Dann geht er. --

Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann

ist geschlagen!

Nun war es vorbei.

Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte

er.

Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein

Stück vom Himmel da droben herunter?

Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen

einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er

so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz

einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber

hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen

durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten,

da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern

schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen

und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und

wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene

Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um

einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von

Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die

Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen

gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden.

Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich

brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte

Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen

blickte.

Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße.

Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme,

du Schuft?

Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den

Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit

gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem

andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.

Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte,

niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war

eine Wonne, seine Macht zu fühlen.

»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er,

verächtlich die Lippen zuckend.

Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den

Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße

entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu

provozieren.

Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!

Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen

Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die

Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der

anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der

Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen

Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den

Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes

Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich

im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend

die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen

neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt

sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten.

Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war

gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht.

Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen.

Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein

lateinisches Wort.

Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren

wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.

Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.

»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und

lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen.

Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu

taumeln.

Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.

Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still

und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man

betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.

Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den

Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war.

Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer,

der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so

töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume

waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.

Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!

Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend

zerweichen mußte.

Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.

Er blieb stehen.

»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade

hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen

Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch

hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte.

Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen

sein.

Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.

»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!«

Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm,

messieurs? Man mußte ins reine kommen.

Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und

sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie

im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka

einher.

Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre

Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.

Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in

die Höhe gegangen.

Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen

auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie

schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer.

Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach,

richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka --

nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise,

bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an --

jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten

Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka

hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er

bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha,

er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und

Bianka sagte:

»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war

da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft,

daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb

freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah

ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im

Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.«

Sie stockte, besann sich, ging weiter.

Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert,

wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig

gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie

eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer

Doppelpunkt.

Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor

Erregung.

Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg.

Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen.

Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. »Es war hübsch, hörst

du, Ginstermann? -- hübsch war es.«

Und hier war es, hier.

O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht

vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen

zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffneten mir ihre Ideen, Herr

Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie,

bitte, addieren Sie. Summa: hübsch.

Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte.

»Hier liegen die Träume eines Toren«, begann er in pastoralem Tone, »hier

liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe

einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der

Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie

Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder

in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!«

Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke

stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und

Ausdruck.

»Du bist wahnsinnig«, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer

ihm.

Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein

Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit.

Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und

still. Die Stille flüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte

Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen

Kopf.

In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken,

die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese

Stille flüsterte.

In der Ferne schlug eine Uhr.

Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg,

und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen

schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man

das Ding. Ich kann es bewegen.

Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er.

Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas

eingemauert ist. Angst lähmte ihn.

Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt.

Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf

den Kopf damit zu schlagen.

Aber nein, was war mit ihm geschehen?

Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort, fort aus diesem Garten,

dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort.

Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden.

Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und

Schutzleute, er war geborgen.

Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem

Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es

dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack,

aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die

Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als

hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten

zornige, grüne Flammen auf.

Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen

Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen

Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe

vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard.

Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken

zu besitzen. Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er.

Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen,

trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter.

Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte

vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran,

die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte

erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den

Steinen fest.

Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe

hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe;

kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging

er wie ein alter Gaul.

Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten

ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis

unten.

Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen

Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß,

die Hände vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher

flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend.

Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es

zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park.

Und nun verstand er.

Sterben, sprach es.

Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang

gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren

umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund.

Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm.

Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ

sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die

schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte.

Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die

Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der

Erde zusammen.

Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch

die Nacht heraus.

Er kniete nieder und küßte die Erde.

Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld,

dort oben der Himmel. Adieu.

Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause.

Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen

diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die

dieses Ziel über sie hauchte.

Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die

dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen

Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte.

Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein

Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf,

fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut

ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben!

Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich

gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was

sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er

hatte seinen Rätseln gelauscht.

Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das

Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte.

Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden

hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen

schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in

Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe

hinterlassend.

Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser.

Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in

langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken,

das ihm das Leben schenkte. --

Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers

stehen. Es schien als warte sie auf jemanden.

»Ach, Sie sind es«, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe

Ringe um die Augen.

Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie

seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt

argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei.

»Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?« fragte sie mit jäher, erschrockener

Stimme.

»Mit mir, wieso denn nur?«

»Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?«

Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt.

»Ach nein«, erwiderte er. »Gute Nacht, Frau Trud.«

Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen.

Oben wandte er sich nochmals um und rief: »Grüßen Sie Kapelli, ich werde

ihn demnächst wieder mal besuchen.«

Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war.

Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das?

Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er

unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten

konnte. Die Vorhänge zog er zu.

Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie

herab.

Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund.

»Bianka«, sagte er, »leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst

das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes

Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt

du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich

dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich

gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst,

so härme dich nicht. Verzeih!«

Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er

öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es

nicht sehen.

Da pochte es an seiner Türe.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 41 / 62 题