Der Akosmismus bildet so einen Gegensatz zu der theologischen

Denkweise, die auf dem kosmischen und anthropocentrischen Standpuncte

stehen bleibt. Die Weise, sagt Meister Eckart, die des Wesens am

allermeisten hat, heißet Substanz, und die Weise, die des Wesens am

mindesten hat, heißet Relatio (+fol.+ 287). Für die kosmische

Theologie, die in endlichen Relationen denkt, ist Gott das höchste

Object, aber doch nur ein Object unter den vielen Objecten, von denen

das Ich umgeben ist; er ist der höchste Gedanke, aber doch nur ein

Gedanke unter den vielen Gedanken, die im Ich vorhanden sind. Für den

mystischen Akosmismus dagegen existirt nur ein wirkliches Object und

er kennt nur einen wahren Gedanken. Wer die ganze Welt mit Gott nimmt,

sagt Meister Eckart, nimmt nicht mehr, als nähme er Gott allein; denn

alle Creaturen sind ein pures Nichts, nicht ein göttliches, sondern ein

creatürliches Nichts. Dieser Akosmismus ist nicht die leere Abstraction

der Endlichkeit, sondern deren Versenkung in die Unendlichkeit. Er

verneint die Welt, insofern sie ein Leben ist (insofern sie ein

endliches, zeitliches Daseyn hat), aber bejahet sie, insofern sie

ein Wesen ist in Gott. »Wer die Dinge verläßt, wo sie getheilt und

zerstückelt sind, findet sie wieder da, wo sie geeint und vollkommen

sind.« Denn alle weltliche Existenzen werden als Idealitäten in Gott

aufbewahrt, während sie als Realitäten vernichtet werden. Im göttlichen

Nichts sind alle Dinge in ihrem Anfang und Ende. Es ist also kein

Abstractum, sondern eine überschwängliche Lebensfülle, ~Alles~

in sich enthaltend. »Daß es genannt wird ein Nichts, das ist nur zu

verstehen nach allem dem Ichts, das wir ihm nach creatürlicher Weise

zulegen mögen. Denn, was man ihm in solcher Weise zulegt, das ist Alles

in etlicher Weise falsch und seine Läugnung ist wahr. Aus dem so mag

man ihm sprechen ein ewiges Nicht« (Suso +pag.+ 289). Indem diese

Theologie in Allem nur das Eine und Alles nur ~als~ das Eine

betrachtet, tritt sie nie aus dem Kreise der Gottheit heraus.

Die in endlichen Relationen denkende Theologie fragt nur nach der

Beziehung Gottes zur Welt, und namentlich, was er sey in praktischer

Beziehung für das menschliche Ich; sie kennt nur den Widerschein des

göttlichen Wesens in der Welt, aber nicht dieses selbst; sie weiß nur

von einer göttlichen Offenbarung und Weltregierung, die nicht Gott

selbst, sondern nur die Creatur zum Ziel hat. Auf diesem Standpuncte

bezeichnen die göttlichen Eigenschaften nur die Beziehungen, in denen

das Wesen Gottes von dem endlichen, beschränkten Denken des Menschen

aufgefaßt werden kann, nicht aber die eignen Bestimmtheiten des

göttlichen Wesens. Alle diese relative Gesichtspuncte erlöschen im

mystischen Schauen. In der mystischen Contemplation stellt die Welt

sich nicht als eine hemmende, unüberwindliche Schranke zwischen den

Gedanken und Gott, sondern Gott wird geliebt und erkannt ohne alles

»Mittel« der Creatur. Es ist nur auf dem Standpuncte einer niederen

Betrachtung, daß die Welt, wie ein Stäubchen im sinnlichen Auge,

das wahre Erkennen hindert. Gott zu erkennen in der Creatur ist die

niedrigste Erkenntniß, die da heißet eine Abend-Erkenntniß, denn es

ist nur der gebrochene Widerschein des göttlichen Wesens, was hier

erkannt wird, während dieses, die ewige Sonne selbst, sich im Jenseits

verbirgt; die Creatur aber in Gott zu erkennen ist eine höhere Stufe,

die da heißet eine Morgen-Erkenntniß, weil die creatürlichen Gestalten

in das hervorbrechende Licht aufgenommen und verklärt werden; wenn

aber das göttliche Wesen an und für sich, ohne alle Reflexion, ohne

allen creatürlichen Schein erkannt wird, dann steht der Gedanke in

der absoluten Identität oder in der hellen Mittagssonne (Eckart

+fol.+ 279). Es ist nur das menschliche Ich selber, das dieser

höchsten Erkenntniß im Wege steht; darum muß der Mensch seinem Ich,

seinem creatürlichen Nichts absterben; die Seele muß aller Bilder

entkleidet werden, denn das mindeste creatürliche Bild, das sich bildet

zwischen der Seele und Gott, zerstört die Einheit. Und nicht darf die

Seele Gott suchen um dieses und das, um ihren eigenen Nutzen oder ihre

eigene Seligkeit, sondern sie muß seyn ohne alles Warum. Darum muß auch

die Erkenntniß des göttlichen Wesens frei seyn von allem Affect, ein

reines unpathologisches Denken. »Willst du Gott lauterlich erkennen«,

spricht Meister Eckart, »dann mußt du ablegen alle Freude und Furcht,

alle Zuversicht und alle Hoffnung; denn dies Alles ist creatürlich

und hindert die Einheit. Dieweil du dieses ansiehest, siehest du Gott

nicht« (+fol.+ 258). Der gewöhnliche Ausdruck für den Zustand,

wo die absolute Identität von Subject und Object, der Seele und Gott,

eintreten kann, ist die vollkommene »Armuth«, denn Armuth haftet an

Nichts. Als die durchgeführte Negation der ganzen Mannichfaltigkeit der

Erscheinungswelt ist die vollkommene Armuth Eins mit der vollkommenen

Unabhängigkeit und »Freiheit«; aber als die absolute Freiheit ist die

Seele Eins mit dem göttlichen »Nichts«[17]. Mag es nun allerdings

scheinen, als habe die Mystik sich über alle Relation erhoben, als sey

das theoretische Interesse, das sich rein unpathologisch zu seinem

Gegenstande verhält, ihr das Höchste, so wurzelt sie doch tief in einem

praktischen und subjectiven Interesse; und obwohl sie den praktischen

Standpunct negirt, der nur fragt, was Gott sey in Beziehung auf den

Menschen, so fragt sie doch wesentlich nach demselben, aber auf eine

unendliche Weise. Die mystische Theorie ist durch ein praktisches,

subjectiv-religiöses Interesse vermittelt, und dieses ist es, was

der Mystik ihren specifischen Charakter gibt im Unterschiede vom

theoretischen Pantheismus. Dieses praktische Interesse ist nemlich

die Sorge des Individuums um seine Seligkeit, und diese Rücksicht

ist gleichsam der heimliche Faden, der die Seele auf allen ihren

Wegen durch das Labyrinth der Betrachtung leitet. Die Erkenntniß des

göttlichen Wesens ist für den wahren Mystiker nicht ein Anliegen der

Wissenschaft, sondern eine Sache der Seligkeit, des Heils; und obgleich

er nicht Gott der Seligkeit, sondern nur seiner selbst wegen suchen

will, ist die Reflexion auf sich, die Selbstberücksichtigung doch nicht

verschwunden. Der Mystiker hat nemlich gefunden, daß die Seele ihre

~Seligkeit~ nur finden könne in der absoluten Identität, das heißt

in einem Verhältniß Gottes und des Menschen, das da wesentlich ist das

unendliche Verhalten Gottes zu sich selber. Will man also das Wesen

der Mystik im Allgemeinen bezeichnen, so kann man es bezeichnen als

eine »Anweisung zum seligen Leben«, und nicht blos als eine Anweisung

dazu, sondern als dieses Lebens reelle Praxis und wirklichen Genuß.

Fichte's Anweisung zum seligen Leben ist vielleicht dasjenige Werk in

der neueren Litteratur, das an Geist, Physiognomie und Sprache der

alten Mystik am meisten ähnlich ist. Der historische Ausgangspunct der

alten Mystik ist die Askese und das Mönchsleben. Das religiöse Gemüth,

unbefriedigt von dem geschichtlichen Weltzustande, wo es nur lauter

Eitelkeit siehet, will selbst für sein Heil sorgen, da der gewöhnliche

Weg ihm nicht genüget. Es vollzieht einen praktischen Akosmismus, legt

sich selbst Armuth, Keuschheit und Gehorsam auf, und zieht sich zurück

in sein inneres Adyton, um hier das Ewige und Heilige zu finden, das

es in der Welt vergebens suchte. Aber indem nun die Seele in stiller

Einsamkeit ihren Gott sucht als ~das höchste Gut~, wird ihre

Betrachtung geläutert durch verschiedene Stadien in der Erkenntniß des

Guten. Es wird erkannt, daß das Gute vom Wahren und Substantiellen

nicht verschieden sey, daß das Wahre aber nicht vermischt sey mit

Einzelnheit, Endlichkeit, Creatürlichkeit; es wird erkannt, um in der

Sprache der Mystik zu reden, daß das vollkommene Gute, das der Mensch

lieben soll, weder ist Dies noch Das, weder hie noch da, weder Ich

noch Du, sondern nur das Eine, das da ist über alles Ich und Du, über

alles Dies und Das, über alle Enden und Oerter; und in diesem einen

Gut wird Alles geliebt, was Gut genannt werden mag, so daß man sagen

muß: Alles in Einem, und Eins in Allem. Denn was da ist hie und da,

das ist nicht allewege, und was da ist heute oder morgen, das ist

nicht allezeit und über alle Zeit, und was da ist Etwas, das ist nicht

Alles und über Alles. Wäre denn Gott Etwas, Dies oder Das, dann wäre

er nicht das Vollkommene, sondern nur ein Stückwerk (deutsche Theol.

+cap.+ 30). Aber diese intellectuelle Liebe Gottes kann durch kein

wirkliches Handeln realisirt werden, denn das wirkliche Handeln geht

immer auf Dies oder Das; diese Liebe realisirt sich nur als unendliches

Schauen und seliger Genuß im stillen Reiche der Ewigkeit. Ein einiger

Augenblick göttlicher Schauung, wiederholen alle Mystiker nach

Dionysius dem Areopagiten, ist mehr werth, denn alle die guten Werke,

die die ganze heilige Christenheit wirkt in tausend Jahren.

Das höchste Gut ist also die unendliche Identität Gottes und der Seele,

aber da das religiöse Individuum von der Wirklichkeit abgeschieden

und gleichsam aus dem Contexte des Weltlebens herausgerissen ist, so

kann sein Streben nach Vollkommenheit, die Praxis, die es übernimmt,

damit es zum Ideale gelange, kein wirkliches Handeln seyn auf dem

Gebiete der eigentlichen Sittlichkeit, die ihre Realität für das

Bewußtseyn verloren hat. Dahingegen strebt es durch eine Reihe

~absoluter Handlungen~ zum Ziele zu gelangen, durch Buß- und

Andachtsübungen, durch einen ununterbrochenen religiösen Cultus, in

welchem die natürliche Individualität durch fortgesetzte Selbstopferung

geläutert und gleichsam transsubstantiirt werden soll, damit das

Verwesliche sich wandele in das Unverwesliche, das Zeitliche ins Ewige.

Der mystische Reinigungsproceß bewegt sich durch alle Stationen,

die zwischen der unmittelbaren Natürlichkeit und Sündhaftigkeit der

Individualität und ihrer Vergottung liegen. Die Mystik ist gleichsam

die Jacobsleiter, die Himmel und Erde verbindet, und an welcher der

Mensch zur höchsten Einheit emporsteigen soll. Erst wenn die Seele

durch fortgesetzte Negation der Endlichkeit alle Stationen zurückgelegt

hat, kann der reine Akosmismus eintreten, der mit der völligen

Auflösung der Individualität und ihrem Verschwinden in der Gottheit

endigen zu müssen scheint. Allein wir werden in der Folge sehen, wie

die christliche Mystik in demselben Momente, wo sie den Untergang der

Individualität ausspricht, sich doch wieder selbst corrigirt und die

Individualität restituirt. Es liegt in der Natur der Mystik, daß es

ihr nicht völliger Ernst seyn kann mit dem reinen Akosmismus und mit

der Läugnung der individuellen Unsterblichkeit der Seele. Die tiefe,

unendliche Theilnahme der Seele an sich selber, die Selbstreflexion,

worin die Mystik ihren Anfang nimmt, ist auch ihr wirkliches Ende;

die Seele, die zur höchsten Vollendung gelangt ist und sich in den

Abgrund der Gottheit versenkt hat, geht nicht verloren, denn sie weiß

die Gottheit als ein eigenstes Selbst, als ihre unendliche Freiheit,

sie weiß ~Sich~ als den unendlichen Identitätspunct. Mag der

Mystiker auch momentan eine Vernichtung seines Ich wollen und mit

dem kühnsten Muthe dieses aussprechen, es ist doch nur die weltliche

Erscheinung, eine unvollkommene Gestalt, eine untergeordnete Potenz

des Bewußtseyns, wovon er sich befreien will, denn die Freiheit selbst

will nicht sterben und gebiert sich immer wieder aufs neue in einer

höheren Potenz. Die religiöse Psyche, die aus Liebe sich selbst als

Opfer verbrennt, ist nicht nur der ewig absterbende und verschwindende,

sondern auch der ewig wiedergeborne und selige Punct, in dem die

Gottheit unablässig pulsirt.

Dieses ist nun die nähere Bestimmung des mystischen Akosmismus; aber

der eigenthümlich mystische Charakter desselben wird erst völlig klar

werden, wenn wir ihn als ~Atheismus~ betrachten. Der Atheismus ist nur

der Akosmismus aus einem anderen Gesichtspuncte gesehen. Es versteht

sich von selber, daß hier nicht die Rede ist von dem Atheismus, der

das Daseyn Gottes und der Idee überhaupt läugnet, weil er die Materie

als die einzige Wirklichkeit setzt und, weit entfernt vom Akosmismus,

nur die schlechteste Weltvergötterung ist. Der Atheismus, von dem hier

die Rede ist, entspringt nicht aus Weltliebe, aus »Zärtlichkeit für

die endlichen Dinge,« sondern indem er Gott verneinet, verneinet er

ebensosehr die Welt und tritt als entschiedener Akosmismus hervor.

Da die Mystik alle Endlichkeit, also alle Bestimmtheit negirt, kann

sie nicht ausruhen in Gott als Gott, als welcher er auf die Welt

bezogen ist, sondern sie sucht ihn als die Gottheit, als das ewige

Nichts, daraus Alles, selbst die göttliche Persönlichkeit urständet.

Dies ist ein hoher, ächt speculativer Gedanke. Der wahre Mystiker,

der das innerste Mysterium sucht, vernichtet sowohl Gott als die

Welt, um zu demjenigen zu gelangen, welches war, bevor noch Gott und

die Welt waren. Er kann nur ausruhen in dem Ursprünglichen, in dem

metaphysischen Anfang Gottes. Darum bittet Meister Eckart Gott, daß er

ihn ledig mache Gottes, damit er ihn nicht mehr als Schöpfer oder in

irgend einer anderen Bildung anschaue, sondern als die bloße, lautere

Vernünftigkeit selber. Darum genüget ihm weder an Vater, noch Sohn,

noch heiligem Geist, denn auch diese concreten Bestimmtheiten will er

in ihrer Wesenswurzel und ihrem Quellpuncte ergreifen. Darum sehnt er

sich zurück in seine erste Ursache, wo er war von Ewigkeit, in das

lautere Wesen, das ungesprochene Nichts, wo da weder war Gott noch

Creatur. Und er will nicht seine Seligkeit nehmen von der Güte Gottes,

von dem +beneplacitum+ seiner Gnade, sondern nur von der Gottheit in

Gott; er sucht die substantielle Nothwendigkeit, das markige Wesen der

Güte und jeglicher göttlichen Eigenschaft, die Essenz des Geistes, den

gediegenen Kern aller Wirklichkeit und alles Lebens. Diesen Gedanken

von dem reinen, metaphysischen Anfange Gottes hat Meister Eckart

gepredigt mit einem logischen Enthusiasmus, mit der Energie des reinen

Denkens, daß man oft unwillkührlich an Hegel erinnert wird, der jenen

gediegenen, substantiellen Kern, aus welchem alle Wirklichkeit und

alles Leben urständet, den Geist des Geistes, die in sich verhüllte,

noch nicht als Gott und Schöpfer offenbare Gottheit als logische Idee

ausgesprochen hat.

Hier aber ist der Punct, wo die Einseitigkeit des mystischen

Bewußtseyns offenbar wird. Denn diese substantielle Gedankentiefe,

dieser Urgrund entfaltet sich nicht zur logischen Idee, wie bei

dem neueren Denker, sondern wird nur als ein unendliches Pleroma

vorgestellt, als eine unergründliche Tiefe, ein wogendes Lichtmeer,

in dem alle Farbe und alle Bestimmtheit verloschen ist. Und -- dies

eben ist das Mystische -- dieses unmittelbare Mysterium, das sich noch

nicht zur Offenbarung aufgeschlossen hat, wird als das wahre Mysterium

festgehalten und die Identität mit diesem +deus implicitus+ als

das höchste Gut bestimmt. In dieser esoterischen Stille verschmilzt

das mystische Bewußtseyn in heiliger Verschwiegenheit mit dem

Unaussprechlichen und Namenlosen, das da höher ist denn alle Sinne

und alles Verständniß. Dieses religiöse Mysterium wird gemeint, wenn

nach dem Vorgange des Areopagiten gelehrt wird, Gott müsse aller

Namen entkleidet werden, weil diese nur Unwahres von ihm aussagen;

und aus diesem Grunde will die mystische Theologie lieber eine

+theologia+ ἀποφατικὴ seyn, welche Gott rein prädicatlos denkt,

denn eine +theologia+ καταφατική, welche das Wesen Gottes in

bestimmten Prädicaten ausdrückt. Dieses meint Meister Eckart, wenn

er an einer Stelle sagt, daß man Gott ehre, je mehr man ihn läugne,

und daß man ihn mehr lobe mit Stillschweigen denn mit Namengeben. Aus

diesem Grunde lehrt die Mystik die Unbegreiflichkeit Gottes, und sie

behauptet consequent, daß Gott sich selber unbegreiflich sey; denn das

Begreifen enthält die Bestimmtheit, die Negation, die Endlichkeit,

die Grenze, welches Alles vom göttlichen Wesen ausgeschlossen ist.

In die rechte Einheit mit diesem Mysterium gelangt die Seele erst

durch die ~Ekstase~, wo nicht blos Sehen und Hören, sondern

alles articulirte Denken dem Bewußtseyn vergeht. Sie ist versunken

in die Anschauung des reinen Lichts, das von der reinen Finsterniß

nicht verschieden ist, weil gleich viel in beiden gesehen wird. Beide

Ausdrücke kommen auch häufig vor in den Schriften der Mystiker, um

dasselbe zu bezeichnen. Das mystische Bewußtseyn findet aber im reinen

Wesen keine bleibende Stätte, darin es wirklich ausruhen könnte; denn

mitten in dem unendlichen, überschwänglichen Pleroma sehnt es sich

nach einem ~bestimmten~ Inhalt, und um diesen zu finden, muß es

wieder ins Reich der Relationen hinabsteigen. Es steigt also wieder

hinab in den Kreis der Dreieinigkeit, in welchem die Offenbarung

Gottes an die Welt und seine versöhnende Erscheinung zur Erlösung

der Menschheit enthalten und begriffen ist; kaum aber ist es in den

Kreis der Offenbarung angelangt, so sehnt es sich wieder zurück nach

dem Mysterium; es durchläuft die ganze +via negationis+ aufs

neue, um in das lautere Nichts einzudringen, und in diesem Wechsel

kommt es nie zur wirklichen Ruhe. Die Seele oscillirt ununterbrochen

zwischen dem verborgenen Gott und dem offenbaren, und hiedurch entsteht

jenes +clair-obscur+ des Bewußtseyns, welches das eigentliche

Element der Mystik ist. Das mystische Bewußtseyn bewegt sich, ohne

es selbst zu wissen, in einem dialektischen Widerspruch; es bewegt

sich zwischen zwei Momenten, die es auseinander fallen läßt, ohne

sie zusammenzubringen, und ihr Widerspruch besteht darin, daß sie

die Gottheit außer Gott, das Esoterische außer dem Exoterischen, das

Mysterium hinter der Offenbarung ergreifen will. Den Gedanken des

reinen Wesens, der für das begreifende Denken nur eine aufzuhebende

dialektische Bedeutung hat, hypostasirt es als einen selbstständigen,

für sich bestehenden, geistigen Ort.

Wie aller Inhalt sich nur in der Form verwirklicht und nur in der Form

seine eigne Fülle gewinnt, wie das Wesen, um das wahre Wesen zu seyn,

in die Erscheinung übergehen muß, wie die Substanz nur im Begriffe

Subsistenz gewinnt, so muß auch das Mysterium sich zur Offenbarung

aufschließen, um die wahrhafte Tiefe zu gewinnen. Gott ~nur~ als

Mysterium bestimmen heißt, ihn nur als das verschlossene Seyn, als das

in starrer Ewigkeit unbewegt ruhende Wesen bestimmen. Dann aber fehlt

diesem Mysterium die tiefste Wahrheit; es fehlt dieser Gottheit das

wahrhaft Göttliche. Denn das wahrhaft Absolute ist nicht nur Seyn,

sondern Werden, ewiges Leben aus sich selber, Gebären seiner selbst;

es ist nicht nur Wesen, sondern ~Scheinen~ in sich selber, innere

Spiegelung, Selbstoffenbarung. Allerdings ist hiemit die Negation,

der Unterschied, der Gegensatz in Gott gesetzt, aber als die ewige

Vermittelung des Gegensatzes ist die Offenbarung zugleich die sich

selbstgenügende ewige Ruhe, die ungetrübte Klarheit des göttlichen

Wesens. Die Mystik irrt nun nicht darin, daß sie annimmt, es sey dem

Menschen vergönnt in die Tiefen der Gottheit einzudringen, sondern

darin irrt sie, daß sie diese sucht im unmittelbaren Mysterium, anstatt

sie im vermittelten, offenbaren Mysterium zu suchen, welches allein

die wahre Tiefe und Höhe, die Länge und Breite des göttlichen Wesens

enthält (Eph. 3, 18). Wie die Offenbarung urständet aus dem Mysterium,

dem ewig, ursprünglich ~Seyenden~, und ohne dieses Nichts zu offenbaren

hätte, so muß andererseits das Mysterium aufgehen als ~Leben~ und

~Geist~, was nur möglich ist durch die Aufhebung der Unmittelbarkeit

vermittelst der Negation. Wäre das Negative nicht, wäre keine

Endlichkeit in Gott, dann wäre auch kein Leben, kein Bewußtseyn und

Wille, dann gäbe es keine Schöpfung, dann gäbe es weder Freude noch

Leid, dann wäre Alles nur eine öde Stille, in welcher kein Geist sich

bewegte, weder Gott noch Mensch. Damit aber Gott und Mensch und die

ganze Mannichfaltigkeit der Creaturen sey, muß die Gottheit sich von

sich selbst unterscheiden, daß ihr Mysterium aufgehe in Persönlichkeit;

und nur der persönliche, der sich und der Creatur offenbare Gott ist

der wahre Gott. Ein Mysterium ohne Geist und Offenbarung ist ein

unaufgelöster Widerspruch, eine unsichtbare Schönheit, eine unthätige

Güte, eine ungewußte Wahrheit, ein Licht ohne Auge. Die ewigen

Wesenheiten, die im unmittelbaren Mysterium ruhen, erreichen erst ihre

Wahrheit, wenn sie begriffen werden im Spiegel des Wissens. Es ist hier

kein Unterschied zwischen der Wahrheit und dem Wissen von der Wahrheit;

das Bild ist nicht ohne den Spiegel und der Spiegel nicht ohne das

Bild; das göttliche Wissen ist selbst die Wahrheit, der göttliche Wille

ist selbst das Gute. Wie nun Mysterium und Offenbarung ewig vermittelt

sind im Geiste Gottes, so sollen sie es werden im Geiste des Menschen.

Kein Mysterium würde den Menschen mit seinem unwiderstehlichen Zauber

anziehen, der menschliche Geist würde an kein Mysterium glauben,

hätte er nicht eine Ahnung davon, daß hier nicht nur Gottes, sondern

sein eignes Geheimniß ruhe. Darum arbeitet und ringt der Geist, daß

die Gottmenschheit offenbar werde in seinem Wissen und in seinem

persönlichen Daseyn und Leben. Und andererseits wartet und harret das

Mysterium auf den Menschen, daß er es befreie aus seiner Verborgenheit,

daß Gott selbst im Menschen ein neues Moment seines Offenbarseyns

gewinne.

Eben da, wo das mystische Bewußtseyn sein höchstes Ziel erreicht,

verfehlt es seine Bestimmung als religiöses Bewußtseyn. Gott und

Mensch werden in der mystischen Einheit in einer absoluten Indifferenz

neutralisirt, während die wahre Einheit Gottes und des Menschen

nur im Reiche der ~Offenbarung~ statt finden kann. In der

Offenbarungseinheit bestehen alle qualitativen Unterschiede, also auch

der wesentlichste Unterschied von allen, der Unterschied Gottes und

der Creatur. Alle kosmische Existenzen, selbst die unbedeutendsten,

treten hier in relativer Selbstständigkeit, in specifischer Differenz

hervor. Der Pantheismus löst sie auf und verflüchtigt sie zu lauter

Accidenzen und Modificationen; im Systeme der Offenbarung aber

herrscht die Distinction und das +principium individuationis+.

Indem nun alle creatürliche Existenzen, sowohl die bewußtlosen

als die bewußten, doch nur als relative Offenbarungspuncte Gottes

subsistiren und wie alle in Gott, so alle in einander und für einander

leben und sind, wird das Einzelne mit dem Ganzen vermittelt, die

Individualität sowohl aufgehoben wie bestätigt im Ganzen. Das Princip

der Vermittelung aber fehlt der Mystik. Ihre Praxis will die Freiheit

erringen durch Vernichtung der Weltlichkeit, durch eine unmittelbare

Transsubstantiation des Zeitlebens in die Ewigkeit, anstatt das ewige

Leben mitten im Zeitleben zur wahrhaften Erscheinung zu bringen.

Ihre Theorie will die Wahrheit gewinnen durch Abstraction von den

Bestimmungen des Denkens, anstatt die Wahrheit in die Gestaltung des

Begriffs einzuführen. Aber in dieser Abstraction von der Endlichkeit

vermag sie nicht consequent zu bleiben; sie verhält sich unsicher und

schwankend, und meint gewöhnlich das Entgegengesetzte von dem, was sie

sagt. Da nemlich im mystischen Bewußtseyn ein unablässiger Wechsel von

Tag und Nacht statt findet, indem es bald in dem verborgenen Gotte,

bald in den lichten Regionen der Offenbarung versirt, so spricht es

in diesen letzteren die tiefsten Offenbarungswahrheiten aus, ja sie

vermittelt momentan die höchsten Probleme der christlichen Speculation,

so daß man sich nur darüber wundern muß, daß ein Bewußtseyn, welches

die Wahrheit geschaut hat und diese Erkenntniß auszusprechen vermag,

dennoch die Wahrheit hinter der Wahrheit sucht. Für uns können jene

Blicke ins Reich der Offenbarung als ewige Wahrheiten, als leitende

Lichtpuncte stehen; für das mystische Bewußtseyn selbst verschwinden

sie wieder in die Nacht des reinen Nichts. Denn obgleich die Mystik die

Grundzüge des Begriffs anschaut, besitzt sie doch nicht die Kraft diese

festzuhalten; sie ist ihrer selbst nicht mächtig und also auch nicht im

vollen Besitze ihrer eignen Gedanken. So wird in demselben Athemzuge

der reinste Akosmismus und die christliche Anschauung von der Realität

der Endlichkeit und des creatürlichen Seyns von ihr ausgesprochen. In

den angeführten Bruchstücken aus Meister Eckart wird der Leser mehrere

solcher Antinomien gefunden haben, welche oft in derselben Predigt

ausgesprochen werden, ohne vermittelt, ja ohne bemerkt zu werden.

Die Mystik gehört daher recht eigentlich in die Phänomenologie des

religiösen Geistes.

Meister Eckart · 第 3 / 11 段