»Jawohl, jawohl,« antwortete sie lebhaft. »Das acceptire ich. Man muß
ein Philister sein, aber ein idealer. Man kann nicht leben ohne das. --
Und man _will_ leben«, fügte sie noch mit Bestimmtheit hinzu.
»Und ich sage: man will nicht«, rief Starkblom mit Entschiedenheit und
schlug auf den Tisch.
»Nun gut: sterben Sie.«
»Ich meine; man sollte nicht wollen.«
»Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine Theorie. Das kann ich
fassen; ich verstehe es vollkommen. Nach dem heutigen Stand unseres
Geistes können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz recht, ganz
gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts Positives, das wir anerkennen,
vollständig nichts. Und wir werden auch nie zu den alten Positionen
zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind keine Romantiker, keine
Philister im alten Sinn. Aber wir warten ab, und das ist Grund genug
für uns, zu leben. Wir sind neugierig.«
»Wir warten ab? Was denn?«
»Nun, das weiß ich nicht. Irgend ein Falsches vielleicht,
wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig. Irgend ein Neues, das
überwältigt, ein neuer, dauerhafter Aberglaube, eine neue Religion,
wenn es sich auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas
_Positives_, das allen einleuchtet, das für alle einen Sinn hat. Das
alle überwältigt. Wir haben doch alle eine Ahnung, daß etwas in der
Luft liegt. Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch schaffen.
Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen. Also warten wir und leben
wir indessen, leben wir freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz.
Der gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber doch alles nicht
neu. Sie wollten es nur nicht Wort haben. Vielleicht schämten sie
sich. Aber dessen brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir sind
Übergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns als solche. Und wer so
viel durchgemacht hat wie Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war
eine solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende -- die muß ja noch
viel unerhörter, gewaltiger werden. Ist es vielleicht so -- ist es
nicht so -- habe ich Recht?«
Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört. Er hätte nicht gedacht,
daß ein solches Weib lebte. Und nun saß sie hier auf dem Sopha und
blickte ihn freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm ein
Märchen. Was er antwortete, war drum auch nur ein mechanisches
Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens.
»Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß Sie Recht haben. Ich fände das
doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein solches Leben. Und die kommende Zeit --
was liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich.«
»Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere Gedanken und Träume von der
Zukunft, und vor allem unsre Neugier, wieviel wir davon noch selbst
erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert, das ist ja nur
ein Teil von uns. Sie sagen: wir haben an nichts mehr Interesse. Und
ich sage: o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles. Aber
nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts interessieren. Das ist das
Falsche. Sie tyrannisieren sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch
ist nicht blos Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht leben, dann
spricht blos ein Teil von Ihnen, der andre aber will leben, o ja, o
ja, er _will_ leben, und er sollte es sich nicht gefallen lassen,
unterjocht zu werden. Er ist mächtiger als alles andre. Er _sollte_
mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen. Aber das andere lebt noch
in Ihnen, das spüre ich, das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das
ist gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können sich retten,
aber nur Sie selbst sich selbst. Dazu bin ich gekommen, um Ihnen das zu
sagen. Kehren Sie zurück zum Leben! -- Das Leben ist schön!«
Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann sagte er leise:
»Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie vermuten recht, das ist mir
nicht neu. Es hat oft in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr
wie je, aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste, was der
Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu unterdrücken. Wozu Sie raten,
das ist die Herrschaft der andern Triebe über den geistigen. Das könnte
ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht. Das wäre mir
jetzt zu gemein -- auf die Dauer.«
»O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum Genuß, jawohl, aber auch
zum geistigen Genuß, zu dem erst recht. Aber geistiger Genuß ist nur
möglich in Verbindung mit den andern -- nun sagen wir: Trieben; sonst
artet er aus und treibt zur Vernichtung. Sie wollen das leugnen,
aber Sie können es nicht. Empfinden Sie nicht Genuß bei solchem
Gespräch? Und müßten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit und
Konsequenzduselei, auch jetzt etwa zu fragen: was hat das für einen
Zweck? was steckt dahinter?«
Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge, das sie voll und ruhig auf
ihn richtete, nicht ertragen. Er kehrte sich ab und sah zum Fenster
hinaus. Sie aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte Einfluß
auf ihn, und sie freute sich, daß ihr Geist sich im Gespräch mit dem
seinen messen konnte.
»Sagen Sie einmal, Starkblom,« fing sie also nochmals an, »was ist das
mit dem Weib in Ihrer letzten Brochüre? An zwei Stellen? Das kommt
so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten Sie damit? Wenn
es symbolisch sein sollte, gestehe ich, ich habe es nicht verstehen
können.«
Starkblom drehte sich rasch um.
»Es sollte nicht symbolisch sein.«
Dann fügte er zögernd hinzu:
»Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb Ahnung. -- Unsinn war es,
Unsinn.«
»Jetzt verstehe ich vielleicht,« sagte sie leise. »Auch das gehört
dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht.«
Jetzt sah er ihr fest in die Augen.
»Marguérite, Marguérite,« rief er dann. »Sie treiben ein gefährliches
Spiel. Noch lebe ich, verstehen Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie
sich!«
Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus.
»Ich freue mich, daß Sie leben,« sagte sie ängstlich lächelnd und sich
etwas zurückbiegend, »aber Sie sind ein Kind!«
Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die Stirn.
»Wie ... was? Sie meinen ... aber nein, das nicht, das nicht. Nein,
nein. Ich will nicht. Sterben Sie mit mir, Marguérite, ich bitte Sie,
sterben Sie mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht.«
Marguérite stand auf, heftig atmend und sehr blaß.
»Starkblom,« sagte sie, »Sie sollten nicht eigensinnig sein. Sie thun
sich Gewalt an. Ich würde es vielleicht thun, wenn --«
Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der Hand und sah sie mit
fieberndem Blicke an.
»Was würden Sie thun? Was? Marguérite?!«
Marguérite konnte nur noch flüstern.
»Sterben, natürlich sterben. Was sonst?«
Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand.
»Du würdest es thun, Marguérite? Du willst? Ja?«
Marguérite konnte nicht mehr. Sie sank in den Sessel, lehnte sich
zurück und ließ den Kopf zur Seite hängen.
»Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht jetzt, nicht jetzt. Wir
wollen warten. Bedenken. O es _kann_ ja nicht sein.«
Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert.
»Ja, wir wollen warten. Vielleicht -- ach Unsinn.«
Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor Erregung.
»Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte das gedacht? Wer hätte
das gedacht?«
Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel und in seinem Auge leuchtete
es irr auf. Dann lächelte er fein, fast boshaft.
»Ich glaube, wir belügen uns, Marguérite. Nicht?«
Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus:
»Wir meinen -- es -- anders -- nicht --?«
Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er möge aufhören.
»Laß -- -- laß, Starkblom. Ich will mit dir sterben -- oder leben, wie
du willst. Aber schweig jetzt, ich bitte dich. Ich kann -- nicht mehr.«
Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die Augen. Starkblom trat
ans Fenster und sah starr hinaus. Dann drehte er sich um und schaute
sie lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich wieder ab und
zwang sich, auf die Bäume gegenüber zu blicken und hinauf zu den
Wolken. So verblieb er lange.
Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand über die Stirn, als
wolle sie einen Traum verscheuchen. Dann ballte sie eine Faust und fuhr
energisch mit dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen.
Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. Auf einem kleinen Tischchen
lagen Bücher und Zeitschriften ungeordnet durcheinander. Dicker Staub
lag darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen und Buchstaben
auf die Bände. Dann nahm sie eines der Bücher in die Hand und schaute
nach dem Titel.
»Ah!« sagte sie freudig.
»Was haben Sie Schönes?«
»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche. Ich habe es nie in
die Hand bekommen, aber viel davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.«
»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. Lernen werden Sie nicht
mehr viel von ihm können. Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein
wundersames Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen einiges davon zeigen.«
Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, schlug aufs Gerathewohl
auf und fing an vorzulesen. Nun las er einen Abschnitt nach dem
andern, immer noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne
allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, auch Gleichgiltiges.
Später gingen sie spazieren und setzten sich ins Grüne. Marguérite
erzählte viel von ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit denen
sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen und berichtete ohne
Scheu. Von ihren letzten Lebensjahren schwieg sie indessen.
Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich zurückhaltend,
fast ceremoniell Gute Nacht, und Marguérite begab sich in das
Fremdenzimmer, das seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden
war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus und ließ sich von
der Nachtluft abkühlen, dann legte sie sich ins Bett und kreuzte die
Hände unter dem Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken
wollte. Den ganzen Tag über war es ihr immer von Zeit zu Zeit so
gewesen, sie müsse an etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen,
und jetzt wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit war,
zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, und sie schlief ein.
Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett und brütete vor sich
hin. Sollte er vergnügt sein und ausgelassen wie ein tolles Kind
oder sollten sich ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe
herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er hatte die Kniee in die
Höhe gezogen und stützte seinen Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf.
Er blickte starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten Lippen.
Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein Schicksal erfüllte sich,
das war die natürlichste Geschichte von der Welt. Und dann auf einmal
hielt es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen die starre
Wand seines Mundes und er platzte laut heraus und lachte hell auf und
schlug mit der flachen Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich
lachte er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch dabei, und
weil er das herausfühlte, mußte er nur immer mehr und immer wieder
lachen und losplatzen. So ein Narr! So ein Narr!
Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich ins Bett und
löschte das Licht. Er warf sich ein paar Mal hin und her, dann schloß
er die Augen fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen,
verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. Er kicherte wieder
ein wenig. Dann öffnete er die Augen weit und sah lange zur Decke
empor. Und als ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper
auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit vernehmlicher
Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! -- Gute Nacht, liebe Marguérite!«
Dann legte er sich wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen
ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in wirrer Reihenfolge
ab, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen. So verbrachte er
den größten Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe und
ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die dunstige Nebelhülle, in der er
sonst sich so wohlig geborgen und so gut und tief geschlafen hatte,
mit eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem Kopfe bei allen
fürchterlichen und thörichten Träumen, die rastlos hin- und hergingen,
und die Augen waren so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es
war ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte, er hatte gar
keinen Grund zum schlafen. Erst spät am Morgen duselte er ein wenig ein.
Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig und idyllisch neben
einander hin. Sie lasen, plauderten, gingen spazieren und lagen im
Grünen. Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten an das
andre nicht mehr denken. Marguérite war es eingefallen, was sie nicht
vergessen dürfe, aber sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon
finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich gehen lassen.
Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. Er konnte
nicht mehr zurück. Er konnte sich nicht mehr halten. Es war über ihn
gekommen. Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur hinein -- Wer
weiß? -- Ja, wer weiß!
Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, um zu schlafen, legte
Starkblom seine zitternde Hand auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten.
Und mit verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen bemühte er
sich in ruhigem Ton zu sagen:
»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen: warum nicht?«