Aber indem das Daseyn der Welt gesetzt wird als vermittelt durch den

Sohn, muß andererseits die Offenbarung des Sohnes ebensosehr als durch

die Welt vermittelt gesetzt werden, und jene Betrachtung, welche

lehrt, ohne Welt sey Gott nicht Gott, erhält hier ihre nothwendige

Gültigkeit. Die Schöpfung und die Menschwerdung des Sohnes können

nicht außerhalb des trinitarischen Processes fallen, so gewiß als

Gottes +manifestatio ad extra+ und +ad intra+ nur Momente

desselben Begriffes sind. Der Satz: ohne Welt ist Gott nicht Gott,

erhält christliche Bedeutung, wenn er vom Standpuncte der Trinität

ausgesprochen wird und den Sinn hat, daß ohne Welt der Sohn Gottes

seinem Begriffe nicht entsprechen würde. Soll nemlich die innere

Selbstunterscheidung Gottes eine reale seyn, soll es Ernst seyn mit

der Anderheit in Gott, so muß der Sohn in seiner Wesenseinheit mit

dem Vater zugleich wesentlich verschieden seyn vom Vater, das heißt,

er muß auf einmal göttliche und nicht-göttliche, d. h. kosmische

Natur haben. Er muß nicht nur der Eingeborne des Vaters, sondern auch

der Erstgeborne ~der ganzen Schöpfung~ (Kol. 1, 15), nicht blos

Gott, sondern auch Mensch seyn. Es würde sonst die Anderheit nicht zu

ihrem vollen Rechte kommen, das Verhältniß der Objectivität zwischen

Vater und Sohn wäre kein im höchsten Sinne reales. Als θεὸς δεύτερος

kann der Sohn sich nur offenbaren mittelst der Anderheit göttlicher

Natur; es muß eine creatürliche Welt gesetzt werden als das Andere des

Sohnes, die ihm aber eben deswegen zugehört und ihn zum Principe hat.

Was also aus einem Gesichtspuncte Schöpfung ist, Hervorbringung einer

Welt, die wesentlich verschieden ist vom Sohne Gottes, ist, aus einem

anderen Gesichtspuncte angesehen, die ewige Menschwerdung des Sohnes.

In der menschlichen Natur, welche +capax dei+ ist, kann der

Sohn offenbar werden als die persönliche Weltseele, als das innerste

Selbst des Universums, ihr Versöhner und Mittler, und da er in dieser

seiner Welt-Natur nicht aufhört göttliche Natur zu haben, welche

ihm als dem ewigen Wesensbilde des Vaters zugehöret, so ist er das

wahre, persönliche Nicht-Ich, welches der Vater sucht. Erst dann kann

die Liebe des Vaters zum Sohne als eine reale Liebe gedacht werden,

wenn er in ihm nicht nur seine eigne göttliche Natur liebt, sondern

zugleich eine andere Natur, wenn er seinen Eingebornen liebt als den

Erstgebornen der Schöpfung und in ihm die ganze Welt, das ganze in ihm

verfaßte System erschaffener Geister. Es ist ein bedeutungsvoller Zug

in Dante's Paradies, wo die Beschauung der Dreieinigkeit dem seligen

Blicke aufgeht, daß mitten im leuchtenden Kreise der Dreieinigkeit ein

kleineres Bild sich findet, welches als das Bild des Menschen erkannt

wird. Der dreieinige Gott kann nicht den Menschen entbehren. Gott

kann nicht den Gedanken seines eignen Ichs vollziehen ohne damit auch

den Gedanken des Menschen zu vollziehen, als des negativen, endlichen

Puncts, der in seiner Gegenständlichkeit seyn muß, damit diese eine

wirkliche Anderheit sey.

So hat die christliche Speculation in der Bestimmung des Verhältnisses

des Sohnes Gottes zur Welt zwei Einseitigkeiten zu überwinden. Die

eine ist die pantheistische Vermischung der Welt und des Sohnes, der

speculative Monophysitismus, die andere die abstracte Trennung, der

speculative Nestorianismus, welcher die Welt ausschließt von der

ewigen Natur des Sohnes und keine ewige, sondern nur eine historische

Menschwerdung kennt, nicht bedenkend, daß die zwei Naturen dem Sohne

von Ewigkeit zugehören müssen und daß die Idee des Menschengeschlechts

als des Reiches des Sohnes unzertrennlich ist von ihm, dem Haupte

(Kol. 1. Ephes. 1). Wie verhält sich nun die Mystik zu diesen

Bestimmungen? Es liegt in ihrer Natur, daß sie nicht selten in die

pantheistische Vermischung des Sohnes und der Welt hineingeräth, aber

die Anderheit kommt doch auch zu ihrem Rechte. Wenn Eckart sagt, daß

der Sohn ausgeflossen sey aus der Natur des Vaters und sey Eins mit

ihm geblieben im Wesen, wir aber seyen ausgeflossen von den Personen

(also von der in sich seyenden Trinität) und haben empfangen ein

fremd Wesen, dann ist hierin die christliche Wahrheit ausgesprochen.

Ganz in Uebereinstimmung mit der Entwickelung der Scholastiker wird

der Unterschied der Personen in der Trinität dargestellt. Der Sohn

entspringt aus der Wurzel des Vaters, und dieses ist nicht ein Werk

seines Willens oder Vorsatzes, sondern die Nothwendigkeit seiner

Natur; denn indem Gott den Abgrund seines Wesens durchschaut, muß er

sich aussprechen in Selbsterkenntniß, und diese Selbsterkenntniß ist

die ewige Zeugung des Sohnes. Gott erkennt sich selbst im Sohne, aber

der Erkannte und der Erkennende sind Eins. Indem der Vater ausgeht in

den Sohn, geht er wieder in sich ein durch den heiligen Geist. Es ist

ein ewiger Ausgang und ein ewiger Eingang. Der Vater entgießt sich

nach minnereicher Mildigkeit des Willens in den Sohn und wiederum der

Sohn ergießt sich nach Lieblichkeit des Willens in den Vater und das

heißet eine wiederbiegige Liebe, das da ist der heilige Geist.

(Eckart +fol.+ 248. Tauler Pr. 1, 91. Suso 159.) Suso geht in

der Entwickelung der Dreieinigkeitslehre aus von dem Ausspruche eines

alten Meisters, daß Gott, nach seiner Gottheit genommen, sey als ein

weiter Ring, dessen Mittelpunct sey allenthalben und sein Umschwank

nirgends; und er fügt eine bildreiche Betrachtung hinzu. Wenn Jemand

mit einem Stein mitten in ein stillstehendes Meer würfe mit einem

solchen Vermögen, daß das ganze bewegt würde, dann würde ein ungeheurer

Ring im Wasser und aus diesem Ringe würde ein zweiter Ring; der erste

Ring bedeutet den Vater, der zweite den Sohn; beide bringen einen

dritten Ring hervor, der bedeutet den Geist beider. So bezeichnen die

drei Kreise Vater, Sohn und heiligen Geist. In diesem tiefen Abgrund

ist die göttliche Natur in dem Vater sprechend und gebärend das Wort

heraus nach Persönlichkeit, innebleibend nach Wesenheit, das an sich

nahm ~die natürliche Menschheit~. Denn aus dem großen Ringe, der

da bedeutet die Gottheit, fließen aus, nach bildreicher Gleichniß,

kleine Ringlein, das sind die Seelen. Und wie im Ringe der Gottheit ist

ein zirkeliges Wiederbiegen des Endes auf den Beginn, so hat auch die

Seele oder vielmehr das Bild Gottes im vernünftigen Gemüthe allezeit

ein Starren, einen Widerblick und ein Wiederbiegen auf ihren Ursprung

(169. 158). Durch solche bildliche, gleichnißgebende Reden will Suso

nur unserer Schwachheit zur Hülfe kommen um durch diese Bilder andere

schlechtere Bilder aus der Seele auszutreiben; denn in der Wahrheit

ist dieses Alles bildlos und wird nur mit bildlosen Sinnen erfaßt. --

In der begrifflichen Entwickelung der persönlichen Unterschiede in

der Trinität enthält die Scholastik einen größeren Reichthum subtiler

Distinctionen, aber das Eigenthümliche der Mystik in diesem Dogma ist

darein zu setzen, daß sie die Schöpfung und die Menschwerdung Gottes

als nothwendige Momente des trinitarischen Processes erfaßt hat, daß

die Idee des Sohnes ihr unzertrennlich ist von der Idee der Welt.

~Gottes Sohn und die menschliche Seele~ stehen immer gleichsam

mit einem Schlage vor der Beschauung. Es ist das Wesen des Vaters, daß

er den Sohn gebäre, und es ist das Wesen des Sohnes, daß er geboren

werde und ~daß ich in ihm geboren werde~, und so ist es auch

das Wesen des Geistes, ~daß ich in ihm verbrenne~ und in Liebe

verschmelze (Eckart +fol.+ 245). Das Kosmische, das Creatürliche

ist also nothwendig zur Manifestation des Sohnes und des Geistes. In

seinem ewigen Worte spricht der Vater alle Creaturen und in diesem

Worte spricht er meine Seele und deine Seele. Der Sohn wird in der

Seele geboren auf dieselbe Weise wie in Ewigkeit und nicht anders, und

Gottes eigne Natur hanget daran, daß der Sohn in der Seele geboren

werde; darum nöthigt und treibet er uns, daß wir ihm den Sohn gebären

(+fol.+ 260, 290, 304). Es ist nicht genug, daß der Sohn Gottes

aus Maria geboren wurde, sondern täglich wird er geboren und soll

geboren werden in jeder gläubigen Seele[22]. Es ist also die Bestimmung

des Menschen das »Andere« zu seyn für die Offenbarung des Sohnes.

Darum stellt die Mystik es auch als die höchste praktische Aufgabe,

die tiefste Verpflichtung für den Menschen, daß die Menschwerdung des

Sohnes in ihm vollzogen werde, daß er Gott Raum gebe in der Seele,

daß er die himmlische Geburt nicht hindere. Da der Sohn nicht ohne

die menschliche Natur ist, so kann Eckart ferner die kühne Behauptung

aufstellen, daß der heilige Geist ebensowohl vom Menschen ausgehe, wie

von Gott. Denn da die vollständige Idee des Sohnes nicht verschieden

ist von der Idee des ewigen Gott-~Menschen~, so muß der Ausgang

des Geistes vom Sohne ebensosehr ein Ausgang von der menschlichen Natur

seyn, wie von der göttlichen.

Es ist eine natürliche Folge des subjectiven Charakters der Mystik,

daß eine ausführliche Entwickelung des Creations- und Trinitätsdogma

~als solchen~ hier keinesweges die Hauptsache ist. Ziel und

Endzweck der Mystik ist ja nur das Leben in Gott, die subjective

Einigung mit dem höchsten Gut. Hier ist kein Interesse für eine

theoretische Construction des Universums; die Trinitätslehre wird

nicht angewendet als Schlüssel zur Natur und Geschichte, wie bei den

späteren Theosophen. Nur die Idee von der ewigen Menschwerdung des

Sohnes hat ein bleibendes Interesse für das subjective Bewußtseyn der

Mystiker. Dieser Gedanke von der ~ewigen~ Einheit göttlicher und

menschlicher Natur wird der Betrachtung Mittelpunct für die Seele,

deren einziges Trachten es ist diese Einheit praktisch zu verwirklichen

und zu erleben. Von diesem Gedanken ist der Geist des Mystikers, ja

seine ganze Individualität wie imprägnirt, und jeder andere dogmatische

Gedanke verhält sich zu diesem wie ein Nebengedanke, der Bedeutung

und Farbe nur erhält in Beziehung auf diesen. Gibt sich der Mystiker

auch momentan einer objectiven Betrachtung hin, so liegt doch immer

die Beziehung auf seine eigene Vergottung im Hintergrunde, und die

Betrachtung springt plötzlich ab, um wieder auf dieses Hauptthema

zurückzukommen.

Das Eigenthümlichste in dogmatischer Beziehung müssen wir deshalb in

der ~Christologie~ suchen. Da jede mystische Betrachtung über

das Wesen der Seele die Einheit menschlicher und göttlicher Natur zum

Resultate hat, so sind die Schwierigkeiten verschwunden, mit welchen

eine streng supranaturalistische Christologie behaftet ist. Die Idee

Christi wird nun dem Menschen die allernatürlichste, denn nach seiner

Idee ist jeder Mensch Christus. Aber indem dieser Gedanke ausgesprochen

wird, tritt ein Wendepunct und ein Gegensatz ein zur kirchlichen

Christologie. Die kirchliche Dogmatik, so wie sie theils in den

Symbolen, theils in den Entwickelungen der Scholastiker hervortritt,

setzt die Einheit göttlicher und menschlicher Natur nur an einem

isolirten Puncte in der Geschichte, in einem einzelnen Individuum; nun

wird sie ausgesprochen als eine ewige Einheit, die an allen Puncten

gegenwärtig ist. Das Eintreten Christi in die Geschichte gilt dem

kirchlichen Bewußtseyn als ein absolutes Wunder, das Bewußtseyn der

Gemeinde ist durchdrungen vom Gefühle ihres unendlichen Abstandes und

Unterschiedes vom Gottmenschen; nun wird in Christo Nichts angeschaut,

was nicht in der Idee der menschlichen Natur selbst gegeben ist, und

anstatt seine unendliche Majestät und seinen Unterschied von Allen

vorzustellen, wird jetzt der Gedanke vorherrschend, daß Christus

der Erstgeborne sey unter vielen ~Brüdern~. Dieses ist das

Epochemachende der mystischen Christologie, daß sie die Wesenseinheit

des Menschen mit Christo zum Mittelpuncte der Betrachtung gemacht hat.

Nach unserer leiblichen Geburt, sagt Tauler, sind wir Menschen wohl

unterschieden von einander, aber in der ewigen Geburt ist nur ein Sohn

Gottes. Denn in Gott ist nur ein Ursprung, ein Anfang, und darum sind

nicht zwei Geburten, sondern nur eine Geburt, nicht zwei Söhne, sondern

nur ein Sohn. Darum, sollst du ~ein~ Sohn seyn mit Christo, so

mußt du ~ein~ ewiges Ausfließen seyn mit dem ewigen Worte (Pr.

1, 56). Die Identität der ewigen Geburt der Menschen mit der ewigen

Geburt Christi wird nun näher gesetzt in der Allgemeinheit menschlicher

Natur, alsfern diese in ihrer Reinheit genommen wird mit Ablegung

alles Zufalls. Denn, aller individueller Verschiedenheit ohnerachtet,

sind alle Menschen Eins in der einen menschlichen Natur, die ihrem

Begriffe nach mit der göttlichen unauflöslich vereinigt ist, und, im

Wesen angesehen, hat Christus keine andere menschliche Natur, als der

niedrigste und elendeste Mensch. Nach der Natur sind alle Menschen mir

gleich nahe, der mindeste wie der höchste, der thörichtste wie der

weiseste, der Kaiser wie der Pabst; aber nach der Person sind sie von

mir unterschieden. So ist auch die menschliche Natur unseres Herrn

Christi mir so nahe wie ihm, und Alles was Christus hat nach seiner

menschlichen Natur, das gehöret mir in derselben Natur. Aber wehe

mir, wenn ich ihm in der Natur gleich bin, in der Person aber mir

selbst näher bin mit eigener Liebe und Eigensucht. Darum hat Mensch

und menschliche Natur großen Unterschied. Als der ewige Sohn in der

Fülle der Zeit menschliche Natur annahm, da nahm er sie nicht an sich

nach diesem oder jenem Menschen, sondern er nahm an sich die freie,

~ungetheilte~ menschliche Natur. Willst du nun ein Sohn seyn,

so mußt du von dir abscheiden Alles, was Unterschied in dir macht,

und abthun Alles, was da ist ein Zufall der Natur. Wie wenn man einen

Menschen nennet und ansiehet als Petrus oder Paulus, dann betrachtet

man den Zufall menschlicher Natur. Du aber hüte dich, daß du dich nicht

nehmest, als du dieser Mensch oder der bist, sondern nehme dich nach

der Freiheit ungetheilter menschlicher Natur. Du sollst dich so wenig

bekümmern um deine Person, wie du dich bekümmerst um den Sultan, der da

lebet jenseits des Meeres. Wenn du dich dann nehmend bist in der Natur,

die Gott geworden ist durch Annehmung des ewigen Worts, dann bist du

auch ein Sohn des ewigen Vaters mit Christo. Wäre meine Seele nur so

bereitet wie die Seele unseres Herrn Christi, dann wirkte der Vater

in mir wie in seinem eingebornen Sohne und nicht anders. Denn diese

Natur, die auch meine Natur ist, nahm der Sohn Gottes an sich und in

der Natur zog er mich gänzlich in sich; wenn ich nun mit meiner Person

zurückbleiben will, was kann er dafür? (Tauler Pr. 1, 56. 2, 21. Eckart

+fol.+ 251, 268.)

Durch diese Vertiefung der Seele in sich selbst macht sie sich

frei vom Supranaturalismus der Kirchenlehre, Christus ~in uns~

wird der herrschende Gedanke und das religiöse +a priori+ (+ab

interiori+) macht sich geltend gegen das kirchliche +a posteriori+

(+ab exteriori+). Dieses ist nicht nur das Verhältniß der Mystik zur

Scholastik, sondern zum ganzen herrschenden Katholicismus. Wie löst

sich nemlich dem Katholicismus die Hauptfrage der Kirche von der

Gegenwart Christi in der Gemeine? Offenbar will der Katholicismus

Christum nicht nur auf geistige, sondern auch auf sinnliche Weise

festhalten; er will die Kirche zu einem universellen Abbilde machen von

Christi sinnlicher, leiblicher Gegenwart auf Erden. Die universelle

Form aber, in welcher die Idee in sinnlicher Weise vorhanden ist,

ist die Kunst, und der Katholicismus wird in seinem Cultus die

Kunstreligion des Christenthums. In Bildern und Tönen wird Christus

zur geistig-sinnlichen Gegenwart gebracht; sein Leib und Blut werden

im Abendmahl als unmittelbare sinnliche Realitäten den Gläubigen

dargeboten; in der Messe wird sein Opfer für die Sünde der Welt immer

aufs neue vollzogen. Aber das gläubige Gemüth ist nur Zuschauer und

Zuhörer, nicht Mitwirker in dem Processe, wodurch Christus in die

Gegenwart hineintritt; Christus wird nur zur Schau gestellt, er

bleibt ein Aeußeres und eine undurchdringliche Schranke stellt sich

zwischen ihn und den Gläubigen. Im Gegensatze zu diesem exoterischen

Cultus bilden die Mystiker einen stillen, esoterischen Geisterchor,

der sich abwendet von der blendenden Bilderwelt und das ~unbildliche

Wesen~ Christi in der menschlichen Natur selbst sucht. Wenn die

Kreuzfahrer, getrieben von der exoterischen Tendenz des Katholicismus,

auszogen um das heilige Land, als die theuerste Reliquie des Herrn,

wiederzugewinnen, wenn die frommen Pilger eine Beruhigung darin fanden,

das Land zu betreten, wo der Herr wandelte in den Tagen des Fleisches,

weil sie meinten an diesen Orten seine Gegenwart auf eine reellere

Weise ~erfahren~ zu können, als anderswo, so weiß die Seele nun in

der unendlichen Gewißheit ihrer Erfahrung, daß sie selbst der einzige

Ort sey, wo Christus gesucht werden solle, und daß er hier sey oder

nirgends. Das +itinerarium mentis+ der Mystiker ist das Gegenbild der

Wallfahrten zum heiligen Lande; die mystische Wallfahrt ist nicht ein

Ausgang, sondern ein fortgesetzter Eingang durch Vernichtung der Zeit

und des sinnlichen Orts. Und wenn die Mystiker in der Nachfolge Christi

in ihrer eignen Individualität die verschiedenen Momente der Geschichte

Christi zu reproduciren suchten, so sind sie hierin das geistige

Gegenbild zu den christlichen Märtyrern. Denn die Märtyrer treten

hervor auf dem Schauplatze der Wirklichkeit und in einem äußeren Kampfe

mit der Welt reproduciren sie die Leidensgeschichte auf sinnliche

Weise durch das leibliche Leiden und den wirklichen Tod. Die Mystiker

aber gehen nur darauf aus Christum zu reproduciren auf unsinnliche

Weise; die Geschichte wird Idee und namentlich wiederholt sich die

Leidensgeschichte geistig als eine unsichtbare Reinigung, als das

Absterben der Seele von der Welt der Sünde, von der Natürlichkeit und

der Bildlichkeit.

So hat sich ein Gegensatz ausgebildet von einer esoterischen und

exoterischen Betrachtung Christi, und die theologische Antinomie von

Empirie und Idee, von dem historischen und dem idealen Christus, die

sich so scharf ausspricht in unseren Tagen, regte sich schon in jener

Zeit. Indem wir nun zur näheren Entwickelung dieses Punctes übergehen,

müssen wir noch einmal einschärfen, daß unsere Mystiker sich in kein

bewußt polemisches Verhältniß zum Dogma der Kirche stellen, daß sie

vielmehr stets die Kirchenlehre voraussetzen und nur eine tiefere,

~praktische Aneignung~ dieser bewirken wollen[23]. Aber in dieser

subjectiv-praktischen Aneignung kommt das religiöse und speculative

+a priori+ zum Durchbruch, und die Tradition muß der Idee weichen.

Der erste Schritt in der Entwickelung des idealen Christus ist

in der heiligen Ueberlieferung selbst, der Unterscheidung einer

esoterischen und exoterischen Betrachtung des Heilandes zu finden.

Zum Evangelium Johannis mit seiner pneumatischen, mehr ewigen als

historischen Auffassung des Heilandes, wo der Gedanke vom Leben in

Gott und der Gemeinschaft mit Christo -- in uns und wir in ihm -- im

contemplativen Geiste immer aufs neue geboren wird, fühlen sich die

Mystiker besonders hingezogen. Daß in diesem Evangelium der mystischen

Contemplation ein bedeutender Anknüpfungspunct gegeben ist, kann

nicht verkannt werden. Auch hier ist die Einheit der ~Seele~

mit Gott der Mittelpunct, auch hier ist es nur ein kleiner Inbegriff

großer Ideen, der unmittelbar geschaut und ohne weitere Entwickelung

geistig wiederholt wird, ohne daß doch das Bewußtseyn selbst an

dieser Wiederholung ermüdete, weil es von der verborgenen Fülle des

Inhalts ergriffen ist. Der Eindruck, den es auf die Mystiker gemacht

hat, zeigt sich in dem johanneischen Ton, der so oft ihre Rede von

den göttlichen Dingen durchklingt. Das Evangelium Johannis hat alle

mystische Geister der Christenheit gestimmt. In dieser contemplativen

Stimmung, welche nicht den Heiland sucht im Getümmel der Welt, sondern

ihn im Lichte der Ewigkeit schauen will, wie er sich denen offenbaret,

die ihn lieben, schreitet die Mystik nun weiter. In der evangelischen

Ueberlieferung finden sich Momente, wo der Unterschied des Esoterischen

und Exoterischen im Factischen selbst zum Vorschein kommt. So ist

die Gestalt Christi eine andere vor der Auferstehung und nach der

Auferstehung. Nach der Auferstehung ist seine Gestalt verklärt, aber in

dieser offenbart er sich nicht dem Haufen, sondern nur den Jüngern, wie

er auch nur vor ihren Augen gen Himmel gefahren ist. Ein anderer Zug

ist die Transfiguration, die Verklärung am Berge vor den Jüngern; nur

denjenigen, die Alles verlassen haben um ihm zu folgen, zeigt er sich

in seiner ewigen Glorie, dem Haufen aber, der in den Sorgen dieser Welt

befangen ist, verhüllt er sein Wesen. Darum sollen wir auch die Welt

verlassen und den Berg der ~Betrachtung~, den geistigen Thabor

ersteigen, wenn wir ihn nicht nur sehen wollen im sinnlichen Gewande

der Erscheinung, sondern so wie er ist.

Christus selbst unterscheidet diejenigen, die draußen sind und nur die

Lehre in Gleichnissen zu fassen vermögen, und die, denen es gegeben

ist die Mysterien des Himmelreichs ohne Gleichnisse zu fassen. Ein

vollkommner Mensch erkennt die Wahrheit ohne alle natürliche Bilder,

und in einem innerlichen Befinden weiß er, was Gott und Creatur, was

Zeit und Ewigkeit, was Sünde und Tugend sey (Tauler Nachfolge 1. Th.

60. 80. 81). Der alte Gegensatz von πίστις und γνῶσις und der moderne

von Vorstellung und Begriff kommt auch auf eigenthümliche Weise zum

Vorschein in der Mystik als Gegensatz von ~Bild~ und ~Wesen~.

Hieran knüpft sich die allegorische Behandlung der Schrift. Worte

und Begebenheiten werden nicht in ihrer unmittelbaren, historischen

Bedeutung aufgefaßt, sondern nur als Bilder genommen. Willst du die

Kerne haben, so mußt du die Schaalen brechen, willst du das bloße

Wesen finden, so müssen alle Gleichnisse zergehen. (Eckart +fol.+

249). Hier kommt das religiöse +a priori+ zum Vorschein. Die

allegorische Auslegung will jegliche Schranke zwischen dem Inhalte

der Schrift und dem forschenden Geiste aufheben, sie will Alles als

ein ewig Gegenwärtiges erkennen. Aber die einseitige Subjectivität

zeigt sich darin, daß sie das positiv Gegebene nicht wirklich auslegt,

sondern nur ihren eigenen Inhalt hineinlegt. Sie wird eine doketische

Behandlung des Textes, wodurch dessen empirischer Inhalt und wirklicher

Sinn zu einem Scheine wird. Der Inhalt der allegorischen Auslegung

ist nur dasjenige, was unabhängig von dem geschichtlich Gegebenen

allgemeines Eigenthum des Geistes ist, und das Resultat der Auslegung

ist hiedurch prädeterminirt. So sehen die Mystiker in Allem nur das

Abbild des mystischen Processes. Wenn Tauler zum Beispiel über das

Evangelium von Jesus im Tempel predigt, so entwickelt er, wie wir

unsere geistige Geburt, Christus ~in uns~, suchen sollen. Die

Eltern suchten ihn vergebens unter den Bekannten und Freunden, aber

sie fanden ihn nur im Hause des Vaters. So müssen wir auch alle

Menschen verlassen und in unseren Ursprung einkehren. Wir müssen Alles

verlassen, was unser Eignes ist, unsere eignen Gedanken, unseren eignen

Verstand und Willen. Das sind die vielen Bekannten, die uns stören (Pr.

1, 153). Eckart predigt vom samaritanischen Weibe. Christus spricht zu

ihr, daß sie fünf Männer gehabt habe, und der Mann, den sie jetzt habe,

sey nicht ihr Mann. Das Weib bedeutet die Seele! Was bedeuten die fünf

Männer? Das sind die fünf Sinne! Mit diesen hat das Weib gesündigt,

darum sind sie gestorben. »Der Mann, den du nun hast, der ist nicht

dein Mann!« Das ist der freie Wille; der gehört nicht dem Weibe, denn

er ist gebunden in Knechtschaft der Sünde. »Bringe mir deinen Mann!«

Das ist: gib mir deinen Willen! (+fol.+ 310). Christus erweckt

den Sohn der Wittwe zu Nain. Die Wittwe ist die Seele, der todte Sohn

ist die Vernunft. Jüngling, stehe auf, spricht Christus. Die geistige

Erweckung und Auferstehung wird das Thema (+fol.+ 267). Am Tage

Marie Magdalenens predigt er über die ihr geschehene Offenbarung des

auferstandenen Herrn. Rühre mich nicht an, sagt Christus, denn ich bin

noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Warum sprach er: Ich bin noch

nicht aufgefahren zu meinem Vater, da er doch nie den Vater verlassen

hatte? Er wollte sagen: Ich bin in ~dir~ noch nicht wahrlich

erstanden (+fol.+ 281). In dem Texte von der Bekehrung Pauli folgt

er der Uebersetzung der Vulgata von +Act.+ 9, 8: »Aber Paulus

stand auf von der Erde und mit offenen Augen sahe er ~Nichts~.«

Welches Licht hatte ihn auf dem Wege nach Damascus umschienen? Es

war Gott selbst, der die Seele Pauli umschien. Gott wohnt in einem

unzugänglichen Lichte. Soll deshalb ein Mensch ihn erkennen, so muß

Gott selbst das Licht der Seele seyn. Welches war nun das »Nichts«, das

Paulus sah? Paulus sah Gott als das göttliche Nichts und die Geschöpfe

als ein creatürlich Nichts und in allen Creaturen sah er Nichts, denn

Gott.

Meister Eckart · 第 7 / 11 段