Protestantismus war. Aber ihm fehlte der sittliche Ernst und der
Mut des Glaubens, seiner Überzeugung Folge zu geben. Er ließ es zu,
daß das Bekenntnis zum Protestantismus als bürgerliches Verbrechen
und Hochverrat gebrandmarkt wurde, und konnte mit eigenen Augen der
Verbrennung evangelischer Glaubenszeugen zuschauen. Das Evangelium
hatte jedoch bereits zu weit und zu tief Boden gefunden, als daß es mit
Feuer und Schwert hätte ausgerottet werden können. Eine katholische
und eine protestantische Partei -- man nannte im Süden des Landes
die Protestanten ~Hugenotten~ -- standen sich gegenüber. Im
Jahre 1562 wurde den Hugenotten Religionsfreiheit gewährt. Vielleicht
hätten nunmehr Katholiken und Protestanten im Frieden nebeneinander
gewohnt, wenn nicht eines der Häupter der katholischen Partei durch den
Meuchelmord einer zum feierlichen Gottesdienst versammelten, wehrlosen
Gemeinde von neuem den Kampf heraufbeschworen hätte. Ein langer
Religions- und Bürgerkrieg endete mit dem Frieden von St. Germain
(1570), der von neuem den Hugenotten die Freiheit ihres Bekenntnisses
gewährleistete. Aber die furchtbare Bartholomäusnacht (24./25. August
1572), die Pariser Bluthochzeit, entfachte von neuem den Krieg, bis
endlich das Edikt von Nantes (1598) den standhaften Hugenotten unter
mancherlei Beschränkungen die Freiheit ihrer Religionsübung zusicherte.
Heinrich IV., der dieses Edikt unterzeichnet hatte, fiel im Jahre 1610
einem fanatischen Meuchelmörder zum Opfer. Es blieb ihm unvergessen,
daß er die königliche Macht nicht zur gänzlichen Ausrottung des
Protestantismus in Frankreich benutzt hatte.
[Illustration]
7. Italien und Spanien.
Luther ist selbst in Italien und in Rom gewesen. Als er zum ersten Male
die Stadt schaute, sank er in die Knie und sprach: Sei gegrüßt, du
heiliges Rom! In Rom hat er freilich Worte gehört, wie: Ist eine Hölle,
so ist Rom darauf gebaut. Das das Wort viel Wahres enthielt, lernte er
bald an dem sittenlosen Leben in Rom und an der Leichtfertigkeit der
Priester in der Stadt des Papsttums kennen. Nirgends in der ganzen
christlichen Welt herrschte solcher Unglaube und so finsterer, an das
Heidentum grenzender Aberglaube. Kein Wunder, daß sich vielfach die
Gebildeten von einer solchen Kirche abgestoßen fühlten. Frühzeitig
fanden Schriften der Reformatoren, allerdings nicht unter ihrem
Namen, in Italien Verbreitung. Ein italienischer Priester hat Luthers
Auslegung des Vaterunsers gelesen und gesagt: »Selig sind die Hände,
die dies Buch geschrieben, selig sind die Augen, die es lesen, und
selig sind die Herzen, die es also beten werden.« Die Evangelischen im
Venetianischen haben mit Luther im Briefwechsel gestanden.
Papst Paul III. war eine Zeit lang von evangelisch gesinnten Männern
umgeben und scheint einst selbst an eine Reformation in Italien gedacht
zu haben. Aber er ließ sich von den Feinden der Reformation dazu
bewegen, mit aller Gewalt den Protestantismus in Italien auszurotten.
Das ist in der furchtbarsten Weise geschehen. »In Venedig pflegte die
Inquisition -- diese stöberte die Evangelischen auf und verurteilte
sie -- die Beschuldigten um Mitternacht auszuschiffen. Draußen in
den Lagunen wurden sie auf ein Brett zwischen zwei Gondeln gebunden;
die fuhren auseinander und die See begrub schweigend ihr Opfer. In
Calabrien wurden um diese Zeit Waldenser gejagt und geschlachtet wie
wilde Tiere. In einem Hause wurden hier etwa 50 gefangen gehalten, der
Henker holte einen nach dem andern heraus und schnitt ihm die Kehle ab.
In Rom erfreute man sich am Schauspiel der feierlichen Verurteilung
vor der Minervakirche und an der Verbrennung der insgeheim schon
Erdrosselten.« Am Ende des 16. Jahrhunderts gab es keine Protestanten
in Italien mehr.
Ähnlich ist es in ~Spanien~ gewesen. Viel mehr als in Italien
ist hier auch das Volk vom Evangelium berührt gewesen. Das lag an
der Verbindung Spaniens mit den evangelischen Niederlanden und mit
Deutschland. Die Begleiter Karls V. hatten bei ihren Reisen in
Deutschland reichlich Gelegenheit gehabt das Evangelium kennen und
schätzen zu lernen. An vielen Orten hatten sich insgeheim evangelische
Gemeinden gebildet, die in der Stille ihre Gottesdienste abhielten.
Fleißig wurde die Heilige Schrift gelesen. Es schien um die Mitte des
Jahrhunderts, als sollte der Protestantismus das Übergewicht erhalten.
Aber auch in Spanien gelang es der unheimlichen Macht der Inquisition,
den Protestantismus völlig auszurotten. Die »Autodafés« sind einer
der furchtbarsten Schandflecke der Menschheit, insbesondere der
christlichen Kirche. Da führte man »die Verurteilten im Sanbenito, der
gelben Kutte, bemalt mit roten Flammen und schwarzen Teufeln einher; wo
ein kühnes Wort zu fürchten war, trugen sie Maulkörbe.« 31912 Menschen
sollen der Inquisition seit ihrem Anfange zum Opfer gefallen sein, bis
Napoleon ihr im Jahre 1808 ein Ende machte. Schon im Jahre 1570 konnte
sich Spanien rühmen, frei von der protestantischen Ketzerei zu sein.
Papst Pius IX. aber hat eines der verruchtesten Scheusale unter den
spanischen Inquisitoren, Peter Arbues, zum Danke für die der Reinheit
der Kirche geleisteten Dienste im Jahre 1867 unter die Heiligen
erhoben. Gott bewahre die Christenheit auf alle Zeit vor solchen
teuflischen Männern!
[Illustration]
[Illustration]
Vierter Abschnitt.
Aus der Geschichte der evangelischen Kirche bis zum Ende des
Reformationsjahrhunderts.
[Illustration]
1. Der schmalkaldische Krieg.
Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich
darniederliege; ich werde wieder aufkommen.
Micha 7, 8.
Das »heilige römische Reich deutscher Nation« hat sich an unserm
deutschen Volk und Vaterland vielfach und schwer versündigt. Römischer
Geist und deutscher Geist haben nie zusammengepaßt. Deutschland war
bis auf geringe Reste evangelisch geworden. Aber der »römische« Kaiser
gab die Hoffnung nicht auf es zum Katholizismus zurückzuführen. So hat
er einen Keil ins deutsche Volk getrieben. Bis in die Gegenwart hat es
darunter zu leiden.
Auf mehreren Religionsgesprächen hatte man eine Einigung zwischen
Katholiken und Protestanten herbeizuführen gesucht. Es stellte sich
aber dabei immer heraus, daß die Katholiken unter Einigung nur die
Unterwerfung unter den Papst verstanden. So war es geradezu ein
Segen, daß sie sämtlich ergebnislos verlaufen sind. Auch auf der
Kirchenversammlung, die der Papst im Dezember 1545 nach Trient berief,
war von Verbesserungen der verderbten römischen Kirche gar nicht die
Rede. Man bestritt den Protestanten das Recht, allein auf Grund der
Heiligen Schrift Reformationen vorzunehmen; denn erstens seien die
Beschlüsse der Päpste und der Kirchenversammlungen genau so viel wert
wie die Bibel, und zweitens verstände auch die römische Kirche allein
die Bibel richtig auszulegen.
[Illustration: Kaiser Karl V.]
An eine Unterwerfung der Protestanten auf gütlichem Wege war nicht zu
denken. So hoffte denn Kaiser Karl V. sie mit Gewalt des Schwertes
dazu zwingen zu können. Sobald er frei von seinen auswärtigen Feinden,
insbesondere von Frankreich war, wollte er ans Werk gehen. Im Geheimen
schloß er mit dem Papst einen Bund zur Niederwerfung der Evangelischen
in Deutschland. Der Papst hat ihn selbst verraten. Er verhieß dem
Kaiser »120000 Italiener Zuzug und 200000 Dukaten; dazu die Hälfte
der jährlichen Einkünfte aller spanischen Klöster und die Erlaubnis,
spanisches Kirchengut zu verkaufen bis zu 500000 Dukaten; ja wenn es
nötig sei, werde er die Krone selbst verkaufen zur Unterstützung des
Kaisers gegen die Ketzer.«
[Illustration: Herzog Moritz von Sachsen.]
Auch in Deutschland selbst suchte sich Karl Hilfe für sein Unternehmen.
Außer zwei Verwandten des vertriebenen Wolfenbüttler Herzogs (s. oben
S. 97) gelang es ihm Herzog Moritz von Sachsen für sich zu gewinnen.
Lange hatte dieser geschwankt, welcher Partei er sich anschließen
sollte. Er wählte die, in deren Gefolge er sich den größten Vorteil
versprechen durfte. Der Kaiser verhieß ihm als Lohn für seine Dienste
die Stifter Halberstadt und Magdeburg, sowie Kursachsen. Im Anschluß an
den Kaiser hat Herzog Moritz aber auch gelernt, daß dort der Grundsatz:
»Der Zweck heiligt die Mittel« voll und ganz durchgeführt wurde. Er hat
dann dem Kaiser Gleiches mit Gleichem vergolten.
Im Sommer 1546 sandten die evangelischen Verbündeten dem Kaiser
ein Heer unter der Führung des wackeren Schärtlin nach dem Süden
entgegen. Hätte man rasch gehandelt, so wäre es wohl gelungen, des
Kaisers habhaft zu werden. Aber die Saumseligkeit der evangelischen
Fürsten gewährte dem Kaiser Zeit, sein Heer zu sammeln. Auch jetzt
noch hätten die Evangelischen den Sieg davontragen können, hätte es
nicht ihrem Kriegsrat an Ernst und Entschiedenheit gefehlt. Inzwischen
hatte Herzog Moritz fast ohne Schwertstreich Kursachsen besetzt. Der
Mangel an Geldmitteln und die Besorgnisse, die die Nachrichten aus
der Heimat weckten, nötigten die Verbündeten zum Rückzug nach Norden.
Mitte Dezember erschien der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen
in Thüringen. Mit jubelnder Freude begrüßte man ihn. Bald hatte er
sein Land wieder besetzt und auch den größten Teil des albertinischen
Sachsens erobert. Noch einmal schien es, als sollte ihm der Sieg
zufallen. Da rückte der Kaiser mit Ferdinand von Böhmen und Moritz von
Sachsen heran und überraschte den Kurfürsten. In der unglücklichen
Schlacht bei Mühlberg (24. April 1547) verlor dieser Land und Freiheit.
Herzog Moritz wurde mit Kursachsen und der Kurwürde belehnt. Den Söhnen
Johann Friedrichs wurde ein Jahrgehalt gewährt und zu dessen Sicherung
einige Thüringische Ämter verpfändet. Der Kurfürst blieb Jahre lang des
Kaisers Gefangener, nachdem Karls Gnade ihm, dem Geächteten, das Leben
geschenkt hatte.
Damals ging ein tiefes Trauern durch Sachsenland. Man kann's an Philipp
Melanchthon erkennen. Der war aufs Tiefste bekümmert; erst über den
Abfall des Herzog Moritz -- denn wenn dieser auch zehnmal beteuerte,
daß keine Gewalt ihn zur Verleugnung seines evangelischen Glaubens
zwingen könne, und daß es viel besser für Kursachsen wäre, wenn er,
als wenn der Kaiser es besetze, so war es doch klar, daß sein Ehrgeiz
nach Land und Kurhut des Vetters gestrebt hatte. Und wie groß war
Melanchthons Schmerz um seinen gefangenen und entthronten Landesherrn!
»Könnte ich auch so viel Thränen vergießen,« schrieb er, »als Wasser
die Elbe herabfließt, so würde ich doch den Schmerz nicht ausweinen
können, den ich über die Niederlage unseres Fürsten empfinde, welcher
gewiß ein Freund der Kirche und der Gerechtigkeit war.«
Auch der Landgraf Philipp von Hessen geriet in die Gefangenschaft des
Kaisers. Das Bündnis der Protestanten gesprengt, die fürstlichen Führer
gefangen -- das war das Ende des Schmalkaldischen Krieges. Jetzt war
der Kaiser wieder unumschränkter Herr in Deutschland. Auf seine Gnade
war der Protestantismus angewiesen.
[Illustration]
2. Das Interim.
Wir können nichts wider die Wahrheit,
sondern für die Wahrheit.
2. Cor. 13, 8.
Daß es unmöglich war, den Katholizismus wieder zu unumschränkter
Herrschaft im ganzen Reich zu bringen, sah Karl V. wohl ein. Noch gab
es mächtige protestantische Fürsten und Städte. Auch sagte er sich,
daß es ein undankbares Geschäft sei, für den Papst in den Krieg zu
ziehen. Dieser hatte seine Versprechungen schlecht gehalten. Auch hatte
er bald die Kirchenversammlung von deutschem auf italienischen Boden
verlegt. Karl verfolgte ein doppeltes Ziel: Erstens wollte er die stark
erschütterte kaiserliche Macht wieder zur Anerkennung bringen. Zweitens
sollte in seinem Reiche die Einheit der Kirche wieder hergestellt
werden. Auf beiden Seiten, auf katholischer wie auf protestantischer
mußte etwas nachgegeben werden, damit solche Einheit zu Stande
käme. Entzog sich der Papst dem kaiserlichen Wunsche die Kirche zu
verbessern, so wollte es nunmehr der Kaiser ohne den Papst thun.
Das geschah auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1548. Man faßte
den Beschluß, daß den Priestern die Ehe zu gestatten und das heilige
Abendmahl unter beiderlei Gestalt auszuteilen sei. Der Pomp der
katholischen Prozessionen und Feste sollte beibehalten werden. Den
Protestanten räumte man den Satz ein, daß der Mensch nicht durch
seine guten Werke, sondern durch das Verdienst Jesu Christi aus
Gottes Barmherzigkeit gerecht werde. Man nannte diese Beschlüsse das
~Augsburger Interim~; denn sie sollten nur auf Zeit gelten,
nämlich so lange, bis eine Kirchenversammlung eine endgiltige
Entscheidung treffen würde. Nach des Kaisers Meinung sollte das Interim
für Protestanten ~und~ Katholiken gelten. Aber mit Entschiedenheit
lehnte es der Papst für seinen Teil ab, da es durchaus nicht Sache des
Kaisers sei, Religionsgesetze zu erlassen. Selbstverständlich folgten
dem Papst die katholischen Stände Deutschlands.
Wie stellten sich die deutschen Protestanten zum Interim? Standhaft
weigerte sich der gefangene sächsische Kurfürst, dasselbe anzuerkennen,
ebenso die Stadt Magdeburg. Die Kurfürsten von Brandenburg und von der
Pfalz, der Landgraf von Hessen und der Herzog von Württemberg nahmen es
an. Aber weithin setzten evangelische Prediger, die in der Annahme des
Interims mit Recht eine Verleugnung der lauteren evangelischen Wahrheit
erblickten, demselben entschiedenen Widerstand entgegen, unbekümmert
darum, daß man sie aus Amt und Brot verstieß und aus der Heimat
verjagte.
In einer schwierigen Lage befand sich Kurfürst Moritz von Sachsen. Dem
Lande gegenüber hatte er zugesagt, die lautere Lehre des Evangeliums
zu schützen -- diese enthielt aber das Interim keineswegs -- und
der Kaiser forderte von ihm gehorsame Durchführung seines Willens.
Moritz meinte beiden Verpflichtungen gegenüber gerecht werden zu
können indem er einen Mittelweg einschlug. Diesen Weg sollte Philipp
Melanchthon zeigen. Gern hätte der Kaiser Melanchthon in seiner Hand
gehabt und unschädlich gemacht. Schon hatte er von Kurfürst Moritz
dessen Auslieferung gefordert. Dieser aber antwortete dem Kaiser:
»Euer Majestät möge sich besser erkundigen; sie wird sehen, daß sie
unrecht über Magister Philipp berichtet ist, der, ein gottesfürchtiger,
friedliebender und gelehrter Mensch, zu Wittenberg und in den Landen
umher etliche gute Kirchengebräuche erhalten und viel Sekten und
Uneinigkeit verhütet hat.« Melanchthon prüfte auf des Kurfürsten Befehl
das Interim. Sein Urteil lautete: »Ich will überhaupt mein Gewissen
nicht beladen mit diesem Buch; denn so die Regenten uns dringen würden,
es also zu halten laut des Buchstabens, so würde eine große Verfolgung
und viel Betrübnis und Ärgernis daraus kommen.« Die kurfürstlichen Räte
thaten alles, Melanchthon zu bewegen in mancherlei Dingen, die zunächst
die evangelische Lehre nicht betrafen, nachzugeben. Das Ergebnis
ausgedehnter Verhandlungen der Wittenberger Theologen und des Leipziger
Superintendenten Pfeffinger legte Kurfürst Moritz im Dezember 1548 dem
Leipziger Landtag vor. Dieser nahm den ihm unterbreiteten Entwurf, das
Leipziger Interim, nach mancherlei Widerspruch an.
Wie hat damals die Entschiedenheit, die Unbeugsamkeit und
Standhaftigkeit Luthers gefehlt! Das Leipziger Interim mit seiner
Unklarheit und seinem vorsichtigen Umgehen eines festen evangelischen
Bekenntnisses war das traurige Zeugnis, daß es den Protestanten am
Mute des Glaubens fehlte, der Luthers Stärke und Sieg gewesen war.
Mit Gewalt suchte es Kurfürst Moritz in seinem Lande zur Anerkennung
zu bringen. Daß es dauernden Frieden bringen könnte, hat wohl niemand
ernstlich geglaubt.
[Illustration]
3. Endlich Friede!
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über
euch habe, spricht der Herr, nämlich Gedanken
des Friedens und nicht des Leides, daß ich
euch gebe das Ende, des ihr wartet.
Jer. 29, 11.
Schmerzlich empfand es Kurfürst Moritz, daß die Evangelischen,
insbesondere auch seine eigenen Unterthanen ihn für einen Verräter der
protestantischen Sache ansahen. Es erschien ihm wohl nicht zweifelhaft,
daß der Kaiser, wenn's ihm seine Macht und die Verhältnisse gestatten
würden, auch gegen ihn Gewalt brauchen werde. Schon jetzt fühlte er
sich gedrückt und in seiner Freiheit beeinträchtigt durch das Verlangen
des Kaisers, in seinem Lande das Interim einzuführen und anzuerkennen,
was die päpstliche Kirchenversammlung beschließen werde. Das alles
führte ihn zu dem Entschluß, die Fahne des Kaisers zu verlassen und die
Sache des Protestantismus zu retten.
Im Herbst 1551 lag Moritz mit seinen Truppen vor dem standhaften
Magdeburg, um im Auftrag des Kaisers an der treuen Stadt die
Reichsacht zu vollziehen. Zu ihrer Überraschung erhielt die Stadt bei
ihrer Übergabe die mildesten Bedingungen. Die Festungswerke blieben
unversehrt. Moritz hielt sein Heer auch weiter um sich versammelt. Im
Geheimen hatte er sich mit Mecklenburg, dem Markgrafen von Brandenburg
und den Söhnen Philipps von Hessen verbunden; auch mit Frankreich
hatte er einen Vertrag geschlossen. Sorgsam mußte alles vor dem Kaiser
verborgen werden. Und in der That ist diesmal der Sachse klüger
gewesen, als der Kaiser mit seinen durchtriebenen Räten. Im Sturme
drang Moritz nach Süden vor. Sein Ziel war Innsbruck. Hier weilte der
Kaiser. »In seiner Spelunke« wollte Moritz »den Fuchs aufsuchen«.
Öffentlich gab er eine Erklärung ab, in der er seinen Schritt
rechtfertigte und begründete. Er wollte der Bedrückung des Evangeliums
ein Ende machen und die deutsche Freiheit retten: »So haben wir einmal
Herz und Mannheit geschöpft, daß wir das beschwerliche Joch von uns
werfen und die alte löbliche Freiheit unseres geliebten Vaterlandes
deutscher Nation erretten mögen.«
Leider wurde Moritz durch die Widersetzlichkeit seiner Truppen etwas
aufgehalten. Sonst wäre es ihm gelungen »den Fuchs in seiner Spelunke«
zu fassen. So aber gelang es dem Kaiser rechtzeitig aus Innsbruck zu
entkommen. Im Vertrag zu Passau (Juli 1552) wurde den Evangelischen
»bis zur endgiltigen Ausgleichung der zwiespältigen Religionen« der
Friede zugesichert.
Das war zugleich das Ende des verhaßten Interims, aber auch das Ende
der Gefangenschaft Philipps von Hessen. Johann Friedrich von Sachsen
hatte bereits in der Nacht, als der Kaiser aus Innsbruck floh, die
Freiheit wieder erlangt.
Was zu Passau vertragsmäßig festgesetzt war, sollte auf einem Reichstag
zum Gesetz erhoben werden. Der Reichstag zu Augsburg (1555) erkannte
den Zustand, wie er damals war, als zu Recht bestehend an. Leider
gelang es den Evangelischen aber nicht, dem Protestantismus auch für
seine weitere Entwicklung volle Freiheit zu erwirken. Die Katholiken
setzten den sogenannten »Geistlichen Vorbehalt« durch. Darnach
sollte es keinem Kirchenfürsten gestattet sein, mit seinem Lande
die katholische Kirche zu verlassen und sein geistliches Fürstentum
in ein weltliches zu verwandeln. Wollte er zur evangelischen Kirche
übertreten, so sollte er seiner geistlichen Würde und seiner weltlichen
Macht verlustig gehen. Das war das Mittel, wodurch die Römlinge
verhinderten, daß das ganze Deutschland evangelisch wurde.
[Illustration]
4. Das »Eintrachtsbuch«.
Seid allesamt gleich gesinnt!
1. Petri 3, 8.
An Einem hat's unserm deutschen Volke und unserer evangelischen
Kirche oft gefehlt, an der rechten Einigkeit. Das hat Vaterland und
Kirche mehr als einmal bitter büßen müssen. Uns ist es heute kaum
verständlich, um welcher Fragen willen man sich im Jahrhundert der
Reformation streiten konnte, und zwar nicht nur in den Kreisen der
Gelehrten, sondern auch in den Gemeinden. Fast schien es, als sollte
ein breiter, tiefer Graben zwischen zwei Parteien in der lutherischen
Kirche gezogen werden. Die eine Partei wollte streng und unentwegt
in Luthers Fußtapfen gehen und meinte das besonders dadurch zu thun,
daß sie jede Annäherung an die Reformierten oder Katholiken sorgsam
vermied. Die andere Partei trug das Gepräge Melanchthon'schen Geistes
und suchte gerade das zu pflegen und zu erweitern, was man mit den
Reformierten oder Katholiken Gemeinsames hatte und worüber man sich
die Friedenshand reichen könnte. Daran nahmen jene strengen Lutheraner
heftigen Anstoß. Als im Leipziger Interim die Philippisten -- so nannte
man die letztere Partei -- den Katholiken mancherlei Zugeständnisse
gemacht hatten, wurden sie für Verräter am wahren Luthertum erklärt.
Die Söhne des gefangenen Kurfürsten von Sachsen gründeten im Jahre 1548
die Universität Jena. Diese sollte ein Hort der unverfälschten und
unverwischten Lehre Luthers sein.
Die Verschiedenheit beider Richtungen zeigte sich vornehmlich in der
Auffassung des heiligen Abendmahls. Melanchthon näherte sich darin
der Lehre Calvins (s. oben S. 93). Man nannte deshalb seine Anhänger
geradezu heimliche Calvinisten (Kryptocalvinisten). Eine Zeit lang
hatten sie in Sachsen die Oberhand. Als aber von ihren Führern offen
die Einigung der Lutheraner mit den Calvinisten empfohlen wurde,
schritt Kurfürst August von Sachsen im Jahre 1574 zur gewaltsamen
Unterdrückung der Melanchthon'schen Richtung. Ihre Anhänger
wurden verjagt. Ihr Haupt, +Dr.+ Kaspar Peucer, Melanchthons
Schwiegersohn, wurde festgenommen. Zwölf Jahre hat er um seiner
Überzeugung willen im Gefängnis gesessen. Das waren traurige Zeiten.
Der blinde Fanatismus sah und schärfte nur den Unterschied in einer
Lehre. Es fehlte völlig an dem milden Sinn, der in dem gemeinsamen
Glauben an Jesum Christum, den Gekreuzigten und Auferstandenen, den
genügenden Grund zur gegenseitigen Duldung findet.
Schon seit einer Reihe von Jahren erstrebte man ernstlich die Einheit
der evangelischen Kirche Deutschlands. Edle, verständige Fürsten
erkannten die Gefahr, die in der Zersplitterung liegt. Unermüdlich
arbeitete der gelehrte Jakob Andrä in Tübingen an der Herstellung
des Friedens. Die Frucht gemeinsamer Arbeit mehrerer Theologen war
die sogenannte Concordien- oder Eintrachtsformel (1577), die alle
Lehrstreitigkeiten innerhalb der lutherischen Kirche zu schlichten
suchte. Kursachsen, Brandenburg, die Pfalz und über 80 Städte stimmten
ihr zu. An 8000 Männer, Geistliche und Lehrer haben sie unterschrieben
und anerkannt. Wer sich des weigerte, wurde seines Amtes entsetzt und
des Landes verwiesen.
Kurfürst August von Sachsen ließ die Bekenntnisschriften der
evangelischen Kirche samt der Concordienformel in ein Buch
zusammenfassen. Das nannte man das Concordien- oder Eintrachtsbuch. Am
Jubeltage der Augsburgischen Konfession, am 25. Juni 1580, wurde es
feierlich veröffentlicht. Zum Zeichen dafür, daß auch die lutherische
Kirche ein Glied der großen Einen Kirche Jesu Christi auf Erden ist,
sind die drei alten Glaubensbekenntnisse (das apostolische, das
Nicänische und das Athanasianische) vorangestellt. Dann folgen die
Augsburgische Konfession, wie sie im Jahre 1530 dem Kaiser vorgelegt
worden war (s. oben S. 63 ff.), die Schmalkaldischen Artikel (s. oben
S. 68), die beiden Katechismen Luthers (s. oben S. 48 ff.) und die
Concordienformel.
51 Fürsten und 35 Städte haben das »Eintrachtsbuch« unterzeichnet.
[Illustration]
5. Berühmte Prediger, gläubige Dichter und fromme
Künstler des Jahrhunderts der Reformation.
Es sind mancherlei Gaben, aber es ist
Ein Geist.
1. Cor. 12, 4.
Die Reformation stellte Gottes Wort in den Mittelpunkt des
Gottesdienstes. »Der größte Gottesdienst«, sagte Luther, »ist die
Predigt. Durch sie kommt Christus zu dir oder du wirst zu ihm
gebracht.« Die Predigt schloß der Gemeinde den ganzen Reichtum des
göttlichen Wortes auf.