angehe, kein Reichstag abstimmen und beschließen könne. Sie
protestierten gegen den Beschluß mit den Worten: »Wir gedenken mit der
Hand und Hilfe Gottes bei dem zu bleiben, daß allein Gottes Wort und
das heilige Evangelium, Altes und Neues Testament, in den biblischen
Büchern verfaßt, rein gepredigt werde, und nichts, das dawider ist;
denn daran als an der einzigen Wahrheit und dem rechten Richtscheit
aller christlichen Lehre und Lebens kann niemand irren noch fehlen,
und wer darauf baut und bleibt, der besteht wider alle Pforten
der Hölle!« So ward der Evangelischen Protest oder Verwahrung und
Einspruch zugleich ein schönes Bekenntnis. Die Katholischen spotteten
der Minderzahl der Evangelischen, die »protestierten«, dachten, das
Protestieren sei nichts als Worte, und nannten die Evangelischen
»Protestanten«. Sie sahen aber den Glauben nicht, der zum Proteste
trieb und der die Welt überwindet. Uns ist der Name »Protestanten« ein
Ehrenname. Noch heute protestieren wir gegen alles, was »wider Gott,
sein heiliges Wort und unser Gewissen« ist.
Tief war's zu beklagen, daß nicht alle Evangelischen treu und fest
zu einander standen. In Sachsen war man über die Lehre vom Abendmahl
anderer Meinung als in Süddeutschland und in der Schweiz, und man
hielt diesen Unterschied für so wichtig, daß man glaubte, sich darüber
nicht die Bruderhand reichen zu können. Über solchen Zwiespalt war
insbesondere der Landgraf Philipp von Hessen sehr betrübt. Vielleicht,
meinte er, sei eine Vereinigung möglich, wenn die Führer der
Evangelischen in Sachsen Luther und Melanchthon, in Süddeutschland und
der Schweiz Ökolampadius und Zwingli, einmal zusammen kämen, sich in
Liebe und Freundschaft zu besprechen. Das geschah denn auch im Herbste
1529 zu Marburg. Man einigte sich über die vornehmsten Stücke des
evangelischen Glaubens, aber nicht über die Abendmahlslehre. »Wir haben
sie in Frieden entlassen,« schrieb Luther; »Liebe und Frieden sind
wir auch den Feinden schuldig; es ward ihnen bedeutet, daß wenn sie
über das Abendmahl nicht besser denken lernen, sie zwar unserer Liebe
gebrauchen können, daß es uns aber nicht möglich ist, sie als Brüder
und Glieder Christi zu betrachten.« Ähnlich äußerte sich Melanchthon.
Zu gleicher Zeit beredeten sich der Kurfürst von Sachsen und der
Markgraf Johann von Brandenburg, ob nicht ein Bund der Evangelischen
anzustreben und zu erreichen wäre. Dazu brauchte man ein gemeinsames
Bekenntnis. Luther sollte es ausarbeiten. Er legte ihm die Artikel,
über die man sich in Marburg geeinigt hatte, zu Grunde und fügte einen
Abschnitt über das heilige Abendmahl hinzu, der seine eigene Lehre
enthielt. Es gelang aber weder zu Schwabach noch zu Schmalkalden, wo
man dieserhalb zusammenkam, die Süddeutschen zur Unterschrift dieser
Artikel und zum Anschluß an den Bund zu bewegen. Daß übrigens ein
solcher Bund jemals gegen den Kaiser die Waffen erhöbe, widerrieten
Luther und Melanchthon aufs entschiedenste.
Zu Anfang des Jahres 1530 sah es nicht gerade gut um die
protestantische Sache aus. Noch waren die, die sich zur Reformation
bekannten, zersplittert. Es fehlte ihnen die Fahne eines einmütigen
Bekenntnisses. Drüben aber unter den Römischen war Einigkeit. Dazu
hörte man allerlei Gerüchte von einem neuen Reichstag, zu dem
der Kaiser selbst kommen würde und auf dem endlich die verhaßten
Evangelischen, die aller Übel Ursache wären, für immer in die
Schranken des Gehorsams gegen den Papst und die Kirche zurückgewiesen
werden sollten. Um so überraschter war man, als das kaiserliche
Schreiben, in dem ein Reichstag nach Augsburg eingerufen wurde, nichts
als Güte und Milde atmete. Selbst Luther und Melanchthon glaubten
jetzt, nur Gutes hoffen zu dürfen.
Anderer Meinung war der scharfsichtige Kanzler des sächsischen
Kurfürsten +Dr.+ Gregor Brück. In des Kaisers und der Katholiken
Freundlichkeit erblickte er nur Fallstricke und das schlaue Bestreben,
die Evangelischen sicher zu machen, damit sie dann desto leichter
überrumpelt werden könnten. Darum sei es unbedingt nötig, daß die
Lehre der Protestanten in einer besonderen Schrift zusammengestellt
und sorgfältig mit Gründen der Bibel bewährt würde. Würde dann den
evangelischen Gottesgelehrten auf dem Reichstage das Wort verwehrt,
so könne man diese Schrift als Verteidigung der evangelischen Lehre
Kaiser und Reich vorlegen. Das leuchtete dem Kurfürsten wohl ein. Er
beauftragte Luther, Melanchthon, Bugenhagen und Jonas, sich über eine
solche Schrift zu beraten. Das war keine geringe Arbeit; kam es doch
darauf an, eine Schrift zu bieten, welche die Zustimmung womöglich
aller Evangelischen fände. Sie berieten lange, zuerst in Wittenberg,
dann in Torgau, bis sie schließlich auf Melanchthons Vorschlag
eingingen, nur das in die Schrift aufzunehmen, was im Einklang mit der
Kirche der ersten Jahrhunderte stand. Denn dann mußte jeder sehen, daß
nicht die Evangelischen, sondern die Katholischen »Neuerer« waren. In
einzelnen Artikeln übergaben die Männer ihrem Kurfürsten das Ergebnis
ihrer Beratungen. Dieser war wohl damit zufrieden; nur war es nötig,
die »Artikel« noch in zweckentsprechende Form zu bringen. Damit
beauftragte der Kurfürst Melanchthon.
Anfang April verließ Johann der Beständige mit seinem Gefolge --
darunter auch Luther, Melanchthon, Spalatin und anderen -- Torgau.
Daselbst verweilte man längere Zeit, so daß Melanchthon noch
ausgiebig Gelegenheit hatte, sich mit Luther über die ihm übertragene
Verteidigungsschrift zu besprechen, die nötigenfalls »als Bekenntnis
und Rechtfertigung der Evangelischen« in Augsburg vorgetragen werden
könnte. Denn Luther selbst sollte in Coburg zurückbleiben. Ein
Mann wie er, in Acht und Bann, konnte unmöglich vor Kaiser und Reich
erscheinen.
[Illustration: Coburg.]
Am 2. Mai langte als der Erste der Fürsten Kurfürst Johann in Augsburg
an. Erst allmählich füllte sich die Stadt mit den übrigen Fürsten,
geistlichen und weltlichen, Reichsständen und Gesandten. Kaiser Karl
hatte seinen Einzug bis auf den 15. Juni verschoben. Den Tag darauf
feierte man in öffentlicher Prozession und größtem Gepränge das
Fronleichnamsfest. Bestimmt lehnten die evangelischen Fürsten jede
Beteiligung daran ab. Charakterfest wahrten sie ihren evangelischen
Standpunkt. Am 20. Juni wurde der Reichstag mit einem feierlichen,
selbstverständlich katholischen Gottesdienst in der Stiftskirche
eröffnet. Die Reden, die man darnach hielt, ließen deutlich erkennen,
daß man bereit war, selbst mit dem Schwerte in der Hand den
Protestantismus zu unterdrücken. Die Evangelischen aber setzten ihre
Hoffnung auf Gott. Auch hatten sie die Zuversicht, daß der Kaiser sein
Wort halten und ihr Bekenntnis anhören werde.
Fleißig hatte Melanchthon seit seiner Ankunft in Augsburg daran
gearbeitet. Immer mehr ward aus der geplanten Verteidigungsschrift
eine Bekenntnisschrift. Dem Kurfürsten lag viel daran, daß auch Luther
Melanchthons Arbeit begutachtete. Am 15. Mai schickte er ihm die
Schrift auf die Feste Coburg, indem er ihm dazu schrieb: »Nachdem ihr
und andere unsere Gelehrten zu Wittenberg auf unser gnädiges Ansinnen
und Begehren die Artikel, so der Religion halber streitig sind, in
ein Verzeichnis gebracht, so wollen wir euch nicht bergen, daß jetzt
allhier Magister Philippus dieselbigen weiter übersehen und in eine
Form gezogen hat, welche wir euch hierbei übersenden. Und ist unser
gnädiges Begehren, ihr wolltet dieselben weiter zu übersehen und zu
bewegen unbeschweret sein. Und wo es euch dermaßen gefällig oder
etwas davon oder dazu zu setzen bedächtet, das wollet also daneben
verzeichnen, damit man alsdann auf Kaiserlicher Majestät Ankunft, der
wir uns in Kürze versehen, gefaßt und geschickt sein möge, und uns
dieselbige alsdann bei diesem Boten wohl verwahrt und verpetschaftet
unverzüglich wiederum anher schicken.« Luther erfüllte des
Kurfürsten Wunsch und gab über Melanchthons Schrift, die er als eine
Verteidigungsschrift (Apologie) bezeichnet, folgendes Urteil ab: »Ich
hab Magister Philippsen Apologie überlesen, die gefället mir fast (d.
i. sehr) wohl, und weiß nichts dran zu bessern noch ändern, würde sich
auch nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann.«
Trotz dieses Urteils hörte Melanchthon nicht auf, an seiner Schrift zu
feilen, zu ändern und zu bessern; auch Kanzler Brück und andere Räte
und Gelehrte waren ihm dabei behilflich.
Schließlich berieten die evangelischen Stände die Schrift, die trotzdem
sie durch viele Hände gegangen war, dennoch überall das Gepräge
Melanchthon'schen Geistes trägt. Unterschrieben wurde sie zunächst vom
Kurfürsten Johann von Sachsen samt seinem Sohne Johann Friedrich, von
den Herzögen Ernst und Franz von Lüneburg, vom Markgrafen Georg von
Brandenburg, dem Landgrafen von Hessen, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt
und den Städten Nürnberg und Reutlingen. Später, aber noch während des
Reichstages, gaben auch die Städte Kempten, Windsheim, Heilbronn und
Weißenburg ihre Unterschrift.
Am 25. Juni 1530, nachmittags 3 Uhr, begann in der Kapitelstube des
bischöflichen Hofes der sächsische Kanzler Beyer vor Kaiser und Reich
das Bekenntnis der evangelischen Stände in deutscher Sprache zu
verlesen. Der Kaiser nahm dasselbe deutsch und lateinisch entgegen
und versprach, die Sache in reifliche Erwägung zu ziehen. Er wünschte
nicht, daß man die Schrift drucken ließe. Sie hätte ja leicht den
Evangelischen neue Genossen gewinnen können. Trotzdem wurde in
demselben Jahre allein der deutsche Text sechsmal gedruckt.
»An diesem Tage ist der allergrößten Werke eines geschehen, die je auf
Erden geschehen sind,« sagte Spalatin am 25. Juni 1530. Aber nicht nur
auf die Protestanten hatte die Verlesung ihres Glaubensbekenntnisses
den tiefsten Eindruck gemacht. »So hör' ich nun wohl, die Lutherischen
sitzen in der Schrift und wir Päpstlichen daneben,« bekannte Herzog
Wilhelm von Bayern, und der Augsburger Bischof, Christoph von Stadion,
mußte zugeben: »Was vorgelesen worden, ist reine Wahrheit, wir können
es nicht leugnen.« Von der Tiefe aber evangelischen Bekenntnisses
schien des Kaisers Beichtvater eine Ahnung erhalten zu haben; denn er
sagte: »Ihr habt eine Theologie, die man nur begreift, wenn man viel
betet.« Luther hatte recht, wenn er einmal sagte: »Der Reichstag zu
Augsburg ist mit keinem Gelde zu bezahlen um des Bekenntnisses des
Glaubens und des Wortes Gottes willen, so von den Unsern da gethan ist.
Denn da haben die Widersacher bekennen müssen, daß unsere Konfession
recht und wahr sei.«
Das Augsburgische Glaubensbekenntnis oder die »Augsburger Konfession«,
wie man gewöhnlich sagt, enthält 28 Artikel. Die ersten 21 stellen
die Glaubenslehre der Protestanten dar, die letzten sieben geben
an, welche Änderungen in kirchlichen Gebräuchen sich als notwendig
erwiesen. Die ersten 21 sind also die Hauptsache. Sie sind im Anhang
unseres Gesangbuchs abgedruckt. In unserer Zeit, wo die römische
Kirche überall den Kampf gegen uns Evangelische eröffnet hat, wo die
»römisch-katholischen Widersacher unsern Glauben so heftig wie in
den Zeiten des Augsburger Reichstags befeinden und lästern«, muß ein
evangelischer Christ, der konfirmiert und reifer geworden ist, auch
diese erste Bekenntnisschrift seiner Kirche kennen und verstehen
lernen. »Für unsere Kirche, die hier den Gegnern gegenüber vor Kaiser
und Reich zum ersten Mal ihrem Glauben einen förmlichen und gemeinsamen
öffentlichen Ausdruck gegeben hatte, ist sie mit ihrem gedrängten,
reichen Inhalt und festen, schlichten, feierlichen Ton ein bleibendes,
teures Kleinod geworden. Es mahnt uns fort und fort, für was und gegen
wen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Es ruft jedem von uns zu:
Halte, was du hast! (Offenb. Joh. 3, 11).«
Daß die Römischen auf solch' herrliches Bekenntnis nicht schweigen
konnten, verstand sich von selbst. Nicht weniger als zwanzig Theologen
beauftragte der Kaiser dasselbe -- nicht zu prüfen -- sondern zu
widerlegen. Sie arbeiteten lange daran und hatten doch den Schmerz,
ihre Schrift, weil sie viel zu schwerfällig, unklar und heftig war,
vom Kaiser zurück zu erhalten. Als sie endlich am 3. August in
deutscher Sprache dem Reichstage vorgelesen wurde, fühlten nicht nur
die Evangelischen, auf wie schwachen Füßen die Lehre der Römischen
stand. Sie hätten gern eine Abschrift jenes Machwerks in Händen gehabt.
Der Kaiser wollte sie ihnen aber nur unter der Bedingung zustellen,
daß sie keine Gegenschrift erscheinen ließen. Das war unannehmbar.
Glücklicherweise hatte aber ein guter Freund Luthers und Melanchthons
bei der Vorlesung der »Widerlegung« das meiste zu Papier bringen
können. Auf Grund dieser Nachschrift hat dann Melanchthon seine
»Apologie« (d. i. Verteidigungsschrift, nämlich des Augsburgischen
Glaubensbekenntnisses) ausgearbeitet, die im April 1531 erschien.
Diese Schrift ist ein wahres Meisterwerk. Einige Sätze aus der Vorrede
mögen hier mitgeteilt sein: »Ich habe die höchsten Gründe der Gegner
zusammengefaßt, daß bei hohen und niedern Ständen, bei den Jetzigen
und unsern Nachkommen, bei allen eingeborenen Deutschen, auch sonst
aller Welt, allen fremden Völkern ein klar Zeugnis vor Augen sei und
ewig stehen bleibe, daß wir rein, göttlich, recht von dem Evangelio
Christi gelehrt haben; wir haben wahrlich nicht Lust oder Freude an
Uneinigkeit, auch sind wir nicht so gar stock- oder steinhart, daß
wir unsere Gefahr nicht bedenken. Denn wir sehen und merken, wie die
Widersacher in dieser Sache uns mit so großer Bitterkeit suchen und
bis hierher gesucht haben an Leib, Leben und Allem, was wir haben.
Aber wir wissen die öffentliche göttliche Wahrheit, ohne welche die
Kirche Christi nicht kann sein oder bleiben, und das ewig heilige Wort
des Evangelii nicht zu verleugnen oder zu verwerfen.« -- »Darum wollen
wir, so die erkannte helle Wahrheit mit Füßen getreten wird, diese
Sache hier Christo und Gott im Himmel befehlen, der der Waisen und
Witwen Vater und aller Verlassenen Richter ist; der wird, das wissen
wir ja fürwahr, die Sache urteilen und recht richten. Und du, Herr Jesu
Christ, dein heiliges Evangelium, deine Sache ist es; wollest ansehen
so manch betrübt Herz und Gewissen und deine Kirche und Häuflein, die
vom Teufel Angst und Not leiden, erhalten und stärken deine Wahrheit;
mache zu Schanden alle Heuchelei und Lügen, gieb also Friede und
Einigkeit, daß deine Ehre fürgehe und dein Reich wider alle Pforten der
Hölle kräftig ohne Unterlaß wachse und zunehme.«
[Illustration]
8. Einig und stark.
Wir sind bereit, Friede zu halten und
Liebe zu üben gegen alle, wofern sie uns die
Lehre des Glaubens rein und unverletzt lassen.
Luther.
Uneinigkeit ist ein alter Erbfehler des deutschen Volkes. Es hat ihn
oft schwer genug büßen müssen. Vielfach hat erst der vor den Thoren
stehende Feind die deutschen Stämme veranlaßt, sich die Bruderhand zu
reichen.
Angesichts der Feindschaft des Kaisers und der Römischen schlossen am
29. März 1531 die evangelischen Stände zu Schmalkalden einen Bund auf
sechs Jahre. Der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf Philipp von
Hessen sollten die Oberhauptleute sein. Hätten sich damals nicht die
Türken wieder gerührt, so wär's wohl zum Kriege gekommen. Statt dessen
ward nun zwischen dem Kaiser und den Evangelischen im Sommer 1532 zu
Nürnberg ein Religionsfriede geschlossen. Es sollte zunächst alles
bleiben, wie es war. Auch durfte weder der Kaiser die Protestanten noch
die Protestanten den Kaiser angreifen.
Bald nach diesem Friedensschluß erlitt der schmalkaldische Bund
einen schmerzlichen Verlust. Am 15. August hatte Kurfürst Johann den
Beständigen von Sachsen auf dem Schlosse Schweinitz ein Schlagfluß
getroffen. Am nächsten Morgen früh 10 Uhr standen Luther und
Melanchthon am Sterbebette des edlen Fürsten, der zu Speyer, Augsburg
und Schmalkalden fest, entschieden und beständig für die evangelische
Sache eingetreten war. Am Sonntag darauf bestattete man ihn neben
seinem Bruder, Friedrich dem Weisen, in der Schloßkirche zu Wittenberg.
Luther hielt die Leichenpredigt. Johann Friedrich, des Heimgegangenen
Sohn, übernahm das Regiment.
Insbesondere Melanchthon und die süddeutschen Gottesgelehrten, allen
voran Martin Butzer in Straßburg, hatten den dringenden Wunsch, alle
Evangelischen Deutschlands und der Schweiz möchten sich aufs engste
verbinden. Von solchen Einigungsplänen war Luther kein Freund. Er
fürchtete, daß dabei die reine Lehre, insbesondere vom heiligen
Abendmahl, leiden werde. Auf keinen Fall wollte er seine feste
Gewißheit, daß im heiligen Abendmahle Christus selbst gegenwärtig
sei und sich allen Abendmahlsgästen mitteile, preisgeben. Als
Geistesverwandte aber der Süddeutschen und der Schweizer, insbesondere
Zwinglis, erschienen ihm die Wiedertäufer, die gerade damals viel
von sich reden machten. Die entsetzlichste Verzerrung evangelischer
Freiheit und die abscheulichste Verkehrung derselben in fleischliche
Zügellosigkeit hat im Jahre 1534 zu Münster stattgefunden. Man müsse
an der Wand greifen, sagte Luther, daß der Teufel dort leibhaftig
haushalte. Am 25. Juni 1535 ward die Stadt in blutigem Kampfe den
»Heiligen« abgenommen. Erst als die Süddeutschen sich in ihrer
Abendmahlslehre derjenigen Luthers eng näherten, ließ sich dieser
zu weiteren Verhandlungen herbei. Im Mai 1536 war eine große Zahl
Gottesgelehrter aus Straßburg, Augsburg, Ulm, Memmingen, Frankfurt,
Konstanz und anderen Städten in Wittenberg versammelt. Da wurde
die Einigkeit hergestellt. Es war ein großer Augenblick, und man
begreift's, daß den Anwesenden die Thränen ins Auge traten, als Luther
mit freudig bewegter Stimme erklärte: »Weil es denn so steht, so sind
wir eins, erkennen und nehmen euch an als unsere lieben Brüder im
Herrn.«
Im Nürnberger Religionsfrieden war Waffenstillstand beschlossen
worden, bis einmal auf einer Kirchenversammlung die Streitigkeiten
zwischen den Evangelischen und Römischen entschieden worden wären.
Das wäre natürlich für einen Papst ein großer Triumph gewesen, wenn's
ihm gelungen wäre, die abtrünnigen Protestanten in den Schoß der
sogenannten »allein selig machenden« Kirche zurückzuführen. Papst Paul
III., der seit dem Jahre 1534 auf dem römischen Stuhle saß, hoffte
sich diesen Ruhm zu erwerben. Schlau sind die Päpste meistens gewesen,
Paul III. aber war es besonders. Er plante eine Kirchenversammlung,
bedauerte aber, dieselbe nicht, wie es die Evangelischen wollten, in
Deutschland, sondern nur in Italien abhalten zu können. Mantua wurde
dazu bestimmt. Die schmalkaldischen Bundesgenossen ließen jedoch dem
päpstlichen Gesandten erklären: erstens würde hoffentlich der Kaiser
nicht zugeben, daß das Konzil auf anderem als deutschem Gebiet gehalten
würde, und zweitens könne nur die Heilige Schrift, aber nicht ein
Konzil in Glaubenssachen entscheiden.
Der Papst kümmerte sich jetzt nicht weiter um die Protestanten,
sondern schrieb einfach für das Jahr 1537 eine Kirchenversammlung nach
Mantua aus. Man beriet auf protestantischer Seite viel hin und her, was
zu thun sei. Schließlich einigten sich die Glieder des evangelischen
Bundes dahin, im Februar 1537 in Schmalkalden zusammenzukommen. Dort
sollte beschlossen werden, was auf dem Konzil »aufs äußerste zu
verteidigen« sei. Von vornherein erstrebte man volle Einmütigkeit.
Luther hatte den Auftrag aufzusetzen, was der Versammlung vorgelegt
werden sollte. Er sollte aufzeichnen, »worauf er in allen Artikeln,
die er bisher gelehrt, gepredigt und geschrieben, auf einem Konzil,
auch in seinem letzten Abschied von dieser Welt vor Gottes allmächtigem
Gericht gedächte zu beruhen und zu bleiben und darinnen ohne Verletzung
göttlicher Majestät, es betreffe gleich Leib oder Gut, Frieden oder
Unfrieden, nicht zu weichen.«
Das that Luther in den sogenannten »Schmalkaldischen Artikeln«,
die ebenso wie die Augsburgische Konfession, die Apologie und die
beiden Katechismen zu den Bekenntnisschriften unserer Kirche gehören.
Die »Schmalkaldischen Artikel« zerfallen in drei Teile. Im ersten
handelt Luther »von den hohen Artikeln der göttlichen Majestät«. Über
dieselben bestand keine Meinungsverschiedenheit. Desto mehr aber über
das, was der zweite Teil besagt. Hier stellt Luther den Satz von der
Rechtfertigung allein aus dem Glauben in den Vordergrund. »Von diesem
Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und
Erde, oder was nicht bleiben will. Und auf diesem Artikel steht alles,
das wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben. Darum müssen
wir des gar gewiß sein und nicht zweifeln, sonst ist es alles verloren
und behält Papst und Teufel und alles wider uns den Sieg und Recht.«
Im zweiten Artikel wird die Schriftwidrigkeit der Messe nachgewiesen.
Im dritten fordert Luther, die Klöster sollen dazu verwendet werden,
»daß man Pfarrer, Prediger und andere Kirchendiener haben möge, auch
sonst nötige Personen zu weltlichem Regiment in Städten und Ländern,
auch wohlerzogene Jungfrauen zu Hausmüttern und Haushälterinnen.«
Vielfach ist Luthers Rat befolgt worden, z. B. bei der Gründung der
Fürstenschulen zu Meißen, Grimma und Schulpforta. Der vierte Artikel
weist nach, daß der Papst nicht aus Gottes Wort und nach göttlicher
Einsetzung das Haupt der Christenheit ist. »An diesen vier Artikeln,«
meinte Luther, »werden sie genugsam zu verdammen haben im Konzil.«
Er fügt deshalb noch einen dritten Teil hinzu mit einer Reihe von
nicht gerade grundsätzlichen Artikeln, über die vielleicht eine
Verständigung erzielt werden könnte. Eine Nachgiebigkeit auf dem Boden
der reformatorischen Grundsätze hielt Luther bei den Römischen für
ausgeschlossen. Er wußte genau: Entweder bleibt der Papst Papst -- dann
läßt er das Evangelium nicht zu -- oder er läßt das Evangelium zu --
dann hört er auf Papst zu sein. Darum betete Luther: »Ach lieber Herr
Jesu Christe, halt du selber Konzil und erlöse die Deinen durch deine
herrliche Zukunft. Es ist mit dem Papst und den Seinen verloren; sie
wollen dein nicht. So hilf du uns Armen und Elenden, die wir zu dir
seufzen und dich suchen mit Ernst, nach der Gnade, die du uns gegeben
hast, durch deinen heiligen Geist, der mit dir und dem Vater lebet und
regieret, ewiglich gelobet. Amen.«
[Illustration]
9. Ein Tag im Hause Luthers.
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
ist eingeweiht.
Goethe.
Wer einmal nach Eisenach kommt, wird ganz gewiß nicht versäumen,
auf die Wartburg zu wandern und sich das Zimmer zeigen zu lassen,
in dem einst unser Luther als Junker Jörg gewohnt und das Neue
Testament übersetzt hat. Und wer einmal nach Wittenberg kommt, der
wird nicht versäumen, das Haus Luthers zu besuchen. Es ist das alte
Augustinerkloster. Der Kurfürst hat es einst dem Reformator geschenkt.
Man hat recht daran gethan, daß man in diesem Hause möglichst wenig
geändert hat. Das sieht man vor allem an dem großen Wohnzimmer. Ganz
wie es einst zu Luthers Lebzeiten war, ist's geblieben. Dort der
mächtige Kachelofen -- da mag manchmal Muhme Lene sich gewärmt haben!
Dort der große Familientisch, da haben sie sich zu Mittag und Abend zu
fröhlicher Mahlzeit versammelt. Dort die tiefe Fensternische mit dem
Lehnstuhl -- da hat Käthe Luther oft gearbeitet und mitunter durchs
Fenster nach den spielenden Kindern geschaut. Ist's nicht, als müßte
Luther selbst aus seiner Studierstube hereintreten?
[Illustration: Lutherhaus in Wittenberg.]