Er blickte ihr tief ins Auge. »Tod --? mit --?«

Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem Messer auf dem Teller

herum.

»Vielleicht«, sagte sie leise.

»Na, prost«, brach er kurz ab und trank sein Glas mit einem Zuge aus.

Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster.

»Haben Sie schon genug?«

»Ja. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«

Marguérite legte leise Messer und Gabel weg. Sie starrte vor sich

hin. Auf einmal überwältigte sie das Bewußtsein dessen, was sie

gethan hatte und was noch bevorstand und der ganzen Situation, und sie

schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie lange. Plötzlich sagte

Starkblom vom Fenster aus, ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone:

»Nun, Frau Marguérite, wollen Sie jetzt Ihre Rede halten? Wozu sind Sie

bereit? Was halten Sie von mir?«

Marguérite ließ die Hände sinken; sie war glühend rot geworden. Dann

erhob sie sich, blieb aber am Tische stehen und sagte zaghaft:

»Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht -- es ist falsch -- es

geht nicht --.«

Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann ahnte er,

vielleicht zu begreifen, was in ihr vorgehe. Er schwieg lange und

blickte sie an. Dann fing er an:

»Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie kamen. Schrecken Sie

nicht zurück. Ich bitte Sie zu bleiben.«

Und er ergriff ihre Hand.

»Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben Sie nur. Wir haben

Zeit. Oder haben Sie einen speziellen Grund, irgend einen Vorgang in

der letzten Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?«

»Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht? Sie mißachten mich

nicht?«

Starkblom wurde sehr verlegen. Er wußte nicht, was sagen. Endlich

stotterte er:

»Aber ich bitte Sie ... aber Frau Marguérite ... aber mißachten ...

was fällt Ihnen ein? Sie scheinen ja eine ... vorzügliche Frau. Ich

begreife Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen. Wollen Sie

mir nicht etwas erzählen -- von Ihrem Leben?«

Marguérite setzte sich wieder aufs Sopha und strich langsam mit beiden

Händen über ihr dunkles Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich

mit gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute.

»Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das Kind reicher Bauern.

Dann kam ich früh zur Erziehung in ein Kloster nach Frankreich. Dort

riß ich aus -- mit -- nun, es ist gleichgiltig. Die Sache ist längst

vorbei. Aber ich kam durch ihn damals schon in eine Gesellschaft freier

Menschen, Männer und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seitdem

habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht. Ich -- nun ich bin

eben frei geworden durch all’ das.«

»Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie denn darunter: frei

geworden?«

»Nun, ich meine, Sie müßten das doch auch kennen. Ich habe wenig

Vorurteile, verstehe viele, auch verschieden geartete Menschen, kann

mich in vieles hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie

sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene Umstände der

Vergangenheit und Umgebung. Das nenne ich vor allem frei, daß man sich

nicht schämt, täglich tausend Dinge zu thun, die der Verstand nicht

erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu leben und glücklich

zu sein. Ohne einen Vernunftgrund dafür angeben zu können.«

Der Todesprediger · 第 5 / 8 题