Man hat nicht selten den Meister Eckart in Verbindung mit di

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des

Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler

sind stillschweigend korrigiert worden.

Das Inhaltsverzeichnis ist an den Anfang des Textes versetzt worden;

die Verlagswerbung am Ende des Textes zusammengefügt.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+, gesperrte so ~gesperrt~,

=fett gedruckte= so und _kursive_ so.

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Meister Eckart.

Eine theologische Studie

von

=Dr.= ~H. Martensen~,

Professor der Theologie an der Universität zu Copenhagen.

[Illustration]

Hamburg,

bei Friedrich Perthes.

1842.

Inhalt.

Seite.

Einleitung 1

Meister Eckart's Predigt 17

Das mystische Bewußtseyn, dargestellt nach Meister Eckart,

+Dr.+ Tauler, Suso und dem Verfasser der »deutschen Theologie« 31

I. Das Mysterium 32

II. Die Offenbarung 61

III. Das höchste Gut und die Tugend 99

Andeutung des Verhältnisses der Mystik zur Theosophie Jacob

Böhme's 118

Anhang 124

[Illustration]

Vorwort.

Das anziehende Studium der deutschen Mystik veranlaßte den Verfasser

vorliegender kleinen Schrift schon früher zu einer in dänischer

Sprache geschriebenen Abhandlung über diesen Gegenstand. Er wünschte

die Aufmerksamkeit seiner Landsleute, denen die deutsche Philosophie

und Theologie der Gegenwart nicht fremd ist, auf jene denkwürdigen

Anfänge des religiös-speculativen Geistes hinzuleiten. Sowohl äußere

Anregung, wie die Hoffnung auch deutschen Lesern vielleicht einiges

nicht Unwillkommene mittheilen zu können, hat den gegenwärtigen Versuch

hervorgerufen. Der deutschen Litteratur dankbar zurückgebend, was er

von ihr empfangen, wünscht der Verfasser, daß die hier dargelegte

Auffassung der Mystik der Theilnahme der Sachverständigen nicht

unwürdig gefunden werden möge. Wegen Incorrectheiten der Sprache und

Mangelhaftigkeit des Ausdrucks bittet der Fremde um wohlwollende

Nachsicht.

~Copenhagen~, im Januar 1842.

Einleitung.

Es gibt wenige Gegenstände, worüber so entgegengesetzte und doch so

unbestimmte Urtheile ausgesprochen sind, wie über das Wesen der Mystik.

Die Anschauung des achtzehnten Jahrhunderts verwies die Mystik in

das Reich der Unvernunft und der Schwärmerei; dann kam eine Periode,

wo man in der Mystik ein Heiliges ahnete, aber ein Heiliges als ein

Unaussprechliches und Uebervernünftiges, dem das begreifende Denken

sich ohne Profanation nicht nähern durfte. Das Unvernünftige und das

Uebervernünftige sind die Kategorien, die sich hier feindlich gegenüber

stehen, aber weder durch die eine noch die andere kommt man auf den

wahren Grund der Sache, so daß man zu sagen wisse, was denn die Mystik

eigentlich sey. Soll dieses überhaupt gesagt werden, soll die Mystik

dem Gedanken offenbar werden, so muß sie aus ihrer eignen Kategorie

oder ihrem Begriffe entwickelt werden; sie muß von der Wissenschaft

zum Sprechen gebracht werden und, indem sie sich gründlich ausspricht,

selbst ihr Geheimniß verrathen. +Loquere, ut te videam!+ Der Geist

der Mystik ist aber dem Geiste der Wissenschaft näher verwandt, als man

es dem ersten Anscheine nach vielleicht denken möchte. Die christliche

Mystik -- und von dieser ist hier zunächst die Rede -- ist nicht nur

eine höchst merkwürdige Form der Frömmigkeit und des gottinnigen

Lebens, ein eigenthümliches religiöses Gewächs, wurzelnd in Gemüths-

und Herzenstiefen, sondern sie ist zugleich eine Form der speculativen

Theologie. Weit entfernt, daß die Mystik ihrer innersten Natur nach der

Vernunft entgegengesetzt wäre, gebührt ihr vielmehr eine bedeutende

Stelle in der Geschichte der religiösen Speculation selbst.

Es ist Zweck gegenwärtiger Abhandlung die Mystik, diese religiöse

Speculation und speculative Religiosität, in einer ihrer Hauptformen

darzustellen. Die deutsche Mystik des 14ten und 15ten Jahrhunderts ist

sowohl in religiöser als in philosophischer Beziehung die reichste und

vollendetste Form dieser Geistesrichtung. Sie ist die erste Gestalt,

in welcher die deutsche Philosophie in der Geschichte auftritt, ihr

erster, kühner Versuch den Gegensatz zwischen Glauben und Wissen

aufzuheben und dem Geiste eine absolute Versöhnung und Befriedigung

zu verschaffen. Das Licht der speculativen Idee leuchtet hier im

frischen Morgenglanze, aber so wie es durch die Fensterscheiben des

mittelalterlichen Klosters hineinstrahlen konnte. In der stillen

Zelle wird der philosophische Gedanke herausgeboren aus den Tiefen

des religiösen Gemüths, wird aber nicht zur freien Weltexistenz

entlassen. Die Speculation ist noch Eins mit der Religion, sie sind

zusammengewachsene Zwillinge, die eine ist unmittelbar die andere.

Wenn wir in der Folge eine Darstellung dieser merkwürdigen Erscheinung

versuchen, so geschieht dieses natürlich weder Lobes noch Tadels,

sondern nur des Erkennens halber. Auch ist uns die Mystik kein bloßes

historisches Object, denn was sich in jenen Geistern bewegte, gehört

nicht zu den todten und vergangenen Dingen, sondern zu den ewigen und

gegenwärtigen Geistesangelegenheiten, wie denn auch die Mystik die

bedeutendsten Vergleichungspuncte mit der gegenwärtigen Philosophie und

Theologie darbietet. Ich habe diese Abhandlung nach dem Meister Eckart

benannt, nicht weil er ausschließlich ihr Gegenstand ist, sondern

weil er im Kreise der deutschen Mystiker die hervorragendste Gestalt

ist, der Meister der ganzen Schule, in dem die Mystik sich in ihrer

kräftigsten Originalität darstellt, dessen anregender und begeistender

Einfluß allenthalben bemerkbar ist. Meister Eckart ist der Patriarch

der deutschen Speculation. Es war darum kein Wunder, daß Hegel, der

doch nur einzelne Gedanken von ihm gekannt zu haben scheint, in so

hohem Grade von diesen angezogen wurde.

Das Interesse und der Sinn für die Mystik ist in neuerer Zeit theils

durch die Romantik, theils durch die Philosophie wiederbelebt worden.

Die Romantiker erbauten sich an dem religiösen Blumenflor der

Contemplation, der in der mondbeglänzten Zaubernacht des Mittelalters

seinen Duft still verbreitete. Sie sogen ätherische Nahrung aus der

mystischen Gemüthlichkeit und klösterlichen Innigkeit, die sie das

eitle, weltliche Wesen der Gegenwart vergessen ließ. Sie fühlten

sich hingezogen zu jenen stillen Seelen, denen der Geist Gottes sich

offenbarte, nicht im Sturm oder Erdbeben, sondern in dem sanften

Säuseln heiliger Gefühle. Die mystischen Sympathien sind oft von

den Dichtern ausgesprochen und Tieck hat noch neulich den Tauler in

eine Novelle eingeführt. Görres hat vom Standpuncte der Romantik

eine Schilderung der Mystik geliefert in seiner Einleitung zur neuen

Ausgabe des deutschen Mystikers Suso[1]. Mit großer historischer

Kenntniß beschreibt er die Mystik, wie sie in ihren mannichfachen

Verzweigungen sich durch's ganze Mittelalter zieht. Aber wie seine

prachtvolle, poetische Darstellung alle Vorzüge besitzt, die sein

Standpunct verleihen kann, so leidet sie auch an allen den Mängeln,

die oft genug an diesem Standpuncte gerügt sind. Der Begriff verbirgt

sich in der chaotischen Vorstellungsmasse, der Gedanke zerrinnt in der

nebelhaften Gefühlsdämmerung. Görres steht im Dienste des Mittelalters,

er ist selbst in den mystischen Zauberkreis hineingebannt, und es

fehlt ihm daher die freie Besonnenheit des philosophischen Gedankens.

Das speculative Element der Mystik wird nur oberflächlich aufgefaßt,

während seine Betrachtung sich mit einseitiger Vorliebe nur an eine

Seite des mystischen Bewußtseyns hält, nemlich dessen Naturseite.

Ekstatische Zustände und Visionen, Gesichte und Offenbarungen

bilden den Mittelpunct seiner Betrachtung, wie dies besonders aus

seinem größeren Werke über die Mystik erhellt, welches eine große

Legendensammlung mystischer Zustände ist. Ueberhaupt aber liegt es im

Wesen jener Romantik die Mystik nur als eine unergründliche Erscheinung

anzuschauen und das Speculative, das dem Begriffe Verwandte, nur

ungründlich aufzufassen. Der Flug der himmlischen Psyche, der sich in

räthselhaften Kreisen bewegt, läßt sich vom Begriffe nicht messen,

der zarte Flügelstaub verträgt nicht die Berührung des Gedankens.

Sie ist nur Gegenstand unaussprechlicher Liebe und Bewunderung.

Verhielte es sich wirklich so, daß die mystische Schönheit es nicht

ertragen könnte beim Lichte der Philosophie gesehen zu werden,

dann wäre sie auch nur eine sterbliche Psyche und man müßte sich

dann mit dem Gedanken trösten, daß, ob auch das Vergängliche im

Feuer des Denkens verbrannte, doch der bessere und unsterbliche

Theil gerettet werde. Allein so verhält es sich nicht. Der Begriff

steht der Endlichkeit nicht feindselig gegenüber, wenn diese eine

individuelle Spiegelung des Gedankens ist. Er conservirt dann die

ganze Individualität ohne Zersplitterung und Trennung, weil diese als

solche eine eigenthümliche, unentbehrliche Form der Idee ist. Ist es

überhaupt Ziel der Philosophie allen Geistern diejenige Unsterblichkeit

zu verschaffen, die ihnen gebührt, so hat sie an der Einführung der

Mystik in die Sphäre des ewigen Geistes noch ein besonderes Interesse,

weil sie in der mystischen Psyche sich selbst als Kind erblickt.

Schelling und Hegel haben der Mystik wieder gedacht und gefordert, daß

die in einen schlechten Rationalismus hineingerathene Wissenschaft

sich verjünge durch jenes unmittelbare, kindliche Schauen Gottes

und der göttlichen Dinge. Wird die Mystik so als eine Station in

der Entwickelungsgeschichte des philosophischen Geistes aufgefaßt,

so muß die des 14ten und 15ten Jahrhunderts nothwendig als die

bedeutendste Form erscheinen. Rosenkranz hat in seinem Aufsatze über

die deutsche Mystik[2] diese erste Epoche der deutschen Philosophie

kurz und treffend charakterisirt. Er nennt sie mystisch, weil sie die

Erkenntniß der Wahrheit von ihrer unmittelbaren Anschauung abhängig

macht. »Wird auch, was die Wahrheit sey, im Einzelnen von den Mystikern

anders bestimmt, so sind sie doch in der Angabe des Weges zu ihrer

Gewißheit zu gelangen einig. Es ist ~die praktische Entäußerung

seiner selbst~, welche ~die theoretische Freiheit vermittelt~,

und diese, die begreifende Erkenntniß, ist wesentlich ein ~Erkennen

Gottes~ in dem Erkennenden ~durch Gott selbst~.« Hiermit ist

uns in formaler Beziehung ein orientirender Vorbegriff gegeben.

Das mystische Schauen ist bedingt durch einen bestimmten Typus des

religiösen Lebens.

Die Mystik existirt nicht in der Form eines philosophischen Systems,

sondern spricht sich nur in Predigten und erbaulichen Abhandlungen aus.

Es ist eine erbauliche Philosophie, religiöse Popularphilosophie in der

edelsten Bedeutung des Worts. Es ist nicht die modern fromme Reflexion,

welche die christlichen Vorstellungen verständig commentirt ohne

deren tieferen Gehalt aussprechen zu können, sondern das Erbauliche

enthält durchgängig in sich selber eine speculative Pointe. Der Vortrag

ist reich an Kernsprüchen, die auf eine eben so naive als paradoxe

Weise die Idee ausdrücken. Die Paradoxie -- eine Form, die auch der

Bibel nicht fremd ist -- erscheint hier als unmittelbare Form des

Speculativen, den Widerspruch der Wahrheit gegen das Alltagsbewußtseyn

schlagend hervorhebend und durch eine göttliche Thorheit den Verstand

von seiner falschen Weisheit befreiend. Es findet sich hier keine

fortschreitende, wissenschaftliche Entwickelung; nicht selten bricht

das Speculative hervor wie eine geistige Explosion, eine plötzliche

Illumination der Seele, wodurch unerkannte Regionen erleuchtet werden.

Da das Geistige mehr unter der Form der Involution, als der Evolution

erscheint, hat die Betrachtung keine große Abwechselung. Es sind

nur einzelne, substantielle Gedanken, die immer aufs neue in der

Seele geboren werden; diese aber sind so intensiv und fruchtbar, daß

sie sehr wohl als die elementarischen Anfänge -- στοιχεῖα -- eines

philosophischen Systems betrachtet werden können.

Von der äußeren Geschichte dieser Mystiker weiß man nur Weniges. Ihr

Leben war verborgen in Gott. Görres nennt Eckart eine nebelverhüllte,

beinahe christlich-mythische Gestalt, und nicht mit Unrecht; denn wir

kennen nur sein inneres Leben in der Idee, während sein wirkliches

Leben in der Geschichte in Dunkelheit gehüllt ist. Seine Aussprüche

werden oft von seinen Schülern mit tiefer Ehrfurcht angeführt, er

ist ihnen der Heros der Contemplation, und nicht selten erblicken

sie seine erhabene Gestalt in ihren Visionen. Sowohl das Jahr seiner

Geburt wie seines Todes ist unbekannt. Doch wissen wir, daß er am

Schlusse des dreizehnten und am Anfange des vierzehnten Jahrhunderts

lebte. Er war Dominicaner, soll in Paris studirt und unter dem Papste

Bonifacius dem Achten die theologische Doctorwürde in Rom erhalten

haben. Die Ueberlieferung sagt, er sey eine Zeitlang Ordensprovincial

in Sachsen, nachher Generalvicar in Böhmen gewesen, ausgezeichnet

durch strenge Sittlichkeit und Handhabung der Disciplin. Als Mystiker

scheint er besonders in Straßburg und Cölln gewirkt zu haben, und in

letzterer Stadt hat er wahrscheinlich sein Leben beschlossen. Nach

seinem Tode wurde seine Lehre von dem avignonschen Papste Johann dem

Zweiundzwanzigsten verdammt (1329)[3]. Die päpstliche Bulle fügt

hinzu, daß Eckart vor seinem Ende seine Lehre widerrufen habe und zur

katholischen Kirche zurückgekehrt sey. Wir werden in der Folge auf

diesen Punct zurückkommen. Der Verdacht der Ketzerei, der an Eckart

haftete, scheint verursacht zu haben, daß er in der Geschichte ein

geringeres Ansehen erlangt hat, als sein Schüler Johann Tauler, der

berühmte Prediger in Straßburg († 1361), der gewöhnlich als der größte

Meister dieser Schule angesehen wird. Ein anderer Schüler Eckarts war

der Dominicaner Heinrich Suso von Schwaben, genannt Amandus wegen

seiner feurigen Minne zur ewigen Weisheit († 1365). Geistesverwandt

mit diesen ist Johannes Ruysbroock, Prior von Grünthal in der Nähe von

Brüssel. Der Verfasser der »deutschen Theologie« im 15ten Jahrhundert

scheint durch Tauler in Verbindung mit Eckart zu stehen. Diese Männer

sind die vornehmsten, uns bekannten, Repräsentanten der deutschen

Mystik. In verschiedenen Individualitäten spiegeln sie denselben Geist,

ihre Schriften sind nur verschiedene Darstellungen desselben Systems,

wenn es überhaupt hier erlaubt ist diese Benennung zu gebrauchen[4].

Der Zustand des Zeitalters war ein solcher, der auf mancherlei

Weise die Geister auffordern mußte in sich selbst zu gehen. Das

alte System fing an in seinen Grundpfeilern erschüttert zu werden;

sowohl im Politischen wie im Kirchlichen herrschte große Verwirrung.

Der Katholicismus hatte culminirt. Die babylonische Gefangenschaft

der Päpste, ihre ärgerlichen Streitigkeiten mit der Staatsgewalt

gaben die Belege hiezu. Dante ließ in seiner apokalyptischen Komödie

das jüngste Gericht über die in sich zerfallene Welt ergehen.

Reformatorische Tendenzen, Protestation und Opposition wurden

allenthalben vernommen, obgleich keiner recht wußte was er wollte,

oder der Verwirrung Ausgang zu erblicken vermochte. Eine unbestimmte

Sehnsucht nach Freiheit durchbebte die ganze Zeit. Die Nationen fingen

an ihre geistige Individualität zu behaupten, die Muttersprache wurde

lebendig, die Volksgeister fingen an in eignen Zungen zu reden. In

dieser Entwickelung der Sprache, dieser Befreiung von der abstracten,

alle Individualität nivellirenden Herrschaft des Lateins, haben die

Mystiker große Bedeutung. Die tiefsten Wurzelwörter der deutschen

Prosa wurden in ihrer lebendigen Rede ausgesprochen, und mit Recht

sind sie die Minnesänger der Prosa genannt worden. Ihre contemplative

Geistesrichtung mußte durch ihre Zeit mächtig gefördert werden. Das

Alte war im Sinken begriffen, aber die Wiedergeburt der Geschichte

war noch fern; dem Geiste gehörte nur die Vorzeit und die unbekannte

Zukunft, allein es fehlte ihm die Gegenwart, das +praesens+,

weil die Wirklichkeit keine wahre Wirklichkeit, sondern nur ein

Zustand der Gährung, des Werdens und Uebergehens war. Es war da

ganz in der Ordnung, daß die contemplativen Naturen, um sich in der

weltgeschichtlichen Spannung vom Zeitdrucke zu befreien, die Zeit zur

Ewigkeit zu verwandeln suchten, indem sie die Langeweile und Unruhe

der Zeit im gegenwärtigen Jetzt der Contemplation vernichteten. Die

Kunstbestrebungen des Zeitalters in der Architektur und Malerei, welche

zum Theil in denselben Gegenden blühten, wo auch die Mystik ihren

vornehmsten Sitz hatte, in den Rheingegenden nemlich, besonders in

Straßburg und Cölln, hängen hiemit zusammen. Der Geist sucht in einer

Phantasiewelt hervorzuzaubern, was aus dem Leben und der Wirklichkeit

verschwunden ist.

Dieser Mangel an Befriedigung in der Wirklichkeit, die Sehnsucht

nach geistiger Realität, zeigt sich in einem dogmatischen Probleme

des Zeitalters, welches große Theilnahme erregte. Es war ein

eschatologisches Problem, betreffend das ~zukünftige~ Schauen

Gottes in der ewigen Seligkeit. Wenn eschatologische Fragen,

Untersuchungen über das zukünftige Leben mit ängstlicher Heftigkeit

geführt werden, ist es ein Zeichen, daß die Lebensfülle aus der

Gegenwart entflohen ist. Unter dem Papste Johann dem 22sten wurde

die Frage aufgeworfen, ob diejenigen Geister, denen der Schmerz des

Fegfeuers erlassen war, unmittelbar nach ihrem zeitlichen Tode zum

Schauen Gottes von Angesicht zu Angesicht gelangten, oder ob dieses

vollendete Schauen erst nach der Auferstehung des Leibes und dem

jüngsten Gericht einträte. Der Papst bestätigte das Letztere, aber der

Zeitgeist sehnte sich ungeduldig nach der Vollendung und suchte ihm

eine entgegengesetzte Erklärung abzunöthigen[5]. Dieses gelang unter

seinem Nachfolger Benedict dem 12ten, der sich ausdrücklich für die

von seinem Vorgänger verworfene Ansicht erklärte. Diese dogmatischen

Probleme über das zukünftige Leben suchten Viele in eine gegenwärtige

Gewißheit zu verwandeln, indem sie in der Contemplation die zukünftige

Seligkeit und die Identität mit Gott anticipirten. Es erhob sich die

Frage über die ewige Identität des ~Gedankens~ mit Gott. Man

fragte, ob Gott nur Object, Gegenstand des seligen Schauens, oder ob

er nicht vielmehr das selige Schauen selbst sey, so daß der Erkennende

Eins sey mit dem Erkannten[6].

Charakteristisch für das Zeitalter und eine Erscheinung, die nicht

ohne Zusammenhang ist mit der Mystik, sind die vielen Secten, die

sich damals von der Tradition und dem objectiven Cultus der Kirche zu

emancipiren suchten. Sie waren von einer glühenden, schwärmerischen

Begeisterung für Freiheit erfüllt, von einem Spiritualismus, der alle

äußeren Formen zu sprengen suchte, einer grenzenlosen Sehnsucht nach

Einheit mit Gott, wodurch sie mit der Kirchenlehre in Zwiespalt

geriethen. Das gährende speculative Element kam in pantheistischen

Anschauungen zum Durchbruch. Die herrschende Kirche konnte die

Irrthümer dieser Secten erkennen, aber ihre Bedeutung nicht begreifen.

Schon am Anfange des 13ten Jahrhunderts wurden die Pariser Theologen

Amalrich von Bena und David von Dinanto, wie es scheint, Anhänger des

Systems des Scotus Erigena, auf dem Concilium zu Paris 1209 verdammt,

weil sie lehrten, Gott sey Alles und Alles sey Gott, Gott sey das

Wesen der Geschöpfe, alle Dinge würden zu Gott zurückkehren und in

ihm als ein einiges Individuum verbleiben. Das Princip ihrer Lehre

wurde in dem Satze ausgesprochen: »+Quod deus sit Esse formale

omnium.+« Man beschuldigte sie, daß sie Christum nur in der

Bedeutung Gottmensch nannten, in welcher auch jeder geistige Mensch

ein Gottmensch genannt werden könne. Vom heiligen Abendmahl lehrten

sie, daß die Gegenwart Christi im Brode und Weine nicht erst mittelst

der Consecration eintrete, sondern daß Christus in allem Brode und

Weine auf dieselbe Weise gegenwärtig sey, wie in der Eucharistie. Das

Dogma von der Transsubstantiation erklärten sie als ein Sinnbild der

in der ganzen Natur gegenwärtigen Gottheit. Denn Gott könne nur in

der Creatur angeschaut werden und Gott und die Creatur seyen Eins[7].

Die Pariser Synode beschuldigt sie ferner, daß sie den Glauben und

die Hoffnung verachteten und sich thöricht rühmten, ihr Wissen sey

ihnen genug. Das Wissen sey das Paradies selbst, die Lehre von der

Auferstehung der Todten und dem ewigen Leben sey nicht von einem

Zukünftigen, sondern von einem geistig Gegenwärtigen zu verstehen[8].

In der ersten Weltperiode habe Gott der Vater geherrscht; das Reich des

Vaters aber sey durch das Reich des Sohnes abgeschafft, das mosaische

Gesetz aufgehoben und ein neues, geistiges Gesetz eingeführt worden;

das Reich des Geistes aber sey jetzt mit ihnen und ihren Anhängern

eingetreten, jedes positive Gesetz und jede äußere Cultusform müsse

abgeschafft werden, die Sacramente seyen überflüssig, denn dem

Geiste allein gebühre die Herrschaft. Eine ähnliche Construction der

Weltgeschichte erschien in demselben Jahrhundert in dem sogenannten

»ewigen Evangelium« der Franciscaner, wodurch eine neue Ordnung der

Dinge verkündigt und eine apokalyptische Polemik gegen das Papstthum

und den ganzen Zustand der Kirche ausgesprochen wurde. Amalrich's

Schule zählte viele Anhänger; die Verfolgungen, die diese Secte

leiden mußte, förderten nur ihre Verbreitung, und im Laufe des 13ten

Jahrhunderts wurden pantheistische Sympathien mannichfach in der

Christenheit verspürt. Die Anhänger der Secte, die sich nach und nach

weiter ausbildete und modificirte, hießen Brüder und Schwestern des

freien Geistes. Gegen das Ende des 13ten Jahrhunderts sollen sie am

Rhein zahlreich gewesen seyn, also in derselben Gegend, wo Eckart

lebte, und gleichzeitig mit ihm. In den Schriften der Mystiker finden

sich nicht selten Hindeutungen und Anspielungen auf diese Secte;

hienach scheint es, als habe jener spiritualistische Pantheismus sich

zugleich als ein grenzenloser Antinomismus gezeigt, der sich nicht

nur über die positiven Gesetze der Kirche, sondern selbst über das

Sittengesetz hinaussetzte. Die religiöse Genialität proclamirte die

Emancipation des Fleisches, weil der Geist nicht an ein Aeußeres

gebunden sey[9].

Man hat nicht selten den Meister Eckart in Verbindung mit dieser Secte

gebracht. Der Papst Johann der 22ste, der sein ganzes Leben hindurch

nicht blos in politische, sondern auch in kirchliche Streitigkeiten

verwickelt war und der Beschuldigung der Ketzerei selbst nicht entgehen

konnte, erließ im Jahre 1330 eine Verdammungsbulle wider die Brüder

des freien Geistes[10]. Da die Sätze, die er bei den Brüdern des

freien Geistes verdammt, fast wörtlich mit denjenigen übereinstimmen,

die er bei Eckart verdammte[11], so scheint es, als habe er diese

unter demselben Gesichtspuncte betrachtet, und die Historiker sind

seiner Ansicht gefolgt und haben Eckart mit den freigeistigen Brüdern

zusammengestellt[12]. Aber eine nähere Bekanntschaft mit Eckarts

Schriften zeigt, daß dieses mit Unrecht geschehen sey, und daß man ihn

mit Tauler zusammenstellen müsse. Dieses wird auch von der neuesten

historischen Untersuchung von Schmidt anerkannt, obgleich die Ansicht

des Verfassers mir hier etwas unklar und schwankend scheint, indem

er nichtsdestoweniger die Hypothese aufstellt, Eckart habe insgeheim

der Secte angehört[13]. Vergleichen wir die päpstliche Bulle mit den

uns bekannten Eckartschen Schriften, dann finden sich hier allerdings

viele von den pantheistischen Sätzen, die ihm vom Papste zugelegt

werden[14], aber keine Spur des unsittlichen Antinomismus, dessen ihn

die päpstliche Bulle beschuldigt. Die angeführten pantheistischen Sätze

sind ohnehin aus dem Contexte gerissen; dieser aber zeigt sie als

aus einer eigenthümlichen Denkweise und Geistesrichtung entsprungen,

derselben, die wir bei denjenigen Mystikern finden, die nicht der

Sectirerei beschuldigt sind. Da die Erfahrung unserer eigenen Tage

sattsam lehrt, wie das tägliche Bewußtseyn mit geistigen Kategorien,

als Pantheismus, Rationalismus, Liberalismus u. s. w., umgeht, wie es

solche Kategorien nur als allgemeine Fächer gebraucht, worin es das

Verschiedenartigste hineinrubricirt, ohne den specifischen Unterschied,

das heißt die wahre Natur der Sache, zu berücksichtigen, so halte

ich es nicht für unwahrscheinlich, daß die Benennung »freigeistige

Brüder« nicht selten als ein Gemeinname gebraucht worden sey, womit

man damals alle diejenigen bezeichnete, die man heutzutage als

Idealisten und Pantheisten bezeichnet. Keiner wird sich wundern,

daß es dem Papste, dessen Sache es eben nicht war sich auf die

+differentia specifica+ der Geister einzulassen, und der sich

nur an die einzelnen »Resultate« hielt, begegnen konnte die äußere

Aehnlichkeit mit der Identität zu verwechseln. Die Wissenschaft aber

muß es mit solchen Dingen genauer nehmen. Allerdings waren Eckart

und seine Geistesverwandte Idealisten, Söhne »des freien Geistes«,

und es ist natürlich, daß sie nicht unberührt geblieben sind von

dem, was sich in ihrer Nähe geistig bewegte. Aber Eckarts Mystik muß

unter ihrer eigenen, selbstständigen Kategorie betrachtet werden,

weil sie ein neuer, origineller Entwickelungspunct ist. Es ist nicht

Amalrich's von Bena nach dem Erigena gebildeter Pantheismus, oder seine

Opposition gegen den kirchlichen Cultus. Es ist keine apokalyptische,

religiös-politische Polemik gegen das Bestehende, wie bei den

spiritualistischen Franciscanern. Ebenso wenig ist es ein unsittlich

schwärmender Antinomismus, der den Geist mit dem Fleische confundirt.

Eckarts Antinomismus und Pantheismus fordert seinen eigenen Maaßstab.

In welches Dunkel auch die Geschichte der damaligen Secten und ihrer

mannichfachen Verzweigungen noch eingehüllt seyn mag, dieses scheint

ihnen doch gemeinsam gewesen zu seyn, daß sie mit der herrschenden

Kirche förmlich brachen, daß sie nach außen thätig waren, mehr oder

weniger die Einführung eines neuen Weltzustandes beabsichtigten. Aber

eine solche opponirende Tendenz, ein solches kämpfendes Auftreten auf

dem Schauplatze der Wirklichkeit liegt außerhalb der Grenzen der ächten

Mystik, die, in innere Regionen zurückgezogen, ein in sich gekehrtes,

geistiges Stillleben führt. Es liegt in der Natur des mystischen

Geistes, unabhängig von jeglicher äußeren Macht und Zuständlichkeit, in

sich selbst absolut befriedigt und versöhnt, der selige Punct inmitten

der Verwirrung zu seyn. Die Mystik verhält sich nicht polemisch zur

bestehenden Kirche und ihrer Lehre, sondern sucht nur eine geistige

Auffassung und Application derselben, und wenn sie hiedurch in

Zwiespalt mit der Kirche geräth, -- was unläugbar der Fall ist --

ist dieses ihr nicht bewußt. Nur aus diesem Gesichtspuncte läßt sich

erklären, daß Eckart kurz vor seinem Tode seine Lehre widerrufen habe.

Da er sich nicht von der Kirche trennen wollte, hat er wahrscheinlich

nur seine Sätze widerrufen, insofern sie eine antikirchliche Deutung

veranlassen konnten, nicht aber diese Sätze selbst. Denn es ist

unerklärlich, daß er jemals von den Ueberzeugungen abgefallen sey,

in denen sein ganzes geistiges Leben aufging, oder daß er selbst

nicht geglaubt hätte sie mit dem Geiste der Kirchenlehre versöhnen zu

können. Wie viel Unwahrscheinliches auch diese Annahme an und für sich

enthalten mag, so wird sie doch durch eine nähere Bekanntschaft mit dem

mystischen Bewußtseyn gerechtfertigt.

Die uns bekannten Schriften von Eckart sind Predigten, die theils vor

dem Volke, theils wohl auch als Lehrvorträge im Kloster gehalten sind.

Sie finden sich in den Baseler Ausgaben von Taulers Predigten von 1521

und 1522 und werden (+fol.+ 242) unter folgender Ueberschrift

eingeführt: »Folgen hernach etlich gar subtil und trefflich kostlich

predigen etlicher vast gelertter andechtiger vätter und lerern, auß

denen man achtet Doctorem Tauler etwas seins grundes genommen haben.

Namlich und insonders ~meister Eckarts~ (den er underweylen in

seinen predigen meldet) der ein fürtreffenlich hochgelerter man gewesen

ist, und in subtilikeiten natürlicher und göttlicher künsten so hoch

bericht, das vil gelerter leut zu seinen zeitten in nit wol verstunden.

Deßhalb seiner ler ein teyl auch in etlichen stücken und articklen

verworfen ist, und noch von einfeltigen menschen gewarsamlich gelesen

werden sol. Wiewol hieher in diß Buch mit fleiß nüt gesetzet ist, dann

das gemeinlich wol verstanden und erlitten werden mag. Das ist ein teil

seiner ler und predig, darauß man spüren mög, wie gelert und subtil

er gewesen sey, und uff was grund all sein ler und predig (wie Doctor

Taulers) gevestnet gewesen sey«. -- Die Anzahl dieser Predigten ist 55,

wozu noch 4 kleinere Lehrstücke hinzukommen. Sie sind die einzigen uns

bekannten Schriften von Eckart und finden sich nur in den angeführten

Ausgaben von Tauler, verschwinden aber nachher aus den Taulerschen

Schriften[15]. Innere Kriterien, Gedanken, Styl, Ausdrucksweise

bezeugen denselben Verfasser, wozu noch kommt, daß der Verfasser selbst

an mehreren Stellen sich als Eckart bezeichnet. Sollte auch diese

oder jene Predigt nicht von ihm verfaßt seyn, -- welches die Kritik

schwerlich beweisen wird -- so ist dieses doch für unseren Zweck

gleichgültig, da es nichtsdestoweniger sein Geist und Gedanke ist, der

sich auf jeder Seite ausspricht. Er soll aber mehrere Schriften verfaßt

haben, die nicht auf uns gekommen sind, namentlich eine Erklärung des

Evangelium Johannis und des Hohenliedes[16]. Daß so Weniges davon

bekannt geworden, ist wahrscheinlich darin gegründet, daß es als

gefährliche Lectüre angesehen wurde. Obgleich eine vollständige Ausgabe

allerdings von großem Interesse seyn würde, so ist es doch nicht

wahrscheinlich, daß dadurch etwas wesentlich Neues hinzukommen würde.

Die Manier der Mystiker ist von der Beschaffenheit, daß man nicht einer

vollständigen Sammlung ihrer Schriften bedarf, um ihre ganze Ansicht

zu kennen. Sie haben ihr System +in nuce+ und sprechen das Ganze

auf einmal aus. So oft die Mystik redend oder schreibend auftritt, ist

sie »+omnia sua secum portans+.« Mag denn auch Vieles verloren

gegangen seyn, so dürfen wir doch behaupten, daß Nichts fehle.

Um den Leser in die Sache selbst unmittelbar einzuführen, gebe ich

erst einen kurzen Auszug aus Eckarts Predigten. Eine unmittelbare

Bekanntschaft mit dem mystischen Grundton, mit Vortrag und

Ausdrucksweise, die in dieser Art von Speculation noch mehr als

anderswo vom Gedanken unzertrennlich ist, wird, wie ich hoffe, einen

passenden Uebergang bilden zu dem, was Hauptzweck dieser Abhandlung

ist, nemlich die Darstellung dieser mystischen Richtung als eines

Ganzen, das nach seinen verschiedenen Momenten entwickelt wird. Was

hier aus den Schriften des mystischen Meisters mitgetheilt wird,

sind nur einzelne Gedanken, Aphorismen, deren innerer Zusammenhang

nicht entwickelt ist, obgleich dieser allenthalben an sich vorhanden

ist. Ich habe gesucht Auswahl und Anordnung so zu treffen, daß der

denkende Leser diesen tieferen Zusammenhang entdecken und hier ein

Mehreres gewahr werden könne, als religiöse Blumen und philosophische

Gedankenspäne. Die sich widersprechenden Sätze, die hier gefunden

werden, werden in der Folge ihre Erklärung finden. Um ermüdende

Tautologien in der Darstellung zu vermeiden, habe ich zerstreute

Aussprüche, die sich gegenseitig erklären, indem sie denselben

Gedanken von verschiedenen Seiten ausdrücken, bisweilen combiniren

müssen. Den altdeutschen Ausdruck habe ich nach dem Vorgange der neuen

Ausgaben von Tauler und Suso der heutigen Schriftsprache anzubequemen

versucht ohne doch das alterthümliche Gepräge zu verwischen. Daß ich

bisweilen einen kräftigeren Ausdruck aus einer anderen Stelle einem

minder prägnanten substituirt, hie und da das im Texte Zerstreute

zusammengezogen habe, dieses war nach meinem Dafürhalten nicht nur

erlaubt, sondern nothwendig in einer Arbeit, wo es sich nicht um die

philologisch-diplomatische Genauigkeit des Einzelnen, sondern um das

concentrirte Wiedergeben der substantiellen Totalität handelte. Der

Einwand, den ich nicht sowohl gegen diese Epitome aus Eckart, als

besonders gegen die ganze folgende Entwickelung von Vielen zu erwarten

habe, ist, daß der Gegenstand, durch das Medium eines bestimmten

philosophischen Interesses betrachtet, nicht in seiner Reinheit

aufgefaßt werde, daß sich hier nothwendig viel Subjectives einmische,

Vieles hineingedeutet werde, das nicht der Sache selbst, sondern nur

dem Systeme des Darstellers zukomme u. s. w. Dieses läßt sich immer

sagen, wenn von der geistigen Auffassung irgend eines Gegenstandes

die Rede ist, und hierauf läßt sich immer antworten, daß die Sache

doch Niemandem anders ~erscheinen~ kann, als wie sie ~gesehen~ wird.

Wie das Denken nicht von dem Gegenstande abstrahiren darf, so ~kann~

es nicht von sich selbst abstrahiren. Es läßt sich in der Behandlung

eines gegebenen historischen Objects ein doppelter Weg einschlagen.

Man kann sich darauf beschränken, es blos als Factum zu nehmen, den

Stoff zu sammeln und zu sichten, aber doch so, daß man sich jeder

geistigen Berührung mit demselben enthält, um es desto besser als

Factum conserviren zu können. Es ist dies eine nützliche Vorarbeit, ihr

Resultat ist das Richtige, aber das Wahre fehlt noch. Das Wahre ist

die, allerdings vom Factum unzertrennliche, Idee, die sich im Factum

offenbart, und das wahre, sachgemäße Erkennen ist nur dasjenige, das

den Gegensatz von Empirie und Speculation überwunden hat. Die blos

empirische Historie kann nur über das factisch Richtige und Unrichtige

urtheilen; handelt es sich aber über die Wahrheit der geistigen

Auffassung des Factums, so muß diese sich durch sich selbst bewähren,

oder durch eine tiefere philosophische Auffassung widerlegt werden.

Ich citire die Aussprüche Eckarts nach der Baseler Ausgabe von Taulers

Predigten von 1521. Ob die Auffassung, die sich schon indirect durch

Zusammenstellung und Anordnung kund gibt, die wahre sey, dieses kann

nur geprüft werden durch die wissenschaftliche Entwickelung des

Begriffes der Mystik.

[Illustration]

[Illustration]

Meister Eckarts Predigt.

Wenn ich predige, pfleg ich zu sprechen von Abgeschiedenheit und daß

der Mensch ledig werde seiner selbst und aller Dinge; zum andernmal,

daß man eingebildet werde in das einfältige Gut, das Gott ist; zum

dritten, daß man bedenke des großen Adels, den Gott an die Seele gelegt

hat; zum viertenmal, was Lauterkeit und Klarheit göttlicher Natur sey;

das ist unsprechlich. +fol.+ 274.

* * * * *

Ein jeglich Ding ruhet in der Stätte, daraus es geboren ist. Wirf den

Stein in die Luft, er ruhet nicht, er komme denn wieder zur Erde.

Wovon ist das? Die Erde ist sein Land, die Luft ist sein Elend. Die

Stätte, aus der ich geboren bin, ist die Gottheit. Die Gottheit ist

mein Vaterland. Hab ich einen Vater in der Gottheit? Ja ich habe nicht

allein einen Vater da, mehr, ich hab mich selber da. Ehe daß ich an mir

selber ward, da war ich in der Gottheit geboren. +fol.+ 293.

* * * * *

Was ist Ewigkeit? Ewigkeit ist ein gegenwärtiges Nun, das nicht weiß

von Zeit. Der Tag, der vor tausend Jahren vergangen ist, ist der

Ewigkeit nicht ferner, als die Stunde, da ich hier stehe, und der Tag,

der über tausend Jahr kommen soll, ist der Ewigkeit nicht ferner, denn

die Stunde, da ich jetzt rede. Wenn der Wille von sich selber und von

aller Geschaffenheit wiederkehret in seinen Ursprung, dann steht er

im gegenwärtigen Nun der Ewigkeit, und in diesem Augenblick wird alle

verlorne Zeit wiedergewonnen. +fol.+ 251, 267, 285.

* * * * *

Salomon spricht, es sey nichts Neues unter der Sonn. Das wird selten

verstanden nach seinem Sinn. Was die Sonne überscheinet, das ist in

der Zeit. Zeit gibt zwei Ding, Alter und Abnehmen. Alles das unter der

Sonne ist, das altet und nimmt ab, aber in der Ewigkeit, im lautern

Wesen, ist Alles neu. +fol.+ 247.

* * * * *

Je näher ein Ding seiner Geburt ist, je jünger ist es. Je näher die

Seele Gott ist, je jünger ist sie. In der Vernünftigkeit, da ist man

allzumal jung, und je mehr man in der Vernünftigkeit wirkt, je näher

ist man der Geburt. Was ich bin nach der Zeit, das soll mit der Zeit

verderben und zu nichte werden, aber nach meiner Geburtsweise, die

ewig ist, mag ich nimmermehr ersterben. Wisset, das Kind im Mutterleib

ist alt genug zum Sterben, ich aber will trauern, bin ich morgen nicht

jünger, denn heut. +fol.+ 269, 268, 308.

* * * * *

In der Fülle der Zeit sendet Gott seinen Sohn in die Seele. Wann ist

die Fülle der Zeit? Wann die Seele Zeit und Statt ledig ist, dann

sendet Gott seinen Sohn in sie. +fol.+ 261.

* * * * *

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist so edel, daß, wenn Gott sich von der

Wahrheit kehren möchte, ich wollte mich an die Wahrheit haften und

wollte Gott lassen. Denn Gott ist die Wahrheit und Alles was in der

Zeit ist, und Alles das Gott je erschaffen hat, ist nicht die Wahrheit.

+fol.+ 252.

* * * * *

Was ist Freiheit? Frei ist das an Nichts haftet und an dem Nichts

haftet. Darum ist Nichts frei, denn die erste Sache, die da ist eine

Sache aller Sachen. Gott haftet an Nichts, er schwebet in sich selber

und ist frei von allen Dingen. Zur Freiheit gehört auch Herrschaft, daß

man viele gute und schöne Dinge besitze. Gott ist das Gute in allen

Dingen, darum besitzt er sich in Allem, und Alles was Gott hat, das ist

er. +fol.+ 247.

* * * * *

Niemand ist gut, denn allein Gott. Was ist gut? Was sich gemeinet. Den

heißen wir einen guten Menschen, der gemein und nützlich ist. Gott ist

das Allergemeinest, er gibt sich allen Dingen. Kein Ding gibt sich

selbst. Die Sonne gibt nur ihren Schein, aber bleibt selbst stehen.

Gott aber gibt sich selbst in allen seinen Gaben. Seine Gottheit hanget

daran, daß er sich gemeine Allem, das seiner Güte empfänglich ist, und

gemeinete er sich nicht, dann wäre er nicht Gott. In allen Creaturen

ist Etwas Gottes, aber in der Seele ist Gott göttlich. +fol.+ 287,

254.

* * * * *

Alle Dinge, die in der Zeit sind, haben ein Warum. Aber ein guter

Mensch, wenn Einer ihn fragte: warum liebst du Gott? antwortet: Um

Gott! Warum hast du lieb die Wahrheit? Um die Wahrheit! Warum hast du

lieb die Gerechtigkeit? Um die Gerechtigkeit! Warum lebst du? Wahrlich,

ich weiß nicht, aber ich lebe gerne. +fol.+ 252.

* * * * *

Suchst du Gott um deinen eigenen Nutzen und deine eigene Seligkeit, so

suchst du Gott nicht in der Wahrheit. Etliche Leute wollen Gott mit den

Augen ansehen, als sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott liebhaben, als

sie eine Kuh liebhaben (die hast du lieb um die Milch und um den Käs

und um deinen eignen Nutzen). Also liebhaben sie Gott um auswendigen

Reichthum und um inwendigen Trost, aber diese Leute haben Gott nicht

recht lieb, sondern suchen nur sich selbst und ihren eignen Nutzen.

+fol.+ 252, 300.

* * * * *

Wer Gott sucht und etwas Anderes als Gott, der findet Gott nicht;

wer aber Gott sucht ~allein~, der findet alle Dinge mit Gott.

+fol.+ 252.

* * * * *

Einfältige Leute wähnen, sie sollen Gott ansehen, als stände er dort

und sie hier. So ist es nicht. Gott und Ich sind Eins im Erkennen.

Gottes Wesen ist sein Erkennen und Gottes Erkennen macht, daß ich ihn

erkenne. Darum ist sein Erkennen mein Erkennen. +fol.+ 305, 315.

* * * * *

Die Leute sprechen oft zu mir: Bitte zu Gott für mich! Da denke ich:

Warum gehet ihr aus? Warum bleibet ihr nicht bei euch selber und greift

in euer eigen Gut? Ihr traget doch alle Wahrheit wesentlich in euch.

+fol.+ 267.

* * * * *

Wo die Natur endet, fahet Gott an zu seyn. Gott begehret nichts mehr

von dir, denn daß du ausgehest aus dir selber in creatürlicher Weise

und lässest Gott Gott in dir seyn. Das mindeste creatürlich Bild, das

sich dir einbildet, ist so groß als Gott. Warum? Es raubet dir einen

ganzen Gott. Wenn das Bild eingeht, muß Gott weichen mit all seiner

Gottheit; geht aber das Bild aus, geht Gott ein. Gott begehrt so sehr,

daß du aus dir selber ausgehest in creatürlicher Weise, als ob allein

seine Seligkeit daran läge. Eia, lieber Mensch, was schadet dir, daß

Gott Gott in dir sey! +fol.+ 267.

* * * * *

Fragt man mich, daß ich endlich berichten soll, was der Schöpfer

meinte, als er alle Creaturen schuf, antworte ich: Ruhe. Fragt man

mich zum zweitenmal, was alle Creaturen suchen in ihrer natürlichen

Begierde, ich spreche abermals: Ruhe. Fragt man mich zum drittenmal,

was die Seele suche auf allen ihren Wegen, ich spreche abermals:

Ruhe. Denn das Antlitz göttlicher Natur ziehet alle Kräfte und alles

Begehren der Seele nach sich. Dies schmeckt Gott so wohl und ist ihm

so gefällig, daß all seine göttliche Natur dazu gekehret und geneiget

ist. Als viel die Seele in Gott ruhet, als viel widerruhet Gott in

ihr. Ruhet sie nur theilweise in ihm, so widerruhet er nur theilweise

in ihr. Ruhet sie ganz und ungetheilt in ihm, so widerruhet er ganz

und ungetheilt in ihr. In der lautern Seele, da Gott findet einen

Widerschein seiner selbst, da widerruhet Gott in der Seele, und die

Seele widerruhet in Gott. Der das Gott benähme, daß er nicht ruhete

in der Seele, der benähme ihm seine Gottheit. Denn Gott sucht Ruhe in

allen Dingen und göttliche Natur ist Ruhe. +fol.+ 292.

* * * * *

Ein jeder Ausgang ist um des Eingangs willen, ein jeder Anfang ist um

des Endes willen. Gott ruhet nicht da, wo er ist ein Anfang, sondern

wo er ist ein Ende alles Wesens. (Nicht als ob dies Wesen zu nichte

würde, sondern es wird vollbracht nach seiner höchsten Vollkommenheit.)

Was ist das letzte Ende? Es ist die verborgene Finsterniß der ewigen

Gottheit und ist unbekannt und wird nimmermehr bekannt, +fol.+ 256.

* * * * *

Alle Creaturen jagen danach, daß sie Gott gleich werden. Wäre Gott

nicht in allen Dingen, die Natur hätte weder Wirken noch Begehren. Nun

aber suchet sie heimlich Gott. Sie wisse es oder nicht, es sey ihr lieb

oder leid, sie meinet doch nur Gott in all ihrer Begehrung. Durstete

ein Mensch noch so sehr, er würde doch nicht einen Trunk begehren, wäre

nicht Etwas Gottes darin. +fol.+ 259.

* * * * *

Mein äußerer Mensch schmeckt alle Creaturen als Creaturen, Wein als

Wein, Brod als Brod, Mein innerer Mensch aber schmeckt Nichts als

Creaturen, sondern Alles nur als Gaben Gottes. Aber in allen seinen

Gaben gibt Gott nur sich selbst. +fol.+ 301.

* * * * *

Gott liebt sich selber und seine Natur und sein Wesen und seine

Gottheit. In der Liebe, darin Gott sich liebet, liebt er auch alle

Creaturen, nicht als Creaturen, sondern Creaturen als Gott. Nun bitt

ich euch, daß ihr vernehmet. Ich will sprechen, wie ich nie sprach:

Gott schmeckt sich selber und in dem Geschmack, darin er sich selber

schmeckt, schmeckt er alle Creaturen, nicht als Creaturen, sondern

Creaturen als Gott. +fol.+ 301.

* * * * *

Gott liebet Nichts denn sich selber, er verzehret all seine Liebe in

sich selber. Niemand erschrecke, weil ich spreche, daß Gott Nichts

liebet denn sich selber. Es ist unser Allerbestes und unsere höchste

Seligkeit liegt daran. +fol.+ 254.

* * * * *

St. Paulus spricht: Gottes Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen.

Sintemal uns denn Gott seine Liebe gegeben hat, hat er uns auch den

heiligen Geist gegeben. Dann lieben wir mit der göttlichen Liebe,

darin er sich selber liebet, und wäre diese Liebe nicht, dann wäre der

heilige Geist nicht. +fol.+ 248, 284.

* * * * *

Alsfern der Mensch sich selbst verläugnet durch Gott und mit Gott

vereinigt wird, alsfern ist er mehr Gott denn Creatur. Wenn der Mensch

seiner selbst ledig ist und nicht lebt, denn in Gott allein, ist er

wahrlich dasselbe von Gnaden, was Gott ist von Natur, und Gott bekennet

selbst, daß kein Unterschied sey zwischen ihm und diesem Menschen. Ich

habe gesprochen: von Gnaden, denn Gott ist und der Mensch ist. Also ist

Gott gut von Natur, der Mensch aber ist gut von Gnaden. +fol.+ 309.

* * * * *

Ich sprech bei guter Wahrheit und bei ewiger Wahrheit und bei

immerwährender Wahrheit, daß sich Gott in jeglichem Menschen, der sich

zu Grunde gelassen hat, allzumal ausgießen muß nach aller Vermögenheit,

so ganz und gar, daß er in seinem Leben und in seinem Wesen, in seiner

Natur und in seiner Gottheit Nichts behaltet, er muß es alles zumal in

fruchtbarer Art ergießen. +fol.+ 300.

* * * * *

Es ist eine sichere Wahrheit, daß es Gott also Noth ist, daß er uns

suche, recht als ob all seine Gottheit daran hinge. Gott mag unser so

wenig entbehren als wir seiner. Mögen wir uns von Gott kehren, so mag

Gott sich doch nimmer von uns kehren. Darum will ich Gott nicht bitten,

daß er mir Etwas gebe, ich will ihn auch nicht loben um das, was er mir

gegeben hat, sondern ich will ihn bitten, daß er mich würdige ihn zu

empfangen und ich will ihn loben, daß er der Natur und des Wesens ist,

daß er geben muß. +fol.+ 252.

* * * * *

Ich danke nicht Gott, daß er mich liebhat, denn er mag es nicht lassen;

er wolle es oder nicht, seine Natur zwinget ihn doch. Ich will ihm

danken, daß er nicht lassen mag von seiner Güte. +fol.+ 254.

* * * * *

Gott ist allzeit wirkend in einem Nun der Ewigkeit, und sein Wirken

ist das Gebären seines Sohnes, den gebiert er allzeit. Der Sohn ist

der erste Ausbruch aus der Fruchtbarkeit göttlicher Natur und dieser

Ausbruch ist ohne Mittel des Willens, darum er heißet ein Bild und Wort

des Vaters. In diesem Worte spricht der Vater meine Seele und deine

Seele, Er gebiert seinen Sohn in der Seele in derselben Weise als er

ihn in der Ewigkeit gebiert und nicht anders. Er muß es thun, es sey

ihm lieb oder leid. Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlaß und ich

sprech mehr: Er gebiert mich seinen Sohn, mehr, er gebiert mich sein

Wesen und seine Natur. Da quelle ich aus im heiligen Geist; da ist ein

Leben und ein Wesen und ein Werk. +fol.+ 268, 299, 304.

* * * * *

Es ist des Vaters Wesen, daß er den Sohn gebäre, und es ist des Sohnes

Wesen, daß er geboren werde und daß ich in ihm geboren werde, und es

ist des heiligen Geistes Wesen, daß ich in ihm verbrenne und in Liebe

verschmolzen werde. +fol.+ 245.

* * * * *

Wenn der Wille also vereinigt wird, daß er wird ein einig Ein, so

gebiert der himmlische Vater seinen eingebornen Sohn in sich und in

mir. Warum in sich und in mir? Ich bin Eins mit ihm, er vermag mich

nicht auszuschließen. In demselben Werk empfaht der heilige Geist sein

Wesen und wird von mir, wie von Gott. Warum? Ich bin in Gott und nimmt

der heilige Geist sein Wesen nicht von mir, nimmt er es auch nicht von

Gott. Ich bin auf keine Weise ausgeschlossen. +fol.+ 251.

* * * * *

Ein Meister spricht: Gott ist Mensch geworden, davon ist erhöhet und

gewürdiget das ganze menschliche Geschlecht. Dessen mögen wir uns

freuen, daß Christus unser Bruder ist gefahren von eigner Kraft über

alle Chöre der Engel und sitzet zur Rechten des Vaters. Dieser Meister

hat wohl gesprochen, aber wahrlich ich gebe nicht viel darum. Was hülf

mich, hätt ich einen Bruder, der da wär ein reicher Mann, und wär ich

dabei ein armer Mann? Was hülf mich, hätt ich einen Bruder, der da wär

ein weiser Mann und wär ich dabei ein Thor? Ich sprech ein Anderes

und Näheres. Gott ist nicht allein Mensch geworden, sondern er hat

menschliche ~Natur~ angenommen. +fol.+ 266.

* * * * *

Die Meister sprechen gemeinlich, daß alle Menschen seyen gleich edel

in der Natur. Ich aber sprech, daß alles das Gute, das die Heiligen

und Maria und Christus nach ihrer Menschheit besessen haben, das ist

mein eigen in dieser Natur. Nun möchtet ihr mich fragen: Sintemal ich

in dieser Natur hab Alles, das Christus nach seiner Menschheit leisten

mag, wovon ist denn, daß wir Christum hören und würdigen als unsern

Herrn und unsern Gott? Das ist davon, daß er ist gewesen ein Bote

von Gott zu uns und hat uns zugetragen unsere Seligkeit. Ja dieselbe

Seligkeit, die er uns zutrug, die war unser. +fol.+ 266.

* * * * *

Meister Eckart · 第 1 / 11 段