Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nun nicht.«

»Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so

müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.«

»Ich bitte Sie darum.«

»Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden

und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle

mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe

irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege.

Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich

spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig

genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das

Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges

Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen,

die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die

Straße -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die

Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das

niemand leben würde . . .« -- --

Der »große Tag« neigte sich seinem Ende zu.

Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die

Wege überflutete.

Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach.

Ginstermann hätte gerne noch um ein Viertelstündchen gebeten, aber er

befürchtete, ihre Güte zu mißbrauchen.

Auf der Straße zwischen den öden Häusern, inmitten des brutalen Lärmens des

Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park,

in der Sonne gewesen.

Fräulein Schuhmacher war wiederum die kühle, vornehme Dame, als die er sie

kennen gelernt hatte.

Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswürdig und herzlich wie während des

Spazierganges.

»Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es

Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleißig. Auf Wiedersehen!«

Sie schüttelte ihm die Hand und ging.

Ginstermann schritt langsam die Leopoldstraße hinauf, ganz langsam.

Was für einen Monat haben wir, meine Brüder? sagte er.

Wir haben Mai!!

* * * * *

Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause.

Er kehrte in den Englischen Garten zurück und schritt langsam, den Hut in

der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen.

Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bäume streckten sich

ihrem erlöschenden Lichte entgegen. Dämmerung kam und schob die Leute den

Ausgängen zu.

Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann während des

Nachmittages erfüllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer

Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergoß sich mit dreifacher Wucht.

Er saß inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre

Herrlichkeiten vor ihm aus.

Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an

Schönheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklärte und durchleuchtete.

Jedes Wort, das Fräulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so

deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie

das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schloß er die

Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu

sehen wünschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie

lächelte, wenn er scherzte, sie kräuselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon

aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hände waren, wie

schmal und gewölbt ihre rosigen Fingernägel, die kaum merkbare Asymetrie

ihrer Stirne.

Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie während seines Vortrages hin-

und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie

eine reale Hinterlassenschaft.

Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte über die Wiese,

ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Büschen. Er wußte jede

Einzelheit ganz genau.

Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen

gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das

große Ereignis.

Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, daß ein Abgrund sie trennte.

»Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befürchten, seine

Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.«

Welch unerschütterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch

grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befürchten hatte.

Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen.

Mit Furcht und Bangen. --

Müde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu.

Durch die Straßen hauchte ein schwüler lautlos böser Wind, Bangen in den

Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, über die

ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich über die Residenz,

die Erde darunter zu ersticken.

Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht.

Ginstermann schob den Kopf zur Türspalte hinein und sagte guten Abend.

Die beiden Leutchen saßen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine

niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische.

»Kommen Sie doch herein,« sagten sie mit vom Glücke schwermütiger Stimme.

Er trat ein und saß eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte

mit gedämpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da

war.

Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flämmchen, die hinter Gaze

brennen.

»Mai, Juni, Juli,« sagte sie, ungewöhnlich lächelnd. Sie sann vor sich hin,

dann warf sie den Kopf zurück, damit ihr nicht die Tränen aus den Augen

fielen, und lächelte wieder.

Ihr Gesichtchen war verklärt durch mädchenhafte Schamhaftigkeit und das

Mysterium, das sich in ihrem Schoße vollzog, durchschauerte ihr ganzes

Wesen.

Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an

den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbüschel hing über ihre

Schläfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es

auf, daß sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug.

Sie atmeten alle beide in gleichen Zügen.

Ginstermann hörte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefühle, das

diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-süße

Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben

vermochte.

Er schwieg schließlich ganz und nur sein Mund lächelte noch.

Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als sähen sie die Bilder

ihrer Träume darin.

An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen

warf.

Ginstermann flüsterte.

»Bianka,« flüsterte er.

Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehört.

Er ging.

Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er

erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert über die neue sonderbare

Freundschaft trat er in sein Zimmer.

Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Türe

öffnete.

Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner über die

aufhorchende Stadt.

Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht · 第 23 / 62 题