Versuchen wir nun nach dieser Darlegung der Momente des mystischen

Bewußtseyns diese in ihrem allgemeinen Grunde zusammenzufassen, so

zeigt sich dieser als subjective, unvermittelte Einheit der Religion

und der Philosophie. Hierin liegt der eigenthümliche Gehalt der

Mystik, das Interessante und Anziehende an ihr, aber hierin liegt

zugleich ihre Unwahrheit. Die Einheit der Religion und der Philosophie

ist das Höchste, aber die wahre Einheit ist nur diejenige, die

sich aus ihrem Unterschiede und ihrer Sonderung herausstellt, wenn

der wissenschaftliche Gedanke und das religiöse Gemüth eine freie

Versöhnung eingehen. Allerdings ist das Speculative nicht jenseits

des religiösen Bewußtseyns, implicite ist die Philosophie in der

Religion enthalten. Aber die Mystik ist mehr als Religion, denn der

philosophische Trieb ist so stark geworden, daß das Speculative

~als solches~ zum Durchbruch kommt. Andererseits ist sie nicht

Wissenschaft; ihr Denken ist Andacht, ihr Forschen ist Cultus, der

Gedanke haftet ganz am religiösen Subject und dessen frommen Zuständen.

Religion und Speculation, diese Zwei sind nur ein unmittelbares Eins

im mystischen Subject. Darum kann die Religion nicht wirklich Object

werden für die Speculation, und ebensowenig kann die Speculation

sich selber Object werden. Dieses würde den Unterschied und die

Sonderung beider voraussetzen, dann aber wäre das Bewußtseyn nicht

mystisch, denn seine Mystik besteht eben darin, daß es sich selber

nicht offenbar ist, daß weder sein unendlicher Inhalt noch sein eignes

Selbst ihm ~gegenständlich~ wird. Das Speculative ist hier nur

vorhanden als ein sich aus der Religion entwickelnder mächtiger

Trieb, welcher dasjenige zu ~setzen~ sucht, was die Religion

ursprünglich ~ist~, nemlich die Versöhnung der Gegensätze des

Lebens, namentlich die Versöhnung Gottes und des Menschen. Die

erste unmittelbare Form aber die Gegensätze in die speculative

Einheit aufzulösen ist der Gedanke der absoluten Substantialität,

der pantheistische Gedanke. Wie ein sprudelnder Quell kommt dieser

Gedanke zum Durchbruch im religiösen Gemüth und überströmt den

festen, positiven Inhalt der Religion. Das Subject besitzt nicht die

Macht den Strom zu beherrschen und zu leiten, sondern ist immer nahe

daran im Strome zu ertrinken, weil es ihn nicht ~außer sich~

bekommen kann, weil es seinen eignen Gedanken nicht als Object zu

setzen vermag, sondern von ihm wie trunken ist. Dazu würde erfordert,

daß Philosophie und Religion wirklich gesondert wären, daß das

philosophische Ich sich unterschiede vom religiösen Ich. Dieses aber

ist eben auf diesem Standpuncte das Unmögliche, und das Subject muß an

seinem eignen substantiellen Reichthum zu Grunde gehen, weil es ihn

nicht ~gegenständlich~ zu machen weiß; es vermag seinen geistigen

Schatz nicht zu entäußern, darum bleibt dieser ein ungesehenes

Geheimniß. Dieses ist die Unfreiheit der Mystik. Wie viel sie auch von

Selbstbetrachtung und Selbstbeschauung sprechen mag, sie kommt doch

nie wirklich dazu sich selbst zu sehen, weil es ihr an der nöthigen

~Doppeltheit~ des Bewußtseyns, an der inneren Selbstunterscheidung

fehlt. In seiner substantiellen Identität mit sich ist das mystische

Bewußtseyn sich selbst ein unsprechliches Geheimniß, ein schweigendes

Mysterium. So sagt Eckart von sich selber, er hätte gestanden in dem

Grunde der Gottheit und in der Tiefe der Gottheit und in dem Quell

der Gottheit. Dieses ist nicht nur zu verstehen von der ideellen

Präexistenz der Seele, sondern es ist ebensosehr zu nehmen als eine

Beschreibung des mystischen Zustandes. Denn wenn das Bewußtseyn sich

in seinen eignen substantiellen Grund verhüllt, dann steht es in der

Tiefe der Gottheit, wo es weder weiß noch will, weil ein jeglicher

Gegenstand, ein jegliches Verhältniß von Subject und Object aufgehoben

ist. Das Offenbarungsbewußtseyn ist nun das nothwendige alterum des

mystischen Bewußtseyns, denn nur aus jenem producirt sich dieses, und

das oben besprochene Reflexionsverhältniß von Mysterium und Offenbarung

ist hiemit gegeben. Wenn nun im Kreise der Offenbarung die Identität

von Subject und Object oft in speculativer Wahrheit ausgesprochen

wird, so läßt diese sich doch nicht festhalten, weil das Subject sich

selbst nicht als wahrhaftes Subject seiner eignen Gedanken festzuhalten

vermag. Die Gegenstände der Offenbarung können nicht festgehalten

werden, weil das Subject sich selbst nicht wahrhaft gegenständlich ist.

Es ist sich selber unsichtbar, und da die Unsichtbarkeit seine eigne

Natur ist, sucht es die Offenbarung hierauf zurückzuführen. So wird

auch das Geschichtliche, das Factisch-Gegenständliche der Offenbarung

immer aufs neue aufgelöst und in ein Inneres, in eine reine Wesenheit

verwandelt, welche in der stillen Identität der Seele verschlossen und

versiegelt wird. Den Dualismus von Mysterium und Offenbarung, welcher

das Wesen dieses Bewußtseyns ausmacht, legt es, ohne es selbst zu

wissen, hinein in das göttliche Wesen selbst.

Die so oft besprochene Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes wird

durch die Betrachtung der Mystik von einer wesentlichen Seite

beleuchtet. Die verschiedenen Proteusgestalten, in welchen diese

Lehre zu verschiedenen Zeiten erschienen ist, lassen sich nemlich

alle auf zwei Hauptgesichtspuncte reduciren, von welchen der eine in

objectiver, der andere in subjectiver Beziehung die Unbegreiflichkeit

Gottes lehrt. Der objective Standpunct, oder derjenige, welcher

lehrt, Gott sey an sich selber ein unbegreifliches Wesen, und die

Unbegreiflichkeit gleichsam zur göttlichen Grundeigenschaft macht,

ist eben der mystische. Gott ist an sich selber unbegreiflich, denn

im Begriffe ist die Endlichkeit enthalten, Gott aber ist das eine,

unterschiedslose Wesen. In dieser Bedeutung muß allerdings die

Unbegreiflichkeit Gottes zugestanden werden, denn nur das in sich

Vermittelte läßt sich begreifen. Insofern Gott im unmittelbaren

Mysterium, im reinen An-sich-seyn gefaßt wird, muß gesagt werden, er

werde vielmehr gar nicht gefaßt, und es habe Keiner Gott gesehen,

weil er wohne in einem unzugänglichen Lichte. Jene innerste Tiefe

der Gottheit ist unbekannt und wird nimmermehr erkannt; hier ist die

Gottheit sich selber unbekannt, weil sie sich noch nicht in Subject

und Object unterschieden hat. Aber ebensosehr muß das Mangelhafte und

Endliche jenes Mysteriums aufgezeigt werden, der Widerspruch, welcher

darin enthalten ist, Gott nur als ruhendes, in sich verschlossenes

Seyn zu denken, ohne fortzuschreiten zum Offenbarseyn, zum lebendigen

Geiste. -- Der subjective Standpunct ist der rationalistische,

welcher lehrt, daß Gott, ob auch sich selber begreiflich, doch dem

Menschen unbegreiflich sey, weil alle menschliche Begriffe ~nur~

endliche seyen. Dieser Lehre zufolge kann der Mensch nie über seinen

subjectiven und beschränkten Horizont hinauskommen. Ihren höchsten

wissenschaftlichen Ausdruck hat diese Denkweise in der Philosophie

des achtzehnten Jahrhunderts gefunden. Wenn die Mystik Mysterium und

Offenbarung auf abstracte Weise trennt, so trennt der Rationalismus

göttliche Offenbarung und menschliches Selbstbewußtseyn und scheidet,

was Gott zusammengefügt hat. Auf diese Theorien lassen alle Lehren von

der Unbegreiflichkeit Gottes sich reduciren und sind nur Modificationen

des mystischen oder des rationalistischen Princips, oder von beiden

zugleich. Denn die Frage, ob das vollständige, concrete Gottwissen

schon in diesem αἰὼν oder erst in einem zukünftigen höheren αἰὼν

vergönnt sey, diese empirische Frage ist allerdings von großer

theologischer Wichtigkeit, läßt sich aber erst beantworten oder

abweisen, wenn die Frage nach der an sich seyenden Möglichkeit oder

Unmöglichkeit eines absoluten Gottwissens erst erledigt ist. Die rein

metaphysischen Gründe aber, aus welchen die Begreiflichkeit Gottes

bestritten werden kann, sind in den angedeuteten Standpuncten gegeben.

Da der unaufgelöste Widerspruch von Mysterium und Offenbarung allen

Formen der Mystik gemeinsam ist, so kann die christliche Mystik

ihren specifischen Charakter, wodurch sie sich von jeglicher andern

Mystik unterscheidet, nur von derjenigen Offenbarung erhalten, über

welche sie hinauszukommen sucht. In der mystischen Nacht, jenseits

der Grenzen der Offenbarung, können christliche und nicht-christliche

Mystiker nicht unterschieden werden. Es ist nur am Ausgangspuncte

ihrer Wanderung und am Wege, wo sie beim Lichte der Offenbarung

unterschieden werden können; am Ziele aber sind sie alle Eins. Es

erhellt aber, daß diejenige Mystik, welche sich durch den reichsten

Offenbarungsinhalt bewegt, auch die reichste Gedankenfülle entwickeln

wird, und das mystische »Nichts« erhält seine nähere Bedeutung

durch das »Ichts« oder Etwas, welches seine reale Voraussetzung

ist. Der Offenbarungskreis nun, welcher Voraussetzung ist für die

christliche Mystik, wird beschrieben von der Dreieinigkeit, in welcher

die Gegensätze der Schöpfung und der Menschwerdung Gottes, der

Sünde und der Erlösung enthalten sind. Hiemit ist eine Betrachtung

der ~Endlichkeit~ gegeben, welche sich vom Akosmismus scharf

unterscheidet. Nach christlicher Lehre ist die Endlichkeit nicht

Nichts, sondern Etwas; es gibt eine von Gott wesensverschiedene

Existenz, ein Leben, das sich reget und beweget außer Gott; es

gibt eine creatürliche Ichheit, ein Denken, ein Wollen, das ein

~anderes~ ist, als das des allmächtigen Gottes. Die Sünde und

das Elend des Menschen, die ganze empirische Noth des Irdischen, die

Wehklage über die Eitelkeit dieser Welt, ist kein Schein, sondern

tiefer Ernst; und die Erlösung von diesen negativen Mächten ist nicht

nur die Befreiung des Gedankens vom Scheine, sondern die Zurückführung

der ~Existenz~ in das wahre Grundverhältniß. Die Menschwerdung

Gottes zum Heile der Menschheit ist kein Gedankenbild, Christus hat

nicht einen Scheinleib angenommen, ist keine mythische Apparenz oder

Theophanie, sondern in der Geschichte ist Gott Mensch geworden, ist

eingegangen in die ~empirische~ Endlichkeit, hat ihr Kreuz in

dessen ganzer Wirklichkeit auf sich genommen. Die eigenthümliche

Betrachtung des Endlichen bildet den Mittelpunct in jeder Religion,

wie auch die Endlichkeit das eigentliche Kreuz der Philosophie ist.

Das christliche Evangelium, welches, um es in einem alten mystischen

Symbole zu sagen, den Menschen die Rose im Kreuze und das Kreuz in

der Rose zeigt, mußte nothwendig den Juden ein Aergerniß und den

Griechen eine Thorheit seyn, weil es einerseits mit dem ästhetischen

Akosmismus des Heidenthums, welcher die Endlichkeit wegidealisirt

und ihren Stachel ignorirt, andererseits mit dem abstracten

Monotheismus des ungläubigen Judaismus, welcher die Endlichkeit nur

in ihrer prosaischen, nackten Gottverlassenheit auffaßt, im tiefsten

Widerspruche steht. Die pantheistische Denkweise sieht in der Welt nur

lauter Gott und lauter ideale Herrlichkeiten; der abstracte Theismus

sieht in der Welt nur das nackte, prosaische Kreuz, bemerkt aber nicht

die Rose der Ewigkeit in dessen Mitte.

Es ist die hier angedeutete Betrachtung der Endlichkeit, wodurch die

christliche Mystik ihre eigenthümliche Färbung erhält, und wodurch

sie sich sowohl von der orientalischen wie von der neoplatonischen,

den beiden weltgeschichtlichen Gestaltungen der Mystik, welche der

christlichen vorangehen, unterscheidet. Die +via negationis+,

welche der christliche Mystiker durchzumachen hat, nimmt ihren

Ausgangspunct von der mit der Sünde behafteten Creatürlichkeit, vom

Schuldbewußtseyn und dem unendlichen Schmerz über die Sünde; sie bewegt

sich durch den Proceß der Bekehrung und der Wiedergeburt, durch die

christliche Heilsordnung. Der orientalischen und neoplatonischen Mystik

aber fehlt es an dem tiefen ~ethischen~ Momente; sie strebt nur

nach der abstracten Befreiung von der Endlichkeit, aber nicht von der

sündhaften, ~schuldigen~ Endlichkeit. Der Pantheismus, der sich

bei den persisch-mahomedanischen Dichtern ausspricht, ist von ächt

mystischer Natur. Denn der Grundton in diesen Poesien ist die Liebe

der Seele zu Gott und ihre Seligkeit durch Aufgebung des endlichen

Ich[18]. Aber diese Seligkeit ist nicht errungen durch den harten

inneren Kampf, durch Gewissensnoth und Seelenleiden; die Sorgen der

Endlichkeit schweben nur wie leichte Traumwolken am poetischen Himmel.

Die Contemplation ist mehr extensiv als intensiv; sie sieht die

Gottheit in den Sternen, im Meere, in den Thautropfen, in der Blume, in

der quantitativen Unendlichkeit der Natur, welche sie mit dem ganzen

Luxus der morgenländischen Phantasie ausmalt. Sie wird nicht müde

davon, die ganze Herrlichkeit der Natur in der einen absoluten Substanz

zu Grunde gehen zu lassen, und da das Ich mit jedem Naturgegenstande

sympathisirt, ist es selig, wenn es selbst wie der Thautropfen vor

der Sonne verschwindet. Die Anweisung zum seligen Leben, welche diese

Mystik verkündigt, führt zu einer unmittelbaren Lebensfreude, zu einem

seligen Rausch im Universellen und Ewigen; es kostet dem Ich keinen

schweren Kampf und keine Resignation sich selbst aufzugeben, denn

die menschliche Persönlichkeit hat nicht die unendliche Wichtigkeit

für sich selbst wie im Christenthum, da sie sich noch nicht deutlich

von der Natur unterschieden hat. -- Die neoplatonische Mystik kehrt

zurück zur reinen Lichtanschauung des alten Orients und die Reinigung

der Seele wird angestrebt durch Vernichtung des Stoffes, der Materie.

Die idealistische Flamme hat alle Naturbetrachtung verzehrt, aber

das Bewußtseyn der Sünde fehlt, und es ist hier kein Verhältniß

eines reellen Gegensatzes von Gott und Welt, welche letztere nur ein

doketischer Schein ist. Die ~christliche~ Mystik hingegen geht

aus von einer gefallenen Welt. Unter allem Geschaffenen ist nur ein

Punct, an welchem die Betrachtung haftet, nemlich das menschliche

Ich, und unter allem Sichtbaren ist nur ein Bild, zu welchem sie

unablässig zurückkehrt, nemlich das gnadenreiche Bild des Heilandes.

Die Natur ist profan und die Seele, welche mit Natürlichkeit behaftet

ist, ist sündhaft. Ein Gefühl durchdringt die Seele, der Widerspruch

zwischen ihrer Wirklichkeit und ihrem ewigen Wesen, das Gefühl ihrer

Creatürlichkeit, ein unendlicher Hunger und Durst nach Gott. Die

Seele will nicht nur von der Sünde erlöset werden, sondern auch

von der ~nackten~ Creatürlichkeit, welche sich sehnet mit dem

unerschaffenen, unverweslichen Wesen überkleidet zu werden. Die Seele

muß mit Gott vereinigt, in Gott verwandelt oder vergottet werden; das

Creatürliche muß glorificiret, das Menschliche deificiret werden.

Diese Einheit des Menschen mit Gott wird vermittelt durch Christus,

den Mittler zwischen Gott und der Menschheit. Deshalb kann der Mensch

nur deificiret werden, insofern er christificiret wird. Die Aufgabe

der christlichen Mystik erhält so ihren concretesten Ausdruck, indem

sie bestimmt wird als ~die Nachfolge Christi~, welche keinesweges

zu nehmen ist als eine nur moralische Nachfolge des lediglich im

Gedächtnisse aufbewahrten Beispieles Christi, sondern als ein innerer,

realer und wesentlicher Christificationsproceß.

Wenn so eine nähere Betrachtung der christlichen Mystik zeigt, daß

sich hier eine doppelte Anschauung des Endlichen hervorthut, und daß

die Widersprüche oft unvermittelt sich zur Seite stehen, so ist dieses

theils eine nothwendige Folge des Begriffes der Mystik, theils der

eigenthümlichen Natur des Mittelalters. Denn obgleich die äußere

Gestalt des Mittelalters eine christliche war, so gährte doch in seinem

Innern eine Mannichfaltigkeit von unverdauten, heidnischen Elementen,

welche in sich zu verwandeln oder sich zu assimiliren das christliche

Princip noch nicht die Macht hatte. So mußte ja die ganze Intelligenz

des Mittelalters ihre Entwickelung an die heidnische Philosophie

anlehnen, vermochte aber nicht den umgestaltenden und reinigenden

Proceß damit vorzunehmen, welcher nöthig gewesen wäre, um in jeglicher

Beziehung jene Philosophie dem christlichen Geiste als dienendes

Organ anzueignen. Dasselbe gilt von der christlichen Mystik in ihrem

Verhältniß zum Neoplatonismus, dessen pantheistischer Strom sich

durch's ganze Mittelalter erstreckt.

Am reinsten und durchgeführtesten zeigt sich die neoplatonische Ansicht

der Endlichkeit in der Mystik der griechischen Kirche, bei Dionysius

dem Areopagiten. Die griechische Kirche steht dem Orient am nächsten;

ihre speculative Geistesrichtung ist fast ausschließlich auf das Wesen

und die inneren Verhältnisse der Gottheit gekehrt, wohingegen das

Anthropologische, das Interesse am Menschlichen in den Hintergrund

tritt. Ihre orthodoxe Dogmatik ist wesentlich Trinitätslehre, aber

nicht so sehr eine Lehre vom dreieinigen Gotte, wie er sich in der

Geschichte offenbart, als eine Lehre von seinem überweltlichen

Seyn in sich selber. Dieses vorherrschende Interesse am Göttlichen

mit Zurückstellung des Menschlichen wiederholt sich nun auch in

der Mystik dieser Kirche. Allerdings ist auch die oben besprochene

Amphibolie bei Dionysius vorhanden, da er das christliche Dogma zu

seiner Voraussetzung hat, aber der Widerspruch ist oberflächlich,

weil die Weltseite der Offenbarung, die schärfsten Puncte des

Negativen, die Sünde, die Erlösung, die menschliche Natur Christi,

keine rechte Wurzel im Bewußtseyn haben und gleichsam nur von außen

ins Bewußtseyn hineinscheinen. Was den Areopagiten begeistert, ist

nur die intelligible Welt, der Himmel der Ideen, welcher jenseits der

menschlichen Wirklichkeit gelegen ist, das göttliche Licht und die

Gemeinschaft der reinen, übermenschlichen Geister, zu welcher wir

durch fortgesetzte Reinigung erhoben und für welche wir durch die

mystische Symbolik des kirchlichen Lebens vorbereitet werden[19]. Aber

das Bewußtseyn setzt nicht die volle Wirklichkeit der christlichen

Offenbarung voraus, die anthropologische Seite des Christenthums hat

kein wahres Leben gewonnen, und hiedurch unterscheidet sich die Mystik

der griechischen von der Mystik der abendländischen Kirche, welche

den vollständig entwickelten Offenbarungsgehalt zur Voraussetzung

und Grundlage hat. Die Worte »Seele« und »Mensch« werden von den

Mystikern des Abendlandes mit einem ganz anderen, volltönendern,

tiefergreifenden Klange ausgesprochen, als in den dionysianischen

Betrachtungen. Denn die Seele hat einen unvergeßlichen Blick gethan

in sich selber, in den Abgrund der menschlichen Natur, von dessen

Tiefe der griechische Mystiker nur eine ferne Ahndung hat. Es ist

die tiefsinnige augustinische Betrachtung der menschlichen Natur,

wodurch die Lehre von der Sünde und der Erlösung Grundlage der

occidentalischen Anschauung wurde, und welche auch dazu beigetragen hat

der abendländischen Mystik das eigenthümliche Gepräge zu geben. Dieses

Gepräge findet sich nicht nur in der germanischen Mystik, sondern

auch in der romanischen (die zweite Epoche der christlichen Mystik),

welche ihre vornehmsten Repräsentanten in dem heiligen Bernhard und

den Victorinern, in dem heiligen Franciscus und Bonaventura findet.

Wir können die dionysianische Contemplation als die objective, die

occidentalische Contemplation als die subjective Seite der christlichen

Mystik bezeichnen.

Sollten wir mit einem Worte dieses Eigenthümliche der abendländischen

Mystik ausdrücken, so würden wir es mit dem Worte »Gemüth« bezeichnen,

und durch nähere Betrachtung dieses Begriffs werden wir auch den

Unterschied der germanischen Mystik von der romanischen angeben können.

Das Gemüth ist der innere Lebensheerd der geistigen Persönlichkeit,

die in sich selbst gesammelte Seele, ihr Leben und Weben in ihrer

esoterischen Unendlichkeit. Es ist nicht diese oder jene von den

Kräften der Seele, sondern der innere Brennpunct ihrer ungetheilten

Vereinigung. Es enthält die geistige Totalität als inneres Eigenthum

des Individuums. Das religiöse Gemüth ist die ideale Verschmelzung

der absoluten Wahrheit nicht nur mit dem allgemeinen, denkenden

Ich, sondern mit dem wirklichen, ~empirischen~ Ich und in

dieser Einheit fühlt der Mensch sich heimisch in der Wahrheit, denn

die Wahrheit hat selbst individuelle Menschennatur angenommen, sie

gestaltet sich gleichsam palpabel, begleitet den Menschen selbst durch

die unbedeutendsten Verhältnisse des Lebens, mit einem Worte, sie

wird fortwährend erfahren. Wie das Christenthum zuerst die Idee der

geistigen Persönlichkeit hervorgerufen hat, so muß auch gesagt werden,

daß die Erweckung des religiösen Gemüthslebens ihm zuzuschreiben sey.

Das Christenthum enthält die unendliche Vereinigung nicht blos des

allgemein Menschlichen, sondern des empirisch, individuell Menschlichen

mit dem Göttlichen. Daß Gott ein einzelner Mensch geworden ist -- in

dieser umfassenden Wahrheit ist enthalten was das religiöse Gemüth

sucht, ja was es selbst, ideal betrachtet, ist, das Absolute, zu einem

einzelnen empirischen Puncte concentrirt, die unendliche Wahrheit,

Gott selbst als einzelne, thatsächliche Erscheinung. Obgleich nun

das Gemüth ein nothwendiges Moment des christlichen Bewußtseyns

ist, so behaupten wir doch, daß es erst geschichtliche Bedeutung

gewinne in der Entwickelung der abendländischen Kirche, weil die Idee

der Erlösung, die Aneignung Christi erst hier epochemachend wird.

Im Gegensatze zur Scholastik, welche diesen tiefen Inhalt in eine

atomistische Dialektik zersplittert, sucht die Mystik die Totalität

des Inhalts, dessen ungetheilte Lebensfülle zu bewahren, und legt

ihr Ergreifen Christi und ihr Ergriffenseyn von ihm an den Tag als

ein inneres Erleben, ein geistiges, seelenhaftes Wiederholen jener

Vereinigung Gottes und des Menschen, welche in der Geschichte Christi

objectiv angeschaut wird. Wie Gott sich als Kind in einer Krippe des

Morgenlandes gebären ließ, so wird er jetzt aufs neue geboren in der

einsamen Klosterzelle des Abendlandes. Erst in der lateinischen Kirche

wird die Aufgabe der Mystik als Nachfolge Christi bestimmt. Nicht nur

das große anthropologische Interesse, das von Augustinus ausging,

trug dazu bei diese Innerlichkeit hervorzurufen, sondern auch die

geistige Naturanlage der Völker und die Entwickelung des romantischen

Princips. In der abendländischen Mystik ist jeder Gedanke, selbst

der abstracteste, gemüthlich, weil er immer den Widerschein der

Individualität an sich hat. Das Interesse am Menschlichen wird selbst

da gespürt, wo der Gedanke sich in die abgelegensten und einsamsten

Gegenden des göttlichen Wesens verirrt hat, und sein kühnster

Pantheismus wird nur in seiner wahren Bedeutung erkannt, wenn er erfaßt

wird in seinem lebendigen Quellpuncte, dem reichen, von Liebe erfüllten

Gemüthe, dessen Verlieren seiner selbst eben sein höchster Fund ist.

Es mag der Gedanke dieser Mystik hinauf gen Himmel fahren, oder in die

abgründige Tiefe der Gottheit hinabsteigen, er findet doch zuletzt,

daß die göttliche Natur nicht allein sey, sondern daß sie immer die

menschliche an sich habe; er mag hinausziehen in die einsame Wüste des

göttlichen Wesens, er findet doch auch hier Spuren der Menschheit. Die

Mystik der griechischen Kirche kennt nur den Ausgang der Seele aus sich

selber, aber nicht ihre Rückkehr, ihren Eingang in die eigene Tiefe.

Meister Eckart · 第 4 / 11 段