Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles
erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe
fragte der Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und fügte dann
gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. Sofort begannen einige
Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf,
wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher fielen die
Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte.
Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich
standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um
Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn
einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja -- jawohl
-- ganz richtig -- aber bitte sehr. -- Er hörte nicht, was die andern
sagten und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch
Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen
lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn
auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und
noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom
in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich
gleichgiltige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort
und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden
sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite
des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen
in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom erfuhr da, daß
durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung
einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich
die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen
alles ihren vergötterten Führern.
»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, »können denn
diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und
begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und
Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz
undenkbar.«
»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm Mathias Buvolski, der
vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind
überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere.
Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem
nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der
wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft
sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich
nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen
geben, sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen großen
Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch
der Regierung und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung
inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie
künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. Da wird also
ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle
erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. --«
»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau dasselbe hörte ich ja vor ein
paar Tagen bei den Freisinnigen?«
»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s mehr. Und aus
demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden
über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen
taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgend ein Detailvorschlag,
der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des
Getreidehandels ... Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles.
Aber gethan wird nichts, es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht
im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel,
die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine
Zeit zur Belehrung des Volks ... Sie machen von sich reden und halten
sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht
in der Hand zu haben. Drum sind sie auch keineswegs unter sich einig,
immerfort Zänkereien und Eifersucht.«
»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das sind ja ganz gewöhnliche
Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen
an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl
ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die
Zukunft der Menschheit handelt?«
Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: »Sie haben heute
Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch
niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das
was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben
felsenfest an die Macht der Vernunft?«
Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken.
Wenn, wenn, wenn ... Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den
alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte.
Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten,
antwortete er langsam:
»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«
»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?«
»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer,
versprengter Teil, es ist wahr. Daß _ich_ vernünftig bin, das weiß ich
sicher; und was ich glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit
über die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr nachfolgen
kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden.
Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen
Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat,
um _eines_ zu erreichen und daran festzuhalten, daß er allen anderen
diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines
Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch
ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich
kreuzigen läßt, um die Welt zu erlösen. -- Wo wohnen Sie? Bitte wollen
Sie mir Ihre Adresse angeben?«
Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf.
»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind nicht das letzte Mal
zusammen.«
Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat die Männer, ihn doch
bald zu besuchen, wenn sie Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied
ging er.
Er eilte nach Hause. So lange er in den Straßen der Stadt war, ging er
nur sehr rasch und blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin
und schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die Steinplatten,
daß die Funken heraussprangen. Sowie er aber auf der Landstraße war,
auf der fester, aber noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über
die Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im Mondschein
strahlte und glitzerte, fing er an zu rennen, als wollte er mit seinem
Schatten um die Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! Eine
unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt.
Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte er nicht der Zukunft entgegen,
er hatte etwas in der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, und
gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem Genusse.
Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm ein hochgewachsenes
Mädchen begegnete. Schon von weitem rief sie ihm zu:
»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?«
Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und ging weiter, bis er vor
ihr stand und hielt dann an. Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in
der Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt waren.
»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig. »Vielleicht bringe ich’s
aber noch so weit. War’s schön heute Abend?«
Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch war, ins Gesicht.
»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen und rückte das Tuch,
das sie auf dem Kopfe trug, zurecht.
»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus einem Grund so spät noch
hier außen. Ist er lieb? Meint er’s ehrlich?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein wenig. »Ich hab’ ihn eben
gern.«
»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt alles. Was ist er denn?«
»Fabrikarbeiter.«
»So? -- Ist er auch Sozialdemokrat?«
»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.«
»Jaso, hast recht.«
»Seit wann sind wir denn per Du?«
»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute. Nichts für ungut, aber ich
bin so froh und erhoben, wie nie zuvor.«
»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die lustigen Leute gar gern.«
»Ich war’s schon lange nicht mehr.«
»So?«
»Jaja, schon lange nicht mehr.«
»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig aus. Bleibt nur lustig,
’s ist besser.«
»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir ’nen Kuß.«
»Nein. Oder -- ja, weil’s Sie sind.«
Sie legte die Hände auf seine Schultern und er küßte sie rasch. Dann
gab sie ihm noch einige freiwillig drein, schüttelte seine Hand und
wandte sich zum Gehen.
»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts schlimmes von mir.«
»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir deinen Schatz.«
Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar Mal vor Vergnügen mit der
Zunge. Dann schritt er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein
paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen Blick schweifen
über Feld und Wald und Fluß, das alles weiß vor ihm lag, und über die
Stadt hin. Er streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und ab, wie
zum Segen oder zum Dank. Auch auf die Landstraße blickte er lächelnd
und gewahrte schon ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch
einmal brach die Spannung in seiner Brust durch und laut rief er wieder
sein Juh! hinunter. Und leise vernahm er die Antwort des Mädchens:
Hoijohehuhu! Er nickte und lächelte vor sich hin, dann schloß er die
Thür auf und ging hinauf in sein Schlafzimmer und machte Licht. Da
wurde er gleich ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und
brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann kleidete er sich aus,
löschte das Licht und legte sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war
er eingeschlafen.
* * * * *
Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger
und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen,
er schrieb zündende Brochüren, reiste im Lande herum und hielt überall,
in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in
Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten Kämpfern
gegen die bürgerliche Gesellschaft -- wenn er auch nicht darauf
verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die
Mittel vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien
er ganz aufgegangen in dieser Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er
lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.
Eines Abends aber -- er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung
-- ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später
daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es
hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer war es ein jäher
Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war
stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf.
Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an
ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann
Abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals
und ein anderes Mal ... aber ohne Zusammenhang ... ein plötzliches
Zurückschaudern ... ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß ...
Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich
stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen
Deutschland einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus
siegen?
Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte
Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil
seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft
in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich
genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom
Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er diesmal in
einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn
nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte
allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer
Unterschied sei, zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft
als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht
und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang bilden zum
zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in
großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer
Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. Er sprach
den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende und dann machte er eine
Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber
diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte,
kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher
Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! Es
ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das drehte sich ihm immer
wirbelnd im Kopfe. »Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s
auf, Mann gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte ihm
gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. »Indem ich zum zweiten
Teil meiner Auseinandersetzung schreite.« -- Er verstummte. »Hör’ doch
auf -- du lügst ja -- denke doch erst über das andre nach -- es hat
ja keinen Sinn -- die ganze Geschichte -- was gehen dich denn andre
Menschen an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann that er einen
unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um.
Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber
erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln
elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort
blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören.
Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in
litterarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte.
Sie hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht.
Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.«
❦
Dritter Abschnitt.
Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein
Absagebrief an den Sozialismus.
Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen Provinzblatt
die Notiz, »der bekannte Agitator ~Dr.~ Starkblom scheine von seiner
bedauerlichen Krankheit immer noch nicht hergestellt und könne seine
Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«.
Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich
sollte sagen, _wieder_ überfallen hat, will nicht von mir weichen.
Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d.
h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit
sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu
werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und
nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft.
Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit
Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich
-- nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber
ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine.
Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des
Einzelnen aus der Gemeinschaft.
Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der
Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und
ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der
Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern.
Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen
macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht
klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und
weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat noch je zu
sprechen im Stande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine
neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe
eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe
eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse
an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese
wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er
gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen
Sittengesetzes und seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist,
die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu
ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine
Folge historischer Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er
eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er
kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam
gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich.
Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der
Sozialismus ist erbärmlich, denn er läßt sich von einer abstrakten Idee
beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt
kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker,
der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu
singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge,
denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt
sich eine Wissenschaft.
Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht
beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter.
Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den
schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit
liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach.
Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt
hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich, sucht man am besten, indem
man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur
zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir
gleichgiltig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist
mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig und ich freue mich
wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist -- lachet, meine
Freunde, ich lache mit -- dies eine ist der Tod. Er liegt mir am
Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich
will euch etwas erzählen -- vom Leben.
Halt -- sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme
und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner
innersten Vorgänge und Stimmungen -- sollte ich nicht vorher von
den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die
unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, daß die materiellen
Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und daß alle meine Gedanken
und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus
sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisirt
sein als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage
was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse
nehmen müssen, wohinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen
Gesetzen des Karl Marx gelangen muß? Kurz -- sollte ich nicht ein Thor
sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als
seine gehäuften unbewußten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte
ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten
Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und
den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den
Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts
wissen will?
Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich
und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen -- denn
ich bin doch nicht der Einzige? -- die vergessen wollen, vergessen
alles, was dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung
haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr
Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen,
anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem
unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch
Begründeten und Zielbewußten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen,
ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr
Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und
Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler,
ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst
widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es wisse nichts, war wenigstens
nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen
_will_? Der nur leben will, nur leben -- oder sterben?
Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen,
des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des
Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun
sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich sei ein harter Mensch,
ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit
entrückt vor allem der schwächlichen Regung des _Mitleids_. Ich liebe
es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene
Konsequenz. O ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes
Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl.
Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da und
ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem
alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr
lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze
erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben
aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute
Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß
des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem
schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet.
Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es
fliehen lernt.
Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter
denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen
könnten. Und wenn sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht
nach dem Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit,
indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf
demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder -- nämlich
auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind
gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie
andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu
begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer
Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste
verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens
zu prüfen -- und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen,
die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede -- und
das nennen sie neue Weltanschauung! -- und die nichts weniger als
großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen
nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren genug,
zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten
und wissen es nicht -- o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas,
weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie
aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem etwas
außerhalb. Sie wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und
zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft
projektiert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man
es zu andern Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu andern
auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in
das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben,
Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den
Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. O über diese Kindsköpfe!
Nochmals -- diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung
trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar
Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid
jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie
lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen
Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis
sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese
zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des
menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer
steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so
scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet
sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei
der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen
macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter,
die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren
sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber
durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen
Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu
großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit
welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie -- aber nur ganz
wenige sind das -- nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen,
geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon
nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene
Pfade, um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig suchten, zu
erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von
sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden
sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter
Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft
als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame
Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die
Mittel und Wege müßten individualistisch sein. Und nun streiften sie
das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr
Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon
gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren
Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben
dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen auserwählten Menschen, ihnen ekelt
vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine
ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon
wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von
ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen
gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe,
und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das
ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«,
dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden
und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder,
unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich
gefunden und bleiben beisammen.
O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor
allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den
unbewußten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer
Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben,
die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles
Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für
Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der
Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn
der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, daß Absicht und
Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei
dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen
Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne,
bei dem alles unbewußt ist, der so gut wie gar keine gewollte und
kontrolierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar
erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte
ausbricht:
»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer
andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie
einen Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende
Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend
zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muß zu
seinem Horst, so muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat
und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben
in ungerechten Fesseln des Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem
Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in
Fesseln geschlagen sehe.
Ȇberall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt,
ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet
Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute,
vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die
Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt das Gute, das ist die
Vernunft.
»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden und
bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht,
und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur
Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der
Ruf Gleichheit verschwinden.«
Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus
weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr
nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch
abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, daß dieser
stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht?
Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft
sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole
Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm
das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom Lachen und
Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen lebenslänglichen Hanswurste
und Kindsköpfe! O ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und
Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus
gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines
vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr
Mittelmäßigen!
Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß ihr noch warten könnt?
Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr
habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse
gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen
Glauben darauf gepfropft -- o nein, entschuldigt, eine ewige
Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr
gebildet und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es
prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln
will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer
dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit
wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der
Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr
so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar
nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung,
vor 30, 40 Jahren, daß auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der
bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun
haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie
euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als
ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über
seinen eigenen Schatten springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir
uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?
Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und
hungrig nach Kapital:
»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls
und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt
sind und blasirt und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine Rolle,
im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus,
das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen
Zuständen -- bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird
es sein!«
Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht
finden, der Mann habe recht.
Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt
und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht
kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will
ich in einem Gleichnis zu euch sprechen:
Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben
fällt mir ein, daß ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt
nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze
Erlogenheiten aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren
Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also --
richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit
welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet
haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das
Menschlein, daß es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß
noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem »armen Kinde«.
Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und
überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das
Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die
Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem
Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak
man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches,
das Bewußtsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man
sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt?
Man freut sich auf’s Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen,
das Bewußtsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen
und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man
mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf,
verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des
Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine
schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu
schlafen.
Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der
das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht
nach todesähnlichen Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge
vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht
gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und
Tausende giebt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr
könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den
Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter
als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch
gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es
schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz
gleichgiltige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und
allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn
sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung,
daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus
armen, schwitzenden geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese
kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch
nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg
über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten
Denker und Dichter -- und doch, was halten diese schließlich vom Leben?
Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme,
wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem
ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht
glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den
glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der
Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die
ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der
Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen
und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist,
daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in
Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden
wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann
gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu
leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den
ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine
Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür thun
kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis
auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird
immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der
keine Antwort mehr findet, keine, ewig keine.
Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann
wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen
entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch _ewig_ leben
und _ewig_ fragen, wozu -- o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt
mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines giebt
es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und
juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich
tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in
diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: _das ist der Tod_,
jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde,
_das ist der Tod_!
Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon ähnliches
erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr
Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das Leben
lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts
finden.
Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und
bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar
erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden.
Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert
haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine
andere Schilderung geben.
Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch,
sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidirt.
Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme
Beschäftigungen giebt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder
werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen
fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit, ist unser größtes Genie ein
armes Waisenkind. 1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene
zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung und für die
Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller
Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik
hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige
Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde,
glaubt ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so herrliche
Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit
wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit
mehr und mehr in ihrer Masse sich _einem_ hingeben wird, nämlich der
_Philosophie_, daß sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der
Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen
Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn
eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte
Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht
danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was
geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude,
die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir
sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen
immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und
ein Zusammenhang der Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen
Erscheinungswelt eine Gesammtheit? O nein, würden sie antworten müssen,
über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus,
der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen
Zellen, _er_ ist eine Einheit, _er_ hat ein Bewußtsein, aber was ginge
den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf
ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns
kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war
denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche
Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal?
Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können!
Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses
Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses
Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa
werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das
Fliegen nicht zu vergessen -- das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja
doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja
doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen
sind, weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben beobachten und
etwas vom Leben wissen, weil wir nicht blos sterben, sondern den Tod
im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod
(denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod,
der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren.
Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie,
die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch;
töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig
wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr
dazu, meine Freunde? Müßte es nicht so kommen? -- Was? Was höre ich?
Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr
verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt,
es gäbe irgend etwas anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber
sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich
euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr
sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlaßt, an den
Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist
wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er
sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe
besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht
ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu
nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen
Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu thun, als
diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? --
Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid,
in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und
ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so daß ich
fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und
alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der
Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich,
ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner
Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was
mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod -- predigen? Ist es nicht
dasselbe, als wollte ich den Tod -- leben? Ist es nicht wahr, daß
man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne
Rücktritt? Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum wollt ihr sie
verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde,
aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm!
Habe ich nicht recht?
Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon
wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr
denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? Wenn
euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet
doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich
habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum
rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich
hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine
Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den
Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude,
übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen
und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuß bereitet, mit
meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen
gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und
außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt
mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem
Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich
einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die
Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum
predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum
Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf,
ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch
anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem
Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr:
ich soll sterben. Verhaßt und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack,
der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn
lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod
des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine
Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod!
Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket
ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit
ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur,
weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich
euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber
und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue
mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite
meines Herzens geschaut habt.
Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so viel ich nur mag, wer
mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage
mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen
nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und
diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den
Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also
noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind.
Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, den Sklaven der
Arbeit, denen rate ich, sofern sie mich hören wollen: Verzaget nicht,
aber hoffet auch nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel
weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, daß das Leben ein
sinnloses Ding ist. Und dann schließet euch mir an und meiner Schar des
Todes.
Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten will, der stirbt zwar
nicht den schönen Tod, wie ich Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche
ihm doch: Gute Reise -- und unbewußte Verwesung!
Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen -- beim großen Sterben. Ich
harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden.
Dem Sozialismus aber wünsche ich -- ein langes Leben, ein schönes
Greisenalter und den Tod auf der Matratze.
=Karl Starkblom.=
❦
Vierter Abschnitt.
Die Vision des Todespredigers.
=Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht=
von
=Karl Starkblom=.
Einleitung.
Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von mir hören zu
lassen und zu erwidern auf die Antworten, die mein erstes Schreiben
hervorgerufen. Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich
könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich einen
starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt nicht gefunden. Ich
dachte, es gebe Leute genug, die mir laut zujubeln müßten, daß ich das
erlösende Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte, meine
Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, die sich zu mir drängten,
um mit mir zu reden und sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam,
außer einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand und dann ging
er wieder. Es war ein Arbeiter. Und ja doch -- ein paar Briefe erhielt
ich, abgesehen von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt
wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge und ein einziger Mann,
die erklärten sich bereit zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst
sei«. Etwas der Art fügten sie alle hinzu.
Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung kann also kurz
sein. Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne
verstanden werden, und man hat meine Schrift als ein litterarisches
Ereignis aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid ihr so
wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint ihr, wenn ein neuer Heiland
käme, er würde sich heute wieder auf einen Berg stellen und eine
Predigt halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung die Eisenbahn
vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O ihr Nachahmer von allem, was früher
gewesen, ihr freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir fehlte
die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. Einen lachenden Künder
neuer Worte, den könnt ihr noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr
traurig, daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben.
Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik eingehe. Einige
wenige freilich -- nein, ich will nicht von ihnen reden. Sie stehen mir
nahe, sie verstehen den Athem meiner Rede -- und doch, doch! Sie haben
mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon wäre, oder ein Schriftsteller,
der alles kann. Hätten sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten
um mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann -- ja dann! Die
Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und vor sich selber.
Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet euch im Kreise und höret
mir zu! Wenn ich ruhte im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des
Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch nicht wollte -- da habe
ich das geträumt und immer fort geträumt, was im folgenden erzählt
ist. Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse ich es auch noch
drucken. Warum das? Woher diese Thorheit?
O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir
zehrt? _Ich suche Menschen!_ Menschen suchte ich immer und immer, erst
blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, um zu ihnen zu
sprechen und sie zu erkennen als Meinesgleichen und sie zu verführen
zu meinem Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, _einen_
Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben will. Und darum trete
ich nun zum zweiten Mal hin auf den Markt und prostituiere mich vor
allem Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit all meinem
Putze.
Und nun vernehmet _die Vision des Todespredigers_.
* * * * *
Ich will euch von einem Manne erzählen, der keinen Grund hatte, sich
selber auszulachen, der konsequent sein konnte und geradeaus gehen
durfte, der an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der Glückliche?
Und wie ist es ihm möglich? Wie ahmen wir ihm nach? Ganz einfach ist es
ihm möglich, aber wir andern können’s nicht, auch wenn wir wollen.
Der Mann, von dem ich erzählen will, war epileptisch. Was, ruft ihr
voll Entsetzen, und du nennst ihn glücklich? Jawohl, selig nenne
ich diesen Mann, daß die Krankheit seines Geistes in solcher Weise
ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch, in uns allen lebt
etwas, das sich sträubt gegen das Leben, aber wehe über uns, deren
Krankheit Geist heißt und deren Arznei wiederum Geist! Weit besser
haben es die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen der Ruhe
lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte ihres Hirns, denn die zuckende und
krampfende Hälfte, die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie
Wehschrei in die Freude ächzt -- die ist nur Körper bei ihnen -- und
wenn ihr Körper sich windet und dreht, dann weiß die Seele nichts von
den Zuckungen des Menschen und bleibt ganz und heil.
Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann, wenn sie irre würden
an sich! Heil den Epileptischen! Sie sind Propheten und Heilige und
Heilande.
* * * * *
Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! Schreitet er nicht wie ein
Gott? Da ist er, da steht er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung,
hoch ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger!
Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget. Es bedarf ja nicht der
Ermahnung; alles lauscht atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber
seiner Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der Menschen! Wie er
sie bezwinget und in den Staub, auf die Kniee schmettert. Ehret den
Tod! Seid in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald sollt ihr mit
mir sterben den holden Tod in Größe und Freiheit. Dann hört ihr auf
zu sein und das Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden
aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr werdet heimkehren zur
Unbewußtheit. Ihr werdet nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des
Zweckwahns ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die Natur, alles ist
schön, und nichts wird empfunden als eigene, _eine_ Schönheit. Die Zeit
ist gestorben mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht mehr.
Und auferstehen wird jubelnde Veränderung und zweckloser, sinnloser,
farbenfroher, tönender Zufall! Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit
der Wahn der Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles
aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte Entwicklung
glauben und an den Fortschritt und wie die heiligen Wörter alle heißen.
Sterbet, sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich der
Menschenstrom, und größer und größer wird die Masse der Todesfrohen. --
Ha, wo ist er? Alles schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr.
Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und stöhne und betaste
meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? Starkblom, wo bist du?
* * * * *
Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen ihrer Fürsten und
Heerführer auf den Marktplätzen von den Sockeln geworfen und mit
den Stein- und Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste
der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben sie kolossale
Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, und sie haben ihre
Kleider von sich geworfen und tanzen um das Bildnis des Todes,
und jubeln und lachen und singen, und schmetternde Musik spielt
rauschende Marschweisen. ~Allons enfants, allons nous-en!~ Und die
Sonne scheint so golden herab wie noch nie, als wolle sie den Menschen
die Lebenslust warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, man
könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, und Starkblom, der
fürchterlich-herrliche, tanzt den Todesreigen vor. Und abends, wenn
es kühler und dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger Glut.
Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie um sich in phantastischem
Wurf, und unsagbar wonnig und feierlich flüstert und kost Musik von den
Thürmen, und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln gesprungen
und schlagen Purzelbäume und springen über die Alten. Die aber setzen
sich im Kreise und hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. Und
leise schwirren die Winde fernher durch die Straßen und tragen süße
Düfte mit sich aus weiten Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und
nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und erhebt seinen Gesang
von der Wunderherrlichkeit der Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles
kommen könnte und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am Schlusse
kehren dann immer wieder die Worte voll brausenden Glückes: »Welch’
Herrlichkeit erdichten wir -- welch’ schöne Welt vernichten wir -- wir
könnten sie erwerben -- haha, haha, haha -- wir aber sterben, sterben!
Juh!« Und jubelnd fällt die Masse ein, und der Wind klappert im Gebein
des Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus den Lüften und
das Gelächter der Menschenmenge schwillt empor wie ein bäumendes Meer
und will nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu Starkblom
in die Mitte und -- oh, oh! Die elektrischen Lampen erlöschen, die
Fanfaren brechen schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches
Tuch breitet sich über alles -- Nacht, Nacht -- nichts, nichts -- wo
ist das Weib? Wo sind die Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt
auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände -- es ist alles anders,
alles so anders, o pfui, pfui, alles matt und gewöhnlich und niedrig
und mittelmäßig. Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, Größe der
Erscheinung? Ich will schlafen, ich will nicht mehr träumen -- o wenn
ich weinen könnte, oder lachen, lachen -- Aber nur nicht mehr dieses
trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen und Lachen.
Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht tanzen; ich ächze, o könnte ich
singen! O ich kann’s ja nicht mehr aushalten -- ich werde sterben, bald
sterben. O pfui, pfui!
* * * * *
Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt und der Zufall und das
Plötzliche und die Blindheit? Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine
Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit Gewesenem, ein Berechnen
des Kommenden? O Natur, wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen
Wassersturz hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie wandelt die Welle
hier noch so friedlich, wie freut sie sich ihrer grünen Ufer und ihrer
Blumen und Steine und plötzlich da -- das Ereignis, das sie niemals
geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses Brausen und Schäumen,
dieser Jubel des Nieerhörten und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit
des Vergessens und des Entdeckens und des wieder Vergessens. Wie viele
Wasser sind schon da hinabgestürzt und keine Woge hat es der andern
gesagt, kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt sie
von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns -- ewig Gewesenes! Wollen
wir denn nicht endlich und endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht
altersschwach? Ich bin es, ich bin es -- ich breche zusammen unter der
Last des Vergangenen. O könnte ich alle Ueberlieferung töten, dann, ja
dann wollte ich leben. Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin
ich ein Teil der Natur -- nein, nein, dann ist ich nicht mehr, dann
ist sie, sie, die Natur! Ich hasse euch, weil ihr noch leben wollt,
ihr Narren! Ich _will_ noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch
nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit Mensch aufhöre
zu sein. O ich würde nicht zu euch reden, wenn ich wüßte, wie ich
euch morden kann! Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer
kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben muß. Ich will nicht.
Ich will, daß mein Tod einen Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten
Gedanken. Mir ekelt vor dem Alleinsein.
* * * * *
Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet hat, ist eingetreten.
Die »Secte von Altersschwachen und übergeschnappten Lebemänner«, wie
sich noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt hatten,
hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein religiöser Taumel riß alle
hin, die mit der Bewegung in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse,
die bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins müde geworden der
Hoffnung auf das Leben und hat eingesehen, daß ihre revolutionäre alles
verneinende und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat und darum
ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie haben eingesehen, daß nicht
der Zweck d. h. der Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und
das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die Hoffnungslosigkeit.
Sie wollen sterben, warum nicht, sie wären ja doch gestorben, aber
vorher wollen sie noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist
es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und was liegt daran. Man
denkt nicht mehr in dieser Zeit der taumelnden Auflösung, man genießt
seine Leidenschaft und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, sie
zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden angesteckt und laufen
auseinander, Männer und Frauen hören auf sich zu bekleiden und gehen
nackt durch die Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu
fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt ist ohnmächtig
und hört auf zu sein. Man raubt seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß
genug für die kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne
und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten eine Ahnung
von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen Thuns; Männer und Frauen
umarmen sich auf öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege kommt,
wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare sterben schon jetzt, die
neugeborenen Kinder werden fast alle getötet.
* * * * *
Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom eines Tages einen heftigen
Weinkrampf und am Tage darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall,
aus dem er kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar Tagen
sich wieder erholt hatte, stellte er sich von neuem an die Spitze
der Bewegung, soweit sie sich noch beherrschen ließ. Er wollte sich
nicht täuschen lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner
Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt meist einsam oder
umgeben von seinen Vertrautesten im stillen Zimmer und schmiedete
Pläne oder hielt Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus den
wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen waren, auch wieder
civilisierte Menschen entwickeln. Das durfte nicht sein. Er schlug
vor, einen gewaltigen Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere
Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte zu lange auf.
Man solle Prediger hinschicken. Die Idee des Todes sei so einfach
und überzeugend, daß auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten.
Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen Tode beginnen. Sonst
verflache die Bewegung wieder. Es müsse jetzt gehandelt werden.
Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, wandte ein anderer
ein. Sie haben das Selbstbewußtsein, täuscht euch darüber nicht. Wäre
es nicht ekelhaft, wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben
lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor allem müßten mit
Stumpf und Stiel ausgerottet werden.
O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da ein ganz junger Mann,
der bisher fast am leidenschaftlichsten in der Bewegung gewirkt hatte.
Ich fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. Die können wir
auch nicht erreichen. Wir wollen jetzt sterben, aber alles was wir
möchten, können wir doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen,
nicht nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze Natur, die
Welt müßten wir zerstören können. Und können wir das?
Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. Du beschimpfst
unsre gute Sache. Und sie drangen mit erhobenen Fäusten und blanken
Schwertern auf ihn ein.
Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! Ihr wollt mich töten, ihr
Todesfrohen? Laßt mich doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr
mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, dann ist auch die Welt
tot -- für mich. Was liegt mir an euch?
Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes fünfzehnjähriges
Mädchen schlief, totmüde von dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte
sie rasch, riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch.
Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern mit seinen Armen und
beugte sich weit vor. Ein heftiger Schlag, und die Leute unten fanden
zwei unförmliche Leichen.
Starkblom schwamm es vor den Augen. Das war das bekannte Zeichen. Der
Anfall drohte wieder. Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte
er auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für uns. Die andern mögen
für sich selbst sorgen.
* * * * *
Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? Ihr wendet euch mit
Entsetzen ab vor den Ergüssen meines verrückten Hirns? Ich aber
sage euch: ich preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er
hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie der Kirschbaum
an sich und seinen Blütenschnee glaubt, bevor der Frost kommt und
seine Blüte verdirbt, wie die Lawine an sich glaubt, die krachend
ins Thal hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur grausam
ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid ihr auch Draußenbleiber,
ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer
Moral und euren Hosen? -- Starkblom der Erste ist heute wieder einmal
fröhlich und guter Dinge, er ahnt den Zweiten in sich und ahnt den Tod
und die Unbesonnenheit und Selbstverständlichkeit und den freien Wurf
und die Kälte -- die ihr Narren Unverfrorenheit zu nennen beliebt. Ich
pfeife auf euch, meinetwegen könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt
mich! Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln und den
Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret mir gleich! Wer weiß -- ob ich
dann nicht leben will -- um mein Gelächter noch eine Weile zu genießen?
* * * * *
Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die Heere der Sterbenden
an. Und auf einmal war das Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht
mehr an allen Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte sprengten
sich in die Luft, und von allen Seiten wie auf ein Commando strömten
die Landbewohner herbei und stürzten sich in die Flammen der brennenden
Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge fuhren nach
allen Richtungen hinaus -- den Meeren entgegen, und bald waren nicht
nur Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und Abermillionen
von Menschen versenkt in den Tiefen der Oceane. Die Haustiere wurden
vielfach mitgenommen, sonst kümmerte man sich um nichts mehr. Starkblom
blieb mit einem getreuen Stab von einigen Tausenden zurück in der Mitte
Deutschlands und lenkte und berechnete die Bewegung. Er sandte seine
Leute aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren wie die
Taube mit dem Ölzweig: nirgends mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ
er seine Umgebung mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen.
Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. Schon murmelte man hie
und da vom Verräter. Er wolle sie alle noch in den Tod treiben und
dann am Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht -- zunächst. Er
wollte sich nur noch einmal satt sehen an der Erde. Und er sah sich
satt. -- Niemals in seinem ganzen Leben hatte er sich so selig, so
erhoben gefühlt wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge
schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und in die Lüfte
emporjauchzte: Allein! allein mit der Natur! Dann aber schien ihn der
wahnsinnige Gedanke wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem
Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines Nachts schlich er
sich in ihr Lager. Es schien ihm zu glücken was er wollte. Niemand sah
ihn. Und er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, und weckte
sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein und hielt sie umfangen, an
allen Gliedern zitternd. Und er schien zu siegen. -- Sie folgte ihm.
Sie flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames Thal.
Niemand hatte ihre Spur gefunden. Adam und Eva! jauchzte er, als sie
allein waren und gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies
-- Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben zurück und
gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen leben, wir schaffen ein neues,
herrliches Leben, eins mit Natur und Vernunft. -- Indessen wurden er
und sie -- denn man hatte ihre Flucht entdeckt und ahnte schlimmes --
eifrig gesucht. Nach einigen Wochen aber stellte er sich freiwillig ein
bei der Schaar seiner Freunde und zwar -- allein. »Verzeiht mir, meine
Freunde,« sagte er kurz und freundlich, »ich habe einen letzten Versuch
gemacht. Doch auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. Ich habe
das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt. Nun wohlan, wir wollen
sterben, ich bin bereit. Jetzt bin ich reif.«
* * * * *
Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. Es war zur Zeit der
Rebenblüte. Dort führten sie noch mancherlei wundersame Comödie auf,
als trennten sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. Denn sie
ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie nur wenig Vergnügen davon.
Starkblom war wieder aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was
die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er einmal. »Wir waren doch
sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns
zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann so große
Unordnung in die Welt, daß alles durcheinander kommt und alles wieder
zu eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich
euch noch sagen: eins und nichts -- das ist dasselbe. Die Besonderung
und die Verschiedenheit erst hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt.
Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da,
das absolute Nichts.«
Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten -- allesamt. Und nach
kurzer Frist war das Gelächter und der Gesang und das Angstgeschrei
verstummt -- denn einige schrieen auch -- und menschlos war die
Erde weit und breit. Der Rhein aber floß ruhig weiter, und bald
kamen die Tiere des Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus
kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt die ganze
Erde und umspann die Trümmer der Menschenbehausungen, und ein Singen
und Jubilieren der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen
leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht, und die Bäume
rauschten und erzählten es den Winden, und die Stürme heulten es
weiter, und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er
war tot! der große Peiniger!
* * * * *
Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der geneigte Leser thue
desgleichen. Beruhige er sich, er lebt noch, und ich werde ihn
auch nicht ermorden. Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der
Todesprediger und nicht Starkblom der Epileptische -- bloß Starkblom
der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der Sterbende. Ja, ich
werde sterben, ihr werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche ich
euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl.
=Karl Starkblom.=
❦
Fünfter Abschnitt.
Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms erschienen war, stand
in einer hellen Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von schier
übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt, damit beschäftigt,
das Notwendigste in eine kleine Reisetasche zu packen. Ein Mann
mit kurzgeschorenem, meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger
zu sein schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes Gesicht
hätten vermuten lassen, lag, eine Cigarette rauchend, auf dem Sopha
und schaute lächelnd wie ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen
will, zu, wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle Gestalt des
Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige Formen, sie war nichts weniger als
schlank, was sich auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen,
ihr Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen, auch ihre
Augen blickten groß und gütig und verständnisvoll in die Welt; ihre
Stirne war frei, aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie kurz
geschnitten und glatt gescheitelt.
Sie war jetzt fertig und schloß die Tasche.
»Sag’ einmal, Hänschen«, damit nahm sie das Gespräch wieder auf,
»willst du wirklich nicht gleich mitkommen? Ich gehe natürlich auch so,
sehr gern sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation meines
ganzen Lebens.«
»Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat«, fiel er lachend ein.
»Nein, meine liebe Marguérite, ich komme nicht mit. Das würde gar nicht
in meinen Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich es meine?
Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich gar nicht. Du mußt ganz thun,
als ob ich nicht existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der
Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort. Ich freue mich
heidenmäßig und ich glaube, die Sache gelingt.«
»Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar nicht so wohl dabei. Wenn
er mir zum Beispiel, kaum daß ich sein Zimmer betreten habe, die Thüre
weist?«
»Das thut er ganz sicher nicht. Der Mann fühlt sich ja kläglich
vereinsamt, das spricht ja aus jeder Zeile. Ich vermute ganz etwas
anderes.«
Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin.
»Nun?«
»Hm, hm.«
»Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich, daß er sich
schon getötet hat, ehe ich ankomme.«
»Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So etwas ist nie
ausgeschlossen. Das Sterben ist meist eine Sache des Augenblicks.
Aber bei ihm glaube ich’s doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich
ihm doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens. Der überlegt sich’s
hundertmal, aber auf einen Impuls hin, plötzlich, thut er’s kaum. Aber
weißt du, was ich meine?«
»Ja?«
Er schaute ihr voll in’s Gesicht.
»Er wird sich in dich verlieben, Marguérite, toll, leidenschaftlich
verlieben.«
Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen nicht nieder.
»Und ich?«
»Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn kenne ich ja nicht. Für
ausgeschlossen halte ich’s aber gar nicht, daß auch du -- Nun, das wird
sich finden. Daß du in solchem Falle keine Rücksicht auf mich zu nehmen
brauchst, weißt du.«
»Gewiß, das weiß ich. Ich könnte auch keine nehmen, mein liebes
Hänschen.«
»Nun, wir blieben darum doch die Alten«, sagte er mit leuchtenden
Augen, ergriff ihre herabhängende Hand und drückte sie an die Lippen.
Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er
wieder vor Marguérite stehen.
»Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut mich königlich. Immer,
wenn ich anfange mich zu langweilen, sendet mir doch ein gütiges
Geschick etwas neues, noch größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte
wird nun schon recht, recht langweilig.«
»Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche Menschen.«
»Gewiß sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in der Vorbereitungszeit,
anfangs, da gefielen sie mir doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen
einstellen, wo ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung
stehen, jetzt legen sie sich ein bischen Pathos an und einige
deklamieren schon märtyrermäßig. Und weißt du, _das_, nein, das steht
ihnen nicht gut.«
»Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos nennst, ist doch auch
meist nur Hohn. Ich glaube, sie sind freie Menschen geblieben, die sich
für nichts besondres halten, aber die Welt für noch viel weniger.«
»Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber auf die Dauer ist’s doch
nichts für mich. Ein Sporn zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch
darin, und du weißt, das mag ich nicht. Drum ist’s gut, daß mir die
Geschichte dazwischen kam.«
»Ein klein wenig ernst ist’s dir damit aber erst recht. Ich meine
sogar, sehr viel Ernst.«
»Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber doch nur, weil mir’s Spaß
macht.«
»Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere auch.«
»Meine weise Pythia, ich weiß schon, du bist anders als ich, ein wenig,
nicht so gar. Drum schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich
ernsthaften Kerl.«
»Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er unserm Standpunkt schon
sehr nahe gekommen. Es braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn.
Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?«
»Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich.«
»Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug.«
»Natur ... Natur? Ja die fehlt mir auch. Die hast nur du, meine
Marguérite. Aber weißt du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im
Lauf des Lebens. Es ist doch etwas großes, daß der Mensch jetzt auch
seine behagliche Existenz sich schaffen kann, weit weg, weit von der
Natur. Im Gegensatz zu ihr.«
»Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt nur nicht mehr daran.
Jetzt will ich aber gehn.«
Sie setzte den Hut auf.
»Also, mein großes Kleinod, leb’ recht -- Das heißt, ich werde dich zur
Bahn begleiten. Also du begreifst alles? Du wirst’s gut machen?«
»Verstanden hab’ ich alles, auch thu’ ich’s nicht dir zu Liebe, sondern
weil’s mir selbst Bedürfnis ist, den Mann zu sehen und ihm zu helfen.
Ich thue, was ich kann.«
»Dann ist’s gut, sehr gut. Komm, ich will dich noch küssen, bevor wir
gehen.«
Marguérite beugte sich tief zu ihrem Hänschen herunter und küßte ihn
auf den Mund. Dann ging das ungleiche Paar die Treppe hinab.
* * * * *
Zwei Tage später, morgens gegen 3 Uhr, stand Marguérite vor dem Weißen
Hause. Sie betrachtete die freundliche Villa ein Weilchen und holte
Athem, dann öffnete sie die Hausthür und stieg die Treppe hinauf. Im
Flur sah sie niemanden. Sie klopfte an eine Thüre, keine Antwort.
Nun öffnete sie. Es war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem
verlassen worden. Das Bett war noch nicht in Ordnung, die Luft nicht
die beste. Sie blieb eine kurze Zeit zwischen Thür und Angel stehen,
dann trat sie rasch entschlossen ein. Eine Thüre, die geschlossen war,
führte wohl in die andern Zimmer. Sie hörte auf- und abgehende Schritte
und verworrenes Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die Reisetasche
auf den Tisch und legte den Hut ab. Dann goß sie aus dem Kruge etwas
Wasser über ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar. Nachdem
sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine Zeitlang stehen, die
Hände auf die Brust gelegt und schwer atmend. Dann ging sie leise zur
Verbindungsthür und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen. Rechtzeitig
aber noch ließ sie die Hand sinken und schüttelte den Kopf. »Das wäre
nichts,« flüsterte sie leise. Dann öffnete sie beherzt die Thüre. Sie
blieb stehen und hielt den Athem an. Am Fenster gegenüber, das geöffnet
war, stand ein Mann, ihr den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine
Augen blickten wohl ins Thal hinunter, währenddem aber waren seine
Hände angestrengt bemüht, einen Kragen, der ihm vermutlich viel zu
eng war, anzulegen. Sie hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre
Mundwinkel zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine Hand den
Kragen los, er stampfte heftig mit dem Fuß auf und schlug sich mit der
Faust an die Stirn. Dabei rief er laut:
»Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch verrückt!«
Da konnte Marguérite nicht mehr. Sie lachte laut auf.
Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich rasch um.
»Wie -- was -- wer sind Sie denn? was wollen Sie? wie kommen Sie denn
hierher?«
»Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, daß ich Ihnen zuerst helfe den
Kragen schließen?«
Starkblom blickte sie mißtrauisch an.
»Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn hierher? Wo haben Sie denn
Ihren Hut?«
»Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich sah niemanden und trat
deswegen gerade herein. Ich komme von weit her, um mit Ihnen ein
vernünftiges Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt --?«
Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte.
»Ach so, Sie haben gelesen --? Die Brochüre? Nicht wahr? Und kommen zu
mir? Sehr schön. Und da wollen Sie mir -- den Kragen zumachen? Nun --
immerhin, meinetwegen.«
Sie trat näher und machte sich ans Werk.
»Sind Sie aber groß!«
»Bitte stillhalten, ~Monsieur~, sonst geht’s nicht.«
»Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!«
Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute ihm lachend ins Gesicht.
»Wäre das denn so schrecklich?«
»Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind Sie deswegen gekommen?«
»Ein wenig, ja.«
»Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir den Kragen vollends in
Ordnung zu bringen, und dann -- ja dann werden Sie wohl wieder gehen
können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als Ihr Amusement?«
»Gewiß, gewiß, auch noch etwas anderes. Aber jetzt Ruhe. So, jetzt
wären wir fertig. Drückt er Sie nicht?«
Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu. »Nein,« sagte er dann
kurz. Er ging noch etwas im Zimmer hin und her, dann nahm er seinen
Rock von dem Haken an der Wand und zog ihn an.
»So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein -- Fräulein? Oder --?«
»Das ist gleichgiltig. Aber nennen Sie mich lieber Frau.«
Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb vor ihr stehen und
betrachtete sie. Dann kratzte er sich an der Stirn. Er fand die
Situation recht unbehaglich.
»Woher kommen Sie denn?«
»Von Paris.«
»So? Schöne Stadt?«
»O ja.«
»War nie da. -- Soso. Merkwürdig.«
Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom wieder an:
»Nun also -- wenn Sie das Ding gelesen haben und verstanden, dann
kennen Sie mich ja ein wenig. Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten.
Ich kann’s auch nicht. Mir preßt’s die Kehle zusammen --«
Marguérite lächelte gutmütig.
»Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon wieder der verfluchte Kragen
in den Sinn? Weiber, Weiber!«
»Kennen Sie denn die Weiber?«
Starkblom schaute sie groß an.
»Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab’ zwar früher einmal eine Frau
gehabt, wissen Sie, damals, als ich noch -- aber was, das interessiert
Sie ja doch nicht. Was wollen Sie denn?«
»Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie noch -- glücklich
waren?«
»Ach was, glücklich! Ein Philister war ich! Sie war ein Weib wie
andere mehr. Ein Glück für sie, daß sie tot ist. Sie würde mich
nicht verstehen, wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand.
Verfluchte Welt.«
»Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme ich. Wollen Sie mich
anhören? Ich habe Ihre beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief
hineingeblickt in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer Verdüsterung,
Sie suchen einen Menschen, und ich kam zu Ihnen. Sie suchen einen
Menschen, der mit Ihnen --«
Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war mit kleinen Schritten
ungeduldig hin und her gegangen, hatte dann auch einmal die Thüre
geöffnet und hinausgehorcht und trat nun vor Marguérite hin.
»Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich habe Hunger.«
»Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich,« erwiderte Marguérite errötend.
»Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn, ich könne von der Luft leben?
-- Oder -- ach so -- ja wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht. Sie
können ja dann Ihre schöne Rede hernach wiederholen. -- Na endlich, wo
stecken Sie denn so lange?«
Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit Thee, kaltem Braten
und Wein hereinkam und die Augen weit aufriß, als sie so ungewohnten
Besuch sah.
»Wundern Sie sich später und bringen Sie noch eine Tasse und einen
Teller und was weiß ich! Aber rasch!«
Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame.
»Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie nur ungeniert zu.« Dabei
schob er seinen Teller und seine Tasse zu Marguérite hinüber. »Ich kann
warten.«
»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom. Frühstücken wir also
zusammen. Trinken Sie so früh schon Wein?«
»Ja, ich habe mir’s in letzter Zeit angewöhnt So, jetzt kann’s ja
losgehn.«
Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und Marguérite schenkte
erst Thee ein, dann auch Wein für sich und ihn.
Während des Essens blickte Starkblom ein paar Mal zu ihr hinüber.
Schließlich sagte er kauend:
»Was Sie für ein gesundes Gebiß haben. Und dieser Hunger! Und überhaupt
die ganze Gestalt -- wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir
überhaupt keine Deutsche, ihrem Accent nach?«
Marguérite lachte.
»Nun, wie man’s nimmt. Geboren bin ich im Elsaß, kam aber ziemlich früh
nach Frankreich.«
Starkblom schaute sie immer noch an.
»Prachtvoll, prachtvoll«, brummte er dann, und Marguérite ward rot.
Er erhob sein Glas.
»Na, prost, Frau -- und Ihr Name? Darf ich den wissen?«
»Ich heiße Marguérite. Das andere ist nebensächlich, nicht?«
Sie stieß mit ihm an.
»Und was lassen wir leben?« fragte sie mit anspielendem Lächeln.
»Leben ... leben? Ach so, denken Sie daran? Und -- Sie wollten?«