Die Geschichte von David und dem Riesen Goliath hat sich oft

wiederholt. Mancher christliche Held hat im Kampfe auf Gott geschaut

und zu seinem Feind gesprochen: »Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß

und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth« (1.

Sam. 17, 45) -- und hat gesiegt! Sieger waren die beiden Apostel, die

als Gefangene vor dem Hohen Rat standen und das Bekenntnis ablegten:

»Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen

gegeben, darinnen wir sollen selig werden. -- Wir können es ja nicht

lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben«

(Apostelgesch. 4, 12. 20). Verhöhnt von der Weisheit Griechenlands

predigt Paulus auf dem Areopag -- und doch stürzt sein Wort

Götterbilder und Götzentempel. Als ein Gebundener zieht er in Rom ein

-- und doch muß der Kaiser, der der Welt gebietet, vom Throne steigen

und Krone und Szepter dem Gekreuzigten zu Füßen legen.

Kaiser und Papst, die ganze Welt steht Luther gegenüber -- und Luther

siegt. Es mußte wahr werden:

»Es streit für uns der rechte Mann,

Den Gott hat selbst erkoren.

Fragst du, wer er ist?

Er heißt Jesus Christ,

Der Herr Zebaoth,

Und ist kein andrer Gott:

Das Feld muß er behalten!«

Luther ~wollte~ keinen andern Helfer im Kampfe als Gott und sein

Wort. Edle deutsche Ritter, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten,

Hartmut von Kronberg, boten ihm ihr Schwert und ihre Burgen an. Er

aber wollte kämpfen nur mit dem Schwert des Geistes. Seine feste Burg

sollte allein Gott der Herr bleiben. Und wie hat Luther das Schwert

des Geistes geschwungen! Jeder evangelische Christ müßte auf seinem

Bücherbrett stehen haben Luthers herrliche Hauptschriften vom Jahre

1520.

»Gott gebe uns der Posaunen eine, womit die Mauern Jerichos umgeworfen

würden!« ruft er in seinem Büchlein: »An den christlichen Adel

deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung.« Die drei

»strohernen und papiernen Mauern« will er umstürzen, hinter denen

sich die Römlinge verschanzen. Die erste dieser Mauern ist die

Behauptung, weltliche Gewalt stehe unter der geistlichen. Diese Mauer,

wie überhaupt den Unterschied von Geistlichen und Laien stürzt das

Schriftwort 1. Petri 2, 9 um: »Ihr seid das auserwählte Geschlecht,

das Königliche Priestertum.« Jeder Christ ist ein Priester. Die zweite

Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne die Heilige Schrift

richtig auslegen. Sie fällt, weil von der Unfehlbarkeit des Papstes

kein Wort in der Bibel steht. »Sie werden alle von Gott gelehret sein,«

heißt es dort (Joh. 6, 45). Die dritte Mauer ist die Behauptung, nur

der Papst könne eine Kirchenversammlung einberufen. Diese Mauer ist

eigentlich schon beim ersten Posaunenstoß mit umgefallen. Bricht ein

Feuer aus, so löschen alle mit, obgleich nicht alle die Macht des

Bürgermeisters haben. »Wo die Not fordert und der Papst ärgerlich der

Christenheit ist, soll dazu thun, wer am ersten kann!« Nun sind die

Mauern niedergelegt. Rücksichtslos geht der Held jetzt gegen seinen

Feind. Ohne Furcht deckt er die vielen Schäden der Kirche auf. Soll

Hilfe gebracht werden können, so muß erst die Krankheit erforscht und

festgestellt werden. »Ich achte wohl,« heißt's am Schlusse, »daß ich

hoch gesungen hab, viel Dings fürgegeben, das für unmöglich werde

angesehen, viel Stücke zu scharf gegriffen. Wie soll ich aber thun? ich

bin es schuldig zu sagen ... Es ist mir lieber, die Welt zürne mir,

denn Gott ... Wohlan, ich weiß noch ein Liedlein von Rom und von ihnen.«

[Illustration: Franz von Sickingen.]

Dieses »Liedlein«, darin Luther »die Noten aufs Höchste stimmen«

wollte, sang er in seiner herben Streitschrift »von der Babylonischen

Gefangenschaft der Kirche«, darin er die Siebenzahl der Sakramente

bekämpft.

Ist das schadhafte Alte beseitigt, so kann der Neubau beginnen.

Herrliche Steine zum Neubau des evangelischen Lebens trägt Luther

in der dritten jener großen Hauptschriften herbei. Sie führt den

Titel: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Am Anfang stehen

die beiden Sätze, gleichsam als Thema des köstlichen Büchleins:

»Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und Niemand

unterthan; ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge

und Jedermann unterthan.« Was er in der Schrift auseinandergesetzt hat,

faßt er am Schlusse in die Worte zusammen: »Ein Christenmensch lebt

nicht ihm selber, sondern in Christo und seinem Nächsten: in Christo

durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt

er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die

Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe. Siehe, das

ist die rechte christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen

Sünden, Gesetzen und Geboten: welche alle andere Freiheit übertrifft,

wie der Himmel die Erde.«

Wie wenig mußten die Römlinge von der weltüberwindenden Kraft eines

gläubigen Christenmenschen, der mit Gott im Bunde steht, ahnen, wenn

sie meinten, solch ein Mann werde sich vor dem Bannstrahl fürchten. Im

Oktober 1520 kam Luther das Schriftstück unter die Augen, das seine

Lehre verdammte und binnen 60 Tagen den Widerruf forderte. Luther

antwortete darauf dem Papst: »Daß ich sollte meine Lehre widerrufen,

daraus wird nichts. Ich kann nicht leiden Regel oder Maß, die Schrift

auszulegen dieweil das Wort Gottes, das alle Freiheit lehret, nicht

soll gefangen sein. Wo mir diese zwei Stücke bleiben, soll mir sonst

nichts aufgelegt werden, das ich nicht mit allem Willen thun und leiden

will. Ich bin dem Hader feind, will Niemand reizen, will aber auch

ungereizt sein.« Aber auch eine Antwort durch die That gab Luther. Am

10. Dezember 1520 zog eine große Schar vors Elsterthor zu Wittenberg.

Bald war an der Stelle, wo man die Kleider der an der Pest Verstorbenen

zu verbrennen pflegte, ein Scheiterhaufen errichtet. Luther legte

sämtliche päpstliche Rechtsbücher darauf. Als das Feuer hoch

aufloderte, warf er des Papstes Bulle in die Flammen mit den Worten:

»Weil du den Heiligen des Herrn (gemeint ist Christus, vgl. Mark. 1,

24) betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer!«

[Illustration: Titelblatt der Bannbulle.]

Hätte Luther nicht unter dem Schutze des Kurfürsten von Sachsen

gestanden, so würde die weltliche Obrigkeit den Gebannten haben

festnehmen und seine kühne That auf dem Scheiterhaufen haben büßen

lassen. Friedrich der Weise setzte es aber beim Kaiser durch, daß

Luther auf dem nächsten Reichstag zu Worms durch gelehrte und

verständige Leute verhört werden sollte. Das paßte den Römlingen, die

bereits triumphierend den verhaßten Ketzer den Scheiterhaufen besteigen

sahen, gar nicht. Der päpstliche Abgesandte in Worms schrieb damals in

seinem Zorne: »Wenn ihr Deutschen das römische Joch abwerft, so werden

wir dafür sorgen, daß ihr euch untereinander mordet, bis daß ihr im

eigenen Blute untergeht!« Im dreißigjährigen Krieg haben die Jesuiten

versucht diese entsetzliche Drohung wahr zu machen.

Als Luther am dritten Osterfeiertag (2. April) 1521 von Wittenberg

nach Worms abreiste, wurde manches Auge feucht. Ob man je den teuern

Gottesmann wiedersehen, ob man je aus seinem Munde wieder das lautere

Gotteswort vernehmen würde? Ein wahrer Triumphzug ist Luthers Reise

gewesen. Wie drängte sich das Volk, den wunderbaren Mann zu sehen

und zu hören, der es wagte, ohne Furcht dem Papst entgegenzutreten!

»Christus lebt und ich werde nach Worms kommen, allen Pforten der Hölle

und Fürsten der Welt zum Trotz,« lautete Luthers Bekenntnis. Wenige

Stunden nur noch von Worms entfernt ward er durch einen treuen Freund

gewarnt und an Johann Huß' Schicksal erinnert. »Wenn so viel Teufel in

Worms wären als Ziegel auf den Dächern,« antwortete er, »dennoch wollte

ich hinein.«

Am 17. April hat Luther zum ersten Male vor dem Reichstag gestanden.

In lange Unterhandlungen wollte man sich nicht mit ihm einlassen. Er

sollte nur erklären, ob er widerrufen wollte oder nicht. Luther bat

um Bedenkzeit. Am nächsten Tag gab er die Erklärung ab, seine Bücher

seien verschiedener Art: die einen handelten von Glaube und Sitte --

sie widerrufen, hieße die Wahrheit verdammen; die andern kämpften

gegen falsche Lehren des Papstes -- sie könne er nicht widerrufen;

die dritten richteten sich gegen seine einzelnen Widersacher -- wohl

könnten diese hier und da zu heftig abgefaßt sein, aber widerrufen

könne er auch sie nicht. Soviel wollte man aber gar nicht im

Reichstage hören. Eine »schlichte Antwort ohne Hörner und ohne Mantel«

wurde von Luther gefordert. Da gab er denn die berühmte Antwort: »Weil

denn Eure Kaiserliche Majestät und Eure Gnaden eine schlichte Antwort

begehren, so will ich eine Antwort ohne Hörner und ohne Zähne geben

diesermaßen: es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Schrift oder

durch helle Gründe überwunden werde -- denn ich glaube weder dem Papst

noch den Concilien allein, dieweil am Tage liegt, daß sie öfters geirrt

und sich selbst widersprochen haben, -- so bin ich überwunden durch die

von mir angeführten heiligen Schriften und mein Gewissen ist gefangen

in Gottes Wort; widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, dieweil

wider das Gewissen zu handeln unsicher und gefährlich ist.«

Nochmals frug man Luther, ob er wirklich glaube, daß Concilien irren

könnten. Er blieb dabei. Da erhob sich ein Tumult im Saale. Mitten

in der aufs Höchste erregten Versammlung stand unser Luther. Bei der

großen Unruhe werden nur Wenige seine letzten Worte verstanden haben:

»Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir! Amen.«

Die deutsche Gewissenhaftigkeit und der deutsche Mannesmut haben im

Reichstagssaale zu Worms Papst und Kaiser besiegt. Ein gebannter Mönch

triumphiert über die Welt. »Ich bin hindurch, ich bin hindurch!« mit

diesen Worten trat Luther wieder in seine Herberge.

Noch eine Woche blieb er in Worms. Unterhandlungen mit ihm führten

zu keinem Ziele. Am Vormittag des 26. April verließ Luther die

Reichsstadt, ausgerüstet mit freiem Geleit auf 21 Tage nach der Heimat.

Er wußte, daß er sie nicht erreichen würde.

Am 25. Mai verhängte der Kaiser über den gebannten Luther die

Reichsacht. Niemand sollte ihm Essen und Trinken und Herberge geben.

Wer ihn fand, sollte ihn festnehmen und dem Kaiser überantworten. Die

Acht war kraftlos. Luther hatte ein sicheres Gewahrsam gefunden. Der

siegreiche Held weilte an friedlicher Stätte.

[Illustration]

5. Was Luther dem deutschen Volke geschenkt hat.

+a+) Die deutsche Bibel.

O selig und aber selig und überselig ist

der und nimmer genug zu loben, der diesen

Schatz hat. Denn er hat einen Schatz, nicht

von Gold noch Silber, sondern ein ander

höher Gut und ist reich und voll von eitel

großen Gütern.

Luther.

Mit Recht trägt Kurfürst Friedrich von Sachsen den Ehrennamen »der

Weise«. Daß er ihn verdient, hat er schon durch die Art bewiesen, wie

er für den geächteten und gebannten Luther sorgte. Auf alle Fälle mußte

dieser jetzt in Sicherheit gebracht werden. Es mußte sich bald zeigen,

ob seine Sache die Wahrheit sei -- dann war der Jünger der christlichen

Wahrheit geschützt --, oder, ob er im Irrtum sei -- dann war der Führer

der großen Bewegung unschädlich gemacht. Friedrich der Weise überließ

es seinen Räten, alles Weitere vorzubereiten und zu bestimmen. Welcher

Ort Luther aufnehmen sollte, mochte er gar nicht erfahren. Dann konnte

er, falls der Kaiser ihn darnach fragen würde, mit gutem Gewissen

sagen: Das weiß ich nicht.

In der Nacht vom 3. zum 4. Mai 1521 wurde Luther in der Nähe von

Altenstein von bewaffneten Reitern überfallen, aus dem Wagen gerissen

und auf die Wartburg geführt. Luther war darauf vorbereitet. Nur mit

Widerstreben war er auf den Plan eingegangen. Viel lieber hätte er für

seinen Herrn Christus und für die Wahrheit den Tod erlitten.

Für die Welt war Luther verschwunden. Die Feinde jubelten über

seinen vermeintlichen Tod. Die Freunde trauerten um den Märtyrer der

christlichen Wahrheit. Lange hat's freilich nicht gedauert, bis die

Freunde zu ihrem Jubel, die Feinde zu ihrem Entsetzen es erfuhren:

Luther lebt! Nur, wo er lebte, blieb ihnen ein Geheimnis.

Inzwischen saß Luther, dem Weltgeräusch entrückt, auf seiner einsamen

Bergwarte, zu seinen Füßen die »liebe Stadt«, die der Schauplatz seiner

freundlichen Jugendtage gewesen, in der sagenumwitterten »Region der

Luft und der Vögel«, zu der er als Knabe ahnungsvoll emporgeschaut.

Aus dem Mönch war jetzt ein Rittersmann geworden; rasch verwuchs ihm

die Tonsur, um Mund und Kinn kräuselte sich ein stattlicher Bart,

der »Junker Georg« trug jetzt ein höfisches Kleid, ein Schwert an der

Seite, eine goldene Kette um den Hals, ein Barett auf dem dichten

Haupthaar, und ein Edelknabe wartete ihm auf. In Sitte, Haltung, Kost

und Lebensgewöhnung mußte er sich, so sehr er widerstreben mochte, nach

der ritterlichen Weise schicken. Er wurde gehalten wie ein Edelmann,

der zu einer leichten Haft verurteilt war; so war ihm eine mäßige

Bewegung vergönnt: er durfte nach Belieben in die Stadt hinabsteigen

oder in Begleitung eines Reiterbuben weithin die Gegend durchstreifen.

Wie ist auch hier der Finger Gottes und die gnädige Führung des

Höchsten sichtbar! Die Welt sollte erfahren, daß die große Bewegung

die Sache Gottes sei, die bestehen müsse auch ohne Luther. Dieser

aber brauchte stille Zeit nach den Jahren heißen Kämpfens. In der

Stille der Wartburg ward er sich erst bewußt der weltgeschichtlichen

Bedeutung der letzten Ereignisse, in deren Mittelpunkt seine Person

stand. »Erschüttert begann er die inhaltsschwere Wirklichkeit jener

Tage tiefer und tiefer zu begreifen: was hing nicht alles an jener

großen Stunde, da er vor dem Angesicht Europas Zeugnis abzulegen hatte

von seinem Gott!« Und vor seine Seele trat der ganze Ernst der großen

Aufgaben, die seiner warteten. War er ihnen gewachsen? War er würdig,

seinem Herrn Christus zu solch großen Dingen zu dienen?

Auch auf der Wartburg hat Luther manchen inneren Kampf zu bestehen

gehabt. Er wußte aber, wo Trost und Kraft zu finden ist: im Gebet und

in Gottes Wort.

Auf der Wartburg hat Luther die Stille gefunden, die er zu dem großen,

wichtigen Werke der Bibelverdeutschung nötig hatte. Kein anderer als

er war dazu berufen, die Heilige Schrift »deutsch reden zu lehren« und

dem deutschen Volk die deutsche Bibel in die Hand zu geben. Versucht

hatte es vor ihm schon mancher. Die Deutschen hat's doch immer wie mit

geheimnisvoller Macht zur Bibel gezogen. Schon vor anderthalb tausend

Jahren hat der Gothenapostel Ulfilas die Bibel in die Sprache seines

Volkes übersetzt. In den Bibliotheken werden mehrere hundert alte

geschriebene deutsche Bibeln aufbewahrt. Kaum war die Buchdruckerkunst

erfunden, so stellte sie sich in den Dienst der Bibelverbreitung.

Als Luther auf der Wartburg war, gab es schon achtzehn verschiedene

deutsche gedruckte Bibeln.

War denn da Luthers Arbeit nicht überflüssig? Sie wäre es gewesen, wenn

jene Bibeln in Wahrheit deutsch gewesen wären und das unverfälschte

Gotteswort enthalten hätten. Aber ihre Sprache war nicht das echte

Deutsch des Volkes. Man merkte ihr gleich an, daß sie mühsam auf

deutsch sagen wollte, was in der Bibel lateinisch stand. Alle jene

Übersetzer vor Luther hatten es sich nämlich bequem gemacht. Sie legten

nicht das hebräische alte und das griechische Neue Testament, sondern

die lateinische Bibel (Vulgata) zu Grunde. Was also dort falsch stand

-- und das war nicht wenig -- ging nun mit in die deutsche Bibel über.

[Illustration: Philipp Melanchthon.]

Luther verfuhr anders. Er besaß die nötigen Sprachkenntnisse, die

Heilige Schrift aus dem Urtext übersetzen zu können, er besaß das

»rechte fromme, treue, fleißige, furchtsame, christliche, gelehrte,

erfahrene, geübte Herz«, das, wie er selbst sagt, »zum Dolmetschen

gehört« und er war ein echt deutscher Mann, mitten aus dem deutschen

Volke stammend, der wußte, wie die Deutschen reden und wie ein Buch

geschrieben sein muß, wenn's das deutsche Volk verstehen soll. »Man muß

die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf

dem Markt fragen, wie man soll deutsch reden, und denselbigen auf das

Maul sehen, wie sie reden.«

[Illustration: Titelblatt der ersten Ausgabe des Neuen Testaments.]

Mit dem Neuen Testament begann Luther seine Arbeit. Das war der

leichtere Teil. Als Luther von der Wartburg kam, brachte er diesen

Teil der Heiligen Schrift in deutscher Sprache mit. Mit seinem Freund

Melanchthon, der wie kaum ein anderer Griechisch verstand, hat er's

dann noch einmal durchgegangen. Auch ein anderer Freund Luthers, Georg

Spalatin, gab ihm manchen guten Rat. Melchior Lotter in Wittenberg

übernahm den Druck. Damit das Werk rasch fertig wurde, ließ er

die vier Evangelien und die Apostelgeschichte einerseits und die

Episteln andrerseits gleichzeitig neben einander setzen. Drei Pressen

arbeiteten an der Vollendung des Buches. Im September konnte man die

ersten Exemplare kaufen. Anderthalb Gulden betrug der Preis. Auf dem

Titel standen die Worte: »Das Newe Testament Deutzsch. Vuittemberg.«

Ob auch wohl alle erraten konnten, aus welcher Feder die Übersetzung

geflossen war, so wollte doch der bescheidene Luther seinen Namen auf

dem Buche verschweigen, das er in die Hand der deutschen Christenheit

legte.

Viel längere Zeit und weit mehr Arbeit hat die Verdeutschung des Alten

Testamentes gekostet. Sehnsüchtig wurde sie erwartet. Soll doch sogar

Herzog Georg der Bärtige, der sonst nichts von Luther wissen wollte,

gesagt haben: »Wenn doch der Mensch die Bibel vollends deutschte und

ging darnach hin, wo er wollte.« Es waren damals tüchtige Kenner und

Lehrer der hebräischen Sprache in Wittenberg, außer Melanchthon:

Matthäus Aurogallus, Bernhard Ziegler und Johann Förster. Sie haben

alle unserm Luther bei dem großen Werke wacker beigestanden. Er aber

hat immer der Übersetzung das letzte Gepräge aufgedrückt.

Oft mag Luther angesichts der Schwierigkeit seiner Aufgabe geseufzt

haben. Um so größer war dann seine Freude, wenn er sich sagen konnte:

So muß es in rechtem Deutsch lauten! So soll es heißen! »Ach Gott!«

klagt er einmal, »wie ein groß und verdrießlich Werk ist es, die

hebräischen Schreiber zu zwingen deutsch zu reden! Wie sträuben sie

sich und wollen ihre hebräische Art gar nicht lassen und dem groben

Deutschen nachfolgen! Gleich als wenn eine Nachtigall sollte ihre

liebliche Melodie verlassen und dem Kuckuck nachsingen!« -- »Ich habe

mich,« sagt er ein ander Mal, »dessen beflissen im Dolmetschen, daß ich

rein und klar deutsch geben möchte. Und es ist uns wohl oft begegnet,

daß wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben nach einem Wort gesucht

und gefragt, haben's dennoch zuweilen nicht gefunden. Lieber, nun es

verdeutscht ist, läuft einer jetzt mit den Augen durch drei oder vier

Blätter, und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche

Wacken und Klötze da gelegen haben, darüber er geht, wie über ein

gehobelt Brett. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist; aber

die Stöcke ausroden und den Acker zurichten, daran will niemand.« --

»Das kann ich mit gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste Treue

und Fleiß darin erzeigt und nie eine falsche Absicht dabei gehabt

habe. Denn ich habe keinen Heller dafür genommen noch gesucht und

damit gewonnen; so habe ich meine Ehre darin nicht gemeint, das weiß

Gott mein Herr; sondern habe es zu Dienst gethan den lieben Christen

und zu Ehren Einem, der droben sitzt, der mir alle Stunden so viel

Gutes thut, daß, wenn ich tausendmal so viel fleißig dolmetsche, ich

solches doch nicht verdiente, auch nicht eine Stunde. Es ist alles

Seiner Gnaden und Barmherzigkeit, was ich bin und habe; darum soll es

auch alles Ihm zu Ehren dienen, mit Freuden und von Herzen. Ich bin

allzu reich belohnt, wo mich nur ein einziger Christ für einen treuen

Arbeiter erkennt.«

Im Jahre 1534 war die Bibelübersetzung vollendet. Luther hat stets

bescheiden von seinem Werk gedacht und bis an sein Ende dran gebessert,

wo er bessern konnte.

Die evangelische deutsche Christenheit aber soll's +D.+ Martin

Luther nie vergessen, welch köstliche Gabe der teure Gottesmann ihr

mit der deutschen Bibel darreichte. »Wie einer lieset in der Bibel,

so steht am Hause sein Giebel,« pflegte Luther zu sagen. Lasset auch

uns fleißig Luthers Gabe benutzen, damit wir ihm nachsprechen können:

»Die Heilige Schrift ist ein sehr großer, weiter Wald, darin viel und

allerlei Bäume stehen, davon man kann mancherlei Obst und Früchte

abbrechen. Denn man hat in der Biblia reichen Trost, Lehre, Unterricht,

Vermahnung, Warnung, Verheißung und Drohung. Aber es ist kein Baum in

diesem Walde, daran ich nicht geklopft und ein paar Äpfel oder Birnen

abgeschüttelt hätte.«

+b+) Das deutsche Gesangbuch.

Lasset das Wort Christi unter euch reichlich

wohnen in aller Weisheit; lehret und

vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen

und geistlichen lieblichen Liedern und

singet dem Herrn in eurem Herzen.

Coloss. 1, 16.

Während Luther auf der Wartburg war, ging zwischen der guten Saat des

Evangeliums auch mancherlei Unkraut auf. Das Unkraut drohte die gute

Saat zu unterdrücken. Manchem ging's mit der Beseitigung des Alten

nicht schnell genug. Manche dachten, am Alten sei gar nichts Gutes,

darum müsse es mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Da wurden auch

allerlei unlautere Leidenschaften wach. In der Verwirrung aber meinte

Erzbischof Albrecht es wieder einmal mit dem Ablaßhandel versuchen

zu können. Schon im Dezember 1521 war Luther einmal ganz insgeheim

bei seinen Wittenberger Freunden gewesen. Lukas Kranach, der berühmte

Maler, hat den Reitersmann mit dem stattlichen Vollbart auf dem

Bilde festgehalten. Im März 1522 kehrte Luther trotz des ernstlichen

Widerspruchs Friedrichs des Weisen ganz nach Wittenberg zurück in

Gottes Hand sich wissend, auf den Schutz des Höchsten vertrauend.

Gleich bestieg er die Kanzel der Stadtkirche. Mit kräftigem Wort

rottete er das Unkraut aus. Das Werk der Reformation war wieder in die

rechte Bahn geleitet.

Unter den vielen Arbeiten der nächsten Zeit war eine der wichtigsten

die Neugestaltung des Gottesdienstes. »Drei große Mißbräuche,« klagt

Luther damals, »sind in den Gottesdienst gefallen. Der erste: daß man

Gottes Wort geschwiegen hat und allein gelesen und gesungen in den

Kirchen; das ist der ärgste Mißbrauch. Der andere: da Gottes Wort

geschwiegen gewesen ist, sind nebeneingekommen so viel unchristlicher

Fabeln und Lügen, beides, in Legenden, Gesängen und Predigten, daß es

greulich zu sehen ist. Der dritte: daß man solchen Gottesdienst als ein

Werk gethan hat, damit Gottes Gnade und Seligkeit zu erwerben. Da ist

der Glaube untergegangen und hat jedermann zur Kirche geben, stiften,

Pfaff, Mönch und Nonne werden wollen.«

Die katholische Kirche meint, daß sie mit ihren Gottesdiensten, in

denen der Priester mit prächtigem Meßgewande am Altar in lateinischer

Sprache redet oder singt und die Gemeinde stumm zuhört, Gott einen

Dienst thue. Luther hat's dafür gehalten, daß im rechten Gottesdienst

Gott ~uns~ dienen will mit seinem Wort und Sakrament. Darin

steigt Gott zu uns hernieder. Die Sakramente, Taufe und Abendmahl,

sind gemäß der Heiligen Schrift und der Einsetzung durch Christus zu

verwalten. Gottes Wort ist reichlich sowie lauter und rein zu predigen.

Es kann keinen rechten Gottesdienst ohne Gottes Wort geben. Darum

schenkte Luther dem deutschen Volke die deutsche Bibel. Darum gab er

dem Prediger, der nicht selbst aus Gottes Wort eine Predigt gestalten

konnte, seine Kirchenpostille, d. i. eine Sammlung von Predigten für

jeden Sonn- und Festtag über die Episteln, wie über die Evangelien in

die Hand.

Wie aber Gott herabsteigt in Wort und Sakrament, so erheben wir uns zu

ihm mit unsern Gebeten und unsern Gesängen. »Des Christen Handwerk ist

das Beten,« sagte Luther. Er hat das Handwerk meisterhaft verstanden

und hat Großen und Kleinen die Hände zum Gebet gefaltet. »Ach wie gar

ein groß Ding,« so lauten seine Worte, »ists um ein rechtschaffen

Gebet frommer Christen! Wie gar kräftig ist es bei Gott, daß ein armer

Mensch mit der hohen Majestät im Himmel so reden soll und vor ihm nicht

erschrecken, sondern wissen, daß ihn Gott freundlich anlache um Jesu

Christi willen, seines lieben Sohnes, unseres Herrn und Heilands!«

Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation · 第 2 / 8 段