Setzen wir nun das christliche Gemüth in der hier ausgesprochenen

Bedeutung als die allgemeine Grundlage sowohl der romanischen wie

der germanischen Mystik, so beruht andererseits der Unterschied

dieser beiden Formen wieder auf dem verschiedenen Entwickelungsgrade,

der Intensität und Tiefe des Gemüths. Dieser Unterschied erhellt

näher, wenn wir das Verhältniß zu der gleichzeitigen Scholastik

betrachten. Die Scholastik ist eine Philosophie ohne Empirie, ein

Begriffsformalismus, der mit der Wirklichkeit in keine lebendige

Vermittelung tritt. Das religiöse Dogma steht vor der Scholastik als

eine fremde, undurchdringliche Positivität, welche in das kunstreiche

Netz der Verstandesmetaphysik eingesponnen wird; allein dieses in der

Luft schwebende Netz ist nur die äußere Form, in welcher der köstliche

Schatz aufbewahrt wird, den Keiner anrühren darf, ja den Keiner recht

zu sehen bekommt. Die Scholastik beweiset Alles, begreift aber Nichts.

Im Gegensatz zu dieser nur mittelbaren Erkenntniß sucht das religiöse

Gemüth eine Erkenntniß nicht aus Büchern oder menschlicher Kunst,

sondern aus der Sache selbst. Sie will sich nicht zur Sache durch

irgend ein fremdes Medium verhalten, sondern sie will sie kennen aus

Empirie. Soll aber das Gemüth wirklich die Sache selbst haben, so muß

es sich auch zum ~Gedanken~ entfalten können, es muß aus seiner

Empirie die Idee entwickeln können, welche die Scholastik durch eine

unendliche Schlußreihe zu ergreifen sucht. Und hierin zeigt sich

der Unterschied der romanischen und der germanischen Mystik. In der

romanischen Mystik ist das Gemüth mit einer Schranke behaftet, welche

es nicht zu überwinden vermag. Es ist an die Formen der Vorstellung und

des Gefühls gebunden; der Gedanke kann nicht als ~solcher~ zum

Durchbruch kommen. Es ist nur ein religiöses, aber kein speculatives

Gemüth, und bringt deshalb auch nur eine halbe Mystik hervor; das

Gemüth vermag nicht seiner Empirie das speculative Gepräge zu geben,

es fehlt ihm an der nöthigen Tiefe, woraus der reine Gedanke wie ein

lebendiger Springbrunnen emporquellen könnte. Darum tritt diese Mystik

nicht nur in Opposition zur Scholastik, wie im Kampfe des heiligen

Bernhard's mit Abälard, sondern da sie doch das Bedürfniß der denkenden

Betrachtung in sich hat, aber nicht aus dem eignen, freien Innern den

Gedanken zu erzeugen vermag, so muß sie sich andererseits mit der

Scholastik vereinigen und von dieser ihre Mittel nehmen. So sehen wir

es besonders bei den Victorinern und bei Bonaventura. Nur »der Mann der

Sehnsuchten« ist zur göttlichen Contemplation geschickt; Lesen darf

nicht seyn ohne Salbung, Speculation nicht ohne Andacht, Forschung

nicht ohne Bewunderung, Wissenschaft nicht ohne Liebe, Intelligenz

nicht ohne Demuth, Studium nicht ohne göttliche Gnade[20]. Die Scale

dieser frommen Affecte läuft parallel mit einem feinen scholastischen

Raisonnement, anstatt daß in der ächten Mystik das Gefühl selbst den

Gedanken aus sich gebiert ohne die Reflexionen der Schule zur Hülfe

zu nehmen. Auf diese Weise erklärt es sich auch, wie Scholastik und

Mystik in demselben Individuum vereinigt seyn konnten. Die Mystik ist

dann nicht durchgeführt, sie ist nur eine fromme Askese, welche die

Scholastik erbaulich macht und ihr eine größere Salbung gibt, sie ist

aber nicht Totalität in sich selber. Die Vereinigung von Scholastik und

Mystik beabsichtigt nur ein +aequale temperamentum+ beider. Die

metaphysischen Speculationen der Scholastik sollen durch die frommen

Gefühle der Mystik regulirt und von der erbaulichen Seite dargestellt

werden. Andererseits soll das verständige Raisonnement das mystische

Gefühl reguliren und alle pantheistischen Ausbrüche abwehren. Obgleich

eine solche Vermittelung der Religion und der Philosophie allerdings

nicht in die Einseitigkeiten der ächten Mystik hineingerathen kann, so

steht sie doch in speculativer Beziehung weit hinter dieser zurück,

weil es ihr an inwohnender Geistesfreiheit fehlt. Im 15ten Jahrhundert

hat Gerson in seinem Werke über die mystische Theologie die Grundzüge

einer solchen verständigen, das heißt, nicht speculativen Mystik

entworfen. Dieses Werk ist charakteristisch für die romanische Mystik,

und ist ein treuer Spiegel der Eigenthümlichkeit Gerson's, dieses

berühmten juste milieu's des Mittelalters, welcher in allen Richtungen

die verschiedenen Gegensätze des Mittelalters zu temperiren suchte

und allenthalben ein verständiges Gleichgewicht zu Stande bringen

wollte, ohne doch eine wirkliche Versöhnung weder im Leben noch in

der Wissenschaft bewirken zu können. Wir können die zweite Epoche

der Mystik als die verständig reflectirende bezeichnen, wohingegen

die erste und dritte Epoche (die griechische und germanische) als

speculative, d. h. als wirkliche Mystik zu bezeichnen ist. Die

reflectirende Mystik bewegt sich im Gegensatze von Glauben und

Wissen, wie dieses namentlich im Kampfe des heiligen Bernhard's gegen

Abälard erhellt, indem er in seiner Vertheidigung des Kirchenglaubens

gegen die Irrlehren Abälard's zugleich die Unzulänglichkeit alles

speculativen Denkens aufs eifrigste behauptet. Dieser Gegensatz findet

nicht statt in der speculativen Mystik. Ihr Wissen reicht ebensoweit

wie ihr Glaube, und so lange sie »Etwas« glaubt, wird sie auch durch

ein bestimmtes Wissen befriedigt. Wo dagegen ihr Wissen ausgeht,

verliert sich auch ihr Glaube ins Unaussprechliche. Ihr dialektischer

Widerspruch ist nur Mysterium und Offenbarung. Dieser findet sich

wohl auch in der reflectirenden Mystik, aber ohne speculative Pointe,

denn sie treibt es nur zu einem Pantheismus des Gefühls, nicht des

Gedankens. Man kann darum diese halbe, nur erbauliche Mystik mit dem

protestantischen Pietismus vergleichen. Denn der Pietismus ist eine

christlich-religiöse Empirie, die sich nicht zur Idee zu entwickeln

vermag, die sich zum Gedanken nur negativ verhält, weil die

Wissenschaft ihr vom Unglauben unzertrennlich ist. Der Parallelismus

darf übrigens nicht zu weit geführt werden. Denn eine Mystik wie die

des heiligen Bernhard's und seiner Geistesverwandten hat theils durch

die innere Größe der Individualitäten, theils durch das Zeitalter,

durch die ganze geschichtliche Umgebung, ein idealisches Colorit, einen

schwärmerisch-romantischen Anstrich, welcher dem protestantischen

Pietismus fehlt, wie dagegen der letztere an seinem tiefern Gegensatz

von Sünde und Gnade und an der tiefern Erfassung des Princips der

Persönlichkeit auch die Voraussetzung für eine höhere Form der

Mystik enthält, als die Bernhard's war. -- Von den niederländischen

Mystikern ist Thomas a Kempis ein bloßer Asket, Johann Wessel eine

Reflexionseinheit von Scholastik und Mystik, während Ruysbroock zu den

speculativen Mystikern gehört.

Die deutsche Mystik ist die Rückkehr des Occidents zur Speculation

des Areopagiten. Das christliche Gemüth hat den Zwiespalt zwischen

Gefühl und Gedanken überwunden, und die Versöhnung des Göttlichen

und Menschlichen, welche in der vorhergehenden Epoche nur als fromme

Sehnsucht ausgesprochen wird, will jetzt wirkliche, ernsthafte

That werden; in der Andacht kommt der göttliche ~Gedanke~

zum Durchbruch als das eigene Wesen des Selbstbewußtseyns. Die

Contemplation Eckart's steht der metaphysischen Reinheit am nächsten,

während der beschauliche Tiefsinn Suso's sich in die bildervolle

Sprache eines minnereichen Herzens kleidet. Nicht so logisch wie Eckart

und nicht so bilderreich wie Suso ist Tauler, aber durch die innere

Harmonie seines Gemüths und durch die Ruhe der Betrachtung bildet

er eine verbindende Mitte zwischen jenen beiden. In der »deutschen

Theologie« spürt man schon das Streben den Gedanken zu einer Art

von systematischem Grundriß zu gestalten. Es bedarf die deutsche

Mystik nicht der Hülfe der Scholastik, deren Kraft außerdem schon zu

welken angefangen hat; die deutsche Mystik hat des Reichthums und

der Fülle genug im eignen, inwohnenden Gedanken. ~Die Einheit der

menschlichen Natur mit der göttlichen~ ist hier, wie sonst nirgends

im Mittelalter, zum Bewußtseyn gekommen, und besonders in dieser

Rücksicht sind jene Ideen als Anticipationen der neueren Speculation

zu betrachten. Die deutsche Mystik hat die Scholastik hinter sich,

aber zur freien philosophischen Wissenschaft vermag sie sich nicht

zu gestalten, und in diesem Zwischenzustande ~wird~ sie eben

Mystik, gährende Einheit von Religion und Philosophie, woraus der oben

dargestellte Widerspruch sich entwickelt.

Wir haben das namenlose Mysterium, den Akosmismus und den Atheismus

betrachtet, dieser aber wird erst seine Bedeutung erhalten, wenn wir

das Bewußtseyn durch den Kreis der Offenbarung begleiten, wo es erst

in seiner ganzen Eigenthümlichkeit auftritt. Sein innerer Widerspruch,

dessen wissenschaftliche Nachforschung uns obliegt, wird erst hier

völlig anschaulich werden.

[Illustration]

II.

Die Offenbarung.

Die Schöpfung und die Menschwerdung Gottes.

»Gottes Wesen mag nicht unser Wesen werden, sondern soll unser Leben

seyn. Der Sohn ist geflossen aus der Person des Vaters und ist in ihm

geblieben wesentlich; aber in unserer Schöpfung haben wir empfangen ein

fremdes Wesen, das vom göttlichen Wesen geursprunget ist. Wir sollen

mit Gott vereinigt werden an Schauung, nicht an Wesung.« Schon oben

haben wir diesen Gedanken Eckart's angeführt; an einer anderen Stelle,

wo er die Natur der Seele und ihre Einheit mit dem göttlichen Wesen

begeistert erhebt und preiset, endigt er mit den Worten: »Nun darf ich

der Seele nicht mehr zulegen; denn lege ich ihr mehr zu, dann ist kein

Unterschied zwischen ihr und Gott.«

Durch diesen und ähnliche schon angeführte Aussprüche von Eckart wird

die Betrachtung in den Kreis der Offenbarung hineinversetzt, wo der

gründliche Unterschied Gottes und des Menschen hervorgehoben wird, und

Diejenigen, welche Eckarten ausschließlich als Pantheisten betrachten,

übersehen, daß es ihm ebenso wesentlich ist in dem offenbaren Gotte zu

leben, wie es ihm wesentlich ist in dem verborgenen Gotte begraben zu

werden. Die christliche Speculation kann in solchen Aussprüchen nur

ihre eigenen tiefsten Wahrheiten erkennen. Wenn er sagt, das Wort Sum,

ich bin, könne kein Geschöpf, sondern nur Gott von sich aussprechen,

weil es der Creatur gezieme von sich selbst zu zeugen: +non sum+,

wie Johannes der Täufer, als er gefragt wurde, ob er der Christus sey,

demüthig antwortete: +non sum+; wenn er sagt: Was in Gott ist ein

Wirken, das soll in mir seyn ein Leiden, was in Gott ist ein Sprechen,

das soll in mir seyn ein Hören, was in Gott ist ein Bild, das soll in

mir seyn ein Schauen (+fol.+ 293): dann muß hierin nur ein reiner

Ausdruck des ~christlichen~ Akosmismus erkannt werden, welcher dem

Menschen die Autonomie, das Seyn in sich selber und aus sich selber

absprechen muß, welches nur Einem, nemlich dem Schöpfer, zugesprochen

werden kann. Die Seele soll ganz von Gott durchschienen seyn, aber

sie soll seyn wie ein Vollmond, der sein Licht von der Sonne bekommt.

Die Seele ist ein Wort Gottes, aber kein selbstlautendes, sondern

ein mitlautendes Wort. Im Anfang war das ewige Wort, welches ist der

Sohn Gottes, der selbst Gott ist, und zu diesem Hauptworte soll die

Seele seyn ein Beiwort, und nehmen ihre Seligkeit, da Gott selig ist

(+fol.+ 288). Und daß wir allezeit bei diesem Wort müssen seyn

ein Beiwort, dazu bittet er, daß der Vater und dasselbe Wort und der

heilige Geist uns verhelfen mögen. In der Einigung mit Gott wird der

Geist so in das Wesen der Gottheit gezogen, daß da nicht scheinet denn

ein einiges Wesen, wiewohl doch ~zwei~ Wesen da sind (+fol.+

273).

Diese reinen Offenbarungsideen kehren oft zurück bei den Schülern

Eckart's, besonders bei Suso und Tauler, und sie reden oft davon, wie

nützlich es einem Menschen sey, der zu einer göttlichen Beschauung

und einem gottseligen Leben gelangen will, daß er gründlichen

~Unterscheid~ wisse. Was bei Eckart angedeutet ist, findet bei

diesen eine weitere Ausführung, und da das praktische und kirchliche

Interesse bei ihnen stärker vorwiegt, als bei Eckart, ist ihr

Offenbarungsbewußtseyn auch bestimmter. Sie haben eine deutlichere

Ahnung von der Einheit des Mysteriums und der Offenbarung, ohne daß der

Widerspruch doch gelöst würde, weil sie das mystische Princip nicht zu

überwinden vermögen, sondern immer wieder in dieses überschlagen. Die

Lehre vom gründlichen Unterschiede ist ausführlich entwickelt in Suso's

Büchlein von der ewigen Weisheit, wo die Weisheit in einem Gespräche

mit ihrem Schüler Suso ihn über den Weg der Wahrheit aufklärt.

Diese merkwürdige Schrift enthält dieselben allgemeinen mystischen

Grundzüge, die wir oben dargestellt haben, nemlich die Lehre vom

ewigen Nichts, und daß nur derjenige Mensch sich als ein seliges Wesen

weiß, dem die Anderheit nicht hinderlich ist, weil er Alles siehet in

Einem. Bevor wir zu der Lehre vom gründlichen Unterschied übergehen,

wollen wir erst ein Beispiel ihres mystischen Charakters anführen,

welches zugleich eine interessante Vereinigung des Mystischen und

des Logischen enthält, die an Eckart erinnert. Der Schüler, der noch

an den sinnlichen Bildern haftet, vermag sich nicht zur mystischen

Wesensschauung zu erheben, wozu die Weisheit ihn auffordert; denn, sagt

er, ich sehe doch Berg und Thal, und Luft und Wasser und mancherlei

Creatur: was sagst du denn, daß nur Eins sey? Da antwortet die

Weisheit: Es sey denn, daß der Mensch zwei Contraria, das ist zwei

widerwärtige Dinge verstehe in Einem mit einander, so ist nicht gut

leicht zu reden mit ihm von solchen Dingen; verstehet er dieses aber,

so ist er schon zur Hälfte getreten auf den Weg des Lebens. Darum

ermahnt sie den Schüler das ewige Nicht und die zeitliche Gewordenheit

in Einem zu fassen. Ewige Weisheit, ruft der Schüler aus, zwei

Contraria in Einem ist ja nach aller Weise ein Widerwerfen der Kunst

Logica! Ich und du, antwortet die Weisheit, bekommen einander nicht auf

einem Zweige oder auf einem Platze; du gehst einen Weg und ich einen

anderen. Deine Fragen gehen aus menschlichen Sinnen und ich antworte

aus den Sinnen, die da sind über alles menschliche Gemerk. ~Du mußt

sinnlos werden, willst du hinzukommen; denn mit Unerkennen wird die

Wahrheit erkannt.~ Die speculative Logik der ewigen Weisheit endigt

in einem mystischen Resultate, das sich bald am Schüler zeigt. Denn es

geschah in denselben Zeiten eine viel große Aenderung in ihm. Es kam

unterweilen dazu, daß er etwa oft zehn Wochen, oder minder oder mehr,

so kräftiglich entwirket ward, daß ihm mit offnen Sinnen, in der Leute

Beiwohnung und ohne die Leute, seine Sinne also entgingen nach eigner

wirkender Weise, daß ihm überall in allen Dingen nur Eins antwortete,

und alle Dinge in Einem ohne alle Mannichfaltigkeit dieses und jenes

(+pag.+ 300). Wie aber hier die mystische Einheit gelehrt wird,

in der alle Bestimmtheit und alle Gegenständlichkeit zu Grunde geht,

so wird an anderen Stellen die Offenbarungseinheit in gutem und

gründlichem Unterscheid gelehrt. Denn die Weisheit macht kund, daß,

alsfern die Creaturen von Ewigkeit in Gott sind, sind sie dasselbe

göttliche Leben, Wesen und einiges Ein; aber nach dem ~Ausschlag~,

da sie ihr eigen Wesen nehmen, da hat ein jegliches sein besonder Wesen

ausgeschiedentlich mit seiner eignen Form, die ihm natürlich Wesen

gibt. In diesem Ausflusse werden sie erst Creaturen und müssen ihres

allmächtigen und ewigen Schöpfers eingeständig seyn; und die Form

gibt jeglicher Creatur gesondert Wesen und geschieden sowohl von dem

göttlichen Wesen als von allen anderen. Nimmt man nun die Creaturen,

wie sie sich ewig in Gott gehalten haben, dann haben sie keinen

gründlichen Unterschied, sondern sind dasselbige Eins, denn das Wesen

der Creatur in Gott ist nicht Creatur. Aber die Creatürlichkeit einer

jeglichen ist ihr doch edler und nützlicher, denn das Wesen, das sie in

Gott hat; denn im ewigen Wesen, wo Alles Eins ist, ist der Mensch nicht

unterschieden vom Steine; aber nach seinem gesonderten Wesen ist der

Mensch die edelste Creatur (+pag.+ 291-292).

Dieses Offenbarungsbewußtseyn der christlichen Mystiker legt sich

besonders an den Tag in der ausdrücklichen Polemik gegen den

Pantheismus, die in ihren Schriften öfter vorkommt und sich offenbar

auf pantheistische Secten jener Zeit (die Brüder des freien Geistes)

und deren praktische Verirrungen bezieht. Immer wird der Grundirrthum

des Pantheismus darein gesetzt, daß er gründlichen Unterschied aufhebe

und Gott und Creatur, Christus und Mensch confundire. Sie überwinden

den Pantheismus in einzelnen siegreichen Treffen, aber da sie in ihrer

eignen mystischen Natur das Princip des Pantheismus tragen, erwacht

dieses wieder aufs neue, und ohne es selbst zu wissen, gerathen sie

wieder in die Gewalt der Substanz. Welche scharfe und lichtreiche

Gedanken aber sie über den Pantheismus gehabt, und wie sie im Geiste

mit ihm gerungen und gestritten haben, um sich nicht das theure Kleinod

der Offenbarung rauben zu lassen, davon wollen wir nur einige Beispiele

anführen. Das merkwürdigste findet sich bei Suso.

Es wird nemlich berichtet, daß einesmals an einem lichten Sonnentage,

als der Schüler der Weisheit in sich eingekehrt saß in stiller

Betrachtung: da begegnete ihm in der Fülle seines Gemüthes ein

vernünftiges Bilde, das war subtil an Worten, aber ungeübt an Werken

und ausbrüchig in florirender Reichheit. Der Schüler hub an und sprach

zu ihm also: Wannen bist du?

Ich kam nie dannen.

Sag an, was bist du?

Ich bin nicht.

Was willst du?

Ich will nicht.

Dies ist ein Wunder. Sag mir, wie heißest du?

Ich heiße das namlos Wilde.

Wohl magst du heißen das Wilde, denn deine Worte und Antworten sind gar

wilde. Sage mir aber: Worauf bist du ausgegangen? worauf zielest du und

wo landest du?

In lediger Freiheit.

Auf die nähere Frage des Schülers erklärt nun das Wilde, ganz

übereinstimmend mit den praktischen Grundsätzen, die den Brüdern des

freien Geistes zugelegt werden, worin die vollkommene Ledigkeit und

Freiheit bestehe. Die reine Freiheit ist eine solche, in welcher der

Mensch lebt nach allem seinem Muthwillen, ~sonder Anderheit~,

ohne allen Anblick in Vor und Nach. Eine ledige Freiheit verachtet

alle Dinge und spricht allen Unterschied ab. Denn wenn der Mensch

in seinem ewigen Nicht zunicht ist worden, weiß er von Unterschied

nichts, sondern nimmt Alles im Grunde, wo es Eins ist. Der Schüler

antwortet, Alles sey wohl Eins im Grunde, aber es sey nicht allein im

Grunde, sondern sey auch in sich selber ein creatürliches Icht hier

außen, und nach dem so muß man es nehmen und guten Unterschied haben.

In der Wahrheit ist Nichts, das ~Geschiedenheit~ haben möge von

dem einfältigen Wesen, weil es allen Wesen Wesen gibt, wohl aber

Unterschiedenheit also, daß das göttliche Wesen nicht ist des Steines

Wesen, noch des Steines Wesen das göttliche Wesen, noch keine Creatur

der anderen. Also besteht auch die Unterschiedenheit in der Freiheit,

denn die wahre Freiheit ist eine wohlgeordnete Freiheit, wo aber

Ordnung ist, da ist Unterschied, und was ohne Unterschied und Ordnung

ist, das ist böse. Der Mittelpunct in der Freiheitstheorie des Wilden

ist, wie sich von selbst versteht, die pantheistische Einheit Gottes

und des Menschen, und um diese gegen die Einwendungen des Schülers

festhalten zu können, beruft es sich darauf, daß Christus von Natur der

eingeborne Sohn Gottes sey. Was nun Christo gegeben ist, das ist auch

dem Menschen gegeben, und wie der eingeborne Sohn nicht wiedergeboren

wird, so bedarf der Mensch auch nicht der Wiedergeburt, sondern ist

unmittelbar Eins mit Gott und wirkt dasselbe, was Christus wirkt.

Auch in diesen Aussprüchen erkennt der Schüler die wilde, ungeordnete

Vernunft, die wohl große Aehnlichkeit hat mit dem wahren Licht, aber

doch falsch ist, weil sie nicht unterscheidet zwischen Natur und Gnade.

Denn wir Menschen sind nicht der natürliche Sohn, und unsere Gebärung

heißt eine Wiedergeburt, denn was Christus von Natur ist, kann der

Mensch erst werden von Gnaden. Durch solche gründliche, lichtreiche

Antworten wird das Wilde überwunden und muß entweichen. Dir und

Deinesgleichen, ruft der Schüler ihm zu, gebricht es am allermeisten

an gutem Unterschied vernünftiger Wahrheit, ohne welchen man nicht

gelangen kann zu einem seligen Leben (+pag.+ 310 f.).

An einer anderen Stelle sagt Suso, daß der Mensch, wenn er angefangen

hat sich fröhlich aufzuschwingen über Zeit und Raum, auf einen Punct

komme, der, geistlich gesprochen, einem tiefen Meere vergleichbar ist,

darinnen Viele ertrinken. Denn so sich das vernünftige Auge aufzuthun

beginnt, und der Mensch einen Einblick gethan hat in das gegenwärtige

Nun der Ewigkeit, und die geschaffene Vernünftigkeit beginnt der

ewigen ungewordenen Vernünftigkeit einen Theil zu verstehen in sich

selbst und allen Dingen, so findet er, daß er zuvor war wie ein Armer,

Dürftiger, der zumal blind und ohne Gott war. Nun aber dünkt es ihn,

daß er voll Gottes sey, und daß Nichts sey, das Gott nicht sey, und

daß Gott und alle Dinge ein einiges Ein seyen. Und er greift die Sache

zu geschwindiglich an in einer unzeitigen Weise und meint, er hätte

es schon ergriffen; er wird in seinem Gemüthe florirend, wie ein

aufgährender Most, der noch nicht zu sich selber gekommen ist; und

es entfallen ihm alle Dinge, es sey Hölle oder Himmelreich, Teufel

oder Engel, in ihrer eigenen Natur genommen; auch Christi gelittene

Menschheit verachtet er, wenn er nur Gott darin begriffen; und die

Sachen sind ihm noch nicht zu Grund zu erkennen worden, nach ihrem

Unterschied, nach ihrer Bleibniß und nach ihrer Vergänglichkeit.

Solchen Menschen geschieht wie den Bienlein, die den Honig machen; so

sie zeitig werden und des ersten ausstürmen aus den Körben, so fliegen

sie in verirrter Weise hin und her, und wissen nicht wohin; etliche

mißfliegen und werden verloren, aber etliche werden ordentlich wieder

eingesetzt (+pag.+ 139).

Auch die deutsche Theologie redet von einem falschen Lichte, welches

die Aehnlichkeit mit dem göttlichen Lichte lügt, aber sich selbst und

Andere betrügt, weil es meinet, es sey Gott, und ist nur Natur. Und da

Gott ist über alle Dinge, frei, unbeweglich, keines Dinges bedürftig,

und da Gott ist über Gesetz und Gewissen, so spricht das falsche Licht:

Siehe, also will ich auch seyn! Je gleicher Gott, je besser, und darum

will ich Gott gleich seyn und will auch Gott seyn. Und es nimmt sich

nun dessen an, das Gott zugehöret, und zwar nicht dessen, das Gottes

ist, als er Mensch ist oder ist in einem vergotteten Menschen, sondern

es nimmt sich dessen an, das Gottes ist und ihm zugehöret, als er

Gott ist ohne Creatur in Ewigkeit. Und das falsche Licht meinet, es

sey billig und recht, daß ihm alle Creaturen dienen und unterthan

seyen. Und da Gott in Ewigkeit ist ohne Leid, Leiden und Betrübniß,

und lässet ihm mit nichten schwer oder leid seyn um Etwas, was da ist

oder geschiehet: so will auch das falsche Licht kein Leid, Leiden und

Betrübniß, und spricht, es sey über Christi leiblich Leben gekommen

und sey unleidentlich und übernatürlich, als Christus war nach der

Auferstehung, und viel andere wunderliche falsche Irrthümer, so hieraus

folgen und entstehen (+cap.+ 38).

Dieselben Irrthümer werden von Tauler bestritten. Er spricht von

falschen gottschauenden Menschen, welche lehrten, daß die geistlichen

Naturen müßten zunichte gehen und so ledig werden, wie sie waren,

als sie nicht waren, das ist, als sie eins mit Gott, unerschaffen

waren. Wäre aber dieses möglich, sagt er, dann wäre die Creatur weder

heilig noch selig, nicht mehr denn ein Stein oder ein Stück Holz. Ohne

unsere eigenen Werke, Liebe und Gott-Erkennen können wir nicht selig

werden, Gott aber wäre selig, und ist selig, wie er ewig war, und dies

diente uns zur Besserung nichts. Hierum ist die Ledigkeit allezeit

ein Betrug, und die falschen Geister, die hierinnen lügen und leben,

sind also subtil, daß man sie nicht überwinden kann; ja sie sind den

verdammten Geistern nicht ungleich, denn diese haben weder Lust noch

Liebe, noch Erkennen, weder Andacht noch Danken und Loben, denn sie

sind ewiglich verdammt (Pr. 1. B. 243).

Meister Eckart · 第 5 / 11 段