Da der Mystiker sich auf diese Weise in der Schrift spiegelt und

sein eignes Bild ihm auf jeder Seite entgegentritt, so muß die Frage

nothwendig entstehen, wie denn die Persönlichkeit Christi aufgefaßt

werde. Man muß nicht erwarten hier eine Läugnung des historischen

Christus zu finden; im Gegentheil wollen unsere Mystiker nur die

getreuen Söhne der Kirche seyn. Fragen wir aber, ~was~ in Christo

sie eigentlich begeistert, so ist es offenbar nur dasjenige in Christo,

was gleichsam eine Wiederspiegelung ist des gottmenschlichen Ideals,

welches sie selbst im Innern tragen. In Christo, sagt Tauler, sind

zweierlei Werke. Das eine Werk gehöret zu seiner Gottheit, als auf dem

Meere gehen und Zeichen thun, vierzig Tage fasten, und was solcher

Werke sind; diese Werke sollen wir uns nicht annehmen zu wirken, denn

sie sind Gottes und gehören uns nicht zu. Die anderen Werke, die an

Christo waren, die gehören seiner Menschheit zu, als arm seyn, elend

und verschmähet seyn, Hunger und Durst haben, Pein leiden, und alle

Tugenden, die an Christo waren, als demüthig, geduldig, sanftmüthig

seyn -- in diesen sollen wir Eins werden mit Christo (Nachfolge 1ster

Th. 125). Das Letztere ist es, was den Mystiker begeistert, weil er

darin dasjenige anschaut, was die Realität seines eigenen Bewußtseyns

ausmacht. Sein Standpunct ist praktisch, ethisch, und man kann mit

Recht diesen Christus als einen ~moralischen~ Christus bezeichnen.

Allerdings ist dieses nicht zu nehmen im Sinne des achtzehnten

Jahrhunderts und Kant's, aber die mystische Christologie hat das

doch mit der Kantischen gemein, daß der praktische Gesichtspunct das

Vorherrschende ist, daß er nur wahres Interesse hat an dem »rein

Menschlichen« in Christus, nur das Ideal der Freiheit in ihm anschaut.

Andererseits ist hier der große Unterschied, daß diese Moral nicht

gottverlassen, sondern gotterfüllt ist, daß das rein Menschliche +eo

ipso+ das Gottmenschliche ist. Im Begriffe des zweiten Adam's, der

vollendeten menschlichen Natur, ist die göttliche Natur gegeben. Alles

was in Adam unterging und starb, das stund in Christo wieder auf und

ward lebendig, und Alles was in Adam aufstund, das ging in Christo

unter und starb. Was ist und war aber das? Ich sage, es ist wahrer

Gehorsam und Ungehorsam. Was ist wahrer Gehorsam? Das ist, daß der

Mensch ist ohne alle Selbheit und Ichheit, daß er sich und das Seine

so wenig suchet und meinet in allen Dingen, als ob er nicht wäre, und

allein Gott in allen Dingen siehet, ergreifet, liebet, als ob sonst

nichts wäre. Also war die wahre menschliche Natur in Christo. Sie sah

nicht auf sich selbst und die Dinge, sondern wollte nur seyn ein Haus

und eine Wohnung Gottes, und daß sie dieses war, das eignete sie sich

nicht zu. In Christi Gehorsam war weder Furcht noch Pein der Höllen,

auch nicht Hoffnung des Lohns und des Himmelreichs, sondern er lebte in

lauterer Unterthänigkeit des ewigen Guts aus einer freien Liebe. Seine

Worte und Werke redete und wirkte er nicht um eines Nutzens willen,

sondern wie wenn einer die Sonne fragte, warum scheinest du? und sie

antwortete: Ich kann nicht anders, es ist meine Natur und Eigenschaft:

also war es auch in Christo. Und er war voll von einer gründlichen,

wesentlichen Demuth, die da weiß, daß Wesen, Leben, Erkennen, Wissen

und Vermögen alles allein des wahren Gutes ist. Vor Christo war

Jedermann gekehret auf sich selbst, und Jedermann begehrete zu haben

und Niemand wollte arm seyn, sondern sie suchten alle Reichthum. Aber

da Christus kam, da brachte er mit sich die wahre Armuth, die wir

verloren hatten durch Adam's Fall, beide äußerlich und innerlich. Wo

da nun ist Selbheit und Ichheit, eigner Wille und Eigenliebe, da ist

der alte Mensch, Ungehorsam und Adam; aber wo der alte Mensch stirbt,

da ist der neue Mensch, Gehorsam und Christus. Wo Gott und Mensch so

vereinigt sind, daß die Wahrheit selbst bekennet, daß nur Eins ist,

wahrer vollkommener Gott und wahrer vollkommener Mensch, und doch der

Mensch Gott so gar ergeben, daß Gott da selbst ist der Mensch, und

wirket, thut und lässet ohn alles Ich, Mein, Mir, siehe ~da ist

wahrhaftig Christus und sonst nirgends~ (deutsche Theol. 13. 10. 33.

Tauler's Nachfolge, 1ster Th. 92. Deutsche Theol. 23).

In diesen Zügen, die zu den allgemeinsten und am häufigsten

vorkommenden gehören, ist offenbar nur eine Schilderung desjenigen

Gottmenschen enthalten, den die Mystiker zu realisiren suchen. Die

historische Wirklichkeit Christi wird vorausgesetzt, aber der äußere

Christus und der innere werden nicht gründlich unterschieden, und

es bleibt stets unbestimmt und schwankend, ob das hier dargestellte

Christusbild wirklich außer uns sey oder ob es sich nur auf dem inneren

Grunde der Seele bilde, ob wir hier mit einer Person zu thun haben,

oder nur mit einer Idee.

Zur Leidensgeschichte und dem Tode des Herrn kehrt die Betrachtung

immer aufs neue zurück. Wie die Rose sich am herrlichsten offenbart

in ihrem Duft, so das Wesen Christi in seinem Leiden und Sterben.

Wenn ein Mensch frei seyn will von allen irdischen Gebresten, wenn

Eitelkeit der Welt und Zufall der Natur ihre Gewalt über ihn verlieren

sollen, dann muß er sich versenken in das Leiden des Herrn. Was hemmend

hineintritt zwischen Gott und Mensch, geht hier zu Grunde; es ist

kein ~Mittel~ so groß, so es getragen wird in das Leiden unseres

Herrn, es muß vergehen und zunichte werden. Denn es ist ein brennend

Feuer, in dem alle ~Ungleichheit~ verschwindet. Das Feuer aber,

welches Christus zur Erde gebracht hat, ist das Feuer der Liebe. In

diesem opfern die wahren Liebhaber alle leibliche Dinge mittelst Gott,

ja sie opfern ihr eignes Leben in Gott; ihr Gemüth wird erhoben über

alle erschaffene Dinge und dringt ein in das unerschaffene Gut, welches

ist Gott selbst, und verliert sich in der verborgenen Finsterniß des

unbekannten Gottes (Tauler's Nachfolge, 2ter Thl. 9. 11. 1ster Thl.

134).

In dem freien Leiden und Sterben wird also die höchste Einheit

des Menschen mit Gott angeschaut; denn da dieser Tod das Aufgeben

jeder endlichen Realität enthält, die Kreuzigung der Ichheit und

die Vernichtung der natürlichen und bildlichen Welt, so wird die

~Ungleichheit~ der Seele mit dem unerschaffenen Wesen gründlich

aufgehoben. Die Versöhnung wird jetzt nicht wie in der Scholastik als

ein äußerer Vorgang aufgefaßt, sondern als ein universeller innerer

Vorgang, der sich überall wiederholen muß, wo das Endliche mit dem

Unendlichen Eins werden soll. Der Ansicht von der Versöhnung gegenüber,

welcher zufolge Christus nur den Tod für Andere gelitten hat und

diesem nur eine Bedeutung +ad extra+ zukommt, erhebt sich nun

vom speculativ-ethischen Standpuncte die Ansicht, daß das Leiden und

Sterben immanente Bestimmung in Christo und zu seiner eignen Vollendung

nothwendig sey. Ein Schriftwort, das die Mystiker tief im Herzen

verwahrt haben und das sie oft in diesem Zusammenhange wiederholen, ist

Joh. 12, 24: Wahrlich ich sage euch, es sey denn, daß das Waizenkorn

in die Erde falle und ersterbe, so bleibet's alleine. Wo es aber

erstirbet, so bringet's viele Früchte. »Das Waizenkorn ist die edle

Seele unseres Herrn Christi; der fruchtbare Acker ist seine menschliche

Natur« (in ihrer Allgemeinheit angesehen. Der einzelne Mensch mußte

sich gleichsam begraben lassen in den allgemeinen Menschen, die

Individualität mußte das Leben verlieren um es zu gewinnen). Dieser Tod

war in Christo beide leiblich und geistig. Leiblich, insofern seine

heilige Menschheit in diesem Leben litt alle Leiden des Leibes, Hunger,

Durst, Winterregen, Hagel, Schnee und allerhand Pein gemeiner Natur und

dazu den bittern Tod, welches er allzumal dem himmlischen Vater opferte

zu seiner Ehre; geistig, insofern seine heilige Menschheit in allen

ihren Leiden sich nie abwandte vom Vater einen Augenblick und ohne

Unterlaß das höchste Gut anschaute. Keine Betrübniß oder Pein konnte

in diese Beschauung hineinfallen, und als der Leichnam litte und starb

am Kreuze, lebte sein Geist in der höchsten Gegenwärtigkeit des ewigen

Guts. Dieses ist die Frucht, die da wächset in dem fruchtbaren Acker

seiner menschlichen Natur, und in diesen edlen Acker sollst du deine

Seele werfen wie ein Waizenkorn, daß sie ersterbe und Frucht bringe

(Eckart +fol.+ 290).

Ein anderes Wort, dessen die Mystiker nicht selten gedenken, ist das

Wort Christi: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut, denn der einige

Gott! -- Wenn darum ein Mensch gut genannt wird, dann ist es allein,

weil dieser Mensch mehr Gott ist denn Creatur (Eckart +fol.+

309). Hieran knüpft sich dann der Gedanke, daß die Glorificirung des

Creatürlichen nur geschehe mittelst eines steten Absterbens. Die

Anwendung auf Christum liegt nahe. Obgleich er ohne Sünde ist, ist er

doch nicht gut (im metaphysischen Sinne), bevor er seine Bestimmung

verwirklicht, bevor er die Welt der Endlichkeit und des Stückwerks

verlassen hat. Er wird nur gut dadurch, daß er erst wie das Waizenkorn

in die Erde falle und sterbe.

Wie die Weihnachtspredigt fast immer den Inhalt hat, daß Gottes Sohn

nicht nur von Maria geboren sey, sondern täglich in jeder gläubigen

Seele geboren werde, daß Maria erst Christum geistig gebären mußte,

bevor sie ihn leiblich gebären konnte, und daß sie viel seliger sey

durch die geistige, denn durch die leibliche Geburt: so ist die

Osterpredigt eine fruchtbare Rede vom Waizenkorn und ein Nachhall vom

Worte des Herrn: Es ist euch nützlich, daß ich hingehe (damit ich

nemlich in euch auferstehe). Selbst das liebliche Bild unseres lieben

Herrn Jesu Christi und seine getreue, väterliche, fruchtbare Gegenwart

war seinen Jüngern schädlich und hinderlich an ihrer Seligkeit; denn

sie liebten ihn als einen Menschen, der noch sterblich war. Es sey

denn, daß die Seele über alle erschaffene Dinge erhoben und aufgetragen

werde, so mag der heilige Geist nicht in sie kommen; und alle göttliche

Werke, die Gott wirkt, die wirkt er nicht in Zeit und Raum, sondern im

Geiste (Tauler's Pred. 3, 94. Eckart +fol.+ 262). Der Gegensatz

von Christi Bild und Christi Wesen stellt sich hier von selbst ein, und

die fromme Seele legt sich die Frage vor, ob es doch nicht besser sey

das Leben und Leiden ihres Heilandes ohne Bild zu bedenken, als es zu

bedenken im Bilde.

Was ist besser, sagt Tauler, daß ich ausgehe alles meines eignen

Wirkens, Wollens, Denkens, und mich ledig halte aller Bilde -- oder daß

ich denke an unsers Herrn Leiden, an sein Leben und an sein Bild, daß

Gott mich geschaffen, mir meine Sünde getragen und mir das ewige Leben

geschenkt hat? Alles dieses ist gut und sollte billig die Liebe reizen

und dich in große Dankbarkeit bringen. Aber wo diese Bilde eindringen

und Stätte haben, da möchten auch andere Bilde mit eindringen. Darum

müssen wir uns ledig aller Bilde halten, daß uns das Wesen der Wahrheit

blöslich erscheine und leuchte. Nicht daß man des Herrn Pein und sein

Bild verschmähe, oder darüber hinfliehe, sondern aus großer Liebe und

Dankbarkeit soll, wer es kann, dieses ohne Bild bedenken. Dieses ist,

als wenn mir Jemand fünf Schilling schuldig wäre, gäbe der mir fünf

Mark, er hätte sich nicht versündigt. Viele gute Menschen werden an

ihrer Vollkommenheit gehindert, weil sie mit gar zu großer Lust an

Christi Menschheit haften. Denn so wir auch die göttliche Wahrheit in

Christo ~anschauen~, so sind wir dennoch nicht vollkommen selig,

denn ~dieweil wir an der Schauung sind, so sind wir nicht Eins mit

dem, was wir schauen~, und dieweil Etwas ist in unserm Gemerk oder

Verstand, so sind wir nicht Eins in dem Einen. Man kann Gott nicht

sehen als mit Blindheit nicht bekennen als mit Unbekenntniß (Tauler's

Pr. 1, 202. 2, 78).

Die mystische Identität, die über die Anschauung und den bildlichen

Christus hinausgeht, geräth hiedurch aufs neue in Conflict mit dem

Offenbarungsbegriff. Die wahre Identität des Subjects und Objects im

Glauben, in der Erkenntniß und Liebe, fordert allerdings, daß das

Geglaubte, Geliebte, Erkannte der Seele innerlich gegenwärtig und

einwohnend sey, aber als dieses innere Daseyn hört es doch nicht

auf zugleich dem Bewußtseyn ein selbständiger ~Gegenstand~ zu

seyn, der als solcher ihr wahrhaft äußerlich ist und bleibt. Wenn

nun die Vorstellung und das Bild mit Recht auf den Gedanken und das

Wesen zurückgeführt werden, damit der äußere Inhalt ein innerer

werde, so kann damit vernünftigerweise nicht an die Vernichtung der

Anschauung, sondern nur an ihre Verklärung gedacht werden. Mit der

Vernichtung der Anschauung ist auch die Wirklichkeit des Gegenstandes

vernichtet, Object und Subject vermischen sich chaotisch in der

unbestimmten Allgemeinheit des Wesens, sie werden ein tautologisches

Einerlei anstatt einer höhern, geistigen Einheit. Denn wie der Gedanke

die innere Gegenwart der Sache, die Wesenseinheit des Gegenstandes

und des Selbstbewußtseyns enthält, so enthält die Vorstellung die

Unabhängigkeit der Sache vom Selbstbewußtseyn, ihre selbständige,

gegenständliche Wirklichkeit. Das Innere und das Aeußere, das Immanente

und das Transcendente, Gedanke und Vorstellung, Wesen und Bild, Begriff

und Anschauung setzen sich in der wirklichen Identität gegenseitig

voraus und werden durch einander bestätigt. In der wahren Betrachtung

Christi muß darum sein Wesen im Bilde, sein Bild im Wesen geschaut

werden. Und wie behauptet werden muß, daß dieses Bild in uns Wesen

werden, ja ursprünglich Wesen seyn müsse, so ist es nicht minder wahr,

daß dieses allgemeine gottmenschliche Wesen in uns »~Gestalt~«

gewinnen solle. Gestalt aber gewinnt es nur dadurch, daß es gebildet

werde nach dem Bilde Christi. Es ist der bildliche (historische)

Christus, durch dessen Vermittelung erst der innere, wesentliche

Christus aus dem Mysterium der menschlichen Seele heraustreten und,

die esoterische Tiefe der Möglichkeit, das dunkle Reich der Ahnungen

verlassend, im wirklichen Bewußtseyn auferstehen kann. Das mystische

Bewußtseyn, welches von der Offenbarung Christi abstrahirt, will

verschmelzen mit dem in der Tiefe der Seele verborgenen Christus,

der als solcher weder Gegenstand der Liebe noch des Erkennens seyn

kann. Dasselbe, was wir im vorigen Abschnitte im Verhältnisse des

Mysteriums und der Offenbarung, des verborgenen und des offenbaren

Gottes nachgewiesen haben, wiederholt sich hier auf dem Gebiete der

Christologie. Wenn das Bild Christi dem Blicke schwindet und das

Bewußtseyn nur das gestaltlose Wesen ergreift, dann merkt es wohl,

daß es Abend werde in ihm und außer ihm, und es sehnt sich vom

Schattenreiche zurück zum hellen Tage der Offenbarung, zum gestalteten,

fleischgewordenen Worte. Und hat es nun wieder den Gegenstand seiner

Liebe gefunden, steht es vor der Incarnation, vor dem sichtbaren Gotte,

dann bedenkt es, daß Gott doch nur wohne in einem reinen Lichte, und

es jagt wieder nach der bildlosen Identität. Es macht die +via

negationis+ durch, und vollzieht seinen christologischen Akosmismus.

Eine wichtige Bestimmung, die oft vorkommt, wo die historische

Wirklichkeit Christi und seine eingeborne Persönlichkeit festgehalten

und gesichert werden soll, ist diese, daß Christus von ~Natur~

ist, was alle Andere erst durch die ~Gnade~ werden sollen. Aber

diese wichtige dogmatische Idee, die in den Schriften der Mystiker

sehr häufig vorkommt als ein Correctiv, kommt nicht zur wirklichen

Entwickelung, weil sie nicht mit dem Gedanken, durch welchen sie

erst in das rechte Licht gestellt wurde, in Verbindung gebracht

wird, dem Gedanken nemlich von Christo als dem Haupte der Gemeinde,

dem persönlichen Einheitspuncte, in welchem sowohl das Geschlecht

wie das Individuum ihre Vollendung erreichen. Allein der der ganzen

Gemeinde offenbare Christus, der Allen Alles ist und nur durch Alle

in Verhältniß steht zu Jedem, nur durch das Leben der Gemeinde als

seines geistigen Leibes und Organismus sich dem Einzelnen mittheilt,

tritt überall in der Mystik in den Hintergrund[24]. Der Mystiker,

der selbst, wenigstens partiell, vom Leben der Gemeinde getrennt

ist, denkt sich seinen Christus nach seinem eignen Gleichnisse und

Bilde als den einsamen, subjectiven Gottmenschen, dessen Herrlichkeit

nicht verträgt sich dem Blicke der Menge zu zeigen, sondern nur in

einen geheimen Rapport tritt mit der einzelnen Seele. Da es so der

Persönlichkeit Christi an der rechten historischen Haltung fehlt, so

kann sie nicht festgehalten werden und erhält vom Anfange an eine nur

esoterische Physiognomie. Das Mystische zeigt sich wieder darin, daß

die Offenbarung Christi außerhalb seiner Gemeinde und seiner ihr stets

gegenwärtigen Geschichte gesucht wird. Außerhalb der Gemeinde aber ist

Christus der verborgene, nur an sich seyende Gottmensch. Offenbarung

ist Erscheinung des Geistes für den Geist; als Offenbarung der Wahrheit

ist sie nicht zunächst für das einzelne, sondern für das allgemeine

Bewußtseyn. Christus als die persönliche Wahrheit kann nur der Gemeinde

offenbar seyn; nur das Gemeindebewußtseyn ist das rechte Organ für

die Auffassung Christi. Darum ist nur der Christus der Gemeinde der

einzige wahre Christus, und nur wie er seiner Gemeinde erschienen

ist, so ist er. Denn wie jegliches Licht nur dem entsprechenden Auge

Licht ist, so ist »das Licht der Welt« nur für das universelle Auge,

für den geistigen Sinn der Gemeinde. Zu behaupten, daß der Christus

der Gemeinde nicht der wahre sey, ist dasselbe wie zu behaupten,

daß Christus überhaupt nicht geoffenbart sey. Denn eine Offenbarung

für einen esoterischen Kreis von Individuen, welche nicht die Kraft

hätte allgemein und exoterisch zu werden, wäre +eo ipso+ nicht

die wahre Offenbarung, sondern nur eine abstracte, subjective Seite

derselben. Hier trifft die Mystik oft zusammen mit den gnostischen

Systemen, welche auch den wahren Christus außerhalb der Gemeinde suchen

und ihn dadurch nur aus dem Offenbarungskreise herausrücken, ihn mehr

verbergen, denn in das rechte Licht stellen. Der persönliche Christus

wird in solchen Systemen unkenntlich gemacht und in eine unbestimmte,

nebelhafte, gleichsam vermummte Gestalt verwandelt, wodurch der

Betrachter nur mystificirt wird. Alle Gnosis aber ist nur wahr in dem

Maaße, als sie sich aus dem Gemeindebewußtseyn entwickelt hat und

wieder in dieses übergehen kann, wieder zurückgeben kann, was sie aus

dessen Fülle empfangen hat.

Da der mystische Christus außerhalb der Gemeinde ist, so vermag auch

das Bewußtseyn ohne Vermittelung der Gemeinde und der kirchlichen

Gnadenmittel zu ihm in Verhältniß zu treten. Im Vorhergehenden hat das

Princip sich darin gezeigt, daß die Idee des Vaters in das farblose

Pleroma überschlug, daß die Persönlichkeit und Incarnation des Sohnes

sich in das »Wesen« Christi auflöste. Im Dogma vom Geiste zeigt das

mystische Princip sich darin, daß die Nachfolge Christi unabhängig vom

Gemeindeleben vorgenommen wird, daß das reiche, ausgebreitete Leben des

Geistes in der Gemeinde zu einem innerlichen Weben in der einzelnen

Seele einschwindet, wo er seine unmittelbaren Wirkungen ausübt. Die

mystische Aneignung des göttlichen und seligen Lebens, der praktische

Weg der Seele zur Vollkommenheit wird jetzt die Aufgabe unserer

Darstellung. Erst hiemit kann das ganze Bild sich abschließen.

[Illustration]

III.

Das höchste Gut und die Tugend.

Die Natur, die Gnade und das Wesen.

Princip und Grundlage der mystischen Ethik ist schon im Bisherigen

gegeben. Die Aufgabe ist bestimmt als die Nachfolge Christi, welches

nicht auf äußerliche Weise zu nehmen ist, sondern so, daß dieselbe

praktische Aufgabe, die im Leben Christi gelöst wurde, auch im Leben

des wahren Mystikers gelöst werde. Niemand ist gut, denn der einige

Gott; das höchste Gut ist von Gott selbst nicht verschieden; da Gott

aber nicht ohne den Menschen seyn will, weil er im Menschen sich

selbst anschauen will und die menschliche Natur zum Mittel gesetzt

hat für die Offenbarung des ewigen Sohnes, so ist es die Bestimmung

der menschlichen Natur den Sohn zu offenbaren, die Einheit göttlicher

und menschlicher Natur zu verwirklichen. Unablässig treibt der Vater

den Menschen ihm den Sohn zu gebären; die Nothwendigkeit der eigenen

göttlichen Natur zieht ihn zur menschlichen Natur. Wie aber die

Offenbarung der göttlichen Natur nicht ohne den freien Willen des

Menschen vollzogen werden kann, so findet andererseits dieser seinen

Ruhepunct nur in Gott. Das höchste Gut als unendlicher Zweck des

menschlichen Willens ist also seine Einheit mit dem göttlichen Wesen;

die sowohl menschliche wie göttliche Nothwendigkeit des Willens diesen

Zweck zu verwirklichen ist die Pflicht; und dieses Thun selbst, die

Verwirklichung des Ideals, ist die Tugend.

Das moralische Ideal hat hier eine ganz andere Bedeutung als in der

Ansicht des abstracten Moralismus. Diese nimmt das Ideal als ein in

aller Ewigkeit unerreichbares Ziel, welches bei jeder Annäherung sich

immer weiter entfernt; sein Inhalt ist nur ein leerer Begriff des

göttlichen Willens, der sich in einem Systeme abstracter Pflichtgebote

ausspricht. Hier fordert im Gegentheil sowohl die göttliche wie die

menschliche Natur die Wirklichkeit des Ideals, und dessen Inhalt ist

nicht blos der göttliche Wille, sondern das göttliche Wesen in dessen

Einheit mit dem menschlichen. Daß die Forderung, der Mensch solle

den göttlichen Willen thun, recht verstanden, nicht verschieden sey

von der Forderung, der Mensch solle Gott realisiren, sein Wesen zur

actuellen Wirklichkeit bringen -- diese Erkenntniß ist die Seele aller

religiösen und speculativen Ethik. Die Mystiker treffen hier mit den

gründlichsten Moralphilosophen zusammen, sowohl mit Spinoza wie mit

Fichte. In der Ethik des Spinoza ist die göttliche Substanz der einzige

Gegenstand des sittlichen Strebens; seine intellectuelle Liebe ist die

Einheit des denkenden Willens mit dem göttlichen Wesen und ein Theil

der unendlichen Liebe, mit welcher Gott sich selbst liebt. So wird auch

in der moralischen Weltanschauung Fichte's Gott als die eigentliche

Aufgabe des menschlichen Handelns bestimmt. Die Verwirklichung Gottes,

der sittlichen Weltsubstanz, ist die allumfassende Pflicht des

Menschen.

Meister Eckart · 第 8 / 11 段