Wo nun die Mystik in Pantheismus überschlägt, geräth sie in dieselbe

praktische Einseitigkeit, die an den genannten Systemen gewöhnlich

gerügt wird, und kann bald mit dem Spinozismus, bald mit dem

Fichtianismus zusammengestellt werden. Gott ist dann nur +actu+

wirklich, insofern sein Wesen in der Seele zum Durchbruch kommt. Wo

aber die Mystik in der christlichen Anschauung des lebendigen Gottes

ruht, spricht sie das wahre Princip der christlichen Ethik aus. Gott

ist dann nicht ~nur~ das sittliche Ideal. Als solches ~ist~

er nur, insofern seine Offenbarung unablässig von der Freiheit

~hervorgebracht~ wird. Aber ebensosehr ist er in seiner ewigen

Selbstoffenbarung der in und für sich Seyende. Mittelst des Menschen

will er den Reichthum seines Wesens entfalten und ~setzt~ sich

darum als das Ideal der menschlichen Natur. Eckart drückt dieses so

aus, daß Gott seinen Sohn von jedem Menschen fordere, daß jeglicher

Mensch also Gott eine Offenbarungsform des Sohnes schuldig sey. Der

Pflichtbegriff bleibt ohne Realität, wenn das Gebot nicht als Ausdruck

des ~wesentlich~ göttlichen Willens aufgefaßt wird, wenn nicht

jede Pflichtbestimmung in ihrem tiefsten Grunde als eine göttliche

Wesensbestimmung, die sich unter der Form einer absoluten Forderung

an die menschliche Natur ausspricht, ausgedrückt wird. Die fehlende

Pflichterfüllung hindert also nicht nur den Menschen daran seine eigene

Bestimmung zu erreichen, sondern übt zugleich eine hemmende Einwirkung

auf das göttliche Wesen selbst. Der Eigenwille will eine Schranke für

die Offenbarung Gottes, indem die Wahrheit, nach dem Ausspruche des

Apostels, in Ungerechtigkeit aufgehalten wird (Röm. 1, 18). Der für die

christliche Ethik so wichtige Begriff der ~Pflicht gegen Gott~

läßt sich nur vollziehen, wenn Gott in ein reales Wechselverhältniß

zum Menschen tritt. Indem er sich aber zum praktischen Ideal des

Menschen macht, begibt er sich in ein Verhältniß der Abhängigkeit

vom subjectiven Willen des Menschen. »So viele Menschen es gibt,«

sagt ein geistreicher Dänischer Schriftsteller (J. L. Heiberg), »die

ihr Herz und ihren Geist für das Ewige verschließen, von so vielen

Individuen wird das Daseyn Gottes verdrängt, während Jeder, der dem

Reiche der Idee lebt, dadurch sein Inneres für das göttliche Daseyn

öffnet und das Seinige zu dessen Erweiterung beiträgt.« Dieser Gedanke

ist constitutiv in der mystischen Ethik. Nach der tiefen Anschauung

der Mystik ~ist~ Gott selbst was er gebietet. Er gebietet Liebe,

er ist Liebe. Er gebietet Güte, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit u. s.

w. Dies Alles aber ist er selbst, es ist seine Substanz. Er selbst

ist der Inhalt eines jeglichen Pflichtgebots und mit allen concreten

Pflichten, die er dem Menschen auferlegt, meint er nur seine eigene

Menschwerdung. Da die Mystik lehrt, daß Gottes eigene Seligkeit hieran

hange, so leuchtet ein, daß sie, insofern sie sich innerhalb der Sphäre

der Offenbarung hält, wenigstens im Principe der Forderung genügt,

die an jede gründliche Ethik gestellt werden muß, daß nemlich das

Gute um seiner selbst willen geübt werde, nicht blos darum, daß das

Individuum glückselig oder selig sey. Denn wie einerseits die in Liebe

angezündete Seele das Ideal ihrer Begeisterung und damit ihre eigene

Seligkeit in Gott findet, so ist andererseits das Ideal Gegenstand

ihrer tiefsten und reinsten ~Verpflichtung~, und das Gute wird

im eigentlichen Sinne des Worts gethan um Gottes willen. Denn Gott

hat gleichsam seine eigene Seligkeit in die Hand des Menschen gelegt,

und was schadet es dir, o Mensch! daß du Gott gönnest, daß er Gott in

dir sey! Daß die Grenze, welche hier die reinste, resignirende Liebe

von schwärmerischem, geistigem Hochmuth scheidet, einem feinen, fast

unsichtbaren Haare vergleichbar sey, leuchtet ein; wie auch zugegeben

werden muß, daß die Mystiker und namentlich Eckart diese Grenze oft

überschritten haben, obgleich sie auch in einzelnen heiligen Momenten

das Mysterium der Liebe im Geiste der Wahrheit gefeiert haben.

Andererseits aber darf nie vergessen werden, daß in diesen Regionen

alle Grenzen fein sind, und schwerer zu beobachten als die Vorschriften

der Alltagsmoral. Sowohl die Aehnlichkeit wie die Unähnlichkeit mit

Spinoza, der von seinem Gott keine Gegenliebe fordert, sondern ihn

allein um seiner selbst willen lieben will, wird dem denkenden Leser

klar seyn.

Wenn nun allerdings die Mystik in ihren reinsten Momenten das Princip

der wahren Ethik ausgesprochen hat, so wird dieses doch nur als bloßes

~Princip~ festgehalten, anstatt sich zur Offenbarung in einem

sittlichen Gemeinleben aufzuschließen. Das Erhabene und Reinigende

in dieser Ethik liegt wie bei Spinoza in dem sittlichen Akosmismus,

welcher das kleinliche Detail der Pflichten vernichtet und die Breite

der empirischen Zwecke in der einen absoluten Pflicht zu Grunde gehen

läßt. Aber das erhabene Ideal bleibt unwirklich, so lange es vornehm

sich der Vermittelung der Endlichkeit entzieht. Freilich wird hiedurch

seine Unendlichkeit begrenzt, aber eben dadurch gewinnt es diejenige

Form, in welcher es vom kirchlichen Bewußtseyn anerkannt werden kann.

Es ist die Pflicht des Menschen in seinem Leben die Einheit göttlicher

und menschlicher Natur zu verwirklichen; aber -- was sowohl die

Wissenschaft wie die Kirche urgiren muß -- ~unmittelbar~ ist

dieses nicht möglich, sondern nur mittelst Christus als des Mittlers

zwischen Gott und Menschen. Die abstract-unendliche Forderung, daß das

Individuum das Ideal eines Gottmenschen realisire, reducirt sich nun zu

der concreteren Forderung, daß das Individuum an Christum ~glaube~

und Christum anziehe. Der speculative Gedanke wird hier erst wahr,

wenn er sich mit der Vorstellung der Gemeinde zusammenschließt.

Dieses wird auch von der Mystik anerkannt, indem sie ihre Aufgabe

als Nachfolge Christi faßt; allein da der historische Christus der

mystischen Betrachtung wiederum entschwindet, so verliert die Forderung

sich wieder in die abstracte Unendlichkeit, in welcher das Individuum

sich selbst zu Christus machen will. Und selbst die Nachfolge Christi

ist dem christlichen Bewußtseyn ein abstractes Ideal, wenn es sich

nicht durch das Leben der Gemeinde, durch die Mannichfaltigkeit der

bestimmten, endlichen Zwecke vermittelt. Das Ideal muß vom Himmel

der Allgemeinheit herabsteigen, um als eigenthümliches χάρισµα der

bestimmten Persönlichkeit in dem einen Gemeindegeiste Gestalt zu

gewinnen. Das mystische Princip aber fordert, daß das ~Wesen~ des

Ideals außerhalb seiner ~Erscheinung~ ergriffen werde.

Dasselbe muß von der Tugend gesagt werden. Hier tritt die Antinomie der

einen und der vielen Tugenden hervor; die eine Tugend soll außerhalb

der vielen ergriffen werden. Wir sollen ablegen die Bilder der

Tugend, damit wir das Wesen erlangen; wir sollen sie nicht besitzen

in Mannichfaltigkeit, sondern in Einigkeit. (Tauler, Nachf. 1 Th.

7.) Allein die eine Tugend ist nur das ~Mysterium~ der Tugend;

ihre ~Offenbarung~ sind die vielen Tugenden und die wirklichen

Handlungen. »Der tugendhafte Mensch soll seyn ohne alles Warum, er

soll nichts thun um eines Nutzens willen.« Allein der Nutzen ist

das nothwendige Moment der Endlichkeit in allem wirklichen Handeln,

das Mittel im unendlichen Zweck. Die Tugend in ihrer reinen baaren

Unendlichkeit ist eine prächtige Schaumünze, aber im wirklichen Leben

kann man sie nicht ausgeben, bevor sie in gangbare Münze umgesetzt

wird. Die mystischen Moralpredigten können in dieser Beziehung mit

den hohen Reden des Stoicismus und Kantianismus von der Ausübung der

Pflicht um der Pflicht willen verglichen werden.

Der Zustand, in welchem der Mensch in der einen Tugend lebt, kann,

wie von selbst erhellt, nur erreicht werden durch Abgeschiedenheit

theils von der Natur als Schranke der Freiheit überhaupt, theils

vom wirklichen und thätigen Leben, wo die vielen Tugenden heimisch

sind und das Wesen der Tugend im Bilde hervortritt. Die moralische

Abstraction, durch welche die Unendlichkeit der Freiheit erreicht

wird, wird mittelst der drei Staffeln des geistlichen Lebens, nemlich

der Staffel der Natur, der Gnade und des Wesens näher beschrieben.

Die letzte, der Ausdruck der Vollkommenheit und der Vollendung, wird

auch, namentlich von Eckart, als die Staffel der ~Gerechtigkeit~

bezeichnet. Innerhalb dieser Stufen befindet sich noch eine

Mannichfaltigkeit von Unterschieden des geistlichen Lebens, welche aber

in keinem bestimmten Gedanken festgehalten werden können und nur als

Nuancen und Schattirungen des Gefühls anzusehen sind.

Die äußere Natur ist dem Zufall und der Eitelkeit untergeben und ihre

Betrachtung ist der wahren Vollkommenheit hinderlich. Der mystische

Geist verhält sich fast durchgängig negativ zur Natur. Tauler rühmt

das Beispiel eines Klosterbruders, der, als er im Maimonat durch

den Klostergarten ging, seine Kappe über die Augen zog, um nicht in

seiner Beschaulichkeit von den zufälligen Formen der Blumen gestört zu

werden. Insofern der Geist sich von der Naturschönheit nicht gänzlich

abzukehren vermag und zu dieser in ein positives Verhältniß tritt,

muß der Natur eine christliche Seite abgewonnen werden und sie muß

unmittelbar in der Gnade verklärt werden. Ihre Schönheit wird dann

~nur~ mit dem religiösen Organ aufgefaßt, denn die Religion ist das

einzige Organ, welches der Mystiker für die Welt besitzt. Das Erwachen

des Frühlings in Wald und Feld vermag auf den Mystiker einen Eindruck

nur zu machen, wenn die christlichen Glockentöne über die Gegend

hinklingen und der Blumenduft mit einem religiösen Aroma durchwürzt

wird. Ein solches Naturgefühl spricht sich oft bei dem poetischen

Suso, dem Landsmann der Minnesänger, aus. Er begrüßt den neugebornen

Mai, setzt sich aber zum Maienzweig den Kreuzesbaum, weil auf ihm die

Frucht der ewigen Seligkeit gewachsen ist. Und für alle rothe Rosen

bietet er nun seinem Heilande eine herzliche Minne; für alle kleine

Violen ein demüthiges Neigen; für alle zarte Lilien ein lauterliches

Umfahen; für alle schön gefärbte und glänzende Blumen, die je Haide

oder Anger, Wald oder Aue hervorgebracht, ein geistliches Küssen; aber

für aller wohlgemuthen Vöglein Gesang bietet er seinem Heilande ein

grundloses Loben[25]. Dieser ~unmittelbare~ Wiederschein der Gnade in

der Natur ist die einzige Bedingung, unter welcher es hier zu einer

Naturanschauung kommt. Diese ist übrigens häufiger bei den romanischen

als bei den germanischen Mystikern. Die Hymne des heiligen Franciscus

von Assisi an die Sonne und seine Predigt an die Vögel sind Beispiele

einer solchen mystischen Naturpoesie, die aus dem tiefen Gefühle des

die ganze Creatur durchströmenden göttlichen Lebens entsprungen ist,

die Verklärung der Natur aber auf unmittelbare, naive Weise anticipirt.

Doch ist es vor Allem der natürliche Mensch selbst, der in der Gnade

wiedergeboren werden soll. Die Gnadenwirkung zeigt sich darin, daß

der Mensch seine Sünde und die Gebreste der Natur erkenne, daß die

Sehnsucht nach der Rückkehr zu Gott im Herzen erweckt werde. Die erste

Stufe der Gnade ist die ~wirkende~ Tugend. Der Mensch strebt die

Gebote Gottes und die Vorschriften der Kirche zu halten, befleißigt

sich reiner und heiliger Sitten und übt gute Werke. Allein die wirkende

Tugend ist mit Zufall behaftet, die Zeitlichkeit klebt ihr an; sie will

immer »Etwas« wirken und ist also von den äußeren Objecten bedingt.

Zufällig ist was nun ist und nicht ist, und so wirket der Mensch

auf diesem Standpuncte Tugend nur, als es ihm vorgehet oder kommet.

(Tauler, Nachfolge 1 Th. 8.) Die wesentliche Tugend aber ist nicht

von den Objecten abhängig und deshalb ewig und unzerstörlich, dieweil

der Mensch hier nicht Vermögens hat zu wirken einige Tugend mit den

~Materien~, denn allein mit einem einfältigen Willen. (Ebendas.)

Damit nun der Mensch zur wesentlichen Tugend gelange, führt die Gnade

ihn vom thätigen ins schauende Leben. Das Wesen der Tugend ist doch

nur im schauenden Leben, insofern das Schauen aus einer vollkommenen

geistigen Armuth hervorgehet. Der Mensch muß nicht nur an Tugenden

und Werken arm seyn, sondern auch an Erkenntniß und Liebe, ja er muß

arm seyn an Gnade. Die Gnade ist nur Durchgangspunct für das Wesen.

Denn Gnade ist behaftet mit Creatürlichkeit und was in der Gnade

erkannt und gewirkt wird, das ist noch Alles in creatürlichen Formen.

So aber die Seele erhaben ist über alle Leiblichkeit, über Zeit und

Mannichfaltigkeit, so wird Gnade gewandelt in Gott, daß denn Gott die

Seele nicht mehr ziehet creatürlicher Weise, sondern er führet sie mit

ihm selbst in göttlicher Weise. (Ebend. 6.) Auf der Stufe des Wesens

~hat~ der Mensch nicht Tugend, sondern er ~ist~ sie.

Hieher gehört auch die Unterscheidung der wirkenden und leidenden

Vernunft. Die wirkende Vernunft ist Ausdruck der Gnade, sie bereitet

dem Wesen und der leidenden Vernunft Statt. Sie heißt eine wirkende

Vernunft, denn sie wirket alle Dinge ab. (Ebend. 2 Th. 104.) Sie

vernichtet alle Formen, wirkt, daß das Geschaffene in seinem Nichts

erkannt werde, und daß Gott der einzige Werkmeister sey. Sie wirkt,

daß sie selbst in der leidenden Vernunft zu Grunde gehe. Die leidende

Vernunft aber leidet was Gott allein wirket, alle Ungleichheit und

Anderheit ist hier verschwunden, sie ist eine Mutter Gottes geworden,

die da liegt im Kindbett und gebiert den ewigen Sohn in der Gottheit.

(Ebend. 105.) Dieses ist nun die Staffel des Wesens und die mystische

Identität mit dem Guten.

Uebrigens oscillirt das eigene Leben des Mystikers zwischen wirksamer

und wesentlicher Tugend, zwischen einem Leben für die Gemeinde und

einem Leben für das abstracte Ideal. Insofern das Selbstbewußtseyn

dem letzteren zugewandt ist, kehrt es sich mit Verachtung ab von

der Mannichfaltigkeit des Gemeindelebens und der Zufälligkeit der

Außenwelt. Indem nun aber die wesentliche Tugend nicht nur in Gott

verborgen, sondern an ~empirische~ Persönlichkeit geknüpft ist,

die ihrer Endlichkeit ohngeachtet das reine Wesen ohne Endlichkeit

zur Darstellung bringen will, so wiederholt sich innerhalb des

Christenthums dieselbe Erscheinung, die in der alten Welt als das Ideal

»des Weisen« hervortritt: der Weise ist eine gedachte Persönlichkeit,

die den Inbegriff aller moralischen Vollkommenheiten besitzt, und der

praktische Philosoph, der dieses Ideal in seiner endlichen, empirischen

Persönlichkeit darstellen soll, sucht sich selbst in ein sittliches

Abstractum zu verwandeln. Namentlich ist es der stoische Weise,

der hier auf dem christlichen Schauplatze erscheint, nachdem er die

philosophische Toga mit der Mönchskutte vertauscht hat. Wie überall,

so tritt auch diese Abstraction am stärksten hervor bei Eckart. Die

»exemplarische Form eines vollkommenen Menschen« wird aber auf folgende

Weise beschrieben[26].

Es war nemlich ein gelehrter Mann, der wohl acht Jahr lang begehrte,

daß ihm Gott einen Menschen zeigte, der ihn den Weg der Wahrheit

unterrichtete. Und als er in einer großen Begierde war, da kam eine

Stimme von Gott zu ihm und sprach: Gehe vor die Kirchen, da wirst du

einen Menschen finden, der wird dir den Weg zur Seligkeit weisen.

Und er ging hin und fand einen armen Menschen, dem seine Füße zerrissen

und voll Staubs und Unsauberkeit waren und alle seine Kleider waren

kaum drei Heller werth. Er grüßet ihn und spricht: Gott gebe dir einen

guten Morgen! Da antwortet er: Ich hatte noch nie einen bösen Morgen.

-- Daß dir Gott Glück gebe! -- Ich hatte niemals Unglück! -- Daß du

selig seyst, wie antwortest du mir also? -- Ich war noch nie unselig!

-- Bedeute mir doch dieses, denn ich kann es nicht verstehen! -- Er

sprach: Gerne! du wünschest mir einen guten Morgen. Ich hatte niemals

einen bösen Morgen, denn so mich hungert, so lobe ich Gott; frieret

mich, hagelt es, schneiet es, regnet's, ist's gut oder bös Wetter, so

lobe ich Gott; bin ich elend und verschmähet, so lobe ich Gott; und

darum hatte ich noch nie einen bösen Morgen. Du wünschest mir, daß

Gott mir Glück gebe. Ich hatte aber niemals Unglück, denn ich weiß mit

Gott zu leben und weiß, was er thut, das ist das Beste; und was mir

Gott gibt oder über mich verhänget, es sey Lieb oder Leid, das nehme

ich fröhlich von Gott als das Allerbeste, und darum hatte ich niemals

Unglück. Du wünschest mir, daß Gott mich selig mache. Ich war nie

unselig, denn ich begehre allein in Gottes Willen zu seyn, und ich

habe meinen Willen in Gottes Willen ergeben also ganz, daß, was Gott

will, ich auch will. -- Wenn dich aber Gott in die Hölle werfen wollte,

sagte der gelehrte Mann, was wolltest du darzu thun? -- Mich werfen

in die Hölle? das hält ihn seine Güte. Doch so er mich in die Hölle

würfe, so hätte ich zween Arme, damit ich ihn umfinge. Der eine Arm

ist wahrhafte Demuth; denselben lege ich unter ihn und damit bin ich

mit seiner heiligen Menschheit vereiniget. Und mit dem rechten Arm der

Liebe, so mit seiner heiligen Gottheit vereiniget ist, umfinge ich ihn,

daß er mit mir in die Hölle müßte. Und also wollte ich lieber in der

Hölle seyn und Gott haben, als in dem Himmel und Gott nicht haben. Da

verstund dieser Meister, daß wahre Gelassenheit mit gründlicher Demuth

der nächste Weg zu Gott wäre.

Weiter fragte dieser Meister: Von wannen bist du kommen? -- Von Gott!

-- Wo hast du Gott gefunden? -- Da ich alle Creaturen verließ! -- Wo

hast du Gott gelassen? -- Im reinen Herzen und in gutwilligen Menschen!

-- Der Meister fragte: Was bist du für ein Mann? -- Ich bin ein König!

-- Wo ist dein Königreich? -- Das ist meine Seele, denn ich kann meine

inwendige und auswendige Sinne also regieren, daß alle meine Begierden

und Kräfte der Seele unterthänig seyn. Und dieses Reich ist größer denn

ein Königreich auf Erden. -- Was hat dich zu dieser Vollkommenheit

gebracht? -- Mein Stillschweigen, meine hohe Gedanken und meine

Vereinigung mit Gott! Denn ich konnte in keinen Dingen ruhen, die

geringer waren als Gott. Nun hab' ich Gott gefunden und habe ewigliche

Ruhe und Friede in Gott.

Vergleicht man hiemit die stoischen Beschreibungen des Weisen als

desjenigen, der allein ein König sey, frei in Ketten, unabhängig

von Furcht und Hoffnung u. s. w., so wird man dasselbe Princip

wiederfinden, nur mit den Veränderungen, die nothwendig dadurch

entstehen, daß es in einer anderen Welt auftritt; und in der

äußerlichen Armuth und den lumpigen Kleidern wird man ohne

Schwierigkeit den Cynismus wiedererkennen.

Aber diese Ataraxie, diese Ruhe der Freiheit in ihrer eigenen

Unendlichkeit läßt sich auf dem Standpuncte des Christenthums nicht

durchführen, weil das Fleisch nie aufhört wider den Geist zu gelüsten

und die Tugend in ihrer Einsamkeit von den unchristlichen Naturmächten

überfallen wird. Eine ununterbrochene Askese ist nothwendig um das

Fleisch zu tödten und die Freiheit schlägt über in die schlechteste

Abhängigkeit. Die gedachte Persönlichkeit collidirt unaufhörlich mit

der idealen und kann nur ihr ideales Königthum dadurch behaupten, daß

sie den wirklichen Menschen der härtesten Gesetzlichkeit unterwirft

und die Züchtigung und Kasteiung des Fleisches sich zum fortwährenden

Geschäfte macht. So erfahren wir aus dem Leben Suso's, daß er ein

Unterkleid mit spitzigen Nägeln trug, deren Spitzen gegen den Leib

gekehrt waren, daß er ein andermal ein hölzernes Kreuz trug, das mit

eisernen Nägeln in seinem Rücken befestigt war, daß er um das Fleisch

zu tödten seinen Leib von Ungeziefer plagen ließ u. s. w. Das Subject

kann in der speculativen Wesensschauung nicht zur Ruhe kommen, weil es

unaufhörlich vom Ungeziefer der Selbstreflexion gestört wird.

Zu diesem Conflicte des Geistigen und Natürlichen im mystischen

Bewußtseyn gehören auch die Träume und Visionen der Mystiker, ihre

ekstatischen Zustände. Görres weiß diese Zustände nicht genug zu

erheben und betrachtet sie ohngefähr mit denselben Augen wie die

Mystiker selbst, wenn sie hinterher darüber reflectirten, nemlich

als augenscheinliche Beweise der göttlichen Gnade, welche die Seele

über das Vernunftleben erhoben und mit der jenseitigen Wirklichkeit

in Rapport gesetzt habe. Wir haben schon erwähnt, daß er in seinem

größeren Werke über die Mystik aus allen Jahrhunderten ein großes

Material von solchen Ekstasen, Gesichten und Offenbarungen gesammelt

hat; in diese höhere Empirie setzt er vornehmlich das Wesen und die

Herrlichkeit der Mystik. Das Interessantere aber ist zu erkennen, daß

mit diesen Visionen ein neuer Widerspruch im mystischen Bewußtseyn zum

Vorschein kommt. Der freie Geist, der sich über alle Bilder erhoben

und von der Natur abgeschieden hat, versinkt unwillkührlich in eine

Traumwelt und die reine Intelligenz geräth in die Versinnlichung

eines somnambulen Zustandes. Dasselbe Bewußtseyn, das durch die Kraft

der Intelligenz die Welt der Erfahrung, namentlich die historischen

Thatsachen der Religion in ein blos Inneres verwandelt, sieht nun

dasjenige, was in der Wirklichkeit nur ein Inneres ist, als eine

reale empirische Aeußerlichkeit. Sie vernichtet das wirkliche Object

und bekommt ein illusorisches an seiner Stelle. Nicht selten haben

diese Visionen eine schöne poetische Färbung, aber der Inhalt ist

gewöhnlich sehr unbedeutend und dreht sich nur um die empirische

Individualität als ihren Mittelpunct. Ein naiver Contrast zur

mystischen Verflüchtigung der individuellen Unsterblichkeit ist es,

daß Eckart nach seinem Tode sich dem Suso offenbart und ihn davon

unterrichtet, daß er jetzt gänzlich in Gott absorbirt sey[27]. Als

Suso eine nähere Beschreibung dieses Zustandes wünscht, erhält er die

Antwort, daß er unaussprechlich sey. Nachdem Suso in vielen Tagen

seinen Leib mit Fasten und Wassertrinken kasteiet hat, offenbart

sich ihm Maria und erlaubt ihm einige Tropfen Wein zu genießen. Ein

andermal bringt sie ihm einen Korb mit lieblichen Früchten. Daß das

~Natürliche~ so oft den wesentlichen Inhalt der Vision abgibt,

erklärt sich leicht aus dem ununterbrochenen Kampfe des Geistes mit dem

Fleische. Die Sinnlichkeit wird in der wirklichen Welt getödtet, steht

aber wieder auf in der idealen, und in magischen Spiegelungen verleiht

sie ihren Objecten den täuschenden Schein der wirklichen Gegenwart.

Diese inneren Conflicte sind unzertrennlich von der Abstraction der

wesentlichen Tugend. Die Mystiker aber leben nicht nur ein Leben

außerhalb der Gemeinde, in sich selbst und für sich selbst, sondern

leben auch ein Leben für die Gemeinde, denken nicht nur an ihre eigene,

sondern auch an die Seligkeit Anderer. Wenn sie aus der einsamen Zelle

ins Leben heraustreten, so lauten ihre vom tiefsten Ernst erfüllten

Sittenpredigten erweckend und reinigend für ein Bewußtseyn, das in

eine geistlose Aeußerlichkeit versunken ist. Bisweilen steigen sie

herab zu den Verhältnissen des wirklichen Lebens, gewöhnlich aber ist

es die reine Tugend und das Ideal des höchsten Guts, welches sie vom

Berge der Betrachtung der unten stehenden Gemeinde vorhalten. Das

selige Leben, welches sie beschreiben, ist das klösterliche Ideal, die

Abgeschiedenheit von der Eitelkeit der Creatur. Eben diese Abstraction

aber ist reinigend für das kraß katholische Bewußtseyn der Gemeinde.

Es stellt sich uns hier die Frage, inwiefern die Mystiker unter die

Vorläufer der Reformation zu stellen sind. Solche Gedanken, daß die

Tugend, wenn sie nach dem Wirken genommen werde, creatürlich sey und

gebrechlich, göttlich aber nach der Meinung, daß Gott den reinen

Willen annehme anstatt des Werkes, mußten nothwendig dazu beitragen

die protestantische Lehre vom Glauben vorzubereiten. Der Idealismus

des ~Willens~, der sich so kräftig in ihren Predigten ausspricht,

mußte auf das Bewußtseyn des Volks, welches in halbmythologischen

Vorstellungen gefangen war, die Begriffe des Guten und Bösen auf

äußerliche, factische Weise auffaßte und sich Belohnung und Strafe als

sinnliche Objecte ausmalte, einen befreienden und reinigenden Einfluß

ausüben. Eckart besonders verkündigt auf erhabene Weise den Idealismus

des Willens, die innere Unabhängigkeit des freien Geistes. »Wenn Einer

hundert Mark Gold durch Gott gäbe, es wäre ein großes Werk, aber ich

sprich, hab ich nur einen ächten wahrhaften ~Willen~ die hundert

Mark zu geben, so habe ich Gott bezahlt und er soll mir antworten, als

hätte ich ihm die hundert Mark bezahlt. Ich sprich mehr: hätte ich

einen Willen Gott eine ganze Welt zu geben, so soll er mir antworten,

als hätte ich ihm eine ganze Welt bezahlt. Und würde der Papst mit

meiner Hand erschlagen, und wäre es mit meinem Willen nicht geschehen,

ich würde nicht desto minder zum Altar gehen und Messe lesen.«

(+fol.+ 251). Solche Reden mußten dazu beitragen ein Bewußtseyn zu

emancipiren, welches von der Vorstellung des +opus operatum+, des

Ablasses, des kirchlichen Schatzes von guten Werken beschränkt war und

vor einem sinnlichen Fegfeuer und einer sinnlichen Hölle erzitterte.

»Was brennt in der Hölle? Es ist nur der eigene Wille, der in der Hölle

brennt.«

Meister Eckart · 第 9 / 11 段