Gesangbuch gab. Die Deutschen haben von jeher gern gesungen und singen
auch noch heute gern. Aber in ~deutschem~ Liede will der Deutsche
hinaussingen, was sein Herz bewegt. Und wenn's die römischen Priester,
die das deutsche Gemüt und deutsche Glaubensinnigkeit nie verstanden,
auch nicht gern hörten, in deutscher Zunge klang doch schon in grauer
Vorzeit durchs deutsche Gotteshaus das Osterlied:
Christ ist erstanden
Von der Marter alle;
Des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein!
Hallelujah.
Und zu Pfingsten sang man:
Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten Glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm Ende,
Wenn wir heimfahren aus diesem Elende.
Kyrieleis.
Viele Lieder waren's freilich nicht, die die deutsche Christenheit
im Gotteshaus singen konnte. »Es fehlt uns an deutschen Poeten und
Musikern, die christliche und geistliche Gesänge, wie sie Paulus nennt,
machen können, die es wert wären, daß man sie täglich in der Kirche
Gottes brauchen möge.«
Als Luther so klagte, ahnte er wohl selbst nicht, daß er dazu berufen
war der Schöpfer und Vater des deutschen Kirchenliedes zu werden.
Unser Luther war ja eine durchaus dichterische Natur. Ist nicht sein
köstlicher Brief vom Paradiesesgarten an sein Söhnlein Hänschen wie
ein Gedicht? Und welch' herrliche Lieder voll von Glaubenskraft und
Christenmut hat er uns gesungen!
Wunderbar, daß gerade »der Feinde Blutgier den Quell öffnen helfen
mußte, aus dem der reiche evangelische Liederstrom entsprungen ist!«
Am 1. Juli 1523 hatten die Römlinge zwei junge Anhänger der Lehre
Luthers, Heinrich Voes und Johann Esch auf dem Marktplatz zu Brüssel
verbrannt. Das sollte die Bekenner des Evangeliums einschüchtern. Aber
was geschah? Der Glaube der ersten Märtyrer stärkte den Glauben der
Anderen. Je wütender die Welt Luthers Lehre verfolgte, um so deutlicher
erwies es sich: Diese Lehre ist die Wahrheit! Damals hat Luther den
Mund zu seinem ersten Liede geöffnet:
»Ein neues Lied wir heben an,
Das walt Gott unser Herre!
Zu singen, was Gott hat gethan
Zu seinem Lob und Ehre!«
Dann erzählt der Dichter die Leidens- und Siegesgeschichte jener
evangelischen Glaubenszeugen. Siegesbewußt schaut er in die Zukunft:
Die Asche will nicht lassen ab,
Sie stäubt in allen Landen.
Hier hilft kein Bach, Loch, Grub noch Grab,
Sie macht den Feind zu Schanden.
Der Sommer ist hart vor der Thür,
Der Winter ist vergangen,
Die zarten Blumen gehn herfür:
Der das hat angefangen,
Der wird es wohl vollenden!
Der Liederstrom aus Luthers gläubigem, in Gott zufriedenen Herzen quoll
weiter. »Die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall,«
wie der Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs unsern
Luther nennt, sang uns noch manches Lied. Im Jahre 1524 erschien das
erste evangelische Gesangbüchlein. Nur acht Lieder standen drin, unter
ihnen vier von Luther. In demselben Jahre hat dann Luther zum ersten
Male selbst ein »Geistliches Gesangbüchlein« herausgegeben.
[Illustration: Titelblatt des Zwickauer Gesangbuchs, des ältesten des
jetzigen Königreichs Sachsen (1525).]
Gegen 40 geistliche Lieder besitzen wir von Luther. Aus den Psalmen des
Alten Testaments schuf er Gesänge für die evangelische Christenheit
(»Aus tiefer Not schrei ich zu dir« nach Psalm 130; »Es wolle Gott
uns gnädig sein« nach Psalm 67). An alte deutsche Lieder fügte er
neue Verse (»Gelobet seist du, Jesu Christ, daß du Mensch geboren
bist«; »Nun bitten wir den heiligen Geist«). Alte lateinische Gesänge
wurden ins Deutsche umgedichtet (»Mitten wir im Leben sind von dem Tod
umfangen«). Den ganzen Katechismus, von dem wir im nächsten Abschnitt
hören werden, brachte er ins Gesangbuch (»Dies sind die heil'gen zehn
Gebot«; »Wir glauben all an Einen Gott«: »Vater unser im Himmelreich«;
»Christ, unser Herr, zum Jordan kam« (über die Taufe); »Gott sei
gelobet und gebenedeiet« (über das heilige Abendmahl). In aller
Kinder Herzen sang sich Luther hinein mit seinem »Kinderlied auf die
Weihnachten zu singen vom Kindlein Jesu«: »Vom Himmel hoch da komm ich
her«. Wo aber deutsche evangelische Männer und Frauen sich versammeln,
um miteinander in ihrem teuren Glauben Kraft und Trost zu suchen, da
stimmen sie das Schutz- und Trutzlied der Reformation an, wie es Luther
uns vorgesungen: »Ein' feste Burg ist unser Gott«.
Zum Lied aber gab Luther auch oft die Melodie, mochte er sie einer
alten Volksweise abgelauscht oder aus der eigenen singenden Seele
geschöpft haben. Vergessen sei aber nicht seines getreuen Gehilfen, des
kurfürstlichen Hofkantors Johann Walther, der ihm treffliche Dienste
geleistet hat!
Der Sang der »Wittenbergischen Nachtigall« weckte manche Stimme. Der
freundliche Leser wolle in seinem Gesangbuch nur einmal aufschlagen
die Namen Albrecht, Markgraf von Brandenburg, Nikolaus Decius, Paul
Eber, Johann Gramann, Nikolaus Hermann, Johann Mathesius, Hans Sachs,
Paul Speratus! Da wird er die Lieder finden, an denen die evangelische
Gemeinde der Reformationszeit sich erquickt hat. Sie bleiben eine
reiche Segensquelle für die evangelische Kirche aller Zeiten. Sie sind
zu einem großen Teile in fremde Sprachen übersetzt. Und wie manche
unter unseren katholischen Brüdern und Schwestern haben schon in ihnen
Erholung der Seele gefunden!
+c+) Der deutsche Katechismus.
Wenn +D.+ Luther in seinem Lauf sonst
nichts Gutes gestiftet und angerichtet hätte,
denn daß er beide Katechismen in Häuser,
Schulen und auf den Predigtstuhl gebracht,
so könnte ihm die ganze Welt das nimmermehr
genugsam danken und bezahlen.
Johann Mathesius.
[Illustration: Georg Spalatin.]
Wenn man hört und liest, wie +D.+ Luther so fleißig arbeitete,
wie es nun eine deutsche Bibel, eine Postille, ein Gesangbuch gab, und
wenn man bedenkt, daß ihm tüchtige Männer in treuer Mitarbeit zur Seite
standen, wie Philipp Melanchthon, der Stadtpfarrer Johann Bugenhagen,
Friedrichs des Weisen Hofkaplan, Georg Spalatin -- so möchte man
wohl meinen: Es muß im lieben Sachsenlande ganz herrlich um Kirche
und Schule gestanden haben! Dem war aber leider noch nicht so. Es
dauerte lange, bis die Schäden, die Folgen römischer Verwahrlosung im
Mittelalter, geheilt wurden. Vor allem fehlten die Männer, Gottes Wort
auf den Kanzeln zu verkünden und es in der Schule den Kindern ins Herz
zu pflanzen. Dazu mußte einer mehr verstehen als Messelesen.
Es war unbedingt nötig, daß man erforschte, wie es in den einzelnen
Gemeinden stand, ob die Geistlichen auch zu predigen und die
Schulmeister zu lehren fähig waren, und ob ihre Predigt und Lehre
mit dem Evangelium übereinstimmte. Damit keine Gemeinde übersehen
und dieses Prüfungswerk möglichst bald beendet würde, teilte man
ganz Sachsen in Bezirke und wählte für jeden derselben mehrere
Gottesgelehrte und rechtsverständige Räte des Kurfürsten, die ihn
visitieren sollten. Melanchthon setzte die Fragen auf, die den
Geistlichen vorzulegen waren. Aber er war auch der Erste, der sich
selbst aufmachte, in seinem Bezirke Kirchen und Schulen zu besuchen.
Ihm nebst zwei Pfarrern und drei adligen Räten war Thüringen zugewiesen
worden. So schön dieses Land ist, so traurig stand es dort um manche
Gemeinde in Kirche und Schule. Kaum glauben möchte man's, daß die
Römischen es gewagt hatten, einen Mann als Geistlichen anzustellen, der
nicht viel mehr wußte, als die zehn Gebote, die drei Artikel und das
Vaterunser. Man kann auch heute noch in den Klöstern Leute finden, die
nicht viel mehr als Lesen und Schreiben gelernt haben. Melanchthon fand
aber einen früheren Mönch als Pfarrer, der antwortete, als er nach den
zehn Geboten gefragt wurde: »Ich habe das Buch noch nicht!«
Das war traurig, sehr traurig. »Mein Herz blutet,« schrieb Melanchthon
angesichts solchen Elends, das der Papst und die Bischöfe auf dem
Gewissen hatten, »wenn ich diesen Jammer sehe. Ich gehe oft beiseite
und weine meinen Schmerz aus, wenn wir mit der Untersuchung eines
Ortes fertig sind. Und wer wollte nicht jammern, wenn man sieht, daß
die Anlagen des Menschen so ganz vernachlässigt werden und die Seele
desselben, die so viel lernen und fassen kann, nicht einmal von ihrem
Schöpfer und Herrn etwas weiß.«
Auch Luther sollte bei der Visitation geistliches Elend genug sehen.
So traurig aber die Erkenntnis der vorhandenen Übelstände war, so
hocherfreulich war die Frucht, die aus der Trauer um das Elend des
Volkes erwuchs. Diese Frucht waren die beiden Katechismen +D.+
Martin Luthers. Ein »Katechismus«, das ist »eine Kinderlehre, so ein
jeglicher Christ zur Not wissen soll«, war das Nötigste, was man jetzt
in Kirche und Schule brauchte. Schon mancher hatte versucht, solch ein
Büchlein zu schreiben. Aber der rechte Katechismus konnte nicht vom
Schreibtisch aus verfaßt werden, sondern mußte herauswachsen aus der
fleißigsten, hingebendsten Belehrung der Gemeinde. Den konnte auch nur
einer schreiben, der mit inniger Liebe den Kindern zugethan war und
selbst ein kindliches Gemüt besaß. Dieser eine war unser Luther.
Wie hat Luther die Kinder so lieb gehabt! Wie oft betrat er die Kanzel,
um den »Einfältigen« zu predigen! Wie hat er es den Eltern und der
Obrigkeit ans Herz gelegt: Sorgt für die Kinder! Erzieht sie zu Gottes
Kindern! Gründet gute Schulen! An alle »Bürgermeister und Ratsherren
der Städte in deutschen Landen« wendet er sich mit der herzlichen
Bitte, »daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen.«
Wie redet er dem armen Vater, der nicht weiß, wovon er seinen Sohn
studieren lassen soll, freundlich zu in seiner köstlichen »Predigt, daß
man Kinder zur Schule halten soll«: »Laß deinen Sohn getrost studieren!
Und sollte er auch dieweil nach Brot gehen, so giebst du unserm
Herr-Gott ein feines Hölzlein, daraus er dir einen Herrn schnitzen
kann.« Wie preist er das hohe Amt eines christlichen Lehrers: »Das
sage ich kürzlich: einen fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister
oder, wer es ist, der Knaben treulich erzieht und lehrt, den kann man
nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen!« -- -- »Und ich,
wenn ich vom Predigtamt und anderen Sachen ablassen könnte oder müßte,
so wollte ich kein ander Amt lieber haben, denn Schulmeister oder
Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dies Werk nächst dem Predigtamt
das allernützlichste, größte und beste ist, und weiß dazu noch nicht,
welches unter beiden das beste ist.«
Weil Luthers Katechismus jedes evangelische Kind durch die Schulzeit
begleitet und weil kein Erwachsener dieses Büchlein je auslernen kann,
soll hier auch kurz erzählt werden, wie dasselbe entstanden ist.
[Illustration: Stadtkirche zu Wittenberg.]
Der Katechismus, d. h. die zehn Gebote, der Glaube, das Vaterunser
und was jeder Christ von den beiden Sakramenten wissen soll, muß dem
Volke gepredigt, muß den Kindern ins Herz hinein geschrieben werden,
wenn's besser werden soll! meinte Luther, als er von der entsetzlichen
geistlichen Verwahrlosung in Stadt und Land hörte. Darum trat er im
Jahre 1528 auf die Kanzel der Wittenberger Stadtkirche und predigte
über die genannten Katechismusstücke. Sein Freund Bugenhagen, der
Stadtpfarrer, war nämlich verreist, und man war's längst gewöhnt, daß
Luther trotz seiner vielen anderen Arbeiten die Stellvertretung des
Abwesenden übernahm. Da hat denn Luther in drei Predigtreihen (im Mai,
September und Dezember) je den ganzen Katechismus vor einer zahlreichen
Gemeinde ausgelegt.
Was aber die Leute gehört hatten, das sollten sie auch in ganz kurzer
Form schwarz auf weiß mit nach Hause nehmen können, und den Predigern
mußte es höchst willkommen sein, an Luthers Katechismuspredigten ein
Muster für die eigenen zu haben. Also in doppelter Gestalt sollten
Luthers Predigten hinaus in die Welt ziehen. Ganz kurz ließ er die
Summa derselben auf Tafeln drucken, damit man sie in Haus, Kirche und
Schule an die Wand hängen könnte. Schon Mitte Januar 1529 war die
erste Tafel fertig. Sie enthielt die drei ersten Hauptstücke mit ihren
Auslegungen. Zur Osterzeit erschien die zweite Tafel, das vierte und
fünfte Hauptstück. Diese beiden Tafeln sind dann in Buchform gedruckt
worden. Das ist der »kleine« Katechismus.
[Illustration: Johann Bugenhagen.]
Inzwischen aber hatte Luther auch fleißig daran gearbeitet,
die Katechismuspredigten vom Jahre 1528 unter Abstreifung des
Predigtgewandes zu einem »Katechismus« umzugestalten. Die Arbeit zog
sich in die Länge, so daß er nicht nur jene Katechismuspredigten,
sondern auch noch die Predigten vom Palmsonntag und Gründonnerstag
verwerten konnte. Gegen Mitte April wurden die ersten Exemplare des
»großen« Katechismus verschickt.
Übrigens verrät Luther diese Entstehung seiner Katechismen selbst,
wenn er in der Vorrede zum kleinen Katechismus von »~Tafeln~«
spricht und wenn er die Vorrede zum »großen« mit den Worten beginnt:
»Diese ~Predigt~ ist dazu geordnet und angefangen, daß es sei ein
Unterricht für die Kinder und Einfältigen.«
Wer mag den Segen ermessen, der aus Luthers Katechismen erwachsen ist!
Es sollte ihn niemand beiseite legen, wenn seine Schulzeit und seine
Konfirmation vorüber ist! Wenn Luther von sich bekannte: »Ich muß ein
Kind und Schüler des Katechismus bleiben und bleib's auch gerne!« so
werden wir alle Zeit unseres Lebens an ihm zu lernen haben.
Wer kann es aufzählen, wie man im Laufe der Jahrhunderte Luthers
Kinderlehre gepriesen! Eines Mannes Urteil sei nur genannt! Der große
deutsche Geschichtsschreiber Leopold von Ranke sagt von Luthers kleinem
Katechismus: »Er ist ebenso kindlich wie tiefsinnig, so faßlich wie
unergründlich, einfach und erhaben. Glückselig, wer seine Seele damit
nährte, wer daran festhält! Er besitzt einen unvergänglichen Trost in
jedem Momente, hinter einer leichten Hülle den Kern der Wahrheit, der
dem Weisesten der Weisen genugthut.«
[Illustration]
6. Luther gegen den Aufruhr.
Es werden viele kommen unter meinem
Namen und sagen: Ich bin Christus; und
werden viele verführen.
Matth. 24, 5.
Jeder Krieg hat etwas Furchtbares. Am erbittertsten aber sind immer
die Kriege geführt worden, in denen man angeblich um Gottes und des
Glaubens willen kämpfte. Die Bauern, die sich zu Luthers Zeit im
»Bauernkrieg« erhoben, schrieben das »Evangelium« auf ihre Fahne und
begründeten ihre Forderungen mit dem »Evangelium«. Die Feinde der
Reformation waren sofort mit der Behauptung da: Nun seht ihr's, das
Evangelium führt zur Revolution. Der Luther und seine Anhänger sind
Empörer!
Noch heute kann man's im Lager unserer Feinde hören: Die Reformation
ist die Mutter der Revolution. Das stimmt aber schon deshalb nicht,
weil thatsächlich die katholischen Länder die Herde der Revolutionen
sind. Und wenn jemandem revolutionäres Wesen fern gelegen hat, dann
ist's sicher Luther gewesen. Sein Grundsatz war: Das Alte soll bleiben,
soweit es nicht gegen Gottes Wort ist. Das Neue aber soll auf dem
Grunde des Wortes Gottes aufgebaut werden.
Die Predigt des Evangeliums hatte die Gewissen vom Joche des
Papsttums befreit. Aber nicht zu einer fleischlichen Freiheit, nicht
zur Zügellosigkeit und Zuchtlosigkeit führte es die Leute. »Ein
Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand unterthan
(durch den Glauben); ein Christenmensch ist ein Knecht aller Dinge
und jedermann unterthan (durch die Liebe).« Luther gerade ist es
gewesen, der der weltlichen Obrigkeit ihre göttliche Ehre wiedergab
auf Grund von Röm. 13, 1-2: »Jedermann sei unterthan der Obrigkeit,
die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott;
wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun
wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet Gottes Ordnung; die
aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.« Und im
kleinen wie im großen Katechismus rechnet Luther die Obrigkeit zum
»Vaterstand«: »Denn Gott giebt und erhält uns durch sie, als durch
unsere Eltern, Nahrung, Haus und Hof, Schutz und Sicherheit. Darum,
weil sie solchen Namen und Titel, als ihren höchsten Preis, mit allen
Ehren führen, sind wir auch schuldig, daß wir sie ehren und groß achten
für den teuersten Schatz und köstlichstes Kleinod auf Erden.« So
spricht wahrlich kein Revolutionär.
Gewiß hat es der Bauer nicht leicht gehabt im Mittelalter. Wenn das
Landvolk unter keiner anderen Last zu seufzen gehabt hätte, als unter
der, die die Bibel mit dem Worte meint: »Im Schweiße deines Angesichts
sollst du dein Brot essen!« so hätten sie sich noch glücklich preisen
können. Aber die Bauern wurden manchmal kaum als Menschen angesehen,
und wie es ihnen erging, war ihren harten Herren zumeist ganz
gleichgiltig, wenn sie nur arbeiteten, ihre Abgaben richtig bezahlten,
sich alle Willkür gefallen ließen und dazu schwiegen. Nirgends erhielt
der arme, leibeigene Bauer sein Recht. »Das edel Recht,« sagte das
Sprichwort, »ist worden krank, dem Armen kurz, den Reichen lang.«
Und wenn die Großen mit gepanzerter Faust ihr Recht suchten und sich
befehdeten, war's wieder der Bauer, der das Meiste litt, dem man das
Feld verwüstete, das Haus ansteckte und das Vieh wegtrieb. Da läßt sich
wohl denken, daß er mit Freuden die Predigt von der »evangelischen
Freiheit« vernahm und auf Erlösung aus dem verhaßten Joche hoffte.
Schon mehr als einmal hatten sich die Bauern erhoben. Aber das Schwert
der Mächtigen hatte sie niedergeschlagen. Jetzt, wo alle Welt von
Freiheit redete, wollten sie auch frei werden, allerdings nicht
frei im Sinne des Evangeliums, frei von Sünde, Schuld und Tod auf
Grund der Erlösung durch Jesum Christum, frei vom Papst und seinen
Menschensatzungen, sondern frei von dem Drucke der Gewaltigen. Im
Herbst 1524 thaten sich in Schwaben die Bauern zusammen und stellten
in »zwölf Artikeln«, von denen sie jeden aus der Heiligen Schrift
begründen wollten, ihre Forderungen auf. Eine Reihe Gottesgelehrter
sollte ihre Sache prüfen. Was von ihren Forderungen gegen die Bibel
wäre, wollten sie gern zurücknehmen.
Obenan unter den Gottesgelehrten waren Luther und Melanchthon genannt.
In einer ernsten »Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der
Bauernschaft in Schwaben« zeigte Luther, daß das Evangelium mit solchen
Dingen gar nichts zu thun habe. Daß die Bauern in vielen Stücken recht
hatten, sah er wohl ein, gab's auch zu. Aber »mit Trotz und Streit
werdet ihr nichts schaffen«, schrieb er und riet zu einem gütlichen
Vergleich. Dazu war es zu spät. Die Leidenschaften waren schon zu sehr
erregt, und was Luther, »Deutschlands Prophet«, vorausgesagt, war
geschehen: man hatte zum Schwert gegriffen. Am schlimmsten geberdete
sich Thomas Münzer. »Dran, dran, weil das Feuer heiß ist! Lasset euer
Schwert nicht kalt werden vom Blut!« rief er Bauern und Bergleuten zu.
Alles stand jetzt auf dem Spiele. Das war eine Revolution, wie sie
schlimmer nicht gedacht werden konnte. In seiner Schrift »wider die
mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern« forderte jetzt Luther
das entschiedene Einschreiten der Fürsten, ermahnte aber zugleich
die ganze Christenheit zum Gebete, daß Gott die verblendeten und
irregeführten Bauern erleuchten und bekehren möchte.
Auch Melanchthon war, wie wir hörten, unter jenen Gottesgelehrten
mit genannt, die die Forderungen der Bauern prüfen sollten. Er hätte
wohl am liebsten geschwiegen. Luther, der von sich bekennen konnte:
»Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater und Ahn sind rechte Bauern
gewesen,« wußte aus eigener Erfahrung, wo den Bauern der Schuh drückte.
Melanchthon hatte in einem behäbigen städtischen Elternhause und dann
von seiner Studierstube aus von den Nöten des Bauernstandes nichts
gesehen. Trotzdem konnte auch er nicht leugnen, daß in den Forderungen
der Bauern vieles berechtigt war. Aber, sagte er, zu den Tugenden der
Christen gehört vor allem mit der Gehorsam gegen die Obrigkeit. Also
keine eigenmächtige Hilfe! Vielmehr lasse man die Obrigkeit dafür
sorgen, daß allerorten gute evangelische Prediger wirken, damit Glaube
und Liebe im Volke gepflanzt, und gepflegt werden! Das sei der rechte
Weg zu Einigkeit und Frieden.
Der Rat kam zu spät, und, wäre er früher gegeben worden, so hätte er
wohl auch wenig genützt. Wie fast in ganz Deutschland, so hat der
Bauernkrieg auch in Sachsen gewütet. Manches schöne Schloß, manches
reiche Kloster wurde zur Ruine. Viel Blut wurde vergossen, viel
Wohlstand begraben.
Ein furchtbares Gericht ist über die Aufständischen gehalten worden.
Am 15. Mai 1525 wurde Thomas Münzer bei Frankenhausen besiegt und bald
darauf gefangen genommen. Als einen falschen Propheten hatte er sich
erwiesen, da er den Bauern Mut einsprach: »Gott ist mit uns! Wer von
euch im vordern Treffen fällt, der steht hinten wieder auf. Fürchtet
euch nicht! Die feindlichen Kugeln fange ich alle mit den weiten Ärmeln
meines Priesterrockes auf!« Man hat ihn mehrmals gefoltert und dann
in Mühlhausen hingerichtet. Viele mußten sein Schicksal teilen. Am
furchtbarsten aber wurden die Aufrührer im Frankenland bestraft. Der
Markgraf von Brandenburg ließ in der Stadt Kitzingen 47 Aufständischen
die Augen ausstechen. Vielfach war's nur dem inständigen Bitten der
Pfarrer zu danken, daß Gnade für Recht erging.
In jenen Tagen starb Friedrich der Weise. »Ach, was soll ich doch
länger hier auf Erden thun«, sagte er wenige Tage vor seinem Tode,
»denn es ist doch hier auf Erden keine Liebe, Wahrheit und Treue
mehr!« Auf seinem Sterbebette ließ er sich das heilige Abendmahl unter
beiderlei Gestalt reichen, »der erste deutsche Fürst, der so im Tode
zur evangelischen Lehre sich bekannt und ihr gemäß in Gottes Wort
seinen letzten Trost gefunden hat.«
Friedrich der Weise verdiente die tiefe Trauer seines Volkes. Wohl
am tiefsten trauerte Luther. Als man den edlen Kurfürsten in der
Schloßkirche zu Wittenberg beisetzte, hielt Luther tiefbewegt die
Leichenpredigt. »Unter seinem Schutz und Schirm,« rühmt er dankbar von
diesem Fürsten, »ging das Evangelium glücklich von statten und nahm
allenthalben überhand. Sein Leben lang hat er ein friedsam, still und
ruhiges Regiment geführt und mit Recht Friedrich geheißen.«
[Illustration]
7. Das Augsburgische Glaubensbekenntnis und die
»Apologie«.
Wer mich bekennt vor den Menschen, den
will ich auch bekennen vor meinem himmlischen
Vater.
Matth. 10, 32.
Ein kluger Mann ist Kaiser Karl V. gewesen, ein mächtiger Mann war er
auch, aber doch nicht so klug und so mächtig, daß er hätte das alte
Wort zu Schanden machen können: »Ist der Rat oder das Werk aus den
Menschen, so wird's untergehen; ist's aber aus Gott, so könnet ihr's
nicht dämpfen« (Apostelgesch. 5, 38. 39). So lange der Kaiser mit
seinen Feinden außerhalb des Reichs zu thun hatte, suchte er auch mit
den Evangelischen im Reiche gute Freundschaft zu halten. Kaum aber
hatte er seine Feinde überwunden, so meinte er, die Evangelischen
nicht mehr zu brauchen und alles thun zu können, sie wieder unter des
Papstes Joch zu zwingen. Das sollte, wie er hoffte, auf dem Reichstag
geschehen, der im Frühjahr 1529 zu Speyer seinen Anfang nahm.
Man konnte es gleich am ersten Tag merken, daß der Reichstag dazu
berufen war, die Bekenner des Evangeliums zu unterdrücken. Zunächst
wurde der Beschluß vom Jahre 1526, wonach es jeder Fürst in Sachen
der Religion in seinem Lande halten sollte, wie er es vor Gott und
kaiserlicher Majestät zu verantworten gedenke, für null und nichtig
erklärt. Dann bildete man einen Ausschuß, der beraten sollte, wie es
hinfort in Religionssachen zu halten wäre. In diesem Ausschuß waren
mehr Katholiken als Evangelische. Darum konnte sich niemand wundern,
daß derselbe vorschlug, bis zu einer allgemeinen Kirchenversammlung
dürfe an den kirchlichen Verhältnissen nichts mehr geändert werden,
wohl aber sei auch jetzt dort, wo die Evangelischen die Oberhand
hätten, katholischer Gottesdienst nicht zu hindern. Da nun auch im
Reichstag selbst mehr Katholiken als Evangelische saßen, nahm derselbe
in der Mehrzahl jenen Vorschlag an. Das bedeutete nicht nur den
Stillstand der Reformation, sondern die Wiederaufrichtung des Papsttums
und damit die Unterdrückung des Evangeliums.