von
Gustav Landauer.
❦
[Illustration]
=Dresden= und =Leipzig=.
Verlag von Heinrich Minden.
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich
verfolgt.
Einleitung.
Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im
Großen und Ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne
drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich
nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich
schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und
seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der
Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen
des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging,
war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der
einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem
derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter
bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem
grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein
Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder
auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos
seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In
dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf
dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für
sich nichts waren und sich darum an einander anlehnen und einander
befehden mußten und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen,
Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem
kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewußtsein oder
doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich
trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch
zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem
Selbstbewußtsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung
und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem
Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte
dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders
dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele
näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich
rasch an diese ganze Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes
rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein schon den
Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der
Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht
aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz nannte,
begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde
Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft
unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an,
das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus
und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig
fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und
verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und
zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister,
und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen,
frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten
aristokratischen durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne
Rückgrat, deren Wille gebrochen war.
Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich
kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf
die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die
Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich
unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis,
nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu
waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem
Grund zu beginnen.
In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und
Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes neben einander wohnte, fiel
das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will.
❦
Erster Abschnitt.
Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen
Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm
erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei
Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus,
Leberecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu
thun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später
durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich
heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und
zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters
überschritten, dem Trunke ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre
alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung
der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes
Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu,
ein vermögender Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl durfte
studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete,
neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim
Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik
in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier,
Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder
mit nach Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf einem
englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden
und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein
Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen
Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten
Wochenbett erlegen; kein Wunder, daß das hinterlassene Kind im Hause
des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.
Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen;
er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder
und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein
verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich
herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen,
alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es
immer und immer wieder, sodaß er große Stellen der Romane, die ihm in
die Hände kamen, auswendig wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte
er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur
noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher litterarhistorischen,
religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte
er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen
auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester Elise und deren
Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die
den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker«
verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern
zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich
aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten
und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum
verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer
unter den Ersten, da er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis
hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden,
einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt
wurde, wußte aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar.
Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und
blaß da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft,
meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, oder
meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen.
Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, daß
er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am
Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon
ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es
leuchtete ihm ein, daß er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So
antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle:
Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen
hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich
eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon
für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen.
Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre
alt, die Universität.
Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine
Neigung zur Philosophie hervortrat, kennen gelernt. Vorher hatte er
kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen,
die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden
vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl
hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig
zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen.
Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in
der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene
mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich
als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich
Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit
eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück
und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem,
und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken
und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig
nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch
das gab er auf, sowie er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch
änderten, daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da
an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die
Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht
besonders viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich bisher immer
verflüchtigt hatten.
Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von
den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück;
einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der
Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen,
wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Thätigkeit und
zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s nicht
dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam
ihm bei allen andern verächtlich vor.
Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die
er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte und sich von den geselligen
Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen
Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am
Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit,
daß er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer,
beurteilte alles von höherer Warte, faßte Zusammengehöriges aus
entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und
elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast
ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen
Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon
jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Bethätigung in der
trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf:
»Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend!
Wohl treibt mein Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich
um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter,
mir selber nicht bewußt; und finge ich jetzt an zu philosophieren,
meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue
Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne daß ich wüßte, woher. Wartet
nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch
spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann vertrieb er diese
Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis
tief in die Nacht.
Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade
anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte
eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht und
für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte
in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh
und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht,
verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich
mit ihr.
Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder
der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl
fühlte, nur ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite
nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen,
das er glänzend bestand.
Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner
Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Thätigkeit; er war
nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.
Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die
Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche
Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er
entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden.
Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer
Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu
gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter,
und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht
endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem
Bruder Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, nach öfterem
Anbieten von Seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen.
Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig
und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen
Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn
zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte.
Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr
meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte.
Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte
er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu
beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. »Wartet nur! jetzt
bin ich ein alter Mann! aber ich werde noch einmal jung!« So pflegte er
auch jetzt wieder zu sagen.
Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht
nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen,
starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder
ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das
dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe
gewesen, in den Tod.
Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt.
Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm
die Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? wofür jetzt
noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben
unterdrücken? jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!«
Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen,
wohinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen
weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich
am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten
Bruder Karl testamentarisch vermacht.
Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er
gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er
Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt
Mann! Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches
Städtchen am Fuße des Schwarzwalds zurück. Kurze Zeit darauf nahm er
nach reiflichem Überlegen seinen Abschied.
Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische
Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er
erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte
oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt;
das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm
völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein
ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen
Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher
Genußmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt
konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen.
Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch
hatte er immer gethan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht
verleugnen.
Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen
seine wahren Gründe anvertraut hätte: daß er einen anderen Beruf in
sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist und
die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben
gedenke.
Sich selber ausleben -- das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er
wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? was steckte eigentlich
in ihm? was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er
der Menschheit bringen?
Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, daß trotz aller äußern
Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte
mit einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die
ganze Welt durchzog.
Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er
rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des
Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld
daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen,
die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte
eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller
Wucht und gleichzeitig auf ihn ein.
Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und
dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich
begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt
umherzublicken.
Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz
eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit,
und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter
denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und
empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren
wohl.
Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und
Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig
darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er
und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als er damals gewollt;
einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und
ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.
Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der
denn nur je sein können? wie hatte er daran sein Genügen finden können?
Und eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung geworden war.
»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will
ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat.« So hatte er als
Sechzehnjähriger geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft
fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er wußte es sicher; noch
keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam.
Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er
gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In
sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen.
In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im
frischen Waldesgrün, seine poetische Phantasiethätigkeit, die er zu so
langer Ruhe verurtheilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen
Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen.
Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluß entlang
zur Stadt hinaus, thalaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur
Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und
Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied.
Rechts war der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder
Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich
um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen;
die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er
vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war
fröhlich und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und hüpfend,
er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes
Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die
abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das
Thal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich
vorwärts.
Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der
Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm
emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges
kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem
weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten
Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der
linken Seite.
»Da wäre gut wohnen,« dachte er.
Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem andern Wege,
der über die Anhöhen führte, zurück.
Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister,
von seinem Ausflug und von dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen
hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon
seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei.
Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die
paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war.
Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die
Stadt kaum, die als Fabriknest verschrieen war.
Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er
den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen
hatte und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen.
Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon
verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu
kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für
eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte
ihm für die spätere Zukunft vor.
Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft
führen.
Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße Haus und er erschrak
gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über
die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den
letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur
Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des
Flusses, der am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.
Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich
in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe
seinem Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser sei Bücher zu
haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch
besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was
das Erleben anging, nun -- er hatte ein ganzes reiches Leben hinter
sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in
etwas völlig abgeschlossenes.
Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll
gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere
bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen
saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine
Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die
die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine
Stiefel schmierte ... Dann die Mutter ... an die war nicht viel zu
erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer
mit Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und
Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für
den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter
hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich auch jetzt nicht sie zu
erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und
seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er
über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu
zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste
und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen
Zügen in Gang und Haltung.
Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der
Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden
und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit
freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen
Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern
Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper,
umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es
anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich -- so oft
seine Gedanken sich Haïti zuwandten, immer war es der schwach umrissene
Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und der
ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der
verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe.
Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des
Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen;
aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie
eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem
schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer
für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt
der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe
manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem
Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne
türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung
dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wußte, war sie
kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans -- was
mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien
es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein,
wenn er nicht gänzlich zu Grunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich
sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon
seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.
Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewußtsein
herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt
hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seiner Zeit
kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer
Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr
nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt
ein kluges fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach
Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in
ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr
bevölkern helfen, das wußte er; so mußte er denn der Menschheit in
anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vorn
herein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen
Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln.
Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit,
besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da
ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz
gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Thorheiten mitmachen?
Und heiraten? Und -- und? Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen?
jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das
meiner wahren Natur? Nein, nein.
O warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des
Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links
zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob er sein
Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre
er doch jung geblieben! O diese häßliche gewöhnliche eingeengte
niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er
versäumt? Er _mußte_ es einholen; er mußte denken, leben, wirken.
Vorbild wollte er sein, Prophet ... Erlöser -- War er denn noch jung
genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte
doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte
sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen
Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden,
eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner
hohen energisch vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig
zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem
dichten, schwarzen Vollbarte.
Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig,
um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen,
wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für
ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken
entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die
plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben
hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer,
hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für
unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer
Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem
Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene,
aus erbärmlicher Liebe zu irgend einem gehätschelten Erfolg in der
Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann
wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren
Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt
erst das beste hören wollte, was aber hätte er noch geben können? Ein
besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer
Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte
zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte -- wer hätte
es wissen können? Nein, nein -- besser in der Jugend gelernt und
geschwiegen, und geredet als Mann.
Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles,
was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche
nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm
die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er
in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste,
sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er
meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die
Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren,
das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die
Grabschrift, die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil schien
ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz,
die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön
gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die
ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf
die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig
einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich
für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere
Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor,
die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei
jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und
Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues
unerhörtes Erleben?
Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch
sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die
Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und wollte.
Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz
unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen
Leben nach außen.
Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine
Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu
sterben.
Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu
Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas
besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich
über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die
anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn
auch -- wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu
sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was
ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte
er seinen Gedanken leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln.
Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das
Auftreten in der Öffentlichkeit.
Denn schließlich -- was war denn diese Welt? War denn da noch etwas
zu bessern, oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer
ein in das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen ihm bald
das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines
Bewußtseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen
Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die
Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln,
der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.
Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht
verwegenste Überhebung, alles für Trug erklären zu wollen, nur damit
seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt
vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen
Denkens zu zweifeln?
So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit
hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer
Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich
hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische
oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich
dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und
Beobachtungsfaulheit zu haben.
Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald
entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten
sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck
halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie
starben -- was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen
Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem Leben, vor
Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu?
Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast
verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend,
halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen:
wozu denn aber in Drei-Teufels Namen das alles? Da rennen sie und
hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt
eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was haben sie denn
Großes vor Augen? haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt?
Hat auch nur jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu
erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf
einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. »Machen
sie sich gar was vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an
einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. »Mir
scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen
sie wohl täuschen?« Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte
dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und
jeder that, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei
und da fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten sie auch,
und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte
ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst
viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl
insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht
ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten,
betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung,
und das nannten sie dann »leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden?
Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre,
wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt,
daß sie alle mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten,
dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr
Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die
Wand lehnen und -- ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer
gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig,
siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in
Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So viel er sich auch den
Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den
lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten
Welt allerdings, daß man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu
sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein,
sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit jeder,
der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe.
Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine
großartige Stumpfheit seines Geistes, daß er, so lange er auch
sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen
konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch
nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch
noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so
selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch
erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. »Was dünket
euch vom Leben?« Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen
zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den
Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre
Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts
dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende
Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen,
Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe
flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse
kaufen, Waaren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern
einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten -- immer
und immer nur die Maske, der Schein, die Comödie; nirgends, auf
keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die
Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder
waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Thor? Das hätte er gerne
herausgebracht.
Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate
seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines
Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer
mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige,
oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr
über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine
gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und
Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder
neue Menschen finden können.
Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder
unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war
und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes
freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem
Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig
aus den Augen verloren hatte.
Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er
hatte sich in die düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte
ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob
Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert Wangaus, Fabrikant,« stand auf
der Karte. Wangaus -- Robert Wangaus -- er mußte sich wirklich einen
Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, daß es ihm nicht gleich
eingefallen war, wer den Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten
nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten,
antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach
so langer Zeit wieder zu sehen, einen Freund aus seiner frühesten
Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch,
wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen.
Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen
philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner,
phantasievoller Knabe.
Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat ins Zimmer, legte seinen
Seidenhut auf einen Stuhl an der Thür und die rothbraunen Handschuhe
darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm
entgegengetreten war.
»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in
Ihnen --«
»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, »natürlich bin ich der Karl
Starkblom, wie Du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz
dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht?
Wie ging dir’s denn immer? Du bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du
verheiratet? Bitte setz dich doch.«
In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß Wangaus Besitzer einer
Goldwaarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie -- er war seit
Jahren verheiratet -- in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren
Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich
gewußt, daß er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch
schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben
verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die
Geschäfte --
»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig
ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr --
entschuldige, ich muß mich erst wieder daran gewöhnen -- du hast’s nun
freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüßte nicht, was ich den
ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht
hätte.«
»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf gemacht?«
»Wie?«
»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen Schmuckwaaren beglückst?«
»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich
fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände; -- ich weiß nicht, hast
du eigentlich die Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie
hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du die Sache nicht studirt
hast, kann ich dir’s nicht in Kürze erklären. Die Sache ist die, daß
wir nur eine bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken
zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist da eine kolossale
Arbeitsteilung eingetreten; der ganze Verarbeitungsproceß hat sich
mechanisirt; überhaupt, wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer
Betrachtung hinzugeben, die Entwicklung der modernen Industrie zu
betrachten, werde ich nicht müde. Das ist etwas herrliches; einfach
großartig! Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern --«
Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches Lächeln.
»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire. Ich bin freilich
ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, aber man steht doch sozusagen immer
noch unter dem Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte, ich
würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von Goethe und Schiller
lesen.«
»Ins Theater gehst du aber doch öfter?«
»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt -- meine Frau ist
abonnirt, und wenn sie gerade keine Zeit hat oder auch keine Lust -- du
verstehst --«
»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe und Schiller öfters an dich
kommen?«
»Du meinst, meine Frau? -- Ja allerdings. Aber doch nicht. Da gehen die
Kinder herein. Klassische Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht
auch?«
»Hm, ja -- weißt du, wir wollen lieber erst gar nicht anfangen, darüber
zu streiten. Ich fürchte, ich stehe da auf einem so ganz, ganz anderen
Standpunkt, wie du.«
»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag einmal, hast du
eigentlich Kinder?«
»Nein.«
»Auch nie welche gehabt?«
»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei. Das zweite überlegte sich’s
drei Monate lang, ob es leben wollte, entschied sich dann aber auch
für’s Gegenteil.«
»Das ist hart.«
»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? Wieso eigentlich
hart?«
»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das ist doch
selbstverständlich.«
»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, _das_ ist allerdings
selbstverständlich.«
»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied, ob ein kleines Kind
stirbt oder ein Mann, der seine Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist
doch klar.«
»Merkwürdig -- euch ist alles selbstverständlich und klar, was mir
heute zweifelhafter als je ist. Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist
denn das? Ehrlich gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?«
»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen muß. Es ist keine
Arbeit vergebens. Wenn ich auch nur verschwindend wenig der Menschheit
nütze, ein bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und Kinder. Das
ist _meine_ Philosophie.«
»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst, indem er aufstand und
hin und herging. »Ganz abgesehen von Gott, der, scheint’s, heutzutage
nur noch zwei Zwecken dient.«
»Und die wären?«
»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige Menschen nervös zu
machen. Gott stellt jeden auf seine Stelle! Haha! -- Übrigens hast du
in deiner Jugend auch anders gesprochen.«
»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch längst hinter dir. Man
wird gesetzter. Übrigens ist’s dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem.
Ich erfülle als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter --
und erfülle sie heute noch.«
»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?«
»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?«
»Warum nicht fragen? Nochmals -- Pflicht gegen wen?«
»Nun, gegen die Mitmenschen.«
»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?«
»Wie?«
»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche Bedürfnis, die
Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht doch, mit Gold einer bestimmten Art
zu versorgen?«
»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen. Das sind sehr
verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist mußt das doch wissen, besser
als ich. Nationalökonomie hast du ja doch jedenfalls studirt.«
»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem --«
»Na, siehst du. Und übrigens -- in die Wiege gelegt wurde dir wohl auch
kaum die Bestimmung, Richter zu werden.«
»Da hast du _sehr_ recht. Das darfst du mir vorwerfen. Du weißt aber
auch, daß ich’s jetzt nicht mehr bin.«
»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr nötig. Glücklicher.«
»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein _Grund_ nicht.«
Jetzt war das Lächeln an Wangaus.
»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich so eine Erbschaft gemacht
-- überhaupt, wer hätte nicht so gehandelt an deiner Stelle?«
»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche Bestimmung? So
sagtest du doch?«
»Nun, nun -- das schließt nicht aus, daß man sich im Alter zur Ruhe
setzt. Wenn man’s kann, natürlich.«
»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil -- meine Arbeit fängt jetzt
erst an.«
»So?«
»Ja allerdings. -- Das Philosophieren hast du also gänzlich
aufgesteckt?«
»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu auch, selbst wenn ich Zeit
hätte? Das führt ja doch zu nichts.«
»So? Na, ich weiß nicht. -- Ich will jedenfalls jetzt auch
versuchen --«
Er hielt inne.
»Nun?«
»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, wie gesagt. Ich
will auch Gold fabriciren.«
»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die Branche liegt jetzt sehr
darnieder. Leider.«
»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde ich keine Concurrenz
machen.«
»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das kaum zu fürchten. Bildlich?
Das verstehe ich nicht.«
»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein Beruf ist denken und
aufklären.«
Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte die vielen zerstreut da
liegenden Bücher.
»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, alte Meinungen
umstoßen, neue aufstellen? Dazu wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu
hast du jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen machen.
Oder willst du pseudonym schreiben?«
»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s auf’s Schriftstellern
hinaus läuft, das weiß ich auch noch nicht. Ich bin kein sonderlicher
Freund von Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens auch
ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s an, in welcher Weise,
das wird sich schon finden.«
»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere Wege. Die
kaufmännischen Vereine veranstalteten ja jetzt überall populäre
Vorträge. Wenn du das willst, ich bin im Vorstand des hiesigen, da
könnte ich dir behilflich sein im nächsten Winter.«
»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das passen wird.«
»Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein
Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt alle Wege offen.«
»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt,
das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu
können, aber bald, hoff’ ich.«
Wangaus stand auf.
»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl getroffen zu haben.
Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s
ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja
wohl den Weg zu mir finden.«
Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut und ging nach den
üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte
er:
»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im
mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, daß der’s zum
Landgerichtsrat gebracht hat.«
Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, ihm war
gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen,
die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz
merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr mit
einander zu thun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so
gänzlich verschieden sind, daß der eine immer den andern mißverstehen
muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung
und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über
Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine
Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und
Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter
als er selbst, er fragte leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete
mit behäbiger Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich
quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht blos,
weil er nichts anderes zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für
ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen werthlosen
Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer
Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem
festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken
für’s höchste. Wer war der Narr? Leicht beide?
Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem
seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern
von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde
nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis
für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit
sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen
selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen andern Umgang, ihn
ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. --
Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund
anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas
menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen,
ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten
Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: er las Goethes
Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem
erlesenen Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch
nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu
grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht
mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger
stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst
Leopardi war ihm zu unfein.
So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und
Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe
reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts
unangenehmes, nichts gewaltsames, nichts aufregendes. Vielleicht
später ... später ... jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett
und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die
Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein
kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte.
Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles,
Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik
und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean
Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses
oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während
innen kaum bewußt etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam
empornagte, hatte etwas bänglich -- entsetzliches an sich. Und weiter
ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden.
❦
Zweiter Abschnitt.
Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, freilich selten so heftig
von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der
andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich
aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab
es damals in Europa eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte
und nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete und keine
Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in
der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab
und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die
Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten,
worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben.
Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz
verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter
beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen
Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von
ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so
gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus
entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine
große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die
Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die
_internationale Socialdemokratie_ war eine Weltmacht geworden, mit der
der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.
Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des
Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie
es sich nach der französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte
gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin,
nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als
ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche
Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse,
deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und
Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt
von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf
den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen
und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten
den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität
hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken.
Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller
Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als
je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so
kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an
ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, so gut es gehen wollte; denn
niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband,
an ihrer Moral.
Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet,
dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das
war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger
Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und
angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube
schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das war die
späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde.
Damals berührten sich in der That die Extreme, und die Stärksten und
die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation.
Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der
körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung
und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche
Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die
Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger,
denen der Ekel gemeinsam war, zusammen.
Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische
des Bürgertums; in der Socialdemokratie aber erstand eine organisierte
Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die
Paläste des Geistes. Diese Schaaren von zielbewußten Kämpfern boten
ein Bild, wie es niemals dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine
merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft
und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht.
Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist
ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -- was war
geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit?
Nie war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. Ja freilich, die
Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus
zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde
ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und
Gleichheit -- nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche
proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten
sie selbst dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie
wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter aller Länder
vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die
Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung
der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction und Circulation,
zur communistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur
Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen
Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und
Menschlichkeit.
* * * * *
Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher
Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich
dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche
sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx,
ziemlich gründlich studirt. Dann aber war der neue Mensch in ihm
emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und
Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte
Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: wozu? warum so?
warum nicht anders? was soll werden? So konnte ihm, der sich selber
auszuleben gedachte, und doch sich selber nicht ergründen konnte,
ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die
armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine
abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich
vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer
neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und
Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um
jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer
Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in
die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter
der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur
zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer
wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die
Selbstbetäubung des Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe
Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach
Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete
zu rasch, als daß sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein
Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und
Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und
hatte Zeit; das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun und Lassen.
So war es denn allmählich so weit gekommen, daß ihn diese beschauliche
Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses
Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam
wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete
vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten
unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er
ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht
auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines
Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.
Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr
wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei
ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war,
er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe
vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und
machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen
Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten.
Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf
dem knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder unter
Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder.
Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und
das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er
erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt,
bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum ersten Male das Lachen
gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich
Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies
kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das
armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen
Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht
zu trennen gewesen.
Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein,
wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten.
Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche
Schaar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der
Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch
das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu
Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen
Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte
bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn
in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? O man
konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über
das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch
die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein
Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen
in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel
dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne
stürzte und die Sonne -- und die Welt -- und alles hin -- und nichts
-- was wäre dran? was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für
immer geschwunden? und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen
Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang
und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe
und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles --
Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach
er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß
jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach
Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, wie mich wenden an
die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will -- ja was
will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht
mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da.
Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen
zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug
geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie
ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt
ist es Zeit.
Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er
mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter
ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die
Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch
die Stadt wählend.
Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue,
weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz
der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier,
vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der
Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen
hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor
der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem
Spiel.
So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann
für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen
Sache, Herrn Commerzienrat ~N. N.~, und eine Versammlung für den
folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm
sich vor, einmal da hin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn
habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, wie
die Leute die Sachen betrieben.
Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch
lebten, auf eine Zeitung abonnirt gewesen, und sein ordentliches
Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln,
vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren
noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die
Papierballen später im Großen als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie
vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch
mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin
vom Speicher herunterholen, soviel sie unter beide Arme bekommen
konnte, und las darin am Montag Abend und im Laufe des Dienstags. Er
wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte,
Zeitungslesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die
Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben
oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und
gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno
dazumal, aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht
mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.
Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich
in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen
ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit
Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, ihre Redner an,
die von Kornzoll sprachen und der Brodverteuerung, von Freihandel und
freier Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung der
Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung
der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien
Leben und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten
und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz
als selbstverständliches Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln!
dachte Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und
mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und
Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so
ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. --
Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es
thun! Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es nicht bin? Was
muß ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich
sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und
in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, _wenn_ ich Macht über
sie habe, will ich sie üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich
will; zu meiner Freude!
Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört durch eine knarrende
Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten
aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit
dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der
Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen
zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden,
honnetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor
allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich
emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien
köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die
ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger
waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller
Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet
die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen;
in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr irre
geführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer
Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt
von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die
festgeschlossen in einer Ecke des Saals stand.
Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske
noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war
wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf
Aller gegen Alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott.
Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so
geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und
gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und
Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten.
Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erben? fragte eine
schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das
Wohl des Staates, daß die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die
Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung.
Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam
einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und
hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft
an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte
selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die
Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf
den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab,
und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute
Beifall verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner zum Worte
gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das
Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht
lange in Anspruch nehmen.
Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem
wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen
breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er während er
sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint’s
Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig
über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und
wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit
trivialen aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die
Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine
Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke.
Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn und das sei
das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs
Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit
zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend
läßt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für
sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht
auf; darum muß die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und
Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche
materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag
essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, daß einer gegen den andern
streitet, wer das meiste Geld verwischt, dann muß die Produktion der
Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf Aller
gegen Alle muß aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der
Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und
geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das
Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und
jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben
einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt
waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt
haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch
gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, wir stehen auf dem
Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die
Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln
hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluß, indem er fest auf die
Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die
internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten
seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über
dem gemischten Toben der Versammlung.
Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. Er stand
auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest
auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die
Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem Benehmen
sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging
zu einer Seitenthüre hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort,
hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. Also der wollte den
Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere
und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt
jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der
überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht
ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten
auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm.
Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte
freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl.
Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten,
was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum,
Unabhängigkeit, Bildung, Wissen -- sie wären elender als jetzt. Oder
sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder
gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein ...? Er konnte
es nicht glauben. Ja wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben.
An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn ...
aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich.
Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen,
solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er
nicht so gesagt? Und _warum_ genießen, nochmals und immer wieder? Ich
kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage
und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle:
bin ich dann nicht ein Tier? -- Und warum willst du kein Tier sein?
Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und
Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend
und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfernen und
Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln
und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch
schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch -- arbeiten? Arbeiten für
ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen?
Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozial ... demokraten?
Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie
schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten
etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es
nicht möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen
Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben
wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch
etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar?
Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben
darum --? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige
wahrhaftig sehr unvernünftig. Also -- versuchen wir es zum mindesten.
Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch
noch einmal erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier gegenüber,
du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte,
dann werf’ ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen
und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber
mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen.
Die Sozialdemokraten, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich
selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis
glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und
verbindet sich mit ihr. Man wendet sich solange vom Leben ab, bis man
ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur _dieses_
Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein
Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung -- nur eine Frucht
meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit
der allgemeinen, unklaren, dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe
die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft?
Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den
Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber?
Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln?
Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod?
Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein?
Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein
Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und
damit wachte er wieder auf.
Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung
beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub »Menschheit«
einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und
fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß gefaßt, er hatte
über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert
über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung,
aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues
hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich
in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich
anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!
Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch
ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen
von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr
die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an
den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen
waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa
in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als
tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei
feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt
jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her
gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen
gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe
stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern
rechts hinten am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie mit einem
tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte,
lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam,
freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt
sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war
seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem
Anteil und mit Genuß führte.
Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: »Wie
stellen wir uns zu den Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger
Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in Berlin zuerst
in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog,
um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer
Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln.
Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Thür, so begann auch er
gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall
in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn
er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den
Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser
Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne
werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl
und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter
brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist
diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen.
Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das
man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der
Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil,
es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und
der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre
Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung
an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter
des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen
Regierungsspießgesellen zu machen.
Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter
parlamentarischem Ton eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische,
durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen?
Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen,
schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen
nennen als ihre geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende
Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, _wenn_ es so wäre,
wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich
mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes
wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält,
in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse,
des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da
Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer
feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar
fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte »Gesetz«
es verbietet -- dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es
auch dann noch lange nicht _die_ Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt
schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten
sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf
des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer
geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht
auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das
Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier,
mutiger, wahrhafter als dort? Oder -- lügen sie da mit ihrem freien Ton
ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und
Führern! Dann sind wir verraten und verkauft!
Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung,
ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des
Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit
der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr,
solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt
ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie;
damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen
oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie mit einander stritten.
Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute
kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur
ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer
Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und
mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen.
Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen
und ihre Kirche und ihr Parlament -- wir stehen außen, und wo wir
noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu
leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal
aufhören, aufhören mit einem Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der
rechte Zeitpunkt gekommen ist.
Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet
hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines
Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom
horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der
Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich -- es war alles
in anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben, alles vielmehr
um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen
Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im
Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte
ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und
brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch
wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich
gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen -- diese Männer hatten
es, sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom
bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in
ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich
sein, er wollte mitmachen und er konnte es. Er ließ sich hinreißen --
gleichviel wohin.
Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun
wieder an.
Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage:
Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine
politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas größeres? Was
ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist
richtig. Ohne Staat giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und
keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der
Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir
könnten uns durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen
Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die
Ansicht, dieses Hinterthürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen
offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es
die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften
Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr,
sie könnten ihr Ziel erreichen.
Genossen, wir sind _keine_ politische Partei; wir wollen keine Gesetze
machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die
Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen
_nicht_ flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen,
nein, ich sage es offen, wir _wollen_ sie unerträglich machen, um
sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz
zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als
Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, daß alle Menschen
eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche
Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und
immer wieder: wir _wollen_ uns nicht beteiligen, wir _wollen_ abseits
stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es
an der Zeit ist, im Stiche lassen.
Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den
einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für
dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es
giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen
und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber
hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. Und
dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, daß
sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur _eine_ Vernunft
haben, und daß ein normaler Geist das Größte zu _erfassen_ wenigstens
im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende,
der Genialste, gefunden und entdeckt hat. Freilich, einen Wust
von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen,
das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr
aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt es sich auf die
Dauer nicht mit seinen Interessen und daher kommt es, daß die Masse der
Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt
nicht für den Bourgeois -- ihm kann man Vernunft predigen so lange man
will, der Durchschnittsbourgeois _kann_ uns nicht recht geben, selbst
wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von
einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muß er ein
freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen
seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.
Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage:
du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht
weil es dein Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet bist,
weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst,
auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du
nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen
Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du
wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von
Rechtswegen -- denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du thust,
lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft,
unter der du stehst, kannst du nicht thun, was du willst. Du kannst
deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein
menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt
schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die
Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und
Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung.
Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es
die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und
idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.
Unter diesen Umständen giebt es nur _ein_ Mittel. Wir alle, die
wir unter diesen Verhältnissen leiden, thun uns zusammen zu einer
kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu
lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß
die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die
kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische.
Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den
Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie,
in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann
kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der
Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohns
auf die Unterstützung aller andern rechnen und dem Kapital die Spitze
bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen
Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird.
Und diese unsre Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der
zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den
andern, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen.
Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt
keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden.
Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den
Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit
der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf
ausgefochten werden muß, auf dem Boden der _Arbeit_, und da könnt ihr
nicht _allein_ kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und
einig. Vereinigt euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für
unsere Idee, der Sieg wird unser sein!
Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der
Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: »ganz unrichtig«;
kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein
Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine
Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes
beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter
schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich
vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich
fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe
seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie
vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur
Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter
herauszuschlagen sei, -- erhielt der Referent noch einmal das Wort, um
das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen.
Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich
es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h.
ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil
wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt
hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden
(übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich
gebe zu, es werden noch solche gemacht werden) weil die Bewegung in den
Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas gethan werden
mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der
Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel
stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische
Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre,
wenn wir von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament gestellt hätten.
Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten
ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere
Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal
betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und
nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von
außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volk, das nichts mit
ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum,
wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies
oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, daß er
nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend
hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois
unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit
ihrem einsichtslosen und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen
tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die
Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brod
(was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch
um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn
dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie
erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann
bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden
und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte
man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel
verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer
unserer Abgeordneten gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens
aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert.
Das muß anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsre große Bewegung
mehr und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt wird; hüten wir
uns, daß die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache
nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche
Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus zu ändern, darf nicht
schwinden, muß gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muß
sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen wir
zusammen Mann für Mann! Und vor allem: nicht wählen wollen wir, sondern
protestieren gegen das Wählen!
Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige
sich schon zum Weggehen _bereiteten_, indeß die große Masse ruhig
sitzen blieb in der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung
»Verschiedenes« nach etwas von Interesse zur Sprache käme, stand
Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke:
Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden
keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder
der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an
der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das
Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.
Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: »Wünscht noch jemand
das Wort? -- Es scheint, daß --« Da streckte Starkblom, wie er es
vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos
den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun
mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja
gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit,
Zeit, Zeit, groß -- bedeutend -- mannhaft -- alles, alles.
»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor,«
sagte der Vorsitzende sofort.
Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht
überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will,
meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast
mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum
Polizeilieutenant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl
Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann.
»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, während man in
der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war
begierig, was der feine Herr zu sagen wußte.
Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig
sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend,
während deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm
preßte sich gegen seine Brust.
Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich
einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner
Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh
an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch.
Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage,
selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu
ganz andern Resultaten kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend
welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu
lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere
Richtung einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber
zum ersten Male in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich
bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber
bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen in all meinem Leben und in
all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung,
von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt
hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig
erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß
es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da
oben, und daß die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann.
Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das
Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die
Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem
Zufall, daß sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich
mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür
es lebt und -- noch schlimmer -- es gar nicht wissen will. Und ich
war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz
allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte,
wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens
die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz
eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt:
Selbstmord.
Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem
Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und
daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische
Gesellschaft, eine neue Welt.
Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher
in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und
gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn
und holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und
freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung.
Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar geworden, und darauf
baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist
es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen,
unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben
verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die
sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von
neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter
Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet
worden ist von diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet
worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt
zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat,
sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen
noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen,
wer weiß wohin? ... Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit
denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und
dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie
berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und
sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das
Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere thörichte bürgerliche
Gesellschaft glaubte dem Volk einen gewissen Grad von Wissen und
Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so
beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft
hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch
zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären;
aber da man in sentimentaler Duselei mit einer Reminiszenz an die
Menschenrechte der französischen Revolution davor zurückschreckte
und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der
Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die
neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die
sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben
die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit.
Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und
keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos
dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution
wird siegen!
Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die
Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch
lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch
das Getöse rufend:
Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der
bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat,
damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf
in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung
des menschlichen Lebens!
Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell
als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie
Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber
der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter
und sagte: »Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen,
wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl
zu Ende. Hätten Sie die Güte?«