Herzen

durch einen lebenden Mund ausfließen, gen denselben Worten, so sie

auf das todte Pergament kommen, und sonderlich in deutscher Zunge;

denn so erkalten sie und verbleichen wie die abgebrochenen Rosen.

Darum soll ein fleißiger Mensch den Ausflüssen dieser süßen Lehre

nacheilen, daß er sie lerne ansehen nach dem Ursprung, da sie in ihrer

Lieblichkeit und wonniglicher Schönheit waren; und das wäre der Einfluß

der gegenwärtigen Gnade, in dem sich todte Herzen erquicken möchten.

Wer sie also anblicket, der mag kaum dieses überlesen, sein Herz muß

inniglich bewegt werden, entweder zu inbrünstiger Minne oder zu neuem

Lichte, oder Jammer nach Gott und Mißfallen der Sünde, oder aber zu

etlicher geistlicher Begehrung, in der die Seele dann erneuert wird in

Gnaden.«

Ist nun diese Freiheit und Innigkeit allerdings verwandt mit dem

Geiste, welcher später die Reinigung und Wiedergeburt der Christenheit

bewirkte, ist die Mystik allerdings als ein kräftiges Ferment für

die Entwickelung des reformatorischen Princips anzusehen, so darf

sie andererseits mit diesem keineswegs identificirt werden, weil ihr

dogmatischer Kern ein qualitativ anderer ist als der der Reformation.

Wir können dieses an dem Begriffe der +unio mystica+, der ein wichtiges

Moment in der protestantischen Heilsordnung bildet und besonders von

lutherischen Theologen mit großer Vorliebe entwickelt ist, kürzlich

erläutern. Die verschiedene Fassung dieses Begriffes stellt den inneren

Gegensatz in ein helles Licht. Nicht darin liegt der Unterschied, daß

die lutherische Theologie eine wesentliche, reelle und substantielle

Identität Gottes und des Menschen läugnete. Die lutherische Theologie

entwickelt ausführlich, daß es eine doppelte +unio mystica+ gebe, eine

allgemeine, deren alle Menschen, sowohl Gläubige wie Ungläubige,

theilhaft sind, indem sie, wie die Vögel in der Luft, wie die Fische im

Meer, so Alle in Gott leben und weben; eine specielle, deren nur die

Gläubigen theilhaft sind. In dieser wird die Substanz der Gläubigen

vereinigt mit der Substanz der Dreieinigkeit und der menschlichen

Natur Christi[28]. Luther setzt die Identität des Menschen mit Christo

so real, daß er sagt: Du sollst so mit Christo geeinigt werden, daß

aus dir und ihm gleichsam eine Person werde, so daß du mit Zuversicht

sagest: Ich bin Christus, das ist: Christi Gerechtigkeit, Sieg und

Leben ist mein, und Christus wieder sage: Ich bin dieser Sünder, das

ist: seine Sünden, Tod u. s. w. sind meine. Die Concordienformel

verdammt ausdrücklich den Satz, daß nicht Gott selbst, sondern nur

die Gaben Gottes in den Gläubigen seyen. (+Damnant errorem -- quod

non deus ipse, sed dona dei duntaxat in credentibus habitent. Hase

libr. symb. 698.+) Also nicht darin besteht der Unterschied, daß

die lutherische Dogmatik nur eine moralische und religiöse, keine

wesentliche, substantielle Identität lehrete. Die lutherische +unio

mystica+ aber ist begründet in dem Centralgedanken der Reformation,

nemlich in ~dem rechtfertigenden Glauben~, von dessen Bedeutung die

Mystik keine wahre Erkenntniß hat. Durch den rechtfertigenden Glauben

wird der historische Christus angeeignet mittelst des Worts und der

Sacramente, mittelst der Gemeinde, deren Haupt er ist. Daß aber dieser

Glaube kein blos historischer, keine nur moralische oder religiöse

Ueberzeugung sey, sondern daß sie das Wesen ihres Gegenstandes wahrhaft

in sich habe, oder daß dieser Glaube der reale Identitätspunct sey, in

welchem Gott und der sündhafte Mensch wahrhaft zusammenkommen, dieses

wird ausgedrückt durch die +unio mystica+. Das Wesen Christi, wovon

bei den Mystikern so oft die Rede ist, ist also in der lutherischen

+unio mystica+ enthalten, diese aber ist unzertrennlich vom Glauben

an die objective, historische Versöhnung Christi, und existirt nur

als Bestimmung in dieser. Indem die lutherische Theologie die +unio

mystica+ in dies unauflösliche Verhältniß zur +fides iustificans+

setzt, hat sie im Princip jede einseitige pantheistische Einheit

Gottes und des Menschen ausgeschlossen, denn die mystische Einheit

mit Christus setzt seine historische Wirklichkeit als die objective

Gerechtigkeit des sündhaften Menschen ~voraus~. Der mystischen

Heilsordnung aber fehlt der wahrhafte Anfang des rechtfertigenden

Glaubens. Es ist bei den Mystikern nur von der Tugend, der geistlichen

Armuth, dem christförmigen Leben und von der Vergottung die Rede; es

wird unmittelbar zur unio mystica geschritten, während diese in der

lutherischen Kirche nur ins Daseyn treten kann »+mediante fide, verbo

evangelii et sacramentorum usu accensa+.« Eine nähere Betrachtung

dieses Gegensatzes zeigt, daß die Mystik, obgleich sie in gewisser

Beziehung sich innerlich vom Katholicismus getrennt hat, doch in

ihrer tiefsten Wurzel mit ihm zusammenhängt. Ein spiritualisirter

Katholicismus ist noch nicht ächter Protestantismus. Es braucht hier

nur angedeutet zu werden, daß der Unterschied des Katholicismus vom

Protestantismus besonders in die verschiedene Bedeutung zu setzen

ist, die den Begriffen der Rechtfertigung und der Heiligung beigelegt

wird. Wird nemlich gefragt nach der Rechtfertigung des Menschen

vor Gott, oder wie der endliche, sündhafte Mensch Gegenstand des

Anerkennens und der Liebe Gottes werden könne, so ist es die Antwort

der evangelischen Kirche, daß er dieses nicht durch sich selbst,

auch nicht durch das reinste Streben, das immer nur ein Relatives,

ein Stückwerk ist, behaftet mit Mängeln und Beschränkungen, sondern

allein durch den Glauben vermöge. Denn im Glauben wird Christus

angeeignet und Gott sieht dann nicht den Menschen in seiner nackten,

sündhaften Endlichkeit, auch nicht in seiner -- immer nur relativen

-- Tugend und Heiligkeit, sondern allein in Christo, dem restituirten

Adam, in dem die urbildliche Gerechtigkeit der menschlichen Natur,

wie diese im göttlichen Gedanken ist, objectiv verwirklicht ist. Der

Gläubige weiß sich dann nicht gerecht, insofern er seine empirische

Wirklichkeit anschaut, sondern insofern er sein in Christo vollzogenes

Ideal ergreift. Daß aber der Mensch durch den Glauben nicht nur

verbal, sondern wesentlich in die Gerechtigkeit Christi aufgenommen

wird, dieses ist enthalten in der ~unio mystica~. Dasselbe ist

enthalten in der Vorstellung von der Gemeinde als dem mystischen

Leibe Christi, womit ausgesprochen ist, daß die Substanz Christi

oder seine gottmenschliche Natur wesenhaft inwohnend sey in der

Gemeinschaft der Gläubigen. Aus dieser ~seyenden~ Versöhnung entwickelt

sich die Heiligung als die werdende, als die successive, empirische

Verwirklichung der Versöhnung im christlichen Leben. Im durchgreifenden

Gegensatze zum Protestantismus ist der Katholicismus durchsäuert von

der subjectiven, pelagianischen Ansicht, die mit Hintanstellung der

Gerechtigkeit Christi die Versöhnung successiv durch die moralische

Anstrengung des Menschen, durch zunehmendes Fortschreiten in Tugend

und Heiligkeit bewerkstelligen läßt. In diesem Cardinalpuncte hat

die Mystik nur den Katholicismus sublimiren, nicht aber überwinden

können. Allerdings vernichtet sie die äußerliche Werkheiligkeit des

Katholicismus und entwickelt eine geistige Ethik. Aber das Ethische,

die Heiligung ist Alles in Einem, und die +unio mystica+ erscheint

nur als ~Resultat~ des menschlichen Ringens nach dem höchsten Gut.

Das Unbefriedigende einer stückweisen, approximativen Versöhnung, die

ebensosehr keine Versöhnung ist, wird von der Mystik selbst anerkannt,

indem sie, um dem Dualismus der Approximation ein Ende zu machen, die

Individualität zum Versöhnungsopfer bringt und vom Pelagianismus in den

Pantheismus und Nihilismus übergeht. Diese Mängel entspringen daraus,

daß das Subject selbst die Versöhnung hervorbringen will, anstatt

sich die seyende, in der Geschichte vollzogene Versöhnung im Glauben

anzueignen. Der rechtfertigende Glaube ruht am Felsen der Objectivität,

die Mystik aber hat nur einen subjectiven Versöhnungsbegriff. Es ist

bekannt, daß Luther in seiner Jugend mit großer Begeisterung die

Schriften Tauler's und die deutsche Theologie studirte. Sicher hat

dieses Studium einen reinigenden Einfluß auf sein Bewußtseyn gehabt,

und dazu beigetragen den Durchbruch der neuen Weltanschauung in ihm

zu vermitteln. Aber wie Luther bei den Mystikern keinesweges seinen

Offenbarungsbegriff gefunden hat, dessen Kern sich in den Worten

aussprechen läßt, »es sey kurzum beschlossen, daß außer Christo Gott

unbekannt und ungefasset seyn wolle, weshalb man nicht forschen solle

die unbegreifliche Majestät des verborgenen Gottes, sondern bleiben

bei dem offenbaren Gotte, wie er sich gefasset habe im Wort:« ebenso

wenig hat er bei den Mystikern seinen Versöhnungsbegriff, seine tiefe

Lehre von der Zurechnung des Verdienstes Christi gefunden. Und ebenso

wenig hat er bei ihnen seine Auffassung der Erbsünde gefunden; denn

theils oscillirt die mystische Anschauung der Sünde zwischen der

augustinischen Auffassung und der neoplatonischen, welche letztere

die Sünde nur als Beraubung und Einschränkung begreift, theils ist

die Reflexion auf das ~Individuum~ so überwiegend, daß es zu keinem

gründlichen Nachdenken über die Sünde des Geschlechts kommt. Luther's

universelle Anschauung der Sünde, die unauflösliche Einheit, in welche

das Schuldbewußtseyn des Individuums mit dem Schuldbewußtseyn der

Gattung ihm zusammenging, widerstreitet gänzlich dem atomistischen

Hervortreten des Individuums in der Mönchsmoral. Wo das Individuum

die Sünde des Geschlechts als die eigne annimmt, findet es auch nur

sein Heil und seine Gerechtigkeit in der Mitte des Geschlechts. Seine

Heiligung treibt es dann nicht als eine einsame Privatbeschäftigung,

sondern als bestimmte Thätigkeit in der Gemeinde.

Eben durch ihre moralische Atomistik hängt die Mystik so genau

zusammen mit dem Princip des Mittelalters und des Katholicismus.

Gewöhnlich bezeichnet man das Mittelalter und den Katholicismus als

das System der einseitigen Objectivität, als dasjenige System, das

einen Absolutismus des ~Allgemeinen~ etablire. Allein diese

Bestimmung ist einseitig, denn es liegt ebensosehr im Princip des

Katholicismus ~das Einzelne~ in abstracter Selbstständigkeit

hervortreten zu lassen. Der unaufgelöste Dualismus des Objectiven und

des Subjectiven, des Allgemeinen und des Einzelnen, des Realismus und

des Nominalismus ist der Begriff des Mittelalters. Die Anschauung der

Kirche ist ~realistisch~, denn nur das Katholische, das Allgemeine

ist wirklich, die Selbstständigkeit der Individuen ist eine Nullität,

sie sind so zu sagen nur Exemplare, denen die alleinseligmachende

Kirche das Gepräge seiner Einheit und Allgemeinheit aufdrückt. Es

ist die Kirche, in welcher Alle leben, weben und sind; es ist die

Kirche, die in den Individuen weiß und will; sie ist es, die Alles

wirkt in Allen als in den Gefäßen ihrer Herrlichkeit. Parallel mit

dieser Anschauung aber -- und ohne daß der Widerspruch bemerkt

würde -- geht die ~nominalistische~, pelagianische Ansicht von

der Selbstständigkeit, von dem freien Willen und der persönlichen

Tüchtigkeit des Individuums. Im Ethischen zeigt dieses sich so, daß

außerhalb des Reiches der allgemeinen Sittlichkeit ein Reich von

subjectiven Idealen sich aufschließt, deren Erreichung eine specielle,

für sich bestehende Aufgabe ist, die ohne Vermittelung mit dem

Allgemeinen ~nebenbei~ ausgeführt wird. Das eine Individuum sucht

das andere zu überbieten, nicht in substantieller Pflichterfüllung,

sondern darin, daß es sich selbst eine ~exclusive~, persönliche

Vortrefflichkeit, Ehre und Seligkeit erwerbe, damit es sich über das

Allgemeine erheben könne. Da das Subject sich diese ausschließliche

Vortrefflichkeit nicht innerhalb des Gemeindelebens erwerben kann, so

zieht es auf Abenteuer aus nach guten Werken. Das Ritterwesen und das

Mönchswesen sind die hervorragendsten Phänomene dieser moralischen

Atomistik, dieser Losreißung des Moments der Discretion von dem der

Continuität. Und so gehört auch die Mystik in diese Kategorie, indem

sie die absolute Abhängigkeit von der Kirche und dennoch ohne alle

Vermittelung die atomistische Freiheit und Autarkie des Individuums

ponirt. In dieser Antinomie trägt sie den +character indelebilis+

des Katholicismus. Das Princip der Reformation aber ist die Versöhnung

des Allgemeinen und des Einzelnen, der Gemeinde und des Individuums.

* * * * *

Nach der Reformation zeigt sich in der evangelischen Kirche eine

mit der Mystik verwandte Richtung. Es war natürlich, daß sie in der

lutherischen Kirche hervortrat, weil diese von allen christlichen

Confessionen am tiefsten von der wirklichen Gegenwart des Göttlichen

im Menschlichen durchdrungen ist. Das religiöse Leben war in Gefahr

in Sectenwesen zu Grunde zu gehen; die Theologie war geistlos

geworden und in eine unfruchtbare Scholastik ausgeartet. Da trat jene

Richtung hervor als ein kräftiges geistiges Ferment. Jacob Böhme, ihr

vornehmster Repräsentant, lebte zu einer Zeit, als die schlechte,

sectenhafte Polemik auf Kanzeln und Kathedern polterte und sich der

Lesewelt in dicken Bänden und einer zahllosen Masse von Flugschriften

mittheilte. Die religiöse Controverse fand in jenen Zeiten dieselbe

allgemeine Theilnahme, wie die politische in unseren Tagen. Die

Politik selbst stand im Dienste der Dogmatik und die theologischen

Streitigkeiten, die mit dem Worte und der Feder geführt wurden, sollten

nun auch mit dem Schwerte durchgekämpft werden im dreißigjährigen

Kriege. Inmitten dieser Verwirrung erkennt der einfältige Laie, daß ein

wahrer Christ Nichts mit Secten zu schaffen habe. Er kann gern mitten

unter Secten wohnen, auch in ihrem Gottesdienst erscheinen und hängt

doch keiner Secte an. In dem theologischen Babel ist eitel Schulgezänk,

Gezänk um selbstgemachte Meinungen und um den todten Buchstaben;

die Schulgelehrten sehen die Religion nur an als eine Historie, die

einmal gewesen ist, aber der Geist Gottes ist nicht im historischen

Buchstabenkram. Ein wahrer Christ hat nur eine einzige Wissenschaft,

die ist Christus in ihm, und das wahre Wissen ist die Offenbarung des

Geistes Gottes durch die ewige Weisheit, die himmlische Idea. Als Böhme

zum erstenmale den Namen der Idee hörte, rief er entzückt aus: Ich sehe

eine himmlische Jungfrau! Diese hat sich vermählt mit seiner Seele

und in seinem Geiste bricht eine jugendliche Morgenröthe hervor, eine

himmlische Aurora, in welcher alle Mysterien offenbar werden. Er zeugt

von sich selbst: Nicht Ich weiß und verstehe diese hohen Geheimnisse;

der Geist Gottes weiß in mir und forschet die Tiefen der Gottheit!

-- So sehen wir wieder die Contemplation als dasjenige, was in einer

stürmisch bewegten Zeit dem Geiste Friede und Versöhnung schenkt.

Während Alles außer ihm von einem verlornen Paradiese zeugt, ist das

Paradies mit allen Wundern aufgegangen in ihm.

Es gehört nicht hieher die Lehre Böhme's und ihr Verhältniß zur

lutherischen Kirche ausführlich darzustellen. Hier beschränken wir uns

darauf ihr Verhältniß zur Mystik des Mittelalters näher anzugeben.

Die Uebereinstimmung wird oft auf eine solche Weise hervorgehoben,

daß darüber der Unterschied ignorirt wird. Die Contemplation Böhme's

konnte nur auf dem Boden des Protestantismus entstehen und ist vom

Princip der Reformation geschwängert. Es ist öfter bemerkt worden,

daß die Reformation erst den Sinn des Menschen für das Universum

aufschloß, während der mittelalterliche Geist in der einseitigen

Richtung gen Himmel magnetisch gefesselt war. Himmel und Erde, die

in der Anschauung des Mittelalters dualistische Gegensätze sind,

wurden durch die Reformation versöhnt. Die allseitige Richtung der

Reformation wiederholt sich auch in Böhme, denn das ganze Universum,

Natur und Geschichte, ist Inhalt seiner Contemplation. Die einseitige,

asketische Selbstbeschäftigung der Seele, die alles Andere in der Welt

über ihre eigene Reinigung vergißt, ist verschwunden. Eine objective

Anschauung der Idee in allen ihren kosmischen Gestalten macht bei Böhme

das Hauptinteresse aus; in der großen Welthistorie ist das einzelne

Subject nur ein Fünklein. Böhme's naturphilosophischer Vorgänger,

der weltberühmte Medicus Theophrastus Paracelsus, ist, obgleich

seiner Confession nach Katholik, doch von demselben neuen Geiste der

Reformation getrieben, indem er die Natur beim Lichte der Religion

durchforschen will. Er hat gefunden, daß der Mensch Mikrokosmus sey,

das ist eine Quintessenz und ein Auszug aus dem ganzen Weltall.

Deswegen vermag der Mensch die Geheimnisse der Natur zu erforschen,

denn aller Verstand, der in der ganzen Natur, in den vier Elementen, in

Sternen, in Pflanzen und Thieren verbreitet ist, liegt eingewickelt im

Menschen, und darum kann Nichts ihm verborgen bleiben, wenn Gott ihn

erwecken will. Paracelsus gründet eine speculative Medicin und setzt

als die vier Grundpfeiler Physik, Astronomie, Alchymie und Theologie;

das ganze Gebäude aber ist gegründet auf Christo, dem Eckstein. Diese

Naturphilosophie wird aufgenommen in die Geistesphilosophie Böhme's.

Hier ist kein asketisches Losreißen vom Weltbewußtseyn, sondern eine

Versöhnung des ganzen Weltbewußtseyns mit dem Gottesbewußtseyn, ein

Schauen aller Dinge in Gott; keine Entrückung von der Welt, sondern

ein seliges Eingerücktseyn in die Tiefe des Weltcentrums. Böhme

weiß, daß Gott Geist, daß die Dreieinigkeit seine Geburt und ewiger

Lebenslauf sey. Doch läßt er sich hieran nicht genügen, sondern er

will alles Erschaffene im Bilde und Gleichnisse der Dreieinigkeit

erkennen. Er schaut ihren Abglanz in allen Creaturen, selbst in Gras

und Steinen, aber vor Allem im Gemüthe des Menschen. Er versinkt

in Nachsinnen über die Menschwerdung Gottes und das Geheimniß der

Versöhnung. Wie die Mystiker erkennt er, daß es die Ichheit sey, die

den Menschen von Gott trennt; aber er faßt die Ichheit von ihrer

universellen, kosmischen Seite, und spricht seine Schauung aus als eine

Darstellung des Abfalls Lucifer's und seines Kampfes wider Gott. Die

Entwickelung dieses Kampfes, der werdende Sieg des Lichtes über die

Finsterniß, ist die Weltgeschichte. Dieser universelle und objective

Charakter der Böhme'schen Contemplation wird durch die Benennung der

~Theosophie~ bezeichnet, eine Benennung, welche die +differentia

specifica+ von der Mystik des Mittelalters gut ausdrückt. Wir haben

früher erwähnt, daß das Princip der Mystik sich in neuerer Zeit in

Fichte's subjectiv-praktischem Idealismus wiederholte, besonders in

seiner, vom Christenthume begeisteten, Anweisung zum seligen Leben.

Die Theosophie hat ihre moderne Wiederholung in Schelling gefunden,

namentlich in seiner berühmten Abhandlung über die Freiheit des

menschlichen Willens. Auch Baader's tiefsinnige Gedanken »aus dem

großen Zusammenhange des Lebens« sind theosophischer Natur.

Die Trennung des Mysteriums und der Offenbarung ist in der Theosophie

Böhme's aufgehoben. Die neoplatonische Ansicht der Endlichkeit ist

ganz verschwunden; das Negative tritt auf in seiner vollen Kraft, die

Endlichkeit wird in ihre christlichen Rechte eingesetzt. Böhme bleibt

sich selbst gleich in der Anschauung, daß Gott nicht im Urgrunde

bleiben könne, sondern daß sein Wesen Wille sey, sein Wille aber

nur der Wille zur Offenbarung, damit er faßlich und begreiflich

werde. Hieraus entwickelt er die Dreieinigkeit, die Schöpfung und die

Menschwerdung Gottes. Die Heiligkeit und Liebe würden nicht offenbar

seyn, wäre nicht ein Negatives, der Heiligkeit Entgegengesetztes, der

Liebe und Gnade Bedürftiges. Dieses negative Princip ist das endliche

Ich, das als die Pein und die Qual des Lebens und zugleich als die

Quelle der Seligkeit aufgefaßt wird. Vorbereitende Andeutungen für

die Erkenntniß des Negativen finden sich allerdings schon bei den

Mystikern, besonders in der deutschen Theologie; aber Böhme hält

durchgängig den Gedanken fest, daß alle Dinge im Ja und im Nein stehen,

und daß die Vermittelung der Streitenden das Wirkliche, das Leben und

der Geist selber sey. Dem theosophischen Schauen fehlt also nicht der

Gedanke der Vermittelung überhaupt, wohl aber dessen begriffliche

Entwickelung und Durchführung.

Der Vorzug der Theosophie vor der Mystik entspringt daraus, daß die

mystische Einheit der Religion und Philosophie subjectiv-praktisch, die

theosophische objectiv-theoretisch ist. Die Idee hat sich losgearbeitet

vom unmittelbaren Zusammenhange mit dem atomistischen Ich und hat

wirkliche Gegenständlichkeit gewonnen, wodurch die ~Anschauung~

zu ihrem Rechte kommt. Die Anschauung will Alles in Gestalt fassen,

sie läßt sich nicht am Mysterium genügen, sondern fordert Offenbarung.

Allein die theosophische Anschauung ist doch nur unmittelbare Einheit

der Religion und Philosophie. Wenn auch Alles sich als Offenbarung

gestaltet, so kommt es doch zu keiner philosophischen Entwickelung

der Idee, sondern die Darstellung gestaltet sich nur als eine

philosophische Apokalypse, und da der philosophische Gedanke sich nie

von der religiösen Anschauung sondert, wodurch alle verständige und

kritische Reflexion unmöglich wird, so bleibt es bei dieser Vermischung

fortwährend unbestimmt, ob die Gestalten der Anschauung innere oder

äußere seyen. Das verständige historische Bewußtseyn von den Thatsachen

der christlichen Religion verschwindet, die äußere Bibel wird mit der

inneren confundirt, und man weiß nicht, ob die biblischen Namen (wie

z. B. Adam und Christus) nur allgemeine Ideen symbolisiren, oder ob

sie historische Personen bezeichnen. So hängt die Theosophie mit der

Mystik zusammen, aber wegen ihres überwiegend theoretischen Charakters

thut man gewiß recht nach dem Vorgange Baur's sie in die Reihe der

eigentlich gnostischen Systeme zu stellen. Die Betrachtung der Mystik

und der Theosophie lehrt uns die große Bedeutung der kritischen

Reflexion in der Religionswissenschaft anzuerkennen, als eine, wenn

auch nur negative, Bedingung der wahren Vermittelung von Religion und

Philosophie. Ein jeder Versuch, der in neuerer Zeit gemacht wurde um

diese mit Umgehung der Kritik und der Reflexion zu versöhnen, enthielt

immer ein partielles Zurücksinken auf den Standpunct der Mystik und der

Theosophie, wie dies besonders von Schelling und seiner Schule gesagt

werden muß.

Anhang.

Um die Vorstellung vom Vortrage Eckart's zu vervollständigen, wird

hier eine seiner Predigten abgedruckt. Sie findet sich in der Baseler

Ausgabe 1521, +fol.+ 301.[29]

Meister Eckart · 第 10 / 11 段