Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst sterben? Jetzt?«

Da schrie er laut auf und brüllte:

»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?! Wer denkt ans Sterben?

Leben will ich! Dich! Dich!«

Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte ab. Dann fügte er

ruhiger, fast feierlich hinzu:

»Marguérite, ich bin der Mann!«

Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn ernst und schmerzlich

an und sprach:

»Ich bin das Weib -- ja!«

Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend und dann senkte sie

den Kopf und blickte nicht mehr auf.

Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete schwer und blickte

bohrend in die Luft. Er trat zurück und blickte an ihr hinauf. Dann

packte er sie plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich. Sie

ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er zitternd:

»Ich danke dir. Komm!«

Als Starkblom besänftigt und wohlig neben Marguérite lag und ihren

wundervollen Leib umfangen hielt, da schwand rasch die Scham und der

Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und wenn auch sein

Körper matt und unbewegt dalag, die bleierne Mattigkeit seiner Seele

wollte sich von ihm lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit

hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde in das ruhige

süßes Behagen ausströmende Auge Marguérites zu blicken und ruhig und

ohne Aufregung lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften. Und

immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib zu der wundervollen

stillen Frau, die ihm manchmal sanft über das Haar strich und ihm den

Schweiß von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal zusammen

während der langen schönen Nacht, aber nur kurze hingeworfene Laute,

die im Dunkel verwehten, wie wenn den Vögeln nachts ein goldener Traum

lind über das Gefieder streichelt und sie befangen weiche Töne den

surrenden Lüften vermählen und dann wieder verstummen.

Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern das Dunkel von den

Scheiben zu wischen, senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die

beiden und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich empor und blickte verwirrt

umher. Dann fiel ihm alles ein, er fühlte und sah seine schlafende

Gefährtin neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich wieder

auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht mehr schlafen, er war

vollständig frisch und munter. Er betrachtete Marguérite, deren breite,

volle Brust sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren rosig

überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange, er konnte sich nicht

satt sehen. Dann wäre er gerne wieder müde gewesen, er legte seinen

Kopf, so leicht es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber dabei

seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Bald zuckte

es um Marguérites Mund, drückende Träume mochten sie ängstigen, sie

stöhnte leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms Augen. Eine

unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre Züge, beide sprachen kein Wort;

sie blickten sich nur immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguérite

herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund.

»Guten Morgen, mein Lieber«, sagte sie dann frei und heiter.

»Guten Morgen, Marguérite«, antwortete Starkblom fröhlich und dankbar.

Dann, während sie sich beide still neben einander legten, fing er an:

»Das kommt mir jetzt erst. Daran hab’ ich noch gar nicht gedacht.«

»Was denn?«

»Das war der erste Kuß, den du mir gegeben hast.«

»So?« meinte sie errötend. »Ja und?«

»Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht gern, sie sind so

abgescheuert und gemein geworden und waren von Anfang an nicht tief und

innig genug. Aber -- du verstehst mich ja, wie ich es meine ... also

... nun eben --.«

»Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?«

»Ich meine, jetzt hast du mich geküßt, und vorher -- ich meine, liebst

du mich denn, Marguérite?«

Da drückte Marguérite die Hände fest auf die Augen, runzelte ihre Stirn

und nickte langsam und feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine

Kinder thun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen wollen. Dann

lachte sie kurz in sich hinein und flüsterte ihm ins Ohr: »Ja.«

Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest und ließ sie nicht mehr

los. Dabei legte er sich auf den Rücken und träumte in die Höhe. Dann

lächelte er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die Augen

trat.

»Was hast du denn?« fragte Marguérite, die ihn beobachtete.

»Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen«, meinte er, immerzu

lächelnd.

»Was denn, sag’ mir’s doch.«

Er schwieg ein bischen, dann sagte er:

»Mein armes, kleines Lorchen.«

»Deine Frau?« fragte sie leise, und er nickte.

Da schämte sie sich und sie wußte doch nicht warum. Es mußte wohl etwas

Großes sein und ein freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und

voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm hinüber und küßte

ihn auf die Stirn.

Nach einer Weile fragte er:

»Hattest du nie ein Kind, Marguérite?«

»Nein,« sagte sie leise errötend.

Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte, indem er die Hand auf

ihren Kopf legte:

»Du wirst eins bekommen.«

Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie ernsthaft da und nickte

sinnend.

Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch in die Kleider.

Plötzlich lachte Starkblom laut auf.

»Weißt du, wie mir meine letzte Brochüre jetzt vorkommt?«

»Nein, wie?«

»Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern, Wittwer, sucht auf diesem sehr

ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin. Dieselbe muß groß und kräftig

gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten bittet man

einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der Tod! Nicht? War es nicht

so? Und daß ich sie gefunden habe, das ist das allerseltsamste und das

allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguérite? Wie bekamst du denn

in Paris meine Brochüren?«

Marguérite hatte erst lachen müssen, aber jetzt wurde sie ernsthaft und

sogar ein wenig blaß.

»Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das hängt mit etwas zusammen,

mit etwas -- anderm. Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du

mußt warten. Bald -- nicht wahr?«

»Wie du willst, Marguérite. Ich habe dich, wir haben uns. Das ist eins

und alles. Das andere ist gleichgiltig.«

In so seliger alles vergessender Stimmung verbrachten sie diesen Tag

und auch die folgenden. Was hätte ihr Glück stören können? Manchmal

freilich überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte ihn wieder

packen mit ihren mörderischen Tatzen, und dann sagte er wohl:

»Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald sterben.«

Aber Marguérite und er selbst brauchten sich nicht allzusehr

anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu verscheuchen.

Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon und plauderten und sahen

ins grüne Thal hinab. Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen

Brauen und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und überreichte

es zweifelnd Starkblom.

Der nahm es rasch und las die Adresse und auch er machte ein sehr

verwundertes, fragendes Gesicht. Doch winkte er der Frau, sie solle

gehn.

»Ist das für dich, Marguérite?« fragte er dann und reichte ihr die

Depesche hinüber.

Sie las die Adresse und errötete über und über. Da stand: »Frau

Marguérite Starkblom. Villa Weißes Haus.«

»Ja«, flüsterte sie dann und ließ das Papier unentschlossen in ihrem

Schooß liegen.

»Das ist seltsam«, meinte Starkblom, sie starr ansehend. »Verstehst du

es? Kannst du mich nicht aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann

sich unterstehen --?«

»Es ist anders, lieber Karl. Hab nur Geduld. Laß mich erst lesen. Dann

vielleicht --.«

Sie erbrach den Verschluß und las die wenigen Worte.

»Warum höre ich nichts von dir? Bin aus Frankreich ausgewiesen und

schon auf der Reise zu Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht

alles gut. Jean.«

Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber, und er las und blickte

sie dann fragend und traurig an.

»Marguérite, was heißt das? Wer ist der Mann? Woher weiß er --?

Schriebst du ihm von hier aus?«

»Nein.«

»Aber woher weiß er denn dann? Was ist das? Marguérite!«

Und sie flüsterte:

»Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit seinem Einverständnis, daß

ich hierher kam. Er ist --«

Sie verstummte.

»Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht. Marguérite! Was ist das?

Wie kann er dich Starkblom nennen?«

»Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich nach ihm. Ach, es ist ja

so gleichgiltig.«

»Gleichgiltig? Und er heißt Starkblom? Und das wäre nur ein unerhörter

Zufall? Ist das ein Traum?«

»Kein Zufall -- oder -- wie du’s nimmst. Er heißt Johannes Starkblom.

Er hält sich für deinen Bruder.«

Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf.

»Was? Johannes? Der lebt? Und, -- und -- du -- mit ihm ... ach

Marguérite, was ist das für eine Geschichte!«

Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf den Stuhl. Die Sache

griff ihn an.

»Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz gleichgiltig. Ich kümmere

mich gar nicht um sie. Aber der -- das ist etwas andres. Und du --!«

Marguérite schmiegte sich eng an ihn und legte den Arm um seinen Hals.

»Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz? Sieh, dafür kann ich ja

nichts. Und er auch nicht. -- Er hat es aber vorausgesagt.«

»Was hat er gesagt?«

»Daß -- nun wie es gekommen ist. Daß wir nicht mehr von einander

können. Zwar nein, so wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein

so guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern.«

»So, Marguérite? Und ich?«

»Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz etwas -- aber das läßt

sich ja gar nicht -- weißt du -- nein -- dich _liebe_ ich! Karl!

Verstehst du?«

»Meine liebe Marguérite, ich glaube dir ja. Ich bin ja kein Philister!

Nur daß es mein Bruder --!«

»Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie zu dir gekommen. Nicht?

Willst du nun hören?«

»Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun schon ruhiger. Das ist ein

Mensch! Der Johannes! Lebt sich der Mensch noch!«

»Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris. Vor zwei Jahren

lernte ich ihn kennen und seit einem ungefähr leben wir zusammen. Er

hat fürchterlich viel mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich

wie du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen, überall. Und

geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch ist er eben ganz und gar frei

geworden. Mehr als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie hat er

sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit, was die Nerven aufregt,

was neu ist, was ihn amusiert. Und dabei ist er ein so herzensguter

Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er möchte es nicht sein.«

»Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts! Ich hätte nicht

gedacht, daß das aus ihm wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem,

was ich; und jetzt stehn wir fast auf demselben Fleck. Ja, ja, die Welt

ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen? Warum?«

»Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten. Wir haben da

ein wenig teilgenommen.«

Starkblom stand auf und ging erregt hin und her. Dann fing er an:

»O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe ich gebraucht, um dahin

zu kommen, wo ich jetzt stehe! Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß

mich schier! Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum

wahnsinnig werden. Und ihr -- und er! Er handelt, er nimmt teil! Er ist

unbekümmert!«

»Und doch nicht epileptisch«, sagte Marguérite lächelnd.

»Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich bin so schwerfällig, ich

habe so viel altes, ich brauche so unsägliche Mühe, um es los zu

werden! Und jetzt, jetzt -- jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich nicht

hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt, wird er dich mir nicht

entreißen? Marguérite! Verlaß mich nicht! Ich ... du ... ich brauche

dich ... über alles ... mein Einziges!«

Marguérite drückte ihn fester an sich.

»Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen. Er wird es auch nicht

wollen. Wir bleiben immer beisammen, immer. Und schließlich --«

Sie stockte. Dann setzte sie hinzu:

»Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten, bis er kommt. Freust du

dich nicht ein wenig?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht -- Mir ist bange. -- Wie kam er denn zu

meinen Schriften?«

»O er liest viele deutsche Sachen, und neues Modernes aus aller Herren

Länder verschafft er sich immer. Er hat da einen kleinen deutschen

Buchhändler aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der auf Kuriositäten

aus ist und besonders die Brochürenlitteratur pflegt. Der sagte ihm

nun einmal, als er bei ihm herumkramte: »Von Ihnen hab’ ich auch etwas

bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur von Ihnen sein. Es ist zu toll.«

Nun, das war deine »Vision«. Nachdem ließen wir uns natürlich das erste

Sendschreiben auch kommen und durch den Verleger erfuhren wir die

Adresse und bekamen damit auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es

ist eigentlich sehr einfach und doch ist’s wieder wunderbar.«

Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem Hin und Her und

gleichgiltigen Gesprächen. Starkblom war ziemlich aufgeregt.

Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht hingeworfenen Schlägen

an die Thür und Hans trat ein. Marguérite trat ihm rasch errötend

entgegen und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann blinzelte ein

wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte er sich damit ihre Hände

zu schütteln und dann an die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im

Flüsterton etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit dem

Kopf Starkblom zu.

Der trat nun näher.

»Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam Starkbloms, des

Schuhmachers?«

»Ich kann’s nicht leugnen.«

»Dann sind wir Brüder.«

»Ja, das sind wir ganz sicher.«

Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere:

»Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir kennen uns nicht mehr.«

»Ja nun also,« fiel Hans lebhaft ein, »lassen wir den ganzen

lächerlichen Bruderschwindel zu Hause. Die Sache wird sonst furchtbar

ungemütlich. Sie wissen -- Marguérite hat Ihnen jedenfalls gesagt, wie

sehr Sie uns sympatisch sind -- und -- nun einfach -- wir machten das

Experiment, Sie vom Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken,

weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar liebe! Und

nun -- wie steht die Sache? -- Ich setze mich.«

Als Starkblom schwieg, sagte Marguérite leise zu Hans:

»Du hattest Recht.«

Da rief er vergnügt:

»Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet! Lebensfreudig! Von

unsrer Art? Nun dann -- Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!«

Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber verlegen lächelnd:

»Ich glaube, Marguérite meinte es ein wenig anders mit dem Recht haben,

und vielleicht hat dann auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn.

Sie -- du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben -- nun, es traf ein,

vollständig, nach jeder Richtung.« Er stand auf. »Und da ist nichts zu

ändern. Nicht wahr, Marguérite? Wir zwei haben uns gefunden in freier

Liebe, und nichts kann uns trennen -- nichts!«

Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete er:

»Also doch! Nun -- darauf war ich gefaßt, und während der Reise ist

mir’s schon zur Gewißheit geworden. -- Marguérite! es wäre mir sehr

unbequem, ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt, kurz --

hol’s der Teufel, ich hab’ dich wahnsinnig lieb! Und du -- Marguérite?

Alles aus? Weggeblasen? Na -- wenn schon -- denn schon!«

»Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so lieb wie je, ganz und

gar. Nur das -- diese Liebe, das ist neu. Karl und ich -- nun eben --

du hast es immer leugnen wollen, aber es giebt doch etwas wie eine Ehe.«

Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig zu. Er wußte, sein

Glück war gesichert, und nun nahm er Interesse an dem Geschick des

armen Hans -- so nannte er ihn in Gedanken.

»Eine Ehe soll’s geben?« erwiderte Hans in ruhigem Ton. »Ja, es kommt

darauf an, wie du das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst du

nicht Ehe?«

»Nun, es kommt ja auf’s Wort nicht an. Daß das viel besser und schöner

war, als was man sonst gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz

selbstverständlich. Aber, siehst du, es mag seltsam klingen, aber es

ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige Gemeinschaft.«

»Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung, Marguérite. Das

dürfen Sie beileibe nicht glauben, Herr Bruder im Geist, na, Sie

wissen ja, was für ein Geist.«

»Jean, du wirst gereizt, ich hör’s am Ton, und das ist nichts für

dich. Ich bleibe ganz und gar bei dem, was ich sagte. Es giebt

Menschenpaare, die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich Karl

kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft, ich möchte

sagen, organisch zusammenhängen. Gewöhnlich ist’s bloßes zufälliges

Zusammentreffen. Angenommen, und so war’s bei dir und mir: Ihre Seelen

stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen die Körper die Sache so

mit. Aber das ist nicht unbedingte Notwendigkeit. Daß wir, gerade wir

beide, zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und gar, und uns

gar nichts anderes denken konnten, so war es nicht, nein, so war es

nie!«

»Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber das ist eine ganz

überspannte Geschichte. So was giebt’s gar nicht. -- Der langen Rede

kurzer Sinn aber ist wohl der: Für mich giebt’s keinen Platz! Da sind

nur zwei Stühle und die sind besetzt. Nicht?«

Die beiden schwiegen.

»Ich muß jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor euch stehen« fing Hans

wieder an. »Der ganze Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Brochüre

gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, daß Sie mein Bruder sind,

ich dachte es mir zwar gleich, da fuhr es mir durch den Kopf: Den rette

ich durch Marguérite! Es giebt nur _eine_ Marguérite, dachte ich, die

kann’s, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat mir die Geschichte gemacht;

und daß Sie sich in sie verlieben, habe ich sofort in die Berechnung

gezogen, ich dachte schon, eine kleine Tragödie giebt’s, es wird ihm

ein bischen zusetzen, aber am Leben bleibt er, dann erst recht. So

ungefähr. Und nun? Herrgott, Marguérite, wie kann’s nur sein, daß du

mich nicht mehr liebst, und ich hab’ dich lieber als je! Wie habe ich

mich nach dir gesehnt die letzten Tage! Ist gar nichts zu machen?

Entschließt du dich nicht anders, nun ich da bin?«

»Nein Hans,« sagte sie, »ich habe dich recht gern, ich denke gern an

alles zurück, und ich verdanke dir ja so vieles --«

»Nichts verdankst du mir, nichts. O du! Du!«

»Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen, Karl und ich, und

mußten uns finden. Es ist schade, daß ich nicht an die Vorsehung

glaube.«

»Hm,« machte er und lächelte trotz seiner Erregung. »Na, Herr Bruder,

man ist natürlich der Dritte, der jubelt? Das Wort paßt nicht ganz,

thut aber nichts. Na wie wär’s? Wollen wir jetzt mit einander ein wenig

sterben spielen? Wenn Sie alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit

anwenden, bringen Sie mich vielleicht so weit.«

»Nein, Hans,« erwiderte Karl Starkblom, »ich denke vorerst nicht mehr

an den Tod. Und ich hoffe, Sie werden den Schmerz auch überwinden --«

»Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist anders. Schmerz --

Schmerz -- das wäre also Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht

so übel -- Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand. Furcht vor

Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt muß man wieder suchen; ich weiß

nicht einmal, wo wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine

Zeitlang beisammen bleiben --?«

Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie schwiegen.

»Also nicht? Egoisten!«

»Ach Marguérite!« schrie er plötzlich, und die Leidenschaft überwand

seine künstliche Haltung. Das kleine Männchen zitterte am ganzen Leib.

»Marguérite, du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht,

wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig ertragen, und warst so

sanftmütig und so innig und so verständnisvoll -- -- o pfui, wie ist

mir’s jetzt so öde! Äh!«

Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte mit der andern Hand im

Barte.

Da sah er plötzlich auf.

»Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr so recht,« hub er

an. »Wer von euren Spießbürgern, ich meine die Professorenseelen und

Staatsmänner und so weiter, wer ist denn da besonders populär wegen

seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung, kurz ein recht braver guter

Ehrengreis?«

»Ich wüßte im Moment nicht -- warum fragst du?«

»Den müßte man umbringen,« sagte er lächelnd.

Sie sahen ihn erstaunt an.

»Nu ja -- das hätte doch einen ganz eigenen Reiz. Nicht? Die Welt denkt

an dies und das, aber auf so was ist kein Mensch gefaßt. Das bringt

Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der Thäter ruhig zusehen könnte

-- es müßte ein kurioses Vergnügen sein.«

»Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?«

»Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich in der Kultur

zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen Brochüren sind Sie ja

zurückgeblieben? Oder ich habe sie nicht recht verstanden. Ich meine,

die Hauptsache ist, daß man gar nicht nach Zwecken fragt, sondern

blos nach sich selber? Ich habe nun einmal so einen Geist, dem so was

Vergnügen macht. Warum sollt’ ich’s nicht thun? Vielleicht thue ich’s

auch nicht, vielleicht werde ich hundert Jahre alt und habe das nicht

gethan, was mir am meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär’s

dann. Jedenfalls!«

»Das alles liegt mir sehr nahe,« sagte Starkblom düster. »Einen Moment

war ich vielleicht auch da, aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und

jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr blos verneinen. Ich

muß etwas haben, wofür ich mich erwärme. -- Ist das die Stimmung der

Anarchisten? Denken Sie eben so?«

»O nein,« fiel Marguérite rasch ein. »Durchaus nicht. Sie wollen

etwas. Ihr Treiben hat einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme.

Durchaus nicht ohne Natur.«

»Also immer noch?« fragte Hans bitter. »Deine alte Liebe? Nun, sie sind

nicht ganz ohne, und so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und

unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede des einen bei mir, den

sie jetzt »hingerichtet« haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht.

Ich muß sagen -- nun eben, ein Fisch bin ich auch nicht, und die Worte

des Mannes haben mich ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch

vorlesen?«

»Ich bitte darum,« rief Karl lebhaft und gleichzeitig rief Marguérite:

»Ja, ja! Ich kenne den Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein

Mensch!«

»Ja, das war er,« sprach Hans feierlicher, als er selbst es an sich

gewohnt war. Dann suchte er in seiner Brusttasche unter allerlei

Papieren, bis er ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes

Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er.

»Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies nicht, um mich zu

verteidigen gegen die Thaten, welcher man mich beschuldigt; denn nur

die Gesellschaft allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation

die Menschen zum fortwährenden Kampfe des Einen gegen den Anderen

zwingt, ist verantwortlich dafür. Sieht man heute nicht in allen

Klassen Menschen, welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das

klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn solches ihnen einen

persönlichen Vorteil bringen kann? Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann

nicht den Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden?

Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten, nicht, daß der

beschäftigte Arbeiter aus irgend einem Grunde entlassen wird? Nun gut;

in einer Gesellschaft, wo solche Dinge vorkommen, hat man sich nicht zu

verwundern über Thaten wie die, deren man mich beschuldigt.

Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der Hunger an mich

herantritt, nicht zu zögern, diejenigen Mittel anzuwenden, welche

zu meiner Verfügung stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu

hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber darum, wenn sie

Arbeiter entlassen, ob dieselben vor Hunger sterben? Alle Diejenigen,

welche im Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die Menschen,

welchen die notwendigsten Nahrungsmittel fehlen?

Es giebt ja einige Leute, welche Unterstützungen verabfolgen, aber sie

sind ohnmächtig, um den Millionen, die im bittersten Elend leben und

nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, zu helfen.

Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos. So hat die Familie

Hayem und die Frau Sonheim gehandelt, welche ihre Kinder ermordete,

da sie es nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger litten

und so handeln _alle_ Frauen, welche, in der Furcht, daß sie ihr Kind

nicht ernähren könnten, lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr

bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig töten.

Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses! In Frankreich,

wo alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden

mit Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind, wo die

Kleidungsstücke, Schuhe u.s.w. in unendlichen Massen in den Magazinen

aufgethürmt liegen!

Aber da kommen wieder Andere und sagen: »Das Alles ist wahr, aber

unabänderlich. Sehe Jeder, wie er durchkomme.«

_Das habe ich gethan._ Ich wollte nicht Hungers sterben und wollte mich

nicht mit dem Gedanken beruhigen, daß man mir nach meinem Tode ein

paar mitleidsvolle Worte auf’s Grab wirft. Ich überließ das Anderen.

Ich habe es vorgezogen, Schmuggler zu werden, dann Falschmünzer, Dieb,

Mörder. Ich hätte betteln können; das ist herabwürdigend und feige,

und das Betteln wird ja außerdem von Euren Gesetzen bestraft, welche

aus dem Elend ein Verbrechen machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt

abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und zwar ganz gleich durch

welches Mittel, dann würden die Gesättigten vielleicht viel schneller

verstehen, daß es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen

Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewißheit permanent und

das Leben jeden Moment bedroht ist.

Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, daß die Anarchisten Recht

haben, wenn sie sagen, daß, um die moralische und physische Ruhe zu

erhalten, es notwendig ist, die _Ursachen_ zu zerstören, welche die

Verbrechen und die Verbrecher erziehen.

Deshalb habe ich die Thaten vollbracht, deren man mich beschuldigt,

und die nur die logische Konsequenz des barbarischen Zustandes Eurer

Gesellschaft sind. Man sagt, daß man grausam sein muß, um seinen

Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen, die so reden, sehen nicht, daß

man sich nur dazu versteht, um nicht selbst den Tod zu erleiden.

Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller Wahrscheinlichkeit nach

mich zum Tode verurteilen werden, handeln gerade so wie ich; Sie

verurteilen mich, weil Sie glauben, daß es eine Notwendigkeit ist.

Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord hören; aber Sie zögern keinen

Augenblick, zu morden, wenn Sie bedenken, daß der Mord zu Ihrer

Sicherheit erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der zwischen uns

besteht, ist der, daß Sie ohne persönliche Gefahr morden, während ich

meine Freiheit und mein Leben dabei auf’s Spiel setzte.

Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher verurteilen, als

die Ursachen der Verbrecher vertilgen.

Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen Sie einen, morgen

werden zehn neue geboren. Was ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen,

diesen Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu realisieren! Es

genügt, die Gesellschaft auf einer neuen Basis aufzubauen, wo Alles

Gemeingut ist, und worin Jeder, indem er nach seinen Anlagen und

Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen konsumiert.

Dann würde man weder Leute antreffen, wie der Einsiedler von

»Notre-Dame-de-Grace«, noch solche, welche betteln gehen um eine Münze,

dessen Sklave und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine

Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen und keine Männer mehr

wie Pranzini, Prado, Berland, Anastay und Andere, welche um dieser

Münze willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar, daß die

Ursache aller Verbrechen immer die nämliche ist und daß man wirklich

wahnsinnig sein muß, dieses nicht einzusehen.

Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne Bildung; aber weil ich

das Leben und die Existenz des Elends miterlebt, fühle ich die

Ungerechtigkeit Eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher

Bourgeois.

Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann zu töten oder einzusperren,

welcher, auf die Welt gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in

die Notwendigkeit versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte, um sich zu

ernähren?

Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den Meinigen zum Leben zu

geben, und so lange, wie ich und die Meinigen nicht über das Maß

gelitten haben, bin ich geblieben, was Sie »ehrlich« nennen. Dann ging

die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit kam der Hunger. Da erst hat

sich das Naturgesetz geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche

keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung trieb mich dazu,

etliche von den Verbrechen zu begehen, deren Sie mich anklagen und

deren ich mich schuldig bekenne.

Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen; wenn Sie mich aber

verstanden haben, indem Sie mich verurteilen, richten Sie alle

Unglücklichen, welche das Elend, alliirt mit dem natürlichen Stolze, zu

Verbrechern machte und welche mit einem glücklichen Auskommen ehrliche

Leute geblieben wären! Ich wünsche, daß Sie, die Sie mich zum Tode

verurteilen werden, daß Andenken an diesen Spruch so leicht tragen

möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer der Guillotine legen

werde!«

Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte an seiner Unterlippe, Karl

blickte mit weiten Augen ins Leere. Marguérite weinte, und sie war die

erste, die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte ihm die

Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen Gefühls nur das eine Wort:

»Hans!«

Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich wieder los.

»Na ja. Was hilft mir das?« Er deutete auf Karl. »Da sieh deinen« --

»Hans!«

»Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz brav sein. Sieh nur deinen

Mann! Wohin schaust du denn, Karl?«

»Ich kann nicht anders,« rief Karl Starkblom mit einem Mal laut. »Ich

liebe diese Menschen. Ich komme nicht los davon.«

»Wovon denn?«

»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.«

»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich weiß es wirklich selbst

nicht. Ist auch egal. Wir erleben’s nicht.«

Karl schaute wieder. Marguérite und Hans ließen ihn gewähren und

schwiegen.

»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich. »Papier, Tinte!

Rasch. Ich könnte es vergessen.«

Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite holte das Nötige und Karl

schrieb stehend rasch ein paar Zeilen.

»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann, »ich habe noch etwas

auf dem Herzen. Ich will wieder reden zu den Menschen!«

»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder ein Heft?«

»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, was mir vorschwebt.«

»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?« fragte Hans.

»Gewiß, gewiß.«

Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig Geschriebene.

»_Utopien_, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre,

Utopien zu schreiben. Ausbau von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind.

Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit,

Familie, Natur. Kurz: alles sagen.«

»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das kannst du.«

»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte Hans plötzlich

aufstehend. »Und ich werde mich später vielleicht über euer Glück

freuen, und wenn der Onkel Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf

seinem Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd: »Kinder,

das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch zusammengekuppelt.« Vorerst

sind wir aber noch nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder --

viel Glück -- nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ich kann mir nicht

helfen. Aber gehen muß ich jetzt schleunigst. Wegen des Hotels, es wird

sonst zu spät. Also --«

»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir sehen uns später wieder.

Und wenn du einmal --«

»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«

»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben.«

»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile,

manchmal ein halbes Buch. Wie’s kommt. Nun denn --«

»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise und schickte sich an

sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte

sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht

bebender Stimme:

»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied

nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht.

Ich erinnere mich noch zu gut -- weißt du. Also, na denn, adieu!«

Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm

er seinen Hut und ging rasch zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie

er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing

und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und

Marguérite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an.

Endlich sagte Marguérite leise:

»Hätten wir nicht doch lieber -- Nein, es geht nicht. -- Liebst du die

Einsamkeit?«

»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit starker Stimme aus. »Ich

_hasse_ sie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und

schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker

herumzanken, Korrekturen lesen -- glaubst du wirklich, das sei das

Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing

ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd’ ich

nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein

mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und

ich mitten drin und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und

Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir

hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum. Auch jetzt,

wenn ich schreibe, wo ich reden und singen und jubilieren möchte --

aber auch jetzt -- ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht

sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein,

die mich hören -- aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen.

Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem

Gebahren -- das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du,

ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor

Widerwillen, daß mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ich

_will_ nur -- die Kraft habe ich nicht.«

Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er

ihre Hand faßte.

»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, _was_ du mir bist. Seit ich

lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch

begannst und was wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich

und immer schön und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du,

was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich

leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung

genug für die Einsamkeit. Ich möchte einen Kreis von Menschen um

mich haben -- ach, ich bin ja so bescheiden geworden -- an Millionen

und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht

mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, daß ich hundert finde,

ich kann’s nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir

anstehn, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit

denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller

Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr -- zwanzig

Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel

verzerren müssen -- ist das zu viel verlangt, Marguérite?«

Sie drückte seine Hände stärker.

»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?«

»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich

glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich

immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht.

Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguérite? Fürs erste brauchen

wir ihn wirklich noch nicht.«

Dabei lächelte er.

»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe

gehen?«

»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber öffne vorher die Fenster,

beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht

fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten rauscht und

die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt und der Wald der tausend

Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem

Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die

Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke

dir, Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«

Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich

ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen

in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand

hinaus ins Freie.

❦

Sechster Abschnitt.

=Utopien=

von

Karl Starkblom.

Meiner lieben Frau und dem kommenden Kinde gewidmet.

Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor Zeugen:

Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie ums Leben gebracht.

Und ich werde mich nicht erschießen oder sonst mir den Tod bereiten,

solange ich noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu

genießen.

Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im Sonnenschein. Sie hat

im weiten Kreis den Arm bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt

erschlossen. Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes ums

Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden. Ich liebe das Leben und

ich liebe dich, Marguérite. Und sie wird mir ein Kind gebären und wir

werden beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange nicht sterben.

Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, ihr grasenden

Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das verirrte Schaf, das spät in der

Nacht doch noch den Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem

Meckern zu seiner Krippe springt?

Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober euch anzünden, daß

die Funken sprühen und ein loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt.

Ihr Erbärmlichen, was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, die das

Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer Dahinkriechen, wäre das der

vielberufene aufrechte Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der

Jubelbraus des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen (denn das sind

doch die heftigsten eurer Kümmernisse), die machten euch das Leben

verständlich? Ihr saftlosen Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte

der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu schießenden Lebens.

Geht mir weg! Geht weit weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts

blicken und heiter jauchzen und lachen.

Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll verzerrten Gesichtes

dies schöne, ja dies schöne Leben lassen. Es würde mich nicht dulden

auf Erden. Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich schier

und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual und Schmach. Ich

würde mich töten, wenn ich meinen Glauben nicht hätte.

Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken bohrend anstieren,

ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, die ihr mit mir geht auf einsamer

Höhe so manchen Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr leben? Wie

ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön zu genießen, nicht längst

von eigener Hand gestorben zu sein? Und ich frage euch, so ungern

und zögernd ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, ihr

_Christen_, wie ertragt ihr es, da zu sein in Freude und Wohlleben? Ihr

einen habt gar keinen Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen

Glauben -- ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet mir und sei

es nur stammelnd: ihr wißt, worauf euer Leben und eure Behaglichkeit

ruht, euch ist bekannt, daß Millionen armselig vegetierender Sklaven

für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein wie ihr da seid

-- wie könnt ihr das Leben ertragen? Ihr Skeptiker, ihr seid keine

Löwen, lüget nicht, ihr seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr

glaubt nicht, daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, daß

das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar ist und ihr schämt euch

nicht, daß ihr lebt? Ihr schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen

Genusses eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu leben? Das frage

ich wieder und immer. Und ihr -- ihr -- nun, sei es denn nochmals

gesagt, ihr _Christen_, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche an

eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht gewaschen, ihr

klimpert in der Tasche mit güldnen Dukaten, ich sage nicht, die ihr

nicht verdient, ich sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und

Elend in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz und Unrat,

durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht Schweiß auf Stirnen, den ihr

nicht schwitzet und ihr nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet

es so zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ und glaubte an

das Himmelreich und glaubte, daß Not und Kummer unabwendbar von Gott

gefügt sei in diesem Jammerthal -- ich wollte mein redlich gewogenes

Teil Not und über und über gehäuften Kummer, ich wollte Sklave sein und

mich abrackern und stöhnen und hungern und wäre ich unter den Ärmsten,

so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab zu den Elendesten und

Jammervollsten. Ihr aber seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten

und Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und andrer Schmutz

frißt sich nicht tief in euer Fleisch? Ihr habt einen Pfennig mehr als

der letzte Knecht und er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr

genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet leicht und tief in eurer

Sommerfrische und andre quält die lungenfressende Sucht in dumpfem

Kellergelaß? Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, Sprache,

das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. Ich ringe und suche --

o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! Ihr -- ihr, ihr Lumpe! Ihr -- ihr

Gesindel!

Und damit speie ich euch weit von mir, ihr Namenlosen; seit urlanger

Zeit zum ersten Mal habe ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber

seid ihr mir wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell wieder

in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch verdauen zu können. Das

Auge sieht euch nicht und kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge

und Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid ihr und nicht

zu begreifen; aber ein Gestank herrscht überall; nicht auf der Erde,

nicht im Wasser noch in der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer

in euch. Ein namenloser, wesenloser Gestank -- das seid ihr mir.

In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, meine geliebten

Skeptiker und Unmoralischen. Aber solltet ihr es nicht etwas um sie

verdienen? Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn ihr lebet

und thätet besser zu sterben. Und das sage ich euch in Liebe und

aus Erbarmen. Nervöse Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure

Schultern laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit und wilder

Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr seid nicht blind, aber ihr könnt

es nicht sehen. Ihr seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören.

Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie ewig und unabweisbar

-- aber man soll euch in Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht

an eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn die untere Welt,

wie ihr sagt, nicht gehoben werden könnte, dann würde doch die obere

zerstört werden müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne,

nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen, bis ihr doch endlich euch

zum Sterben entschlösset, verrückt machen würde euch das ewige immer

verstärkte Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. Meint ihr, das

könnte je wieder enden? Der Glaube wäre kindisch. Wer nicht mehr an

den Vater im Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung

glaubt _und doch elend ist wie er nicht sein möchte_, der hört nicht

auf mehr zu rebellieren und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren.

Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette sitzt -- und die

werden bald alle nicht mehr daran glauben -- der glaubt an die Erde und

an die lebendige Freude und an die werdende Schönheit. Das bleibt und

kommt immer wieder und klopft und zertrümmert -- bis die Stätte zurecht

gehauen ist, wo alle im Geiste zu leben vermögen -- weil nämlich der

Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich geworden ist.

Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich euch, wo ich euch

wollte. Schon lange sehe ich auf euren Lippen das sichere Lächeln eines

trefflichen Einwandes. Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt ihr mir

entgegenschleudern?

Aha -- allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. Ihr sagt mir, ich

sei wieder zurückgegangen, ein roter Krebs sei ich wieder geworden und

die _Utopie_, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher schon in

prächtigen Farben gemalt und doch wieder weggewischt mit dem Schwamm

des Todes. Dies Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der

Bewegung, dies Reich der Schönheit und des trunkenen Fluges -- das

sei das Reich der Philosophie; in jener Welt, die freilich möglich

sei, müsse die grinsende Frage herrschen: _wozu das Ganze und nochmals

wozu?_ und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und der Massentod der

Menschheit sei es, der nun kommen müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit.

Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut behalten. Und nun,

da ihr da seid, wo ich euch wollte, nochmals frage ich euch: warum

lebet ihr? warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der

Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins

mit dem Streben der Knechte diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu

leben? Was? Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren Genuß?

Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch auspeitschen, die auch genießen

möchten und es nicht können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven

auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu prügeln?

Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt, so zu euch zu reden und

so von der Höhe auf euch herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle

im Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; ihr aber seid nur

ein unwillig mitgerissenes Stück faulenden Holzes, das sich nach dem

sandigen Ufer sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren.

Ich liebe nicht nur mich selbst und mein Spielzeug -- »Weib« heißt die

glänzendste eurer Vergnügungen -- ich rausche mit im grünenden Wald,

und meine Genossin ist kein zart mich umrankender Epheu, der langsam

aber sicher mit seiner Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein

verdirbt, ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in die Höhe

und unsere Wipfel neigen sich bald zart, bald feierlich zu einander

und flüstern und küssen und reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch

zu sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe mitten drin und

mache mit -- vorwärts geht es und immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel,

ich glaube an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich eins mit

den Knechten und fühle mich eins mit dem All! Ich lebe! Ich habe das

Recht zu leben.

Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu mit widerlicher

Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. Mir gehe es wie jenen

Namenlosen, die auch den Armen an Leib und Geist das Himmelreich

versprächen und selber mit dem Diesseits und dem irdischen Genuß sich

vergnügten. Himmelreich oder Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch

das habe ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. Dem

Genuß und der Freude entsagen gleich dem Elendesten müsse ich, wenn ich

ehrlich sei, alles der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles

oder nichts -- so heiße es hier.

Jawohl -- viel _Wahrheit_ steckt in eurem Hohne. Das ist es auch und

das allein, was unser Lächeln verbittert und uns einhüllt in das graue

beklemmende Gewand der Melancholie. Unser Leben _ist_ widerspruchsvoll,

jawohl, ein untrennbares Gemisch aus Festklammern an süßer Gegenwart

und Hinaussehnen nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts anderes

mehr ist als Erdenwandel und Welt der Sinne, giebt es keine ruhige

Konsequenz mehr in unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und

das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe und will mein

Glück! Hineingeflochten in das wirre Gewebe und Gestrebe unruhiger,

qualvoller, drängender, stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern

Platz zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! Jetzt lebe ich

und niemals in Ewigkeit wieder. Ich habe meine Stätte und ich will sie

behalten.

Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich leidenschaftlich schäme, daß

ich so leben muß. Ich stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig

rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. Ich kann nur

genießen, indem ich glaube, daß die Traube bald allen winkt. Ich kann

nur andre für mich arbeiten lassen, indem ich mitarbeite aus all meiner

Kraft für die kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte mehr giebt.

O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht,

dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und weg aus diesem

Leben. Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der

Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine Formel zu pressen.

Leicht ist es, die Welt, wie sie heute ist, für ewig auszuschreien.

Und leicht war es, ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung

preiszugeben und den Tod zu predigen allem was lebt. Jetzt aber predige

ich Leben, Leben für heut und alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle

ich mich eins mit allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke

ich als Mensch für die Menschen.

Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber ich ahne vieles und ich

sehe Ahnende sich um mich versammeln und mit mir ziehen auf meinem

Wege. Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen und werde es

nie. Vieles hasse ich und verneine ich mit euch wie früher und immer;

eingeschworen bin ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch

bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will ich in Raum

und Zeit für das Wachsen der Menschen und das Blühen der Erde; vieles

verneine ich, aber ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn

abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem Tod; ich träume und

tummle mich, ich genieße meinen Leib und meine Seele, ich genieße meine

Nächsten und genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle meine

Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern meiner Triebe

und all meines Innern.

Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit zu versinken: die

Natur und das Treiben der Menschen, die Technik und die Produktion der

Bedürfnisse, die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt ist mir alles

wieder interessant. Meine Augen sind nicht mehr beschattet von dumpfer

Betrübnis, ich öffne sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt.

Mein Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume hinein in

unmeßbare und unaussprechliche Fernen, alles will ich wieder bewältigen

und alles mit meiner Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme

ich Stellung zu allem, was sich mir naht und ich lege mein Bekenntnis

ab über alles, was mir bekannt wird.

Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr Führer der Völker: _Ihr

sollt bekennen!_

Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange, und seltsam nimmt

sie sich vielleicht aus in _meinem_ Munde, diese Forderung: _Ihr sollt

nüchtern sein!_

Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer und Dichter und Künstler

und ihr Männer der Wissenschaften.

Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das Panorama der Kultur,

das sich eröffnet mit den Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron,

Schopenhauer.

Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen, Dampfschiffe

und Eisenbahnen, Elektrizität und rationelle Landwirtschaft.

Welcher Umschwung in der _geistigen Kultur_ entspricht dieser

riesenhaften Veränderung im Verkehr und in der Herstellung der

Bedürfnisse des Lebens und des Genusses? Und welcher sollte ihr

entsprechen? Und welcher wird ihr entsprechen?

Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male:

Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums, geistlose, ekelhafte

Genußsucht, barbarische Kampfbereitschaft der Völker gegen einander,

ungeheure neue Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste

vernachlässigter moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung der Feigheit

und Heuchelei und des Aberglaubens, dem Wahnsinn nahe Vereinsamung

fortgeschrittener Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral, des

freien Gedankens, des freien Wortes -- des freien Lebens. Ekelhaftes,

sinnezerstörendes Gesamtbild aus der Vogelperspektive!

Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, die Hand sollt ihr in

die Lüfte recken zum Fluch über dies gemeine Geschlecht, die Geißel

sollt ihr schwingen über die Rücken dieser Böotier!

Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und Denker, nicht fürder auf

romantischem Roß zu blauen Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr

schauen so wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und in ihr

erblicken, was möglich ist und was werden muß.

Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, anspornen sollt

ihr ihn und kühn hineinreiten in das Land der Zukunft. Begraben sei

immerhin der Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn nur

das Dampfroß für euch lebendig wird und der Dampfpflug Europas Boden

schüttert für fruchtbaren Samen. Glück sollt ihr säen für kommende

Menschen, und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich reifende

goldene Saat ist die Freude des Säemanns.

Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich sehe vorerst noch nichts

davon, daß die Menschenvernunft mächtiger ist als die im Zufall

rollenden Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie immer und

morgen wie heute ihren lachenden Gang, ohne nach uns zu fragen, und

winzige Tierchen und Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige

Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit jedem Kinde von

neuem, und über dem Wechsel der Generationen wie dem Lauf der Gestirne

waltet der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über den Haufen

gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, und die unsinnige

Summe vieler kleiner Selbständigkeiten nennt sich Geschichte. Noch

unendliche Zeit wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der

Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch möchten wir

vernünftig sein und können es nicht, möchten wir gedankenlos fließen

und müssen bedächtig schreiten.

Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist, die Göttin der

Vernunft, sondern erst beginnt sich zu dehnen und auf sich selbst

zu besinnen? Daß des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder

erwacht und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen zu wandeln?

Daß der Zufall auf allen Gebieten, wo er sich nur betreten läßt, zäh

bekämpft wird auf Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation

der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, die nur von

freien Lebendigen überschritten werden kann? Daß eine Organisation der

Geselligkeit auf eisernen Schienen uns näher und näher gleitet, die

gewaltige Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß Wissenschaft

und Kunst mit einer Erziehung schwanger gehn, die Untergang schwemmt

über jahrtausendalten Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu

machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, daß die nahende

Revolution eine gründliche sein kann, daß ihr Strom jahrtausendalten

Unrat mit sich fortspült? O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung

glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange langsam angebahnt,

und die Stufen, die ihr wähnt, erst noch betreten zu müssen, sind

längst schon hinter uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß ihr

dann auf einmal in der Versenkung verschwunden seid; wenn wir nur oben

stehn!

Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Das Wort,

das ich einst gesprochen, ich wiederhole es heute. Den Sozialismus

aber habe ich immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für

selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, weil mir

das Leben ein Greuel war und weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das

Innerste des Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe auch

jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu Zeiten naht mir die

Stimmung, wo meine Seele helle Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis.

Tröstlich und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß ich frei

sterben kann, wann immer es mir so gefällt. Verdorren möge mir Hirn und

Zunge, wenn den Tod ich jemals verläumde!

Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; unsre lächelnden

Augen verraten es ja doch: wir haben _alle_ das Leben unsagbar gern!

Und wir machen uns _alle_ ein Bild von der Welt nach unserm Willen,

und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten nach unserm

Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche Geliebte haben, laßt uns

doch kämpfen, um sie zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken

in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch fallen, die

kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger Rücksichten und unsterblichen

Philistertums. Das Wort ist so alt und will doch immer wieder

gesprochen sein: Da wir doch alle nur _einmal_ leben und nach unserm

Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist nicht mehr vorhanden

sind, sei doch ein jeder unter uns so groß und so frei, so wohlgemut

und so leichtsinnig, so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele

zuinnerst beschieden ist!

Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten des Jünglings?

Er war zaghaft und wagte nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange

Jahre Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das aber war

ihm nicht beschieden, und im stillen war seine Sehnsucht übermächtig

gewachsen und mit eins erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht

mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es laut aufschrie. Da

kehrte er zurück nach seiner Heimat. Wie er sie aber wieder vor sich

sah in ihrer leuchtenden Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt

und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in ihrer farbigen

Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung gezeichnet hatte, da preßte

er voll scheuer Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen und

machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht seines Blutes nicht mehr

zu bezwingen war, da schlich er sich in einer mondlosen dunkelblauen

Nacht in ihr Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge

der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das wogende Schwellen

der Brüste. Da konnte der keusche Jüngling sich nicht mehr bezwingen,

und leise, leise, ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und

sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende Mädchen und

er preßte die gekreuzten Hände wider seine Brust und das Blut schlug

ihm donnernd an seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. Und

sein Atem ward immer kürzer und stoßender, und seine Haut brannte wie

Feuer und wollte es nicht leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem

kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er nicht mehr, er preßte

seine Lippen fest zusammen und hielt seinen Atem an. Und nachdem er

einige Zeit nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen

langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der Brust und sein Blut

hämmerte nicht mehr und sein Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die

heimliche Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, der sie

hätte erringen können, tot und kalt neben ihr auf ihrem Lager.

Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, was man euch in fremden

Ländern versichert hat, die Freiheit sei tot und sei nur noch ein

verblichenes Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und

verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. Laßt uns denn

endlich heimkehren in ihre Lande und um sie werben und todesmutig, daß

heißt lebensfreudig für sie kämpfen!

Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male!

Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige Produktionscentrale mit

ihren ungeheuren Anlagen, in der die Knaben und Mädchen, die Männer

und Frauen der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. Früh

morgens schon verließen die Menschen heute ihre Villenkolonieen, um

in kleinen Gruppen auf ihren Dampfwagen und elektrischen Kutschen

unter Gesang und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu fahren.

Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern und Wissenschaftshallen,

den Spiel- und Tanzplätzen und wieder andere erquicken sich an

Wein und Speisen. Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große

Versammlungsplatz, und hier werden öffentliche Dinge besprochen und

erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche Aufstellungen werden

mitgeteilt und oft bekämpfen sich die Vertreter gegensätzlicher

Meinungen scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben und

Mädchen sich bei den Spielen getummelt und herüber hinüber in keckem

Rufen und Haschen neue Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man

sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man fährt und geht und

schaut spazieren, man rudert auf dem Flusse oder man fliegt im Ballon

oder sonstwie in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich zum

Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare längst gefunden

und hie und da in Korn und Hecken liegen sie wohl in traulichem

Gespräch oder in heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken

die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den Tüchern. Die Dunkelheit

führt sie wieder enger zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und

da manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im übrigen denkt man

heute und meistens nicht daran, den Tag künstlich zu verlängern, man

ist froh, daß das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt.

Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche und die Gesänge, und

nun erheben sich auch nicht mehr gesehen die Dichter in der Menge und

tragen ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, zum

ersten Mal vor und alte vielbegehrte wiederholen sie manchmal mit neuen

reizvollen Wendungen geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man so

beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, einschläft so wie man da

ist, oder auch aufbricht, um die Behausungen zu erreichen.

So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst hätte es keinen Sinn

danach zu streben!

Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch die Gedanken, die mir

innen in meinem Kopfe wohnen und wachsen, ganz andere als die sich mir

hier im freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß ich noch die

Kraft habe, manchmal unglücklich zu sein? Weh mir, wenn ich das nicht

mehr könnte!

Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, meine Freunde,

und als ich ihn deutlich besah, war es ein Teil meiner Selbst, das

sich da vor mir aufgepflanzt hatte. Nur ein Stück eines Menschen war

er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der moralische Sinn in ihm

sei längst und völlig erstorben, er habe nur noch ein Prinzip: wenn er

von einer menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, bemühe

er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos, nur aus Prinzip, zu

seiner seltsamen Freude. Er wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen

und töten solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott sei

ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und töten. Wenn man das

Wort überhaupt anwenden wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste

Konsequenz seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich schwer, vielleicht

vollbringe er es auch nicht, aber dann wandelte ihn eine Art Scham an,

obwohl auch das altmodisch sei.

Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch

eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts

und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem Denken, der muß

sich hier entscheiden: will er ein Kalter sein oder ein Warmer? Da ist

das Land der eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung giebt

es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der muß in den Spuren dieses

Mannes wandeln, kein Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in

diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende seinem Denken den

Rücken, solange es Zeit ist.

Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: Seid nicht boshaft!

Ihr seid auf einem falschen Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den

rechten Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück. Ihr seid

zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. Es ist noch nicht Zeit,

die Seele erfrieren zu lassen. Thut nichts, dessen Ende ihr nicht

wenigstens ahnen könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid

lieber manchmal noch ein Tier!

Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer und Denker: _ihr

sollt warm sein_!

Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt

euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod dem Tod überlassen.

Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn ich halte es nicht

länger aus. Das Kichern und Lachen und Murren rauscht mir schon lange

in den Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, und die lachen

mich aus. Und eben sagte der eine zum andern:

»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für verdrehtes Zeug? Das eine

wissen wir längst, beinahe schon vor unserer Geburt, und das andere

ist uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es uns tausend Mal

vorkaut. Wir haben keinen Magen für so gewürzte Speisen.«

Der Mann hat Recht, ganz und gar. Aber, ihr Arbeiter unter meinen

Genossen, zu euch rede ich heute nicht. Freilich setze ich auf euch vor

allen andern meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein Übergang

möglich zu dem was wir wollen. Aber davon spreche ich heute nicht, ich

habe noch viel auf dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu

können. Und »Übergang«, so mag die nächste Schrift heißen, die ich euch

sende, und darin rede ich dann von euch, vom Proletariat!

Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; heute rede ich zu

der zweifelhaftesten und bedenklichsten Menschensorte, zu den Träumern

und Denkern aus der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des

Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts schlugen, dahin

und dorthin, und die alle Gemeinsames haben. Ich kenne sie gleich, wenn

ich sie treffe, an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen

Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese Jugend also rufe ich auf;

sie nennen sich Abfall und Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel

Rettenswertes an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde der Zukunft;

im Lager des Proletariats; die höchste, fast schon überdrüssige Kultur

möchte ich vermählen der jungen raschen Kraft des vorwärts stürmenden

Aufschwungs.

Ich bin ein alter Mann, aber -- das sage ich heute mit frohem Stolz --

ich habe erreicht, wonach ich mich so heiß gesehnt, _ich bin wieder

jung geworden_, und ich empfinde mit der Jugend, nein, ich bin sogar

ihr Vorschmack und Vorempfinder. Zugleich bin ich bei den jungen

Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten,

und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit

bringen will, jetzt nicht die ökonomische Freiheit, die es sich selbst

erringen wird, nein, die Freiheit des Einzelnen, der kühn und unbesorgt

allem entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum andern, in mir

sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort,

nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer

kann!

[Illustration]

Druck von Gebr. Adolph & Co., Dresden-Löbtau.

Der Todesprediger · 第 7 / 8 题