So versetzen wir uns denn einmal um Jahrhunderte zurück, kehren ein in

Luthers Hause und wollen einen Tag lang stille Beobachter und Zuhörer

sein! Es ist am frühen Morgen. Schon füllt sich das Wohnzimmer. Wer

sind alle, die da kommen? Dort die ehrwürdige Muhme Lene, Frau Luthers

Tante, die einst auch Nonne im Kloster zu Nimbschen gewesen war und

nun hier eine freundliche Unterkunft gefunden hatte, und mit ihr die

älteren Kinder des Hauses, Hans und Lenchen. Dort mehrere Studenten und

ein vertriebener evangelischer Prediger, dem der gastfreie Hausherr

Herberge gewährt hat. Dort die Dienstboten, die Luther immer zu seiner

Familie rechnete, allerdings mit der Forderung, daß sie wie die Kinder

des Hauses Zucht sich unterwürfen. Und nun treten mit freundlichem

Gruße Hausvater und Hausmutter ein, mit ihnen die drei jüngsten

Kinder, Martin, Paul und Margarethe. In früher Morgenstunde ist die

Hausgemeinde zum Gottesdienst versammelt -- wahrlich ein schönes Bild!

Wenn's doch so in allen Häusern wäre! Dann erst geht's an die Arbeit:

die Hausfrau mit den Dienstboten in die Zimmer und Küche und Keller,

in den Garten und in den Stall! Es gab viel zu thun in diesem Hause!

Der Hausvater und die Studenten nehmen ihre Bücher und eilen in die

Vorlesungen.

[Illustration: Lutherstube in Wittenberg.]

Es ist schon ein gut Stück Tagesarbeit gethan, als um zehn Uhr -- so

war es damals Brauch -- zum Mittagessen gerufen wurde. Von seinen

Vorlesungen war Luther in die Stadtkirche gegangen, um bei der

feierlichen Weihe einiger junger Prediger gegenwärtig zu sein. Dann hat

er fleißig an seinem Schreibtisch gearbeitet, -- morgen soll er auf

Wunsch des Kurfürsten vor dessen Gästen in der Schloßkirche predigen

--, hat mehrere Briefe geschrieben und ist trotz seiner vielen Arbeiten

nicht böse gewesen, als Freund Melanchthon kam, um etwas zu fragen,

als einige Fremde vorsprachen, die ihn nur einmal sehen wollten, und

als eins der jüngsten Kinder anfing, sich neben dem Schreibtisch eine

Spielecke einzurichten und dem Vater etwas laut Gesellschaft zu leisten.

[Illustration: Luthers Familie]

Nicht nur die Hausbewohner stellten sich an Luthers Tische ein.

Mancher arme Student fand da ein Plätzchen. Fremde Gäste, die Luther

besuchten, mußten auch an der Mittagsmahlzeit teilnehmen. Da war's ein

großer Kreis, für den die wackere Hausfrau zu sorgen hatte, und es

mag ihr sehr willkommen gewesen sein, wenn eine dankbare Stadt, der

Luther einen wichtigen Dienst geleistet hatte, oder ein reicher Freund

einmal ein Stück Wildbret in die Küche oder ein Faß Wein in den Keller

schickte. Daß man sich in Luthers Hause nicht ohne Tischgebet zum Essen

setzte, versteht sich von selbst. Eins der Kinder mußte es sprechen.

Bald begann dann eine fröhliche Unterhaltung, wie sie Luther bei Tische

liebte. War ein fremder Gast aus fernen Landen zugegen, der mußte von

seiner Heimat erzählen. Auch manch ernstes Gespräch ist da geführt

worden. Was unser Luther redete, war von Wichtigkeit. Drum haben's

die »Tischgesellen« sich wohl gemerkt, auch manches gleich bei Tische

aufgeschrieben. Wir haben ein paar Bände solcher »Tischreden« Luthers,

in denen es auch an manchem heiteren Wort nicht fehlt.

Nach des Tages Arbeit fand man sich zum Abendbrot wieder zusammen.

Dann geht es hinaus in den wohlgepflegten Garten, wo Luther sich

an der Schönheit der Blumen und am Gesang der Vögel erfreut, Käthe

aber mit Stolz das prächtig gedeihende Gemüse betrachtet. Statt

zum Kegelschieben oder einem anderen Spiel im Freien, wie sonst

oft, fordert Luther heute die jungen Leute auf, noch ein Stündchen

in sein Studierzimmer zu kommen und mit ihm eine »Hausmusika« zu

veranstalten. Ein Krug frisches Bier, von der tüchtigen und fleißigen

Käthe selbst gebraut, erquickt die Sänger. Kaum aber ist die Sonne

untergegangen, so sammelt man sich noch einmal im Wohnzimmer zur

gemeinsamen Abendandacht. Die Kleinen und Kleinsten gehen zur Ruhe. In

dem Turmzimmer aber, dessen Fenster nach der Elbe hinausblickt, ist

noch lange Licht. Dort sitzt der fleißige Luther über der Bibel. Morgen

wollen die Freunde Melanchthon, Bugenhagen, Cruciger, Rörer und andere

kommen, um mit ihm an der Übersetzung einer besonders schwierigen

Stelle des Alten Testaments zu arbeiten. Mitternacht ist's geworden.

Von St. Marien und von der Schloßkirche bringen die Glocken dem neuen

Tag den ersten Gruß. Luther tritt ans offene Fenster, schaut nach dem

sternenbedeckten Himmel, faltet die Hände zum Gebet und spricht seinen

Abendsegen.

So friedlich und freundlich wie heute ist's freilich nicht immer in

Luthers Hause gewesen. Auch Kummer und Sorge, Krankheit und Tod haben

dort ihren Einzug gehalten, und die beiden Eltern haben wie andere

Christenleute ihr Kreuz zu tragen gehabt. Der trübste Tag in Luthers

Hause ist wohl der gewesen, da das dreizehnjährige Lenchen starb. Aber

Luther, der so manchen Trauernden zu trösten gewußt hat, trauerte auch

selbst nicht ohne Trost. Bei den »Heiligen im Himmel« suchte er hinfort

das tote Kind, dessen er auf Erden nach Gottes Rat nur kurze Zeit sich

hatte freuen sollen.

[Illustration]

10. Luthers Freunde.

Ein treuer Freund ist ein Trost des

Lebens; wer Gott fürchtet, der kriegt

solchen Freund.

Sirach 6, 16.

Das wäre eine lange Reihe, wollte man sie alle aufzählen, die zu

Luthers Freundeskreis gehörten -- und wie viele treue Freunde mag er

hin und her in Stadt und Land gehabt haben, deren Namen wir gar nicht

kennen! Nur von solchen Freunden, die unserm Luther am nächsten standen

und von denen der liebe Leser gewiß schon etwas gehört hat, soll hier

kurz die Rede sein!

[Illustration: Friedrich der Weise, Johann der Beständige, Johann

Friedrich der Großmütige.]

Da nennen wir zuerst den wackeren Kurfürst ~Friedrich den Weisen~

von Sachsen. Ihm hatte Luther viel zu danken. Immer hielt er über

seinem Wittenberger Professor seine schützende Hand. Er verhinderte es,

daß man Luther nach Rom brachte. Er weigerte sich, gegen den gebannten

Luther etwas zu thun. Statt dessen brachte er den Geächteten auf der

Wartburg in Sicherheit. Und wie dankbar ist Luther für das alles seinem

Kurfürsten gewesen! Er hat's ihm nicht nur in den Trauerpredigten

gedankt, die er nach des Landesherrn Abscheiden hielt, sondern sein

Leben lang hat er die besonderen Tugenden Friedrichs des Weisen

gerühmt, »neben seiner Weisheit und Vorsicht namentlich seine Milde

gegen seine Unterthanen, seine Liebe zur Gerechtigkeit, seinen Haß

gegen alle Lüge«. Zu Luthers treuesten Freunden haben auch Friedrichs

des Weisen Nachfolger gehört, ~Johann der Beständige~, der

sich oft in der Kirche Luthers Predigten nachschrieb, und ~Johann

Friedrich der Großmütige~, der selten nach Wittenberg kam, ohne sich

von Luther in der Schloßkirche eine Predigt halten zu lassen.

[Illustration: Justus Jonas.]

Der liebe Leser kennt gewiß ein Bild, das Luther in seiner Familie

zeigt. Da ist wohl auch ein Mann zu finden, der mit Luther so

befreundet war, daß man ihn mit zur Familie rechnete: ~Philipp

Melanchthon~! Wer ein treues deutsches Freundespaar nennen soll,

der wird wohl zuerst an die beiden denken, an Luther und Melanchthon.

Verschiedene Leute sind die beiden freilich gewesen: Luther unbeugsam,

rücksichtslos, wenn sich's um die Wahrheit handelte, geradezu in

seiner Rede -- Melanchthon friedesuchend, vermittelnd, fein und

liebenswürdig; Luther mit Entschiedenheit den tiefen Graben zeigend,

der die Evangelischen von der römischen Kirche trennt, -- Melanchthon

in Liebe und Versöhnlichkeit eine Brücke suchend, die über den Graben

führt. Aber so verschieden die beiden Männer waren, eins sind sie doch

gewesen im Glauben und in der Liebe, in der Zartheit ihres Gewissens

und in der Treue. Es war auch eine Fügung Gottes, daß die beiden

Freunde in ihrer Verschiedenheit sich ergänzten. Das haben sie selbst

bald gefühlt, seit sie nebeneinander in Wittenberg wirkten. Im Sommer

1518 war Melanchthon als Lehrer des Griechischen dahin berufen worden,

und schon nach wenigen Monaten schrieb Luther: »Ich habe an Melanchthon

meinen vertrautesten Freund« und Melanchthon bekennt: »Ich möchte

lieber sterben als von diesem Manne mich trennen müssen!« Und wie es

nur rechte Freunde können, haben die beiden Freud' und Leid miteinander

geteilt, miteinander gearbeitet und geduldet, gekämpft, gehofft und

gebetet. Eine Geschichte aus dem Leben beider mag das noch besonders

zeigen. Im Jahre 1540 war Melanchthon auf einer Reise schwer erkrankt.

In Weimar brach er zusammen. Als Luther von der Krankheit hörte, suchte

er den Freund durch einen herzlichen Trostbrief aufzurichten. Umsonst

-- die Krankheit nahm bedenklich zu, so daß der Kurfürst einen Arzt und

mit ihm Luther und Justus Jonas nach Weimar schickte. »Behüt Gott! Wie

hat mir der Teufel dies Werkzeug geschändet!« rief entsetzt Luther,

als er den Freund fand, »die Augen wie gebrochen, das Gehör vergangen,

die Sprache entfallen.« Dann ging er ans Fenster, sank in die Knie

und unter heißen Thränen mit der ganzen Macht seines Glaubens betete

er zu Gott, den Freund aus dem Tode zu erretten. Darauf tritt er ans

Lager, faßt Melanchthon an beiden Händen und spricht: »Sei gutes Muts,

Philipp, Du wirst nicht sterben -- -- vertraue dem Herrn, der töten

und wieder lebendig machen, verletzen und verbinden, schlagen und

heilen kann!« Im Gebete hatte Luther den Weg zum Herzen und zur Hilfe

Gottes, in seinem Zuspruch den Weg zum Herzen des Freundes gefunden.

Wohl war es Melanchthon, als wäre seine Seele schon auf der Heimfahrt

begriffen. »Halte mich um Gotteswillen,« rief er, »nicht länger auf!

Ich bin jetzt auf einer guten Fahrt, lasse mich hinziehen! Es kann mir

nichts Besseres widerfahren.« Bestimmt erwiderte Luther: »Mit nichten!

Du mußt unserm Herrn noch weiter dienen!« Dann holte er zu essen und

zwang den Kranken, in dem der Wille zum Leben wieder zu erwachen begann:

»Hörst du, Philipp! Kurzum, du mußt mir essen oder ich thue dich

in den Bann!« Und Melanchthon aß und als er dann, wie verwundert

darüber, daß er noch lebe, im Zimmer sich umschaute, sah er mit großen

Buchstaben von treuer Freundeshand die Worte des 118. Psalm an der

Wand geschrieben: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des

Herren Werk verkündigen.« So hat Luther seinen Melanchthon aus dem

Tode herausgebetet. Ja, die Heilige Schrift hat recht: »Das Gebet des

Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist!« (Jak. 5, 16).

[Illustration: »Der Weinberg des Herrn« (von Lukas Kranach). -- (Verlag

d. Buchh. d. Diakonissen-Anst. Kaiserswert). Dieses Bild stellt Luther

und seine Freunde bei ihrer Arbeit im Reiche Gottes dar.]

Melanchthon hat seinen Freund Luther um vierzehn Jahre überlebt. Das

sind, wie wir noch hören werden, schwere Jahre gewesen. Wie oft mag

Melanchthon geseufzt haben: Stünde mir doch noch Luther zur Seite! Die

im Leben eins waren, ruhen nun neben einander in der Schloßkirche zu

Wittenberg. Manches Denkmal aber hat die beiden Freunde in lebendigem

Bilde vereint. Sie stehen beide auf dem Wittenberger Marktplatz, über

den sie wohl oft miteinander geschritten sind. Neben Luther steht

Melanchthon auf dem Reformationsdenkmal zu Leipzig.

Von anderen guten Freunden unseres +D.+ Martin Luther seien noch

genannt der Altenburger Superintendent ~Georg Spalatin~, der

Wittenberger Stadtpfarrer ~Johann Bugenhagen~, der berühmte Maler

~Lukas Kranach~, der Nürnberger Dichter ~Hans Sachs~, die Mitarbeiter

an der Bibelübersetzung ~Nikolaus Amsdorf~, ~Kaspar Cruciger~ und

~Justus Jonas~, die Prediger ~Nikolaus Hausmann~ in Zwickau, ~Veit

Dietrich~ und ~Wenceslaus Link~ in Nürnberg, ~Friedrich Mykonius~ in

Gotha, der spätere Wittenberger Generalsuperintendent ~Paul Eber~,

endlich der kursächsische Kanzler ~Gregor Brück~.

[Illustration]

11. Luthers seliger Heimgang.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich

dir die Krone des Lebens geben.

Off. Joh. 2, 10.

Wenn in des Jahres Lauf der Tag wiederkehrt, da einst Vater oder Mutter

starb, legt es sich über das Haus wie stille Trauer. Die Kinder ziehen

hinaus zum Grabe, es zu schmücken mit dem Kranze wehmütigen und

dankbaren Gedenkens. Des Vaters treue Sorge und der Mutter hingebende

Liebe steht an solchem Tage wieder lebendig vor der Seele und aus der

Trauer um die Heimgegangenen erhebt sich das heilige Gelübte, in ihren

Fußtapfen zu wandeln, ihrem Namen Ehre zu machen und treulich ihre

Mahnungen zu erfüllen.

[Illustration: (Luthers eigenhändige Unterschrift eines nach Zwickau

gerichteten Briefes).]

[Illustration: Eisleben.]

Wie ein Vater ist +D.+ Martin Luther der ganzen evangelischen

Christenheit gewesen. Mit stiller Trauer und heiligen Gelübden soll

sie immerdar den 18. Februar begehen. An diesem Tage im Jahre 1546 ist

Luther geschieden. Es war Gottes Fügung, daß er einem Friedenswerke

dienend -- er sollte die Grafen von Mansfeld untereinander versöhnen

-- zum ewigen Frieden einging in derselben Stadt, in der er einst

die Augen zu einem Leben in mutigem Kampfe aufgeschlagen hatte. Es

war Luthers Freude, daß ihm sein Friedenswerk gelang und die Grafen

sich die Hand zur Versöhnung reichten. Am 14. Februar -- es war der

6. Sonntag nach Epiphaniä -- hat er zum letzten Male in Eisleben

gepredigt. Er, der so viele hundert Mal auf der Kanzel gestanden

hatte, hielt seine letzte Predigt dort wo er einst die heilige Taufe

empfangen hatte. Zwei Tage später begannen seine Kräfte sichtlich

abzunehmen. In den ersten Morgenstunden des 18. Februar hat er seine

Seele ausgehaucht. Sein letztes Gebet hat gelautet: »O mein himmlischer

Vater, ein Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, du Gott alles

Trostes, ich danke dir, daß du mir deinen lieben Sohn Jesum Christum

geoffenbaret hast, an den ich glaube, den ich gepredigt und bekannt

habe, welchen der leidige Papst und alle Gottlosen schänden, verfolgen

und lästern. Ich bitte dich, mein Herr Jesu Christe, laß dir mein

Seelchen befohlen sein! O himmlischer Vater, ob ich schon diesen Leib

lassen und aus diesem Leben hinweggerissen werden muß, so weiß ich doch

gewiß, daß ich ewig bei dir bleiben und aus deinen Händen mich niemand

reißen kann!« Luthers letztes Wort war ein freudig bekennendes »Ja!«

auf die Frage der Freunde: »Ehrwürdiger Vater, wollet ihr auf Christum

und die Lehre, wie ihr gepredigt, beständig bleiben?« Dann schlummerte

er in Frieden ein.

Auf Wunsch des Kurfürsten wurde die Leiche nach Wittenberg gebracht. Es

war am Montag darauf, am 22. Februar. Am Elsterthor zu Wittenberg hatte

sich die Universität, der Rat und die Bürgerschaft versammelt. Gegen

neun Uhr fingen die Glocken an zu läuten. Sie grüßten den ernsten Zug,

der Luthers Leiche nach Wittenberg geleitete. Wer da hinter dem Sarge

Luthers Witwe fahren und dahinter die drei Söhne schreiten sah, dem

mußte die Thräne ins Auge treten. An Luthers und Melanchthons Wohnhaus

vorbei ging's nach der Schloßkirche. Dort sprachen Bugenhagen und

Melanchthon. Es war ihnen schwer, den Schmerz, der die Stimme erzittern

machte, zu beherrschen. Nahe der Kanzel senkte man den Sarg ins Grab.

[Illustration: Schloßkirche zu Wittenberg.]

Durch die ganze evangelische Welt ging ein tiefes Trauern und in die

Trauer mischte sich die bange Sorge um die Zukunft. Viel Trübes und

Schmerzliches sollte sie bringen. Aber der Glaube sah von jeher aus

allen Stürmen und Kämpfen siegreich das Evangelium hervorgehen. Als

Friedrich Mykonius in Gotha die Nachricht von Luthers Tode erhielt,

schrieb er an den Kurfürsten von Sachsen: »Dieser +D.+ Luther ist

gar nicht gestorben, wird und kann nicht sterben, sondern wird nun

allererst recht leben!« Luthers Wahlspruch lautete: »Ich werde nicht

sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkündigen« (Psalm 118,

17). Dieser Wahlspruch ist eine Weissagung geworden und die Weissagung

hat sich erfüllt. Luther lebt fort in dem dankbaren Gedächtnis der

evangelischen Kirche. Niemals soll es unter uns vergessen sein, was

wir dem teuren Gottesmann zu verdanken haben! Wir wollen festhalten an

dem lauteren Gotteswort, das durch Luther wieder ans Licht gebracht,

uns befreit hat aus der Finsternis des Papsttums und Jesum Christum

als unsern alleinigen Heiland und alleinigen Trost im Leben und im

Sterben zeigt! Mag die Kirche des Papstes die erhabene Gestalt und die

göttliche Lehre Luthers hassen, verunglimpfen und verfolgen, wie sie

will, es wird dabei bleiben:

Gottes Wort, Lutheri Lehr

Vergehen nun und nimmermehr!

[Illustration]

[Illustration]

Zweiter Abschnitt.

Die Väter der reformierten Kirche.

[Illustration]

Nicht nur von Wittenberg zogen die Gedanken des Evangeliums in die Welt

hinaus. Fast gleichzeitig begann sein Licht in der Schweiz zu leuchten.

Es ist Gottes Wille gewesen, daß neben die evangelisch-»lutherische«

die evangelisch-»reformierte« Kirche trat. Man hat schon in der

Reformationszeit versucht, die beiden zu vereinen. Vielleicht wäre Eine

große evangelische Kirche mächtiger gewesen. Die beiden Kirchen sind

wie zwei Schwestern. Jede hat ihre Eigentümlichkeiten. Aber es ist Ein

Geist, der beide beseelt: der Geist des Glaubens, der allein auf Gottes

Wort sich gründet, und der Liebe, die in der Kraft des göttlichen

Wortes dient und wirkt. Sind Luther und Melanchthon die Väter unserer

Kirche, so sind Zwingli und Calvin als die Väter der reformierten

Kirche zu bezeichnen. Von beiden soll in diesem Abschnitt erzählt

werden.

1. Huldreich Zwingli.

So euch der Sohn frei macht, so seid ihr

recht frei.

Joh. 8, 36.

Wie mannigfaltig führt Gott die Menschen, auch die, die er zu

Rüstzeugen für ein und dasselbe große Werk bestimmt hat. Auf ganz

verschiedenem Boden sind Luther und Melanchthon erwachsen, verschieden

war ihre Eigenart, und doch hat sie Gott nebeneinander gestellt und

durch sie das Werk der Reformation hinausgeführt. Und wieder ganz

verschieden von diesen beiden der Reformator der deutschen Schweiz,

Huldreich (Ulrich) Zwingli. In den Bergen der Schweiz weht eine andre

Luft als droben nach dem Norden zu. Der Sohn der Berge fühlt sich

freier. Darum war es dort der römischen Kirche nicht gelungen, die

Leute in so feste Bande zu schlagen, wie es bei uns geschehen war. So

kam es auch, daß man sich in der Schweiz leichter und rascher aus dem

festen Gefüge des Papsttums löste.

Huldreich Zwingli ist nur wenige Wochen jünger als unser Luther. Er

wurde am 1. Januar 1484 zu Wildenhus, einem Bergorte zwischen dem

Säntis und den Kuhfirsten geboren. Der Vater, der Ammann von Wildenhus,

war wohlhabend genug, um seinem Sohne, dem dritten unter acht Kindern,

eine tüchtige Erziehung und Schulbildung geben lassen zu können. In

Basel, Bern und Wien hat Huldreich fleißig studiert. Einer seiner

Lehrer in Basel sprach es schon damals offen aus, daß Ablaß weiter

nichts als Lug und Trug sei. Frühzeitig fühlte sich Zwingli zur

Heiligen Schrift hingezogen. Die Beschäftigung mit ihr war ihm die

höchste Freude.

[Illustration: Huldreich Zwingli.]

Zu der Zeit, als Luther noch im Erfurter Kloster weilte, trat Zwingli,

erst 22 Jahre alt, das Amt eines Pfarrers zu Glarus an. Die Pfarrei

Glarus umfaßte etwa den dritten Teil des gesamten Kantons. Es war also

ein großes Amt, das dem jungen Pfarrer anvertraut wurde. Dabei vergaß

aber Zwingli auch das Wort des Herrn nicht: Weide meine Lämmer! Mit

besonderer Hingabe nahm er sich der Jugend an. Fleißig studierte er

mit den Jünglingen. Sein liebstes Buch aber blieb die Heilige Schrift.

Während Luther in Erfurt mit unbeschreiblicher Freude und rastlosem

Eifer das Buch der Bücher durchstudierte, saß Zwingli vor seiner

Bibel, schrieb sich die Erklärungen der besten Ausleger an den Rand

und lernte das Neue Testament von Anfang bis zu Ende fast auswendig.

Auch ihm wurde es klar, daß die Heilige Schrift allein die Quelle

des Glaubens und die Richtschnur des Lebens sein dürfe. »Du mußt die

Meinung Gottes,« sprach er zu sich selbst, »lauter aus seinem eigenen,

einfältigen Worte lernen.«

Wie Luther sein deutsches Volk, so hatte Zwingli sein Schweizervolk

von Herzen lieb. Und es war gewiß recht von ihm, daß er es auch in

Kriegszeiten nicht verließ, sondern als Feldprediger seine Männer

von Glarus mit nach Italien begleitete. Luther hat den Finger auf

manche Wunde im deutschen Volksleben gelegt. Auch bei den Schweizern

war nicht alles, wie es sein sollte. Zwingli hat offen getadelt und

mutig bekämpft, was zu tadeln und zu bekämpfen war. So vor allem das

sogenannte Reislaufen. Die kräftigen Schweizer pflegten nämlich für

Geld Kriegsdienste zu nehmen. Das nannte man Reislaufen. Das brachte

allerdings viel Geld in das sonst arme Land. Auch ließen sich vornehme,

einflußreiche Leute ein Jahrgeld dafür bezahlen, daß sie junge Leute

für fremde Heere anwarben oder solche Werbungen im Lande duldeten. Da

kam es aber vor, daß sich Schweizer Jünglinge und Männer in feindlichen

Heeren einander gegenüber standen. Und mancher kam heim nicht nur mit

ausländischem Gelde, sondern auch mit ausländischen Lastern. Dieses

Unwesen hat Zwingli ernstlich bekämpft und sich nicht viel um die

Feindschaft derer bekümmert, die vom Reislaufen ihren Vorteil hatten.

Gott hatte Zwingli zum Reformator der Kirche seines Vaterlandes

bestimmt. Darum führte er ihn ganz ähnlich wie Luther so, daß er die

Schäden der Kirche in ihrer Tiefe kennen lernte. Im Jahre 1516 folgte

Zwingli zum Schmerz seiner Glarner Gemeinde einem Rufe als Prediger

nach dem Wallfahrtsort Einsiedeln. Dort drängten sich die Leute vor

einem wunderthätigen Marienbild. Zwingli predigte, daß Christus allein

unser Mittler sei, und am Michaelisfeste 1517 -- also wenige Wochen vor

den 95 Thesen Luthers -- haben in Einsiedeln viele Leute das Geld, das

sie für den Ablaß mitgebracht hatten, den Armen gegeben.

Auch die Schweiz hat ihren Tetzel gehabt. Er hieß Samson. Mit ihm

bekam es Zwingli in Zürich zu thun. Dort wirkte der Reformator seit

Neujahr 1519. Seinem entschiedenen Widerspruch war es zu danken, daß

dem frechen Samson, der gegen 120000 Dukaten den Schweizern abgenommen

haben soll, Zürichs Thore verschlossen blieben. In seinen Thesen hat

Luther »das allerheiligste Evangelium« für den »wahren Schatz der

Kirche« erklärt. Zwingli ist derselben Meinung gewesen. Er begann seine

Thätigkeit in Zürich mit Predigten über das Matthäus-Evangelium. Gottes

Wort weckte ein neues Leben in Zürich. Tausende sammelten sich unter

der Kanzel dieses »rechten Predigers der Wahrheit«, wie man Zwingli

nannte. Dieser aber ging Schritt für Schritt vorwärts und verwarf einen

römischen Mißbrauch nach dem andern als unevangelisch.

Mit einem Schlage ist freilich nirgends die Reformation durchgeführt

worden, auch in der freien Schweiz nicht. Die römisch Gesinnten suchten

sich so lange als möglich zu behaupten. So war es auch in Zürich.

Insonderheit widersetzte sich der Bischof von Konstanz, zu dessen

Sprengel Zürich gehörte, mit aller Macht den Neuerungen Zwinglis.

Eine Disputation sollte öffentlich an den Tag bringen, auf wessen

Seite die Wahrheit war. Im Januar 1523 wurde eine solche in Zürich

abgehalten. Zwingli siegte. Nun ging es freilich auch so zu wie in

Wittenberg und anderen Städten Deutschlands. Man beseitigte gewaltsam

alles, was an die römischen Gottesdienste erinnerte. Man riß die

Heiligenbilder herunter und zerhackte die Crucifixe. Zwar wurden die

Bilderstürmer auf zwei Jahre verbannt. Aber es blieb dabei: Bilder

sollten als der Heiligen Schrift zuwider (2. Mos. 20, 4) nicht in den

Kirchen geduldet werden.

Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation · 第 5 / 8 段