habe ich euch geoffenbaret. Nun wundert mich, daß Etliche, die wohl
gelehrt sind und große Pfaffen seyn wollen, sich hier so schier genügen
lassen. Sie wollen das Wort also verstehen, er habe uns auf dem Wege
geoffenbaret, was nothdürftig wäre zur Seligkeit. Das halte ich nicht,
denn es ist keine Wahrheit. Alles das der Vater hat und das er ist,
die Abgründigkeit göttlichen Wesens und Natur, das gebiert er zumal in
seinem eingebornen Sohn. Dieses ist was der Sohn vom Vater höret, und
er hat uns geoffenbaret, daß wir derselbe Sohn seyen. Gott ist Mensch
geworden, daß ich Gott würde. Gott ist gestorben, daß ich sterbe aller
Welt und allen geschaffnen Dingen. +fol.+ 263.
* * * * *
Menschheit und Mensch ist ungleich. Menschheit in ihr selber ist so
edel, daß sie hat Gleichheit mit den Engeln und Sippschaft mit der
Gottheit. Die größte Einung, die Christus besessen hat mit dem Vater,
ist mir möglich zu gewinnen, wenn ich könnte ablegen das da ist von
Diesem oder von Dem und könnte annehmen die Menschheit. +fol.+ 251.
* * * * *
Der Vater gebiert seinen Sohn in dem Gerechten. Alle die Tugend des
Gerechten und ein jeglich Werk des Gerechten ist anders nicht, denn
daß der Sohn von dem Vater geboren wird. Der Vater ruhet nicht, es sey
denn daß der Sohn in mir geboren werde, und er jaget und treibet mich
allzeit, daß ich ihm den Sohn gebäre. Dies sollen weise Leut wissen und
grobe Leut die müssen es glauben. +fol.+ 245.
* * * * *
Der gerechte Mensch dienet weder Gott noch den Creaturen, denn er ist
frei, und je näher er der Gerechtigkeit ist, je mehr er die Freiheit
selber ist. Alles das geschaffen ist, ist nicht frei. Dieweil Etwas ob
mir ist, das Gott selber nicht ist, das drückt mich, wie klein es auch
ist; und wär es auch Vernunft und Liebe, alsfern als sie geschaffen
ist und Gott selber nicht ist, drückt sie mich, denn sie ist unfrei.
+fol.+ 274.
* * * * *
Ein Meister spricht: Die Seele, die Gott liebt, liebt ihn unter dem
Gewand der Güte. Ich aber sprech, daß Wesen lauterer sey, denn Güte.
Wäre nicht Wesen, dann wäre auch nicht Güte, und nur alsfern sie am
Wesen ist, ist Güte gut. Daß Gott gut ist, macht mich nicht selig und
ich will nimmer begehren, daß Gott mich selig mache von seiner Güte,
denn er möchte es vielleicht nicht thun. Davon bin ich allein selig,
daß Gott vernünftig ist und daß ich das erkenne. +fol.+ 287.
* * * * *
Gott hat viele Namen, aber der erste Name ist Wesen. Alles das
gebrechlich ist, das ist ein Abfall vom Wesen. Alsfern unser Leben ein
Wesen ist, alsfern ist es in Gott. Es ist kein Leben so krank, alsfern
es Wesen ist, ist es edler denn Alles, das je Leben gewann. Erkennst du
eine Blume nach ihrem Wesen in Gott, dann ist diese Blume edler denn
die ganze Welt. +fol.+ 279.
* * * * *
Der Wille läßt sich wohl genügen an Gottes Güte, aber Vernünftigkeit
läßt sich weder genügen an Güte, noch an Weisheit, noch an Wahrheit,
noch an Gott selber. Sie sucht Gott als den Mark, daraus Güte fließet,
sie sucht ihn als den Kern, daraus Güte quillet, sie sucht ihn als
die Wurzel, daraus Güte blühet. Sie bricht ein in den Grund, da Güte
und Wahrheit ihren Ausbruch haben, und nimmt sie im Anfange (+in
principio+), bevor sie noch ihre Namen gewinnen. Sie ziehet Gott
das Gewand der Güte ab und nimmt ihn bloß und entkleidet von allen
Namen. Darum genügt ihr weder an Vater, noch an Sohn, noch an heiligem
Geist, sondern sie durchbricht die innerste Tiefe der Gottheit, und
dringt ein in die Wurzel, da der Sohn ausquillet und der heilige Geist
hervorblühet. +fol.+ 260, 288, 301.
* * * * *
Es ist Etwas in der Seele, das über die Geschaffenheit der Seele
ist; es ist göttlicher Art, einfältig in sich selber, ein lauters
Nichts, mehr ungenannt, denn genannt, und mehr unbekannt, denn
bekannt. Könntest du dich selber vernichten einen Augenblick (oder
noch kürzer denn ein Augenblick), dann hättest du Alles, was Dieses in
sich selber ist. Dieweil du aber dich selber achtest als ein Etwas,
weißt du so wenig, was Dieses ist, als mein Mund weiß, was Farbe ist,
und als mein Auge weiß, was Geschmack ist. Von Diesem pfleg ich zu
sprechen in meinen Predigten und underweilen hab ich es genannt eine
Kraft, underweilen ein ungeschaffen Licht, underweilen ein göttliches
Fünklein. Es ist von allen Namen und Formen frei und ledig, wie Gott
frei und ledig ist in sich selber. Es ist höher denn Erkennen, und
höher denn Liebe und höher denn Gnade. Denn alles dieses hat noch
Unterschied. In dieser Kraft blühet und grünet Gott mit all seiner
Gottheit, und der Geist blühet in Gott. In dieser Kraft gebiert der
Vater seinen eingebornen Sohn, so wesentlich als in ihm selber; in
diesem Lichte wird der heilig Geist. +fol.+ 274, 297, 308, 301.
* * * * *
St. Paulus spricht: Alles das ich bin, das bin ich von der Gnade
Gottes. Diese Worte sind wahr und doch war die Gnade nicht in ihm.
Denn die Gnade hatte gewirkt und hatte Paulum gebracht in das Wesen,
und dann hat die Gnade ihr Werk vollbracht. Da aber die Gnade ihr Werk
vollbracht hatte, wurde Paulus was er in Ewigkeit war. Dann hat der
Mensch die wahre geistige Armuth, und hat keinen Unterschied, und weiß
weder von Gott noch von Creatur noch von sich selber, und hat weder Vor
noch Nach, und erwartet kein zukünftiges Ding, und kann weder gewinnen
noch verlieren. Darum bitte ich Gott, daß er mich quitt mache Gottes
(daß er von Gnade mich bringe ins Wesen), denn ~Wesen~ ist über
Gott und über Unterschied. +fol.+ 307, 308.
* * * * *
Als viel du dich bekehrest von dir selber und von allen geschaffnen
Dingen, als viel wirst du gereiniget und beseliget in diesem Funken
der Seele, der unberühret ist von Ort und Zeit. Dieser Funke
widerspricht allen Creaturen und will nur den bloßen Gott, wie er in
sich selber ist. Diesem Funken genüget weder an Vater, noch Sohn,
noch heiligem Geist, noch an den drei Personen, alsfern eine jegliche
bestehet in ihrer Eigenschaft. Ich will noch mehr sprechen, das noch
wunderlicher lautet. Ich sprech es bei der ewigen Wahrheit, und bei der
immerwährenden Wahrheit und bei meiner Seele, diesem Lichte genüget nur
an dem überwesentlichen Wesen. Es will in den einfältigen Grund, da die
Personen ausbrechen, in die stille Wüste, da Niemand daheim ist, in das
Eine, da kein Unterschied scheinet, in die einfältige Stille, die in
ihr selber unbeweglich ist, von welcher Unbeweglichkeit aber alle Dinge
beweget werden. +fol.+ 301.
* * * * *
Da ich stund in meiner ersten Ursache, da hatte ich keinen Gott, da war
ich mein eigen, ich wollte nicht, ich begehrete nicht, denn ich war ein
ledig Seyn und ein Erkenner meiner selbst nach göttlicher Wahrheit. Was
ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, und ich stund
ledig Gottes und aller Dinge. Aber da ich entging meinem freien Willen
und ~empfing mein geschaffen Wesen~, da hatte ich einen Gott. Denn
ehe die Creaturen waren, war Gott nicht Gott; er war nur was er war. Da
die Creaturen wurden und empfingen ihr geschaffen Wesen, da war Gott
nicht in ihm selber Gott, sondern in den Creaturen war er Gott. Nun
sprechen wir, daß Gott, alsfern er Gott ist, nicht ist ein vollkommen
Ende aller Creaturen; und hätte eine Fliege Vernunft und möchte sie
vernünftiglich suchen den Abgrund göttlichen Wesens, dann müßten wir
sprechen, daß Gott, alsfern er Gott ist, nicht möchte die Fliege
erfüllen oder ihr genügen. Darum bitte ich, daß ich Gottes ledig werde,
und nehme die Wahrheit und gebrauche die Ewigkeit, in der ich stund, da
ich war was ich wollte und wollte was ich war. In diesem Durchbrechen
bin ich und Gott Eins; da nehme ich weder ab noch zu; da bin ich ein
Unbewegliches, das Alles beweget. +fol.+ 307, 308.
* * * * *
Da ich stund in dem Grund der Gottheit und in dem Boden der Gottheit
und in dem Revier der Gottheit und in dem Quell der Gottheit, da fragte
mich Niemand, was ich wollte oder was ich thäte. Da ich floß aus, da
sprachen alle Creaturen von Gott. Fragte man mich: Bruder Eckart, wann
ginget Ihr von Hause? da war ich darinnen. Warum sprachen sie nur von
Gott und nicht von der Gottheit? Gott und Gottheit hat Unterschied.
Alles das in der Gottheit ist, ist Eins und davon ist nicht zu
sprechen. Gott wirket, in der Gottheit ist kein Werk, sie ist still und
unbeweglich in sich selber. Wenn ich komme wieder in die Gottheit, so
ist mein Durchbrechen edler als mein Ausfließen, denn ich bringe alle
Creaturen mit mir in meiner Vernunft. Wenn ich komme in den Grund der
Gottheit und in den Boden der Gottheit und in das Revier der Gottheit
und in den Quell der Gottheit, so fragt mich Niemand, wannen ich komme
oder wo ich sey gewesen, und Niemand vermisset mich, denn hier ist eine
Entwerdung. +fol.+ 302.
* * * * *
Viele gelehrte Leute mögen nicht leiden, daß man die Seele so nahe ins
göttliche Wesen setzt und ihr so viel göttliche Gleichheit zueignet.
Das ist davon, daß sie den Adel der Seele aufs allerhöchste nicht
erkennen, denn erkennten sie den Adel der Seele aufs allerhöchste, dann
wüßten sie nicht an etlichen Puncten, wo sie Unterschied sollten finden
zwischen ihr und Gott. Mich aber wundert (und dies Wunder hat mich
lange bekümmert), daß die Seele nicht also kräftiges Wort aussprechen
mag, wie der himmlische Vater. Die Meister sprechen, es sey davon,
daß, was in Gott ist, das ist in Gott wesentlich, in der Seele aber
bildlich, und darum möge die Seele nicht Gott gleichen an ihren Werken.
Diese Rede halte ich nicht für wahr. Denn leget man ab, was der Seele
zugelegt ist, so ist sie wesentlich nach Gott gebildet. Andere Meister
sprechen: Was Gott ist, das hat er Alles von ihm selber, aber was die
Seele hat, das hat sie empfangen, davon mag sie Gott nicht gleichen
an ihren Werken. Diesem widersprech ich aber allzumal. Denn der Sohn
hat auch empfangen vom Vater Alles das er ist und wirket doch gleich
dem Vater, denn er und der Vater gießen aus den heiligen Geist mit
gleicher Kraft und Vollkommenheit. Dieses also mag die Seele nicht
hindern. Es ist eine andere Rede, die die Seele hindert; an dieser
lasse ich mich ein wenig genügen. Das ist, daß der Sohn ist geflossen
aus der Person des Vaters und ist in ihm geblieben wesentlich, und
darum vermag er wesentlich und persönlich Alles das der Vater vermag,
die Seele aber ist ausgeflossen von den Personen und nicht im Wesen
geblieben. Mehr, sie hat empfangen ein fremdes, (ein ungleiches) Wesen,
das vom göttlichen Wesen geursprunget ist. +fol.+ 278.
* * * * *
Wie du liebest, also bist du. Liebst du die Erde, so bist du irdisch;
liebst du Gott, so bist du göttlich. Wenn ich denn Gott liebhabe,
werde ich dann Gott? Das sprech ich nicht, sondern ich weise euch zur
Schrift, wo Gott spricht: Ihr seyd Götter und Kinder des Höchsten.
+fol.+ 246.
* * * * *
Wir sollen mit Gott vereinigt werden wesentlich, wir sollen mit
Gott vereinigt werden einlich, wir sollen mit Gott vereinigt werden
gänzlich. Wie sollen wir wesentlich mit Gott vereinigt werden? Das soll
geschehen an der Schauung und nicht an der Wesung. Sein Wesen mag nicht
unser Wesen werden, sondern soll unser Leben seyn. Davon sprach auch
Christus: Der Dich, Vater, erkennet, das ist ein ewig Leben. Er sprach
nicht: Das ist ein ewig Wesen. +fol.+ 277.
* * * * *
Die Seele ist ein seliger Spiegel. Nun fragt man, wo das Wesen des
Bildes am eigentlichsten sey, in dem Spiegel, oder im Gegenstande,
von dem es ausgehet. Antwort: Dieweil der Spiegel meinem Antlitz
gegenüberstehet, so ist mein Bild darin; zerbräche der Spiegel, so
zerginge auch das Bild. +fol.+ 287.
* * * * *
Das Auge, darin ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, darin Gott mich
sieht. Mein Auge und Gottes Auge ist ein Auge und ein Gesicht und ein
Erkennen und eine Liebe. +fol.+ 313.
* * * * *
Da ich heute hieher ging, dachte ich, wie ich euch so vernünftiglich
predigen möchte, daß ihr mich wohl verstündet. Da erdachte ich ein
Gleichniß und könntet ihr dies wohl verstehen, dann verstündet ihr
den Sinn, den Grund und die Meinung aller meiner Predigten. Und das
Gleichniß war genommen von meinen Augen und dem Holze. Wird mein Auge
aufgethan, so ist es ein Auge; ist es geschlossen, so ist es dasselbe
Auge und durch das Sehen gehet dem Holze weder was ab noch zu. Nun
verstehet mich recht. Wird mein Auge aufgethan und auf das Holz
geworfen mit einem Ansehn, so bleibt ein Jegliches das es ist, und
doch werden sie in der ~Wirklichkeit des Gesichtes~ so Eins, daß
man sagen muß, das Auge ist Holz und das Holz ist Auge. Wäre nun aber
das Holz ohne Materie und geistlich wie mein Auge, dann möchte man mit
Wahrheit sprechen, daß in der Wirklichkeit des Gesichtes das Holz und
mein Auge bestünden in einem Wesen. Ist nun dieses wahr von leiblichen
Dingen, viel mehr ist es wahr von geistlichen Dingen. +fol.+ 300.
* * * * *
Ich nimm ein Becken mit Wasser und lege darin einen Spiegel und setze
es unter das Rad der Sonnen. Die Sonne wirft aus ihren lichten Schein
in den Spiegel und vergehet doch nicht. Das Widerspielen des Spiegels
in der Sonne ist Sonne in der Sonne, und der Spiegel ist doch das er
ist. Also ist es um Gott. Gott ist in der Seele mit seiner Natur und
seinem Wesen und seiner Gottheit, und er ist doch nicht die Seele. Das
Widerspielen der Seele in Gott ist Gott in Gott und die Seele ist doch
das sie ist. +fol.+ 301, 302.
* * * * *
Wer diese Predigt hat verstanden, dem gönn ichs wohl. Wäre hier Niemand
gewesen, ich müßte sie diesem Stock gepredigt haben. Wer diese Predigt
nicht hat verstanden, bekümmere sein Herz nicht damit, denn so lange
der Mensch selber nicht gleich ist dieser Wahrheit, so lange wird er
sie nicht verstehen, denn es ist eine unbedachte Wahrheit, die gekommen
ist aus dem Herzen Gottes ohne Mittel. +fol.+ 302, 308.
Das mystische Bewußtseyn,
dargestellt
nach Meister Eckart, +Dr.+ Tauler, Suso und dem Verfasser der
»deutschen Theologie.«
Hat der Leser durch den hier mitgetheilten Auszug eine allgemeine
Vorstellung gewonnen von dem mystischen Grundton, den Meister Eckart
angeschlagen hat, so haben wir hiedurch einen Ausgangspunct erhalten
für eine umfassendere Betrachtung, in welche wir einen größeren Kreis
hiehergehörender mystischer Schriften hineinziehen. Indem wir nicht bei
den gegebenen Mittheilungen aus Eckart stehen bleiben, sondern in der
Entwickelung des mystischen Bewußtseyns seine Predigten fortwährend
im Auge behalten, betrachten wir ihn doch von jetzt an nur in einem
umfassenderen Zusammenhange, weil wir nicht sowohl die Schilderung
einzelner Individualitäten beabsichtigen, als vielmehr die Betrachtung
und Beurtheilung des mystischen Geistes, der größtentheils durch ihn
geweckt und hervorgerufen ist. Außer ihm habe ich besonders auf die
oben genannten Mystiker Rücksicht genommen., Obgleich Ruysbroock
wesentlich in dieselbe Kategorie gehört, habe ich doch wegen seiner
abstrusen, nicht selten schwülstig-phantastischen Darstellung so gut
wie keine ~besondere~ Rücksicht auf ihn genommen. Soweit ich
ihn kenne, gibt er keine neue Gesichtspuncte und in der Reinheit des
Ausdrucks wird er von den Anderen weit übertroffen.
Es liegt in der Natur der Sache, daß wir, um der deutschen Mystik ihre
eigenthümliche Stelle anzuweisen, zugleich eingehen müssen in das
allgemeine Wesen aller Mystik.
[Illustration]
[Illustration]
I.
Das Mysterium.
Der Akosmismus und der Atheismus.
Der Akosmismus und der Atheismus bezeichnen die Vorstellung, die sich
beim Lesen Eckarts zunächst aufdrängt, nemlich die Vorstellung des
Pantheismus. Wird schon der aufmerksame Leser Eckarts bei näherer
Erwägung finden, hier sey mehr als Spinoza, so ist doch nicht zu
zweifeln, daß dasselbe, was zunächst die Aufmerksamkeit und das
Bedenken des Papstes erregte, auch bei christlichen Lesern der
Gegenwart zunächst Aufmerksamkeit und Bedenken erregen wird. Eben
dieses Bedenkliche ist es aber, was zunächst diese Predigten von der
großen Masse gewöhnlicher Erbauungsschriften ausscheidet und ihnen eine
bleibende Stelle in der philosophischen und theologischen Litteratur
sichert; ja es ist dasselbe, das ihren tieferen religiösen Gehalt
bedingt und die höhere Einsicht in die christlichen Geheimnisse,
die sich hier an so vielen Stellen ausspricht, möglich macht. Der
Pantheismus ist die erste, unmittelbarste Gestalt, in der die Idee sich
dem Denken faßlich macht, wenn dieses sich von der traditionellen,
herkömmlichen Betrachtung der Dinge losgemacht und den Boden der
Speculation betreten hat. Er ist das allgemein Speculative in aller
Speculation, das reine Universale der Philosophie, das an allen
Puncten der philosophischen Weltanschauung circulirt, der flüchtige
Elementargeist des reinen Denkens, der die organischen, concreten
Gestalten des Geistes fortwährend durchströmen und verjüngen muß. Das
philosophische Denken strandet an der Sandbank der Endlichkeit, es
stagnirt in der Prosa, wenn nicht der frische Hauch des Pantheismus
als die fortwährende Negation der Prosa das System durchweht.
Der Pantheismus ist nicht nur das allgemeinste Lebenselement der
Philosophie, sondern auch der Religion. Ist es wahr, daß Gott nicht
blos ein figürliches, sondern ein wesentliches und wirkliches Daseyn
in der Seele hat, dann muß auch in aller Religion ein pantheistisches
Element vorhanden seyn; fehlt dieses der religiösen Andacht und
Begeisterung, dann fehlt ihr auch die wahre Unmittelbarkeit, denn die
unmittelbare Gegenwart Gottes in der Seele ist nicht verschieden von
seiner wesentlichen Gegenwart, auf welche alle religiöse Gewißheit
sich gründet. Die Alles durchdringende Substantialität Gottes aber ist
die eigenthümliche Idee des Pantheismus. Aus dieser frischen Quelle
religiöser und speculativer Begeisterung haben jene alten Mystiker
in vollem Maaße geschöpft; namentlich ist Eckart absolut erfüllt und
durchdrungen von dem Gedanken, daß es die Gottheit und nur die Gottheit
ist, in der wir leben, weben und sind. Und er ist in diesem Gedanken
nicht nur begeistert, sondern verzückt, so daß noch eigentlicher von
ihm, als von Spinoza gesagt werden kann, er sey ein gotttrunkener
Mensch.
Der Pantheismus, sagten wir, ist der erste Gedanke, den die Speculation
aussprechen muß, wenn nicht nur die Vorstellung, sondern der Gedanke
Gottes als des absoluten Wesens ihr aufgeht. Dieser Gedanke heißt:
»Nur Gott ist und außer Gott ist Nichts« (+praeter deum nihil+).
Gott wäre nicht Gott, er wäre nicht das absolute, all-einige Wesen,
wenn neben ihm noch ein Anderes, von ihm selbst Verschiedenes wäre.
Nicht zu irgend Etwas außer ihm, wodurch seine Unbedingtheit begrenzt
würde, sondern nur zu sich selber kann das alleinige Wesen sich
verhalten. Erfüllt mit dem Gedanken von der absoluten Substantialität
Gottes, faßt die Speculation den kühnen Gedanken die Welt gleichsam
aus dem Wege zu räumen, um der Gottheit Platz zu machen. Das Denken
vermag nicht aus dem ewigen Cirkel der Gottheit herauszutreten und
muß das Daseyn der Welt läugnen, um das Daseyn Gottes unverkürzt zu
erhalten. Die Realität der Welt wird vom Denken als eine Scheinrealität
aufgezeigt, das Daseyn der Welt ist nicht ihr eignes, sondern Gottes,
und dieses nur erscheinende Daseyn der Welt muß durch ununterbrochenes
Verschwinden und Vergehen von seiner illusorischen Wirklichkeit
selbst Zeugniß ablegen. Die kosmischen Existenzen sind nur die
transitorischen Accidenzen, die unselbstständigen Durchgangspuncte
des alleinigen Wesens, ihr flüchtiger, vorübergehender Schein.
Dieser Vernichtungsproceß der Endlichkeit ist es, der den Pantheismus
als Akosmismus oder als Weltläugnung charakterisirt. Je mehr aber
die Nichtigkeit der Welt diesem Erkennen offenbar wird, je mehr das
Bewußtseyn von jedem endlichen Inhalte sich reinigt, desto mehr wird
es von der einen, unvergänglichen Realität erfüllt und gesättigt; und
wie die ganze Erscheinungswelt dem Blicke schwindet, wie ihre vielen
bunten Lichter nach und nach erlöschen, geht das eine, ewige Licht
in ungetrübter Klarheit dem schauenden Geiste auf. Es ist die +via
negationis+, der Weg der Verneinung des Endlichen, auf welchem
sich der Geist zum Bewußtseyn Gottes erhebt. Aus dem Wissen von der
Eitelkeit aller Dinge entsteht ihm die unverwüstliche Gewißheit von
dem Einen, das nicht eitel ist. Diese +via negationis+ ist die
Einleitung zu aller speculativen Theologie, die Vorschule, in der
das Bewußtseyn sich gewöhnt das Leben +sub specie aeterni+
zu betrachten, wo es genöthigt wird die vulgäre Betrachtungsweise
abzulegen, welche Gott nur in endlichen Beziehungen aufzufassen vermag,
aber sein reines, relationsfreies Seyn in sich selber ignorirt. Der
Akosmismus ist so der generellste Ausdruck für die Befreiung des
philosophischen und religiösen Geistes von der Endlichkeit und sein
Auftauchen ins Element der Ewigkeit. Der von der Weltschwere befreite
Geist schwebt in Gott wie der Vogel in der Luft; er schwimmt in Gott
wie der Fisch im Meer.
Der aus der +via negationis+ resultirende Akosmismus ist nun
die allgemeine Grundlage der Gotteserkenntniß in der mystischen
Theologie und tritt in kräftigster Energie hervor in Meister Eckart
und seinen Geistesverwandten. Der edelste Name Gottes ist »Wesen«
und Wesensschauung ist das höchste Ziel dieser Theologie; aber es
ist nur ein alleiniges Wesen, in dem Alles beschlossen und begriffen
ist, und was außer diesem ist, ist nur ein Schein und ein Zufall
(deutsche Theol. +cap.+ 1). Es ist nicht in »Bildern« zu fassen;
denn alle Bilder sind genommen von der Creatur, aber zum Verständniß
des lauteren Wesens kommt man nur in einem unbildlichen Erkennen.
Von der Mannichfaltigkeit muß darum die Betrachtung eingehen in die
»Einfältigkeit«; von dem Unvollkommnen, dem Getheilten, dem Stückwerk
muß sie kommen in das »Ungetheilte« und »Vollkommene«. Eine andere
Kategorie, die in der mystischen Theologie häufig vorkommt, ist das
reine »Nichts«. Das Nichts ist entgegengesetzt dem Ichts, dem Etwas.
Alles, was als ein Etwas betrachtet werden mag, ist endlich, begrenzt,
hat Anderes außer sich. Dieses Stückwerk heißt Creatur und kann sich
selber nicht genug seyn, denn ein jegliches Etwas weiset hin auf
eine Schranke, ein Gefängniß, und Gebrechlichkeit klebet ihm an.
Das göttliche Nichts ist dem Mystiker identisch mit der unendlichen
»Freiheit«; denn frei ist nur was nicht an einem Anderen haftet, was
in sich selber schwebet und nur auf sich selbst bezogen ist. Wesen,
Unbildlichkeit, Freiheit, reines Nichts sind Kategorien, auf welche
hier fortwährend zurückgegangen wird.