Wäre es nun genug das Grundgebrechen eines Systems im Allgemeinen

erkannt zu haben, um es damit auch wirklich überwunden zu haben,

dann hätte auch die christliche Mystik sich völlig gereinigt vom

Pantheismus, oder mit andern Worten, sie wäre nicht Mystik. Aber der

Kampf gegen den Pantheismus ist hier mehr ein Kampf +ad extra+, denn

+ad intra+. Der Pantheismus wird bekämpft, insofern er ~außerhalb~

des mystischen Subjects auftritt und seine abschreckende Consequenzen

unmittelbar gegenständlich werden, aber im eignen Geiste des Mystikers

ist die geheime Wurzel nicht vernichtet. Es ist eine Erscheinung,

die sich auf allen Gebieten des geistigen Erkennens wiederholt,

daß ein einseitiges Princip mit den schärfsten und glücklichsten

Waffen, ja auf Leben und Tod bekämpft werden kann, so lange es sich

als ein Gegenstand außer uns präsentirt, dessen ganze Schattenseite

deutlich zu Tage liegt. Aber in unserer inneren Gedankenwelt geben

wir uns dennoch nicht selten seinen geheimen Inspirationen hin, uns

sicher wähnend, weil wir ja den Feind außer uns bekämpft haben;

und dieser unbewußte Widerspruch, der sich selbst in das reinste

wissenschaftliche Bewußtseyn leicht hineinschleicht, ist für die

Mystik nicht ein Zufälliges wie für die Wissenschaft, sondern eine

nothwendige Folge ihres Wesens. Aus diesem Gesichtspuncte muß auch

der Streit beurtheilt werden, welcher nach dem Tode Ruysbroock's über

die Reinheit seiner Lehre geführt wurde. Der Pariser Kanzler Gerson

bezeichnet Ruysbroock's Lehre als ketzerisch und führt aus der Schrift

vom geistlichen Hochzeitsschmuck eine Anzahl offenbar pantheistischer

Stellen an. Ruysbroock's Apologet, Johann von Schönhofen, setzt

diesen eine Reihe anderer Stellen entgegen, die mit dem Pantheismus

in offenbarem Widerspruch sind. An der Mystik können nemlich immer

zwei entgegengesetzte Seiten hervorgekehrt werden. Ruysbroock selbst

polemisirt an vielen Stellen stark gegen den Pantheismus. Er spricht

von Ketzern, welche sagen: »Als ich stund in meinem ewigen Grunde,

da hatte ich keinen Gott, sondern was ich war, das wollte ich, und

was ich wollte, das war ich. Ich hoffe nicht, liebe nicht, vertraue

nicht; ich kann weder beten noch anbeten, denn ich gebe Gott keinen

Vorzug vor mir. Es ist kein Unterschied der Personen in Gott, nicht

Vater, Sohn, noch heiliger Geist. Es ist nur ~ein~ Gott und mit ihm

bin ich eins, dasselbe Eine, das er selbst ist; mit ihm habe ich

Alles geschaffen; ohne mich ist nichts«[21]. Da mehrere dieser Sätze,

die hier ketzerischen Secten zugelegt werden, sich fast wörtlich bei

Eckart finden, so könnte es scheinen, als wären Eckart und Ruysbroock

grundverschieden, als habe Eckart doch im Grunde der Secte der freien

Brüder angehört, Ruysbroock aber habe auf ächt kirchlichem Grunde

gestanden. Allein wir haben oben Stellen aus Eckart angeführt, welche

das ganz Entgegengesetzte jener Ketzereien enthalten, und gesehen, daß

Eckart selbst seine Lehre vom Pantheismus scheidet. Andererseits ist

es leicht aus Ruysbroock Stellen anzuführen, welche aussagen, daß der

menschliche Geist sich so in die abgründige Klarheit göttlichen Wesens

verliere, daß er nicht mehr könne gefunden werden, weil in dieser

Klarheit weder sey Anfang noch Ende, weder Zeit noch Ort, weder Weg

noch Steg, und daß die Seele nach ihrem ewigen Wesen nicht verschieden

sey von dieser göttlichen Klarheit selbst. Und eben wegen solcher

Aussprüche ist Ruysbroock schon frühe verdächtigt worden, als habe er

jener freigeistigen Secte angehört.

Wir gehen jetzt weiter in der Betrachtung des Offenbarungsbewußtseyns

der Mystiker und ihrer geistreichen Anticipationen der neueren

theologischen Speculation. Betrachten wir näher die Auffassung des

christlichen Dogma's, so finden wir eine höhere Stufe des theologischen

Erkennens durch die Mystik eingeleitet. Dieser Fortschritt und

Wendepunct im Entwickelungsprocesse des Dogma's läßt sich unseren

obigen Andeutungen zufolge so bezeichnen, daß die freie, immanente

Auffassung des Dogma's sich hier geltend macht im Gegensatze zum

scholastischen Supranaturalismus, wo das Dogma noch als eine

fremde, undurchdringliche Positivität dem Geiste gegenübersteht.

Der Gedanke von der Immanenz Gottes, der in seiner Trennung vom

Offenbarungsbewußtseyn zum Pantheismus führen mußte, mußte in den

Regionen der Offenbarung zu einer Anschauung führen, in welcher

wenigstens die Keime gegeben sind zu jener tieferen, speculativen

Auffassung von ~der Persönlichkeit~ Gottes, als derjenigen, welche

die Persönlichkeit des Menschen als ihr eignes Moment in sich enthält.

Betrachten wir so das erste Fundamentaldogma der Offenbarung, das Dogma

von der Schöpfung, und fragen wir nach dem Grunde und dem Warum der

Schöpfung, dann erhalten wir vom kirchlichen Bewußtseyn die Antwort,

daß keine blinde Nothwendigkeit, sondern nur Gottes freie Liebe

und Güte die Welt hervorgebracht habe, und daß der Mensch als die

vernünftige Creatur eigentlicher Gegenstand dieser Liebe und Endzweck

der Schöpfung sey (+causa finalis creationis+). Dieser Gedanke vom

Menschen als dem Mittelpuncte des Universums und unendlichem Zwecke

Gottes wird auch der Mittelpunct der mystischen Creationslehre, wie

dies schon aus dem Principe der unendlichen Subjectivität natürlich

hervorgeht. Der Personalismus, der mit dem Verhältnisse der unendlichen

Liebe gegeben ist, wird in kräftigen Zügen ausgesprochen. Die Liebe

ist das Lebenselement wie des Schöpfers, so auch der Creatur. Der

Mensch gewinnt nur sein Leben, indem er es einsetzt aus Liebe, und der

Proceß der Liebe wird zugleich aufgefaßt als ein Vernichtungs- und

Verbrennungsproceß des stoffartigen, des finstern und egoistischen

Theils der menschlichen Natur. Wenn aber die Mystik, übereinstimmend

mit der kirchlichen Theologie, lehrt, daß die Welt durch die Güte

und Liebe Gottes hervorgebracht und erhalten werde, so stellt sie

sich doch in der Weise, in der sie es thut, in einen Gegensatz zur

kirchlichen Theologie, indem sie jene Güte und Liebe nicht als den

Ausdruck einer an Willkühr streifenden Freiheit, sondern als die

Nothwendigkeit göttlichen Wesens denkt. Sie denkt sich das Verhältniß

Gottes zur Welt nicht nur unter der Kategorie der Causalität, sondern

der Substantialität. Oder deutlicher: für die Mystik existirt die

Schöpfung und das hiedurch gesetzte Verhältniß Gottes und der Creatur

nicht nur um des Menschen, sondern ebensosehr um Gottes Willen (+deus

creat+ _sibi_ +mundum+), die Weltschöpfung ist unzertrennlich vom

göttlichen Lebensprocesse selbst, und ebensowenig wie der Mensch Gott

entbehren kann, ebensowenig kann Gott den Menschen entbehren. So

lange nun die Idee der Persönlichkeit und der Liebe hier ~ernstlich~

festgehalten wird, gehört dieser Punct eben zu denjenigen, wodurch

die Mystik in die speculative Idee des Christenthums einführt und

die äußerliche Betrachtung einer traditionellen Theologie aufhebt.

Diejenigen, welche die Mystik des Pantheismus anschuldigen, mögen

diesen anderswo suchen, aber nicht hier. Denn ist die Güte nicht eine

äußerliche, zufällige Bestimmung Gottes, sondern sein eigenstes Seyn,

und ist es ferner das Wesen der Güte und Liebe das +communicativum

sui+ zu seyn, das eigne Selbst mitzutheilen an ~das Andere~, so kann

Gott nicht seyn ohne die Welt, und es ist dann nicht allein ein

pantheistischer, sondern auch ein christlicher Satz, wenn gesagt wird:

ohne Welt ist Gott nicht Gott. Aus diesem Gesichtspuncte müssen mehrere

von den oben angeführten Eckartschen Aussprüchen beurtheilt werden.

Begeistert von dieser substantiellen, wirklichen und nothwendigen

Liebe, spricht Angelus Silesius das kühne Wort:

Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben;

Werd' ich zunicht, er muß von Noth den Geist aufgeben!

Wird auf diese Weise die Liebe nicht nur in einem einseitig

moralischen, sondern in metaphysischem Sinne genommen, als die innere

nothwendige Lebensbewegung Gottes, der als geistige Liebe an sich

selbst die Wurzel der Anderheit hat, dann kann dieser Gedanke der

ewigen Liebe auf einen allgemeineren Ausdruck zurückgeführt werden,

welcher die innere Lebensbewegung Gottes begrifflicher bezeichnet,

nemlich auf den Gedanken der ~Offenbarung~ Gottes, und in diesem

Gedanken findet die mystische Theologie den eigentlichen Grund

der Schöpfung. Die Welt ist nur da, damit Gott offenbar werde. Am

speculativsten ist dieses ausgeführt in der deutschen Theologie. Wo

Wahrheit wirket und will, da ist ihr Wollen, Begierde und Werk um

keiner anderen Ursache, denn daß Wahrheit erkannt und offenbar werde

(+cap.+ 24). Aber das Eine und Beste hat müssen einen Gegenwurf

haben, daraus dasselbe, so viel möglich, erkannt wurde. Solches war und

ist aller Creaturen Wesen, daß Gott in ihnen offenbar und erkennbar

sey. (Deutsch. Theol. Etliche Hauptreden und Sprüche.) Der ewige

Wille ist ursprünglich und wesentlich in Gott ohne alle Werke und

Werklichkeit. Allein der Wille wäre vergebens, so er keine Wirkung

hätte. Dies aber mag ohne Creatur nicht geschehen, und dieweil nun Gott

ohne Creatur wirklich und beweglich nicht zu wollen vermag, darum will

er's thun in und mit den Creaturen (+cap.+ 49). Hiedurch löst sich

dem Verfasser die Frage, warum Gott den freien Willen erschaffen habe,

damit nemlich der unerschaffene Wille in ihm offenbar werde. Das Eine

kann sich nur zu erkennen geben im Mannichfaltigen, das Unendliche im

Endlichen. Dieser Offenbarungsbegriff kann pantheistisch seyn, und es

ist ganz in der Ordnung, daß wir Stellen finden, welche auszusprechen

scheinen, daß Gott erst als menschliches Ich Bewußtseyn gewinne. Wie

Fichte Gott das Selbstbewußtseyn absprechen zu müssen glaubte, weil

das Selbstbewußtseyn unzertrennlich ist von der Reflexion und der

Beschränkung, welche er nicht mit dem unbedingten Wesen der Gottheit

zu vereinigen wußte, und wie es ein nothwendiges Ergebniß seiner Lehre

war, daß, wenn von einem göttlichen Selbstbewußtseyn die Rede seyn

solle, dieses nur als das ideale Wissen der Menschheit, als sittliches

und religiöses Ich existiren könne, weil hier erst das unbedingte

Wesen der Gottheit in die Schranken der Reflexion und der Endlichkeit

eingetreten sey: so liegt derselbe Gedanke allen hieher gehörigen

pantheistischen Aussprüchen der Mystik zu Grunde. So beschäftigt die

deutsche Theologie sich mit der Frage, ob man Gott Affecte zulegen

möge, wie Trauer, Leid, Mißfallen, Betrübniß und dergleichen. Nun soll

man merken: Gott als er Gott ist, so mag weder Leid oder Betrübniß oder

Mißfallen in ihn kommen, und doch wird Gott betrübet um des Menschen

Sünde. Und dieweil dies nicht geschehen mag in Gott ohne Creatur, so

muß es geschehen, da Gott Mensch ist, das ist in einem ~vergotteten

Menschen~. Siehe, da ist die Sünde Gott also leid und verdreust

ihn also sehr, daß Gott allda selbst wollte gemartert werden und

leiblich sterben, auf daß er eines Menschen Sünde damit vertilgen

möchte. Daher kam, entstunde und war Christi heimliches Leiden, davon

Niemand sagt oder weiß denn allein Christus, und darum heißt es und

ist heimlich. Es ist auch eine Eigenschaft Gottes, die er haben

will und ihm wohlgefället in einem Menschen, und ist wohl ~Gottes

Eigenschaft~, denn es gehöret dem Menschen nicht zu, und er vermag

es nicht (+cap.+ 35). Wir gehen hier nicht ein auf eine specielle

Erläuterung dieser Stelle; die relative Gültigkeit dieses Ausspruchs

auf dem Gebiete des Christenthums und namentlich auf dem Gebiete der

Christologie wird übrigens kein christliches Denken verkennen können.

An anderen Stellen leuchtet die christliche Offenbarungsidee bestimmter

hervor. Gott als ~Gottheit~ gehöret nicht zu weder Wille, noch

Wissen noch Offenbaren, weder dies noch das, das man nennen, reden oder

denken mag, aber Gott als ~Gott~ gehöret zu, daß er sich selbst

eröffne, bekenne und liebe, und ~sich selbst ihm selber offenbare,

und dies noch Alles in Gott~, und noch Alles als ein Wesen und nicht

als ein Wirken, dieweil er ohne Creatur ist, und in dieser Offenbarung

wird der ~persönliche Unterschied~ (oder der Unterschied der

Personen). Aber da Gott als Gott Mensch ist oder da Gott lebet in einem

göttlichen und vergotteten Menschen, so gehöret Gott Etwas zu, das

sein eigen ist und ihm allein zugehöret und nicht den Creaturen, und

ist in ihm selbst ursprünglich und wesentlich, aber nicht förmlich und

wirklich. Aber Gott will dasselbige geübet haben, denn es ist darum

da, daß es geübet und gewirket werden soll, und was sollte es anders?

Sollte es müßig seyn, was wäre es dann nütze? Denn was nirgend zu nütze

ist, das ist umsonst und vergeblich, und das will Gott oder die Natur

nicht. Weil nun Gott dasselbe geübet und gewirket haben will und aber

das mag ohne Creatur nicht geschehen, so muß und soll es also seyn; ja

sollte weder dies noch das seyn, oder wäre kein Werk oder Wirkung und

dergleichen, was wäre oder sollte auch Gott selber? (+cap.+ 29.)

Dieses Apperçu enthält auf einmal die für alle wahre Theologie

so wichtige Distinction zwischen Gottes Selbstoffenbarung und

seiner Offenbarung an die Welt (+manifestatio ad intra+ und +ad

extra+), aber zugleich die Nothwendigkeit und Unzertrennlichkeit

der letzteren von der ersteren. Gottes Weltoffenbarung ist Moment

seiner Selbstoffenbarung. Die äußere Offenbarung ist die Evolution

der inneren; die innere ist die Involution der äußeren, und nur

mittelst der freien Entäußerung an die Welt gewinnt Gott das tiefste

In-sich-selber-seyn, sein Seyn in wirklicher Liebe und im Wissen

derselben. Wer, von einem einseitigen Theismus ausgehend, diesen Satz

nicht anerkennt und die ewige Copula der Weltoffenbarung und der

Selbstoffenbarung zerreißt, möge selbst zusehen, wie er den Glauben an

eine unwesentliche, unnöthige und unwahre Offenbarung rechtfertigen

könne. Gott aber vollzieht die nothwendige Verwirklichung seiner

ewigen Herrlichkeit mittelst der Welt, damit sein eignes Bild ihm

zurückstrahle aus dem Anderen seiner selbst. Soll aber Gott sich in der

Welt gegenständlich werden, dann muß in der Welt als dem Negativen oder

als Nicht-Gott ein Punct gefunden werden, welcher, der creatürlichen

Negativität ohngeachtet, identisch seyn kann mit Gott, damit Gott,

der sich selbst suchet, sich auch finde, anschaue, wisse, liebe und

besitze im Anderen. Dieser unendliche Offenbarungsfocus ist nach der

einstimmigen Lehre der Mystiker ~die Seele~. Diejenigen, welche das

Wesen der Seele gründlich bedenken wollen, werden, wie Eckart sagt,

an einigen Puncten nicht wissen, wo sie Unterschied setzen sollen

zwischen ihr und Gott. Sie ist der Punct, wo das Geschaffene und das

Unerschaffene Eins wird, wo die endliche Welt, das getheilte Stückwerk

in die ungetheilte Vollkommenheit in Gott zurückkehrt. Das ganze

Universum kann Gott nicht fassen; nur in der Seele kann Gott Gott seyn.

Gott hat keine Creatur, die also weiten Begriff habe, da er seine Macht

und den Grund seines Wesens also vollkommen einschreiben möge oder

eingießen, als in der Seele (Tauler Pr. I, 96). Der Adel der Seele aber

liegt in der idealen Natur des Selbstbewußtseyns und der Freiheit, im

~Denken~, welches der Seele Substanz ist. Durch das Erkennen wird die

Seele göttlicher Natur theilhaft. Denn Gottes Erkennen, in welchem

auch der Mensch erkennt, ist Gottes Wesen und Substanz. Wenn denn

Gottes Erkennen mein Erkennen ist, dann ist auch seine Substanz meine

Substanz, und wenn seine Substanz meine Substanz ist, dann bin ich der

Sohn Gottes (Eckart +fol.+ 315). Der Mensch soll nur seine Herrlichkeit

wissen und wollen um sie auch zu besitzen, und dieses Wissen und Wollen

ist die Herrlichkeit selbst oder doch ihr eigentlicher Lebenspunct.

Gott ist dem Menschen viel näher, sagt Tauler, als der Mensch sich

selber ist. Aber wenn ich ein König wäre und wüßte es nicht, dann

wäre ich kein König. So liegt alle unsere Seligkeit daran, daß wir

wissen und kennen das höchste Gut im Himmel und auf Erden, welches ist

Gott selbst. Gott ist auch gegenwärtig in Steinen, Bäumen und anderen

Creaturen, aber sie wissen's nicht. Wüßten sie es, dann wären sie

ebenso selig wie die Engel und die Menschen. In der Erkenntniß hat Gott

ein seliges Spiel mit der Seele und bereitet ihr die edelste Speise.

Denn je mehr sich Gott ihr zeiget und offenbaret, je mehr hungert

sie nach der Gottheit, und je mehr sie nach der Gottheit hungert, je

mehr gelüstet Gott den leeren Grund zu erfüllen. Und es ist hier ein

unendlicher Cirkel, in welchem die Erkenntniß in dem Erfüllen hungerig

und in dem Hunger erfüllt wird (+Medulla animae+, +cap.+ 12).

Dieser unendliche Proceß der Selbstobjectivirung, des Suchens und

Findens, des Gebens und Empfangens ist nun das Leben sowohl Gottes wie

der vernünftigen Creatur. Gott macht sein eigen Wesen creatürlich, aber

der Ausgang der Creaturen aus Gott ist nur um des Eingangs Willen, und

wie die Offenbarung einerseits Schöpfung ist, insofern Gott das von

ihm selbst Verschiedene setzt, so ist sie andererseits Versöhnung,

insofern der Unterschied in Einheit aufgelöst wird, und die Seele in

der Erkenntniß und Liebe die Endlichkeit in die ideale Vollkommenheit

zurückführt. Schöpfung und Versöhnung können also auch nach der Lehre

der Mystik als das Spiel der göttlichen Liebe mit sich selbst aufgefaßt

werden, ein Satz, der nicht nothwendig pantheistisch ist. Denn, wie die

Mystik sagt, »Gott liebt sich nicht als Gott, sondern er liebt sich

als das höchste Gut,« das heißt, Gott liebt sich nicht in abstracter,

einsamer Ichheit, sondern in seinem Reiche, oder mit andern Worten,

er will nur sich selbst und sein eignes Daseyn, insofern er auch das

Daseyn der Welt oder näher der Seele will. Seine Selbstoffenbarung

enthält also die Offenbarung an das Andere und dessen relative

Subsistenz.

In diametralem Widerspruche mit ihrer Lehre von Gott als dem namenlosen

und unterschiedslosen Einen setzt also die Mystik einen inneren

Gegensatz im göttlichen Wesen und denkt die göttliche Liebe als die

Vermittelung dieses Gegensatzes. Mit innerer Nothwendigkeit kommt

sie hiedurch zur ~Trinitätslehre~. Denn es ist der Gedanke

von dem metaphysischen Gegensatze in Gottes Wesen und von der

ewigen Versöhnung dieses Gegensatzes, welcher es nothwendig macht

die göttliche Persönlichkeit als Trinität zu denken, wie denn auch

die kirchliche Trinitätslehre nur vernünftig gedacht werden kann,

wenn sie als Construction der verschiedenen Momente des göttlichen

Selbstbewußtseyns, des theogonischen Processes, in welchem Gott sich

ewig hervorbringt und findet, aufgefaßt wird. Die Frage nun, inwiefern

der christliche Gottesbegriff in der Dreieinigkeitslehre der Mystiker

zu seinem Rechte gekommen sey, beruht auf der näheren Bestimmung des

Verhältnisses des Sohnes Gottes zur Welt, ein Punct, der für den

christlichen Charakter einer jeden Trinitätslehre entscheidend ist.

Bleibt man nemlich stehen bei der oben angedeuteten Betrachtung und

bestimmt man das Andere, den θεὸς δεύτερος, in welchem Gott sich

gegenständlich wird, unmittelbar als die Welt, identificirt man so

die Welt oder bestimmter den menschlichen Geist mit dem Sohne Gottes,

dann streitet dieses gegen alle kirchliche Lehre, die zu allen

Zeiten scharf geschieden hat zwischen dem Sohne, dem unerschaffenen

Wesensbilde des Vaters, und der aus Nichts erschaffenen Welt. Aber

wie jene Ansicht unkirchlich ist, so befriedigt sie auch nicht die

Forderungen des Denkens, indem die im Begriffe der Persönlichkeit

enthaltene Selbstobjectivirung Gottes nicht zu Stande kommt. Der

objectivirte Gott kann nemlich nicht die Natur seyn, da diese ihrem

Begriffe nach nicht-göttlich ist, weil subjectlos. Wenn nun Gott in

der Natur vergebens sein anderes Selbst, sein +Alter-Ego+ suchen

würde, so scheint hingegen die Welt der endlichen Geister, das Reich

der selbstbewußten Monaden als die wahre Gegenständlichkeit Gottes

bestimmt werden zu können, weil Gott hier als gewußter und gewollter

aus unzähligen Puncten in sich selbst zurückstrahlen kann. Allein, wenn

die endliche Geisterwelt unmittelbar als Sohn bestimmt wird, wird die

Selbstobjectivirung nicht wirklich vollzogen. Jeder endliche Geist ist

nemlich nur eine relative Offenbarung Gottes, welche durch alle anderen

vervollständigt werden muß um den ganzen Gott zu offenbaren. Werden

nun die relativen Geister, welche gleichsam einzelne Fulgurationen

des göttlichen Wesens sind, zur Totalität zusammengefaßt, so fehlt

dieser Totalität doch das eigentliche Centrum, nemlich das ~absolute

Selbst~. Im Acte der Selbstobjectivirung ist es ja nicht nur die

göttliche Substanz, welche Gegenstand des göttlichen Anschauens werden

soll, sondern es ist ebensosehr das unendlich Monadische, der ewige

Wille, der seine Selbstbejahung sucht im Anderen. Wenn nun aber auch

die ganze Mannichfaltigkeit der fragmentarischen Offenbarungspuncte zur

Einheit zusammengefaßt wird, so wird in dieser Weltoffenbarung doch

nur ein Stückwerk, aber kein ganzer Gott angeschaut. Die Einheit ist

dann nur die substantielle Einheit des ~Geschlechts~; Gott findet

sich nur als den im Systeme ausgestückelten Weltgeist, nicht als den

in sich reflectirten ewigen Logos, in dessen absolut ~weltfreiem~

Wissen und Wollen alle endliche Geister ihren subjectiven Einheitspunct

finden, weil er das Medium ist, durch welches sie alle Gott sehen. Nur

wenn Gott, der die Offenbarung ~seiner~ sucht, sich im Auge des

ewigen Sohnes (+dei filii+, nicht nur +filii dei+) spiegeln

kann, hat er seine wirkliche Selbstoffenbarung gefunden, wie er denn

auch im menschlichen Geiste ~sich~ nur finden kann, wenn er sich

in diesem nicht nur findet als das substantielle Leben, sondern als

subjectiven, persönlichen Mittelpunct, als die Seele der Seele. In der

Selbstobjectivirung ist es also hauptsächlich das Subject, welches

sich verdoppeln muß, und als Object nicht aufhören darf Subject zu

seyn. Ist darum das Daseyn der Welt allerdings nothwendig, damit Gott

offenbar sey, so ist dieses doch keine unmittelbare, sondern nur eine

mittelbare, secundäre Nothwendigkeit. Oder mit anderen Worten: die

Welt kann nicht gedacht werden als das ~erste~ Negative in der

Selbstoffenbarung Gottes. Die erste Anderheit im göttlichen Wesen ist

der Sohn, welcher selbst Gott ist. Die Welt aber ist das Andere des

Sohnes (+Alterum dei filii+) und setzt den Sohn voraus als ihr

ewiges +Prius+. Nur durch seinen Sohn tritt Gott in Verhältniß

zur Welt, wie er auch nur die menschliche Seele liebt in der Liebe, in

welcher er den Sohn liebt.

Meister Eckart · 第 6 / 11 段