Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr
töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den
Nachmittag bei mir verplaudern können.«
Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein,
das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen.
Sie waren ohnedies so gütig gegen
mich.«
Er verbeugt sich einigemal und lächelt.
Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt.
Da sind einige Muskeln um seinen Mund,
die sich verzerrt haben.
Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht,
daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine
Haare vom Schweiße an die Stirne kleben,
daß er bleich ist wie eine Wand.
Es ist gut, daß es dämmert.
Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und
morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.
Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt.
War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans
Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er
hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt.
Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte.
Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen
für die Reise.
Aber selbstverständlich. Wann sie fahre?
Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11.
In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.«
Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt
sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte
Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal
tote Wünsche.
Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.
»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?«
»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --«
»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin
haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte,
wollen Sie das?«
Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.
Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er
danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an
den herrlichen Sommer errinnern werde.
Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als
sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre.
Dann schüttelt sie ihm die Hand.
»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht?
Adieu!«
Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.
Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er
geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand
voll Staub ins Gesicht.
Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer
Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie
steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu
winken. Aber sie winkt auch nicht.
»Adieu, Fräulein Schuhmacher!«
Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer
Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen,
die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.
Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt.