Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg.
All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete.
»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!«
Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund,
von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog.
Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit
Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst
auf sein Zimmer kam.
Sie nannte ihn »Onkel Ginster«.
»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch
du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.«
»Ari«, sagte sie.
»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.«
»Heiner, ach ja, Heiner!«
Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme
Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten.
Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der
sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.
Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie
doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er
vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte
ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die
Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du
wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --«
Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart
auf den Boden.
»Bist du böse, Heiner?«
Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist
-- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh,
Schätzlein« -- --
Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er
ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es
hätte entnehmen können.
Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch
lächelnd sagen: ich verspüre nichts.
Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über
eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er
jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel
nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne
Zucken der Hand ertrug.
Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den
Gehirnwänden abschaben müßte.
Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr
rein war.
Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf.
Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln.
Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer
brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke
ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.
Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht
gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt
werden. Wer aber liebt sie?