XVII.

Während der letzten Wochen konnte die Regierung endlich auch die Frage

über den wirtschaftlichen Anschluß Luxemburgs ernstlich in Angriff

nehmen.

Am 30. Dezember hatten wir bekanntlich die Ententemächte von der

Lösung des Zollverbandes mit Deutschland und dem Wunsche einer

wirtschaftlichen Annäherung an die Westmächte verständigt.

Eine von der früheren Regierung zum Studium der wirtschaftlichen

Umorientierung des Landes eingesetzte Kommission, die aus zwölf

den verschiedensten Berufen entnommenen Mitgliedern bestand,

sprach sich am 2. Januar einstimmig, bei einer Enthaltung, für den

wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich aus.

Ende Januar ging dem Staatsministerium von Herrn Pichon, als Antwort

auf unsere Mitteilung vom 30. Dezember, folgende Note zu:

„Ich habe mit Befriedigung vernommen, daß die wirtschaftlichen Bande,

die Ihr Land an Deutschland knüpften, nunmehr gelöst sind, und es

war mir angenehm festzustellen, daß Luxemburg, nach wiedergewonnener

Freiheit, eine wirtschaftliche Annäherung an die Verbandsmächte

wünscht. Allem Anschein nach ~gestattet es die allgemeine Lage

nicht~, gleich jetzt schon in die erforderlichen Besprechungen

einzutreten. Sobald der Augenblick dafür gekommen ist, wird die

französische Regierung, dessen dürfen Sie gewiß sein, diese

Angelegenheit in der günstigsten Gesinnung prüfen."

Der Ausdruck „die allgemeine Lage" wurde von unsern Gegnern in der

Kammer im Sinne von „die dynastische Frage" gedeutet und die Krone

dementsprechend immer und wieder als das alleinige und große Hindernis

zu unserm wirtschaftlichen Glück hingestellt.

Und doch bestand ja seit einer geraumen Zeit bereits -- und unsere

Liberalen besonders waren als Anhänger einer Personalunion mit Belgien

besser unterrichtet als wir -- eine luxemburgische Frage.

Außenminister Hymans selbst hatte sie bekanntlich auf der

Friedenskonferenz aufgeworfen und, mit Hinweis auf die allgemeine

Zustimmung seines Landes erklärt, Belgien verzichte auf jede

gewaltsame Angliederungspolitik. Aber wenn das nationale und

internationale Statut des Großherzogtums nicht fortbestehen könne,

dann mache Belgien Rechte geltend, die in einer langen Vergangenheit

wurzeln. Dabei rechne es, wie schon erwähnt, auf den Beistand der

Mächte, um zwischen Belgien und dem Großherzogtum eine Annäherung zu

fördern, die sich sowohl durch starke geschichtliche Erinnerungen als

durch die Rücksichten auf seine Sicherheit rechtfertige.

Die belgischen Wünsche brachten Frankreich, bei allem Wohlwollen für

Luxemburg, in Verlegenheit. Die luxemburgische Frage spitzte sich

recht heikel zu. Bei voreiliger und oberflächlicher Behandlung wäre

der Widerstreit zwischen dem belgischen und dem französischen Vorteil

in fordernde Erscheinung getreten. Für Frankreich war also doppelte

Vorsicht geboten und es verstand sich der Hinweis Pichons auf die

allgemeine Lage als Erklärung seiner Zurückhaltung von selbst. Die

allgemeine, d. h. die internationale Lage gestattete dem französischen

Minister eben keinen andern Bescheid auf die Luxemburger Mitteilung.

Diese allgemeine Lage erlaubte es den Ententemächten ebenfalls nicht,

die diplomatischen Beziehungen mit dem Großherzogtum ohne weiteres

wieder aufzunehmen.

Herr Schiltz sprach in dem Punkt das Richtige, als er in der Sitzung

vom 6. März u. a. die Worte fand:

„Ich behaupte, der Grund weshalb Frankreich, Italien usw. ihre

Gesandten noch nicht nach Luxemburg geschickt haben, liegt darin, daß

man Belgien eine privilegierte Stellung hier im Lande eingeräumt hatte

und nicht den Anschein erwecken wollte, als wolle man Belgien in den

Weg treten .....

Zur Zeit wo dieser Plan (auf Vertreibung der Dynastie) möglicherweise

bestehen konnte -- ich glaube nicht, daß er jetzt noch besteht --

damals hat hier in Luxemburg ein heftiger Feldzug gegen unsere

Dynastie eingesetzt; damals schien es, als ob Luxemburg selbst diese

schmutzige Arbeit tun wollte, die die fremden Staaten nicht besorgen

wollten.

Da konnte es den Ententeländern bequem erscheinen, uns gewähren zu

lassen. Wenn für die Pläne des Auslandes unser Thron ein Hindernis war

und die Luxemburger selbst dies Hindernis beseitigen wollten, warum

sollte man sie nicht gewähren lassen? Warum sollte man diese Bewegung

nicht bis zu einem gewissen Grad unterstützen? Ist das vielleicht

nicht auch ein Grund, weshalb die fremden Mächte fern bleiben, warum

sich die Diplomatie einer gewissen Sprache bedient hat, welche die

antidynastische Bewegung hier im Lande begünstigen konnte! Diese

inländische Hetze war ja Wasser auf ihre Mühle. Warum sollte also die

Diplomatie diese Bewegung nicht begünstigen!"

Diese Worte trafen den Nagel auf den Kopf.

Um so notwendiger erschien es, angesichts der hinterhältigen Stellung

des Auslandes, das Luxemburger Volk doch einmal selbst auf den Plan zu

rufen. Das politische Referendum drängte sich unumgänglich auf. Der 5.

März brachte diese hochwichtige Frage endlich vor die Kammer.

Sie wurde mit einer unheimlichen Gründlichkeit erörtert. Die

Gegner der Dynastie zogen wieder alle Schleusen weitschweifendster

Redseligkeit, alle Register ihres vaterländischen Empfindens, alle

Griffe der Verschlagenheit, um die ihnen so unbequeme Volksbefragung

zu verhindern.

Die Freunde ihrerseits nahmen die Gelegenheit wahr, den unwürdigen

Feldzug des Hasses und der Verleumdung im In- und Ausland wieder

einmal grell zu beleuchten und zu verurteilen.

Der Regierung wurde von ihren Gegnern jedes Recht abgesprochen, mit

den Ententeregierungen in Verbindung zu treten und im Namen des

Luxemburger Volkes zu reden. Am bestimmtesten taten sie das in einer

Tagesordnung vom 12. März, die einen schon am 14. Januar abgewiesenen

Antrag in erweiterter Fassung wiederholt und folgendes bestimmt:

„Da es im Vorteil des Landes liegt, die freundschaftlichen Beziehungen

zu der Entente ohne Verzug zu bekräftigen; da der französische

Außenminister Pichon, bei aller Sympathie für das luxemburgische

Volk, sich weigert die heutige Regierung zu empfangen und es somit

Pflicht der Volksvertretung ist, die neuen Bande mit den befreundeten

Ententeregierungen zu knüpfen; da es angesichts der so bedauerlichen

Ausweisung der Vertreter Frankreichs, Belgiens und Italiens notwendig

geworden ist, im Namen des luxemburgischen Volkes unmittelbar mit den

Alliierten Mächten Fühlung zu nehmen: bezeichnet die Kammer aus ihrer

Mitte drei Vertreter, die sich alsbald mit den Ententeregierungen, und

besonders mit Frankreich, England und Belgien in Verbindung setzen

sollen, und bringt den gegenwärtigen Beschluß den Ententestaaten zur

Kenntnis.

gez. Probst, Jak. Schaack, Mark, Jos. Thorn, Léon."

Der Antrag wird am 18. März mit 29 Stimmen gegen 21 verworfen.

Mit 30 Stimmen gegen 20 beschließt sodann die Kammer die Veranstaltung

einer allgemeinen Volksbefragung über die zukünftige Staats- und

Regierungsform Luxemburgs. Sämtliche Luxemburger und Luxemburgerinnen

sollten dabei das Wort haben.

Für diesen Antrag stimmten die Rechte sowie die HH. Noesen, Prüm,

Schmitz, Vinandy, Böver, Glesener, Hemmer, Herschbach und Kellen.

Es stimmten dagegen die HH. Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark,

Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos.

Thorn, Blum, Brasseur, Diderich, Gallé, Housse, Kieffer und Koch.

* * * * *

Auch der Sonntag, 16. März, war schon ein Fest des nationalen

Gedankens geworden.

An dem Tage sollten die luxemburgischen Legionäre in der französischen

Armee von der Heimat begrüßt und gefeiert werden. Sie hatten

auf Frankreichs Boden für das Recht und für die Freiheit, für

Frankreich, aber zugleich, wie sie mit Stolz betonten, für den

Bestand des unabhängigen Vaterlandes gekämpft und geblutet. Hunderte

von ihnen waren gefallen. An den heißesten Sturmtagen an der Somme,

an der Aisne, bei Verdun schrieb sich die Luxemburgische Legion mit

Flammenzügen in die Listen der Verluste, in die Tafeln des Ruhms, in

das Dankesbuch der Geschichte.

Französische Abgeordnete, Senatoren und andere Politiker begleiteten

sie. Die Herren kamen auch, um zu beobachten und die luxemburgische

Volksseele zu belauschen.

Die Vereine Luxemburgs zogen zum Empfange auf. In der Halle des alten

Stadthauses wurde den Legionären im Beisein von Gemeinderat und

Regierung die Ehrenfahne überreicht.

Von den übrigen Festveranstaltungen war die Regierung absichtlich

ferngehalten worden. Die Einladungen dazu gingen aus von den erklärten

Gegnern der Dynastie, zum Teil sogar des unabhängigen Großherzogtums.

Das war häßlich. Am Tage des Vaterlandes hätte das Haupt der

Landesregierung nicht fehlen dürfen.

Wenig vornehm erschien auch die Kundgebung, zu der sich für den Tag

der Vorstand der französischen Liga verpflichtet wähnte.

Eine zu Ehren der Legionäre veröffentlichte Festschrift enthält

auf der letzten Seite das Programm der Liga in acht Forderungen,

gezeichnet von sämtlichen zwanzig Vorstandsmitgliedern. Dort liest man

Forderungen wie die folgenden: „.... Absetzung der Dynastie Nassau --

das republikanische Luxemburg unter der Schutzhoheit Frankreichs usw."

Man merkt daraus: Auch die Luxemburger Vaterlandsfreunde im

„französischen Bund" hatten nicht abgerüstet. Sie waren, durch üble

Erfahrungen gewitzigt, für den Augenblick etwas politischer geworden.

Früher wollten sie mit selbstmörderischem Opfermut aus dem freien

Großherzogtum ein ganzes oder halbes französisches Departement machen.

Heute gaben sie sich mit einer Republik als französischem Bundes- und

Vasallenstaat zufrieden. In heißer Erwartung natürlich des Besseren

und Stolzeren, das in ihren Träumen oder in ihren Berechnungen der

Erfüllung harrte.

Bei solchen Gesinnungen auf Seiten der Festveranstalter durften

unsere Legionäre auch nicht den Weg zur Landesherrin finden. Nicht

einmal am großherzoglichen Palaste sollten sie vorbei. Es wiederholte

sich dasselbe klägliche Spiel, das ein erstes Mal beim Einzug der

Amerikaner in Anwesenheit des Generals Pershing abgekartet worden war.

Aber sie sind doch gekommen, aus freien Stücken; mit ihrem

Oberstleutnant Rollet, dem Tapfersten der Tapfern von denen, die die

Tapferkeitsschnur in der Blutfarbe der Ehrenlegion tragen durften.

„Wir müssen uns ja bei unserer Regierung melden, hieß es in schlichter

Rede aus dem Munde der Wackern; wir alle sind einig in der Liebe zu

unserm lieben Land und zu seiner freien Zukunft."

Auch zur Großherzogin ging wenigstens eine Abordnung hin, um der

Landesfürstin zu huldigen.

Beim Festbankette stiegen hohe Reden von Einheimischen und Ausländern.

Die Phrase schwebte und das Pathos schwang.

Für die von allen Seiten in der Hauptstadt zusammengeströmten

Landeskinder aber wie für die Legionäre selbst, wurde der Sonntag zu

einem Tag der Nation: „+Mir welle bleiwe, wat mir sinn+", so

stand auf den Fähnchen zu lesen, die zum Besten der Hinterbliebenen

gefallener Legionäre auf den Straßen verkauft wurden.

Den Feinden eines freien selbständigen Luxemburgs im Großherzogtum

selbst brachte der 16. März also trotz aller Schläue, keine Freude.

Und doch, hätten sie alles erfahren, sie hätten wieder neue Hoffnungen

geschöpft und verstärkten Radau geschlagen. Kurz nachher kam mir

nämlich von dem vertrauten Freunde aus Paris folgende Meldung:

„Am 19. März traf ich einen hiesigen Deputierten, der mir mitteilte,

er gehe in einer halben Stunde mit vier Kollegen zu Clemenceau, um

ihm über ihren Besuch in Luxemburg zu berichten. Der Herr erzählte

dann und schloß seine Schilderung des Legionärfestes mit dem lapidaren

Spruch: „+Pas de Princesse boche!+" Ich erwiderte: „Hören Sie

mal, wenn es so steht, wie konnte man dann das Großherzogtum dermaßen

zum besten halten?" Er entgegnete scharf: „Reuter hat nicht die

Wahrheit gesagt". Ich staunte, überlegte und fand mich bewogen, ihm

folgende Rede zu halten: „Kurz vor Neujahr wurde mir ein wichtiger

Zwischenfall erzählt, von dem ich noch zu niemand gesprochen habe

und den ich Ihnen jetzt verraten will, da mir keine Verschwiegenheit

auferlegt wurde. Ich gebe Ihnen die Sache aber als durchaus verbürgt.

Als Ende 1918 Großherzogin Maria-Adelheids Stellung erschüttert

schien, wandte sich die luxemburgische Regierung durch eines ihrer

Mitglieder an den Diplomaten und Minister Mollard, mit der Frage,

ob seines Erachtens die Prinzessin Charlotte nicht die Nachfolge

ihrer Schwester antreten könne. Der Diplomat erbat sich einige Tage

Bedenkzeit. Dann antwortete er, dieser Nachfolge stehe kein Hindernis

im Wege. Ein verantwortlicher Minister spricht aber bekanntlich nicht

in seinem eigenen Namen, sondern im Namen seiner Regierung! Nur aus

dem Grunde gewiß hatte Herr Mollard auch Bedenkzeit gefordert." Der

Abgeordnete schien durch diese Mitteilung lebhaft berührt. Und ganz

unvermittelt fragte er auf einmal: „Sagen Sie mal, wer ist eigentlich

dieser Herr Dr. Welter?"

„Des andern Tages begegnete ich dem Abgeordneten wieder und fragte,

wie denn die Audienz bei Clemenceau verlaufen sei. „Das ist alles

strenges Geheimnis", war die Antwort. Kurz nachher aber erfuhr ich

doch, Clemenceau habe den Politikern, die einem Anschluß Luxemburgs an

Frankreich das warme Wort redeten, entgegnet: „Was wollen Sie? Wenn

die Belgier Luxemburg haben wollen, sollen sie es sich nehmen." Die

Besucher erhoben erregten Einspruch. Clemenceau aber rief: „Jedenfalls

dulden wir keine preußische Fürstin mehr. Fort auch mit den kleinen

Staaten! Wenn Belgien Luxemburg nicht erhält, so stecken wir es ein.

Aber, meine Herren, so schloß der Alte, gehen Sie doch zu Pichon. Der

weiß in der Frage besser Bescheid."

Diese Mitteilung schuf mir keine besondere Unruhe. Die verblüffenden

Sprünge der Launen auch noch des greisen „Tigers" waren ja allgemein

bekannt. Es sollte uns später nach einem besonders entscheidenden

Augenblick eine weitere Probe seines politischen Humors aufgetischt

werden.

Im Dienste · 第 27 / 48 题