Schon darin zeigt sich ein wichtiger Unterschied in der Lehre Zwinglis

und Luthers. Was nicht wider die Schrift ist, sagte Luther, kann

geduldet werden. Was nicht aus der Schrift bestätigt werden werden

kann, muß beseitigt werden, sagte Zwingli. Aber ein tieferer und

verhängnisvollerer Unterschied trat in der Abendmahlslehre beider zu

Tage. Luther lehrte die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi in

Brot und Wein beim Genusse des heiligen Abendmahls (vergl. das erste

Fragstück des fünften Hauptstücks). Zwingli verstand unter Brot und

Wein nur Sinnbilder des Leibes und Blutes Christi und lehrte nicht eine

leibliche, sondern nur eine geistige Gegenwart des Herrn in seinem

Mahle. Es brach darüber ein heftiger, nicht ohne Leidenschaft geführter

Streit zwischen beiden Männern aus. Auch auf dem Religionsgespräch

zu Marburg im Jahre 1519, an dem Zwingli teilnahm, kam es zu keiner

Einigung. Es ist tief zu bedauern, daß gerade das Liebesmahl des

Heilands der Gegenstand des Streites und der Entzweiung geworden ist.

Welch eine Macht wäre das protestantische Deutschland, einig mit den

Schweizern, gewesen!

Aber auch nicht alle Schweizer Kantone nahmen das Evangelium an. In den

fünf Urkantonen Schwyz, Uri, Zug, Unterwalden und Luzern behielten die

Römischen die Oberhand und unterdrückten alle evangelische Regungen mit

Gewalt. Es kam schließlich zwischen den katholischen und evangelischen

Kantonen zu blutigem Kriege. Zwingli zog selbst mit in den Kampf. »Ich

will in Gottes Namen,« sprach er, »hin zu den biederen Leuten und mit

ihnen sterben oder sie retten helfen.« In der Schlacht bei Kappel am

11. Oktober 1531 hat er den Tod gefunden. Über seinem Leichnam hielten

die Feinde noch Gericht. Man mißhandelte, vierteilte und verbrannte

ihn. Die Reformation haben sie aber damit aus der Schweiz nicht tilgen

können, wenn sie auch hinfort vielfach ihre Stammesgenossen zwangen,

zum alten Glauben zurückzukehren. Als Luther die Nachricht von Zwinglis

Tode erhielt, hat er, wie er selbst erzählt, die ganze Nacht vor Weinen

nicht schlafen können.

Zweier Männer soll hier noch gedacht werden, eines treuen Freundes und

eines berühmten Schülers Zwinglis. Der treue Freund hieß ~Johann

Ökolampadius~, der Schüler, der zugleich Zwinglis Nachfolger in

seinem Züricher Amte gewesen ist, ~Heinrich Bullinger~.

~Johann Ökolampadius~ stammte aus der schwäbischen Stadt

Weinsberg, wo er im Jahre 1492 geboren wurde. In Heidelberg hat er

fleißig studiert, auch andere Universitäten besucht. Daß der Kurfürst

Philipp von der Pfalz ihm die Erziehung seiner Söhne anvertraute,

war gewiß das beste Zeugnis für seine Tüchtigkeit. Eine Zeitlang ist

er Pfarrer in seiner Vaterstadt Weinsberg, dann Domprediger in Basel

gewesen. Im Jahre 1518 finden wir ihn als Prediger in Augsburg. Dann

ging er in ein Kloster nicht weit von dieser Stadt. Da hat er in

stiller Zurückgezogenheit eifrig sich mit Gottes Wort beschäftigt. Die

Überzeugung, daß Klosterleben und evangelische Wahrheit sich nicht

mit einander vertragen, nötigten ihn bald, die Mönchskutte wieder

auszuziehen. Er trat als evangelischer Schloßprediger in den Dienst des

bekannten Ritters Franz von Sickingen auf der Ebernburg bei Mainz. So

ist der Mann viel umhergezogen, bis Gott ihn an die Stätte führte, wo

er die wichtigste Aufgabe seines Lebens erfüllen sollte. Das war die

Stadt Basel. Hier hat er als Prediger und Universitätslehrer treulich

bis an seinen Tod gewirkt. Die Geschichte hat ihm den Ehrennamen des

»Reformators von Basel« gegeben. Nur wenige Wochen überlebte er den Tod

seines Freundes Zwingli. Er starb am 24. November 1531.

[Illustration: Johann Ökolampadius.]

Ein Sohn der Schweizer Berge wie Zwingli war ~Heinrich Bullinger~,

am 18. August 1504 in Bremgarten im Kanton Aargau geboren. Während

seiner Studienjahre in Köln las der außerordentlich begabte Jüngling

fleißig Luthers und Melanchthons Schriften, die ihn an die Bibel, als

die alleinige Quelle der göttlichen Wahrheit wiesen. Von aufrichtiger

Begeisterung für die reine Lehre des Evangeliums erfüllt, wurde der

21jährige Magister Bullinger Lehrer an der Klosterschule zu Kappel.

Viele nahmen hier sein Wort mit Freuden auf, andere haßten ihn als

einen Feind der römischen Kirche. Schon damals kam Bullinger mit

Zwingli zusammen und sprach sich über das aus, was seine Seele bewegte.

Bald aber durfte er auf einige Monate nach Zürich gehen, um andächtig

zu Zwinglis Füßen zu sitzen. Seiner Vaterstadt Bremgarten, die ihn

dann als ihren Pfarrer berief, hat er das Beste gebracht, das lautere

Evangelium. Nach der Schlacht bei Kappel mußte er fliehen. Er wandte

sich nach Zürich, wo er halb zum Nachfolger Zwinglis gewählt wurde.

Aber seine segensreiche reformatorische Thätigkeit beschränkte sich

nicht auf diese Stadt. Selbst Könige und Fürsten haben seinen weisen

Rat geschätzt und gesucht. Nachdem er fast ein halbes Jahrhundert der

Züricher Gemeinde gedient und »sich durch seinen eisernen Fleiß, seinen

nüchternen, praktischen Sinn, durch seine tiefe Einsicht, seine Treue

an der evangelischen Wahrheit um die Befestigung der Reformation hoch

verdient gemacht hatte«, ging er am 17. September 1575 zur ewigen Ruhe

ein.

[Illustration]

2. Johann Calvin.

Ich, auf mein Gewissen vertrauend, fürchte

keinen Angriff; denn was können sie Schlimmeres

bereiten als den Tod.

Calvin.

Auch der französischen Schweiz sandte Gott ihren Reformator. Das

war Johann Calvin, der Sohn eines französischen Vaters und einer

deutschen Mutter, am 10. Juli 1509 zu Noyon in der Pikardie geboren.

In dem ernsten Knaben sahen die Eltern frühzeitig den zukünftigen

Gottesgelehrten. Aber auf mancherlei Umwegen führte Gott das erwählte

Rüstzeug in die Arbeit in seinem Weinberge. Nach dem Wunsche des

Vaters, dem die Laufbahn eines Rechtsgelehrten glänzender und

vorteilhafter als die eines Dieners der Kirche erschien, widmete sich

Calvin dem Studium der Rechtswissenschaft. Aber sein Geist fand in der

juristischen Gelehrsamkeit keine Befriedigung und sein Herz in der

Religion der Väter keinen Frieden. Calvin wandte sich nach dem Tode

seines Vaters nach Paris und studierte dort mit rastlosem Fleiße die

Heilige Schrift.

Heiße Kämpfe hatte er zu bestehen. In diese Zeit fiel seine innere

Umwandlung. Sie erschien ihm selbst wie ein Wunder Gottes an seiner

Seele. Rasch und gewaltig, wie Calvin selbst erzählt, vollzog sie sich.

Seitdem stand er oft lehrend im Kreise seiner evangelischen Freunde zu

Paris. Er pflegte seine Predigten zu schließen mit dem Spruche: Ist

Gott mit uns, wer mag wider uns sein? (Röm. 8, 31).

Bald sollte Calvin den Trost, den der Gläubige aus diesem Spruche

gewinnt, recht nötig brauchen. Blutige Verfolgungen brachen über die

Evangelischen Frankreichs herein. In Paris haben deren sechs die Treue

zu ihrem Heiland mit dem Feuertod besiegelt. Calvin fand in Basel eine

Zuflucht. Dort hat er sein berühmtestes Werk, eine Verteidigung seiner

Lehre, geschrieben.

Gern hätte Calvin die Stille aufgesucht und sich für immer gelehrten

Arbeiten gewidmet. Gott hatte aber mit ihm anderes vor. Im Jahre 1536

kam Calvin nach Genf. Hier hatte vor kurzem die Reformation ihren

Einzug gehalten. Aber Volkssache war sie noch nicht. Die äußerlich

angenommene Reformation nun auch in die Herzen zu pflanzen, das war

die große Aufgabe, vor der Wilhelm Farel, Genfs Reformator, stand. In

der Hoffnung, unerkannt zu bleiben, hatte Calvin nur eine Nacht in

Genf zubringen wollen. Aber Farel erfuhr doch von seiner Ankunft. Es

war ihm, als riefe eine Stimme von oben her: Dieser soll dein Gehilfe

werden! Aber Calvin lehnte seine Bitte, in Genf zu bleiben, beharrlich

ab, bis Farel ihn bedrohte: »Nun so verkündige ich dir im Namen des

Allmächtigen, daß Gottes Fluch auf dir ruhen wird, da du nicht Christi,

sondern deine eigene Ehre suchst!« Diese Worte machten einen solchen

Eindruck auf Calvin, daß er seinen Widerstand aufgab und in Genf blieb.

Er hat treulich gearbeitet, fleißig die Heilige Schrift im Dom zu St.

Peter ausgelegt, aber auch Farel in Predigt und Seelsorge, wie in dem

Werke der Befestigung der Reformation wacker unterstützt.

[Illustration: Johann Calvin.]

Es sollte aber noch zu einem bitteren Kampfe kommen. Die Genfer

wünschten nicht die Herrschaft der Kirche, während die Prediger die

volle Unabhängigkeit von der Staatsgewalt forderten. Zu Ostern 1538

erklärten die Prediger, unter ihnen auch Calvin, sie würden hinfort den

Genfern nicht mehr das Abendmahl reichen. Die Ausweisung der Prediger

war die Antwort der Bürgerschaft. Calvin wandte sich nach Straßburg,

wo ihn Straßburgs edler Reformator, Martin Butzer, festzuhalten

wußte. Von hier aus trat Calvin in enge Beziehungen zu den deutschen

Evangelischen, insbesondere auch zu Melanchthon. Gern hätte er eine

Vereinigung der Lutherischen und Reformierten herbeigeführt. Seine

Abendmahlslehre steht in der Mitte zwischen der Zwinglis und Luthers.

Er lehrte: Der gläubige Kommunikant empfängt den verherrlichten Leib

Christi.

Die Genfer hätten es wohl im Jahre 1538 nicht geglaubt, wenn ihnen

jemand gesagt hätte: Nach ein paar Jahren werdet ihr eben diesen Johann

Calvin, den ihr jetzt vertreibt, inständigst bitten zurückzukehren. Das

geschah im Jahre 1541. Nach langem Bitten ließ sich Calvin zur Rückkehr

bewegen. Mit Freuden wurde er in Genf wieder aufgenommen. Sofort ging

er daran, die Kirche in feste Ordnungen zu kleiden. Sein Streben,

strengste Sittenzucht zu üben, fand freilich bei allen denen lebhaften

Widerstand, die weder von dem Ernst des christlichen Glaubens noch der

Strenge des christlichen Lebens etwas wissen wollten. Mit strengsten

Strafen ging man gegen offenbare Sünder vor. So wurde zum Beispiel

ein Kind enthauptet, weil es Vater und Mutter geschlagen hatte. Da

zeigt sich freilich mehr der Geist alttestamentlicher, verurteilender

Gesetzesstrenge, als neutestamentlicher, erziehender Liebe. Das tritt

insbesondere in dem Verfahren gegen den Gotteslästerer Servede hervor,

der seinen Frevel auf dem Scheiterhaufen büßen mußte.

Die Stadt Genf wurde weithin gerühmt als eine Musterschule christlichen

Lebens. Tausende, die um ihres evangelischen Glaubens willen vertrieben

worden waren, fanden in Genf eine neue Heimat, Engländer, Italiener,

Spanier, insbesondere Franzosen.

Calvin starb am 27. Mai 1564. Kein Grabstein zeigt die Stätte an, da

man ihn begrub. Er hatte es ausdrücklich so gewünscht. Sein Name aber

steht auf alle Zeiten im Buche der Geschichte als der eines selbstlosen

und treuen Bekenners Christi und eines rastlosen, rührigen Arbeiters in

seinem Weinberge.

[Illustration]

[Illustration]

Die Asche will nicht lassen ab,

Sie stäubt in allen Landen.

Luther.

Dritter Abschnitt.

Der Siegeszug des Evangeliums im Jahrhundert

der Reformation.

[Illustration]

1. Deutschland.

In der Nacht vor Allerheiligen (1. November) 1517, also in der Nacht,

nachdem Luther seine Thesen angeschlagen hatte, soll Kurfürst Friedrich

der Weise auf seinem Schlosse Schweinitz einen merkwürdigen Traum

gehabt haben. Er sah, wie ein Mönch, den Gott im Geleite aller Heiligen

zu ihm geschickt hatte, mit seiner Erlaubnis etwas an die Schloßkirche

zu Wittenberg schrieb: »Der Mönch machte so große Schrift, daß ich sie

hier zu Schweinitz erkennen konnte. Er führte auch so eine lange Feder,

daß sie bis gen Rom reichte und einen Löwen, der zu Rom lag (der Papst

hieß Leo d. h. auf deutsch: Löwe) mit dem Sturz in ein Ohr stach, daß

der Sturz wieder zum andern Ohr herausging, und streckte sich die Feder

ferner bis an der päpstlichen Heiligkeit dreifache Krone und stieß so

stark daran, daß sie begann zu wackeln und wollte ihrer Heiligkeit vom

Haupte fallen. -- -- Bald hernach kommt ein Geschrei aus, es wären

aus der langen Mönchsfeder unzählig viel andere Schreibfedern hier

zu Wittenberg gewachsen, und sei mit Lust anzusehen, wie sich viel

gelehrte Leute darum reißen, und meinen einesteils, diese neuen, jungen

Federn werden mit der Zeit auch so groß und lang werden, wie dieselbe

Mönchsfeder, und es werde gewiß etwas Sonderliches auf diesen Mönch und

seine Feder folgen.«

[Illustration: Herzog Georg.]

Mag dieser Traum wahr sein oder nicht, jedenfalls ist das wahr, was

er sagen will: Die gewaltigen Folgen der Thesen Luthers und seines

gesamten Wirkens. Wie hatte sich doch der Papst geirrt, als er die

Sache, die Luther angefangen hatte, für ein bloßes Mönchsgezänk

erklärte! Erst zwei Jahrzehnte waren seit Luthers Thesenanschlag

dahingegangen, als nur noch einige wenige deutsche Fürsten übrig

waren, die meinten, dem Evangelium und der Wahrheit trotzen zu können.

Die Herzöge von Bayern, Georg von Sachsen, Heinrich von Wolfenbüttel

und die Erzbischöfe von Mainz und Salzburg schlossen im Jahre 1538 zu

~Nürnberg~ einen »~heiligen Bund~« »für die Herrschaft oder

doch für die Rettung des Katholizismus in Deutschland.« Das war der

Rest der katholischen Fürsten in deutschen Landen. So rasch war das

Evangelium von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gezogen, getragen von

Luthers Schriften, von seiner deutschen Bibel, von seinem deutschen

Katechismus und dem deutschen evangelischen Kirchenlied, verbreitet

von den Studenten, die in Wittenberg zu den Füßen der Reformatoren

gesessen, und von den Kaufleuten, die auf ihren Reisen Gelegenheit

hatten, evangelische Predigten zu hören.

[Illustration: Herzog Heinrich.]

Und noch ehe Luther starb, war auch im Herzogtum Sachsen und im Lande

Heinrichs von Wolfenbüttel dem Evangelium eine freie Bahn geöffnet.

Herzog Heinrich führte nach seines Bruders Georg Tode (1539) rasch

die Reformation in dem ihm zugefallenen Landesteile ein. Der Herzog

von Wolfenbüttel war auf seinem Zuge gegen Goslar von hessischen und

sächsischen Truppen gefangen genommen worden (1542). Sein Land kam an

seine Söhne und erfreute sich nunmehr gleichfalls der lauteren Predigt

des Evangeliums.

So war ganz Norddeutschland evangelisch geworden. Nicht viel anders

war es im Süden. Württemberg bekannte sich seit 1534 zur Reformation.

In der Oberpfalz hatte schon frühzeitig das Evangelium den Sieg

davongetragen und in der Kurpfalz wurde 1546 die Reformation

eingeführt. Auch Bayern wäre seinen Nachbarn gefolgt, wenn nicht seine

Herzöge, durch ihre Verbindung mit den Habsburgern genötigt, der

Ausbreitung der Reformation nach Kräften gewehrt hätten. Es gelang

ihnen zwar, äußerlich die Herrschaft der römischen Kirche aufrecht

zu erhalten. Aber die Reichsstädte in Bayern bekannten sich zu dem

Evangelium und wurden und blieben für weite Kreise Mittelpunkte der

reformatorischen Bewegung. Selbst in den Bistümern Würzburg, Bamberg

und Augsburg waren die Protestanten in der Mehrzahl.

[Illustration]

2. Die habsburgischen Lande.

Wie in England der Geist Wiclefs, so war in ~Böhmen~ der Geist

Huß' lebendig geblieben. Trotz vieler Bedrängnisse bestanden Anfang

des 16. Jahrhunderts ungefähr 400 Gemeinden böhmischer und mährischer

Brüder.

[Illustration: Joh. Honterus.]

Der Boden für die Reformation war gut bereitet. Kein Wunder, wenn sie

sich rasch ausbreitete. Dank der Duldung, die dem Protestantismus

widerfuhr, und Dank der Freiheit, die auf religiösem Gebiete

den Landständen gewährt wurde, bekannte sich im Erzherzogtum

~Oesterreich~ bald wohl der überwiegende Teil des Volkes zum

Evangelium. Nach ~Ungarn~ hatten viele in Wittenberg studierende

Landeskinder die Reformation mitgebracht. Obgleich vom Reichstag als

Ketzerei gebrandmarkt und mit Feuer bedroht, dehnte sie sich rasch aus.

Die Königin Maria selbst war ihr von Herzen zugethan. Nach der Schlacht

bei Mohacz (1526) und dem Tode König Ludwigs errang sich Ferdinand

von Oesterreich mit dem Schwerte in der Hand gegen eine Partei, die

dem Luthertum den Tod geschworen hatte, die ungarische Königskrone.

Er ließ dem Protestantismus Duldung widerfahren. Die Folge davon

war, daß insonderheit der ungarische Adel sich bald zur Reformation

bekannte. Während die Magyaren dem reformierten Bekenntnis anhingen,

erklärten sich die Slaven und die Deutschen für das Luthertum. Auch

im benachbarten ~Siebenbürgen~ erlangte der Protestantismus die

Herrschaft. Einmütig mit ihren Pfarrern traten ganze Gemeinden aus der

römischen Kirche aus. Johann Honterus, von dem Luther sagte: »Das ist

wahrlich ein Apostel, den der Herr dem Ungarlande erweckt hat«, wurde

der Reformator Siebenbürgens. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren

Protestanten und Katholiken in den habsburgischen Landen ungefähr

gleich an Zahl.

[Illustration]

3. Die Niederlande.

In den Niederlanden hatten die frommen »Brüder des gemeinsamen Lebens«,

die fleißig die Heilige Schrift lasen und den evangelischen Rest in der

Lehre der katholischen Kirche hervorhoben und pflegten, der Reformation

vorgearbeitet. Von Johann Wessel, der unter jenen Brüdern aufgewachsen

war, bekannte Luther: »Wenn ich den Wessel zuvor gelesen, so ließen

meine Widersacher sich dünken, Luther hätte alles von Wessel genommen,

also stimmte unser beider Geist überein.« Luthers Schriften fanden

rasch Verbreitung. Zahlreiche Beziehungen zu Frankreich und zur Schweiz

führten aber später dazu, daß die reformierte Lehrauffassung die

herrschende wurde.

Frühzeitig begann in den Niederlanden infolge ihrer Zugehörigkeit zu

Spanien die blutige Verfolgung der Evangelischen. Hier haben die ersten

Märtyrer (s. oben S. 45) den Scheiterhaufen bestiegen. Unter Karl V.

und Philipp II. sind viele Hunderte evangelischer Niederländer im

Kerker, auf dem Scheiterhaufen oder dem Blutgerüst gestorben.

Herzog Alba sollte mit Heeresgewalt die Niederlande dem Katholizismus

zurückerobern (1567). Während seiner sechsjährigen Thätigkeit hat

er 18000 Menschen hinrichten lassen. Endlich erhob sich das arme,

geknechtete Volk einmütig unter Wilhelm von Oranien. Obgleich die

südlichen katholischen Provinzen sich von den übrigen trennten,

gelang es doch den nördlichen evangelischen Landesteilen sich endlich

nach langem, heißen und blutigen Krieg die bürgerliche und religiöse

Freiheit zu erobern (1609).

[Illustration]

4. Der Norden Europas.

Wie anderwärts, so setzten auch in ~Dänemark~ die Bischöfe der

Einführung der Reformation nachhaltigen Widerstand entgegen. Es war

ihnen gelungen, König Christian II., der dem Evangelium zugethan war,

zu stürzen. An seiner Stelle ward Friedrich von Holstein zum König

erhoben. Wenn aber die römische Partei gemeint hatte, an dem neuen

Herrscher einen Schirmherrn des Papsttums zu haben, so war sie in

großem Irrtum gewesen. Immer mehr breitete sich die Reformation im

Volke aus. Der Reichstag zu Odense (1527) erkannte den Evangelischen

gleiche Rechte mit den Katholischen zu. Als Christian III. im Jahre

1536 den Thron bestieg, war das Ende des Katholizismus in Dänemark

gekommen. Bugenhagen wurde aus Wittenberg ins Land gerufen, den König

zu krönen und die evangelische Kirche Dänemarks zu ordnen. In dem unter

Dänemarks König stehenden ~Norwegen~ führte ein Beschluß der

Volksgemeinde die Reformation ein. Auch ~Island~ nahm das lautere

Evangelium an.

Merkwürdig ist es, wie ~Schweden~ zur Reformation kam. In dem

Lande, das später so zäh am Evangelium festhielt, dessen König der

Retter der Glaubensfreiheit für die Welt werden sollte, hat man

zunächst aus äußeren Beweggründen den Katholizismus beseitigt. Gustav

Wasa, der dem Meuchelmord in Stockholm entronnen war, hatte sich an die

Spitze des Schwedenvolkes gestellt, um es von dem Joche der dänischen

Herrschaft zu befreien. Zu dem Kampfe brauchte er Geld. Er gewann es,

ohne dem Volke eine Last aufzulegen, indem er Kirchen und Klöstern

ihre reichen Stiftungen abnahm. Mit dem äußeren Besitze waren aber

auch Macht und Einfluß der römischen Kirche gebrochen und ungehindert

hielt die Reformation ihren Einzug. Den Versuch, den Gustav Wasa's

Sohn, Johann III., machte, dem Katholizismus wider zu seiner Macht zu

verhelfen, vereitelte eine Volkserhebung. Johanns Nachfolger aber,

Sigismund, mußte seine Neigung zur römischen Kirche mit der Krone

bezahlen, die das Volk dem protestantischen Karl IX., dem Vater Gustav

Adolfs, aufs Haupt setzte. Man sieht: rasch ist die Reformation eine

Herzenssache geworden, die dem Schwedenvolke um keinen Preis feil ist.

Zum Norden gehörte auch das ~Polenreich~, das sich zwischen

Deutschland und Rußland einschob. Die Anfänge der evangelischen

Bewegung in Polen knüpften sich an den Namen des edlen Johann von

Lasko, der sein Amt als Propst zu Gnesen um seiner evangelischen

Überzeugung willen aufgab und infolge dessen Polen verlassen mußte

(1536). Zahlreiche Polen studierten in Wittenberg und brachten das

Evangelium und Begeisterung für die Reformation mit in die Heimat.

Viele aus Österreich vertriebene Evangelische zogen nach Polen. So fand

die Reformation ausgedehnte Verbreitung. Leider hat sie in Polen keine

bleibende Stätte gehabt, während sie in ~Kurland~, ~Livland~

und ~Estland~ bis auf die Gegenwart unter manchen heißen Kämpfen

sich behauptet hat.

[Illustration]

5. Großbritannien und Irland.

In England war der Geist Wiclefs lebendig geblieben. Zwei edle

Männer reichten dem Volke die Heilige Schrift in der Muttersprache.

Sie empfingen ihren Lohn durch den Henker. König Heinrich VIII. von

England sagte sich vom Papste los und erklärte sich selbst zum Haupte

der englischen Kirche, nicht etwa, weil sein Herz sich dem Evangelium

zugeneigt hätte, sondern weil der Papst sich weigerte, des Königs

Ehe mit Anna Boleyn für giltig zu erklären. Heinrich war weit davon

entfernt, der Reformation Luthers sein Land zu öffnen, obgleich die

Anhänger der lauteren evangelischen Lehre auch in England stetig an

Zahl wuchsen. Nach Heinrichs Tode gewann der Protestantismus dort die

Oberhand. Mit allen Mitteln suchte die Königin Maria die Reformation

auszurotten und das Land dem Papste zurückzugewinnen. Da ist viel

Blut vergossen worden und Tausende verließen um ihres Glaubens willen

die Heimat. Aber gerade in der Verfolgung, den evangelischen Glauben

verteidigend, Gut und Blut für die Überzeugung einsetzend, lernte

Englands Volk das Gut der Reformation höher schätzen und schloß es

tiefer in Herz und Gemüt. Ganz andere Zeiten kamen für England mit

der Regierung Elisabeths, der Nachfolgerin Marias. Mit der Gewalt des

Schwertes trat sie jedem entgegen, der England wieder katholisch

machen wollte. Die Reformation siegte. Von mancherlei Äußerem aber in

den prunkenden Formen des Katholizismus hat sich die englische Kirche,

die »bischöflische Staatskirche« nicht getrennt. Die Folge davon war,

daß gegen diese »Staatskirche« sich viele Stimmen erhoben, die auch

jene Formen beseitigt wissen wollten. So ist die evangelische Kirche

Englands zersplittert geblieben.

Die Habsucht der protestantischen Engländer, die die irischen

Katholiken ihres Besitzes zu berauben suchten, machte den Irländern den

Protestantismus verhaßt und verhinderte trotz der Gewalt den Einzug der

Reformation in ~Irland~.

Auch in ~Schottland~ hat der erste Prediger des Evangeliums,

Patrik Hamilton, sein Leben für die Wahrheit gelassen. Aber nach

blutigen Kämpfen trug doch der Protestantismus den Sieg davon. John

Knox, der Freund und Anhänger Calvins, gab der schottischen Kirche das

Gepräge. Alles, was an den katholischen Gottesdienst und das Papsttum

erinnerte, wurde hier -- ganz im Gegensatz gegen die Kirche Englands --

beseitigt.

[Illustration]

6. Frankreich.

Wie anderwärts, so hat auch in Frankreich die Heilige Schrift in der

Muttersprache neues Leben geweckt. ~Faber Stapulensis~ legte

fast zu derselben Zeit, da Luther uns die deutsche Bibel schenkte,

die französische Bibel in die Hand seines Volkes. Er stellte

unumwunden die Heilige Schrift als die einzige Glaubensregel hin

und räumte jedem Christen das Recht ein, seinen Glauben nach dieser

Regel zu prüfen. Auch bekannte er sich zu dem reformatorischen

Grundsatz der Rechtfertigung allein aus dem Glauben. Fabers Freund,

~Gerhard Roussel~, predigte in echt evangelischer Weise auf

Grund des göttlichen Wortes und wurde durch sein christliches Leben

in opferwilliger Liebe für viele ein edles Vorbild. Äußerlich hat er

sich nicht von der römischen Kirche getrennt. Diese aber sah ihn als

Ketzer an. Katholische Fanatiker haben die Kanzel zerschlagen, auf der

er predigte. Roussel starb bald darauf an den schweren Verletzungen

(1550).

Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation · 第 6 / 8 段