Die Haltung, die der Prince de Ligne bei der Geburtstagsfeier vom 23.
Januar eingenommen hatte, befremdete. Sie wurde als Unklugheit gebucht
und als Fehlgriff empfunden. Wie wir überhaupt der belgischen Politik
nur mit äußerstem Mißtrauen gegenüberstehen konnten.
In der vom Senatsausschuß in Brüssel entworfenen Antwortadresse auf
die Thronrede König Alberts heißt es gegen den 14. Dezember 1918: „Der
Krieg hat die Verträge erschüttert, die der Entwicklung Belgiens im
Wege standen.... Mehr als jemals richten sich die Wünsche Belgiens
auf das Großherzogtum Luxemburg, das von Belgien gegen den Willen des
Volkes unter Verletzung tausendjähriger Rechte (!) abgetrennt wurde
und das gleichzeitig mit Belgien überwältigt worden ist. Belgien wird
imstande sein, Luxemburg brüderliche Hilfe zu leisten."
In Frankreich dagegen hatte Louis Barthou die Forderung gestellt:
„Es muß Luxemburg anheimgestellt werden, seine Zukunft selbst zu
bestimmen. Frankreich wird dafür sorgen, daß der Wille seiner
Einwohner geachtet werde, so wie er sich aus einer mit aller Gewähr
für ihre Aufrichtigkeit veranstalteten Volksbefragung ergeben wird."
Barthou sprach eben als Sohn eines Landes, wo schon zur Zeit
der Revolution der große Carnot, der Organisator des Sieges der
Konventsarmeen, die hochherzigen Europäergrundsätze aufgestellt hatte,
die in Wilsons Botschaft aus Amerika machtvoll widerklingen sollten
und sich in diesen lapidaren Sätzen aussprechen:
„Ein jedes Volk, wie klein auch sein Gebiet sei, ist unumschränkter
Herr im eigenen Haus. Sein Recht wiegt gleich dem Rechte der
Mächtigsten und kein anderes Volk darf seine Unabhängigkeit antasten.
Die französische Revolution gründete das Völkerrecht auf die den
Menschenrechten geschuldete Achtung."
Aus diesem Geiste heraus gab auch das Pariser Blatt „+L'Oeuvre+"
in der Nummer des 5. Dezember 1918 folgende freimütige Erklärung:
„.... Wem Luxemburg gehören soll? Nun, wir antworten ohne Zögern: den
Luxemburgern! Allerdings gibt es Franzosen, die anderer Ansicht sind,
auch Belgier und Deutsche -- ja, sogar Luxemburger. Die ungeheure
Mehrzahl der Luxemburger aber fühlt, wie sie es seit langen Jahren
schon singen: „+Mir welle bleiwe, wat mir sinn!+" Sie wollen frei
bleiben, zum mindesten politisch frei!
Wem sie sich wirtschaftlich angliedern sollen? Das steht ganz in ihrem
Belieben. Der von Präsident Wilson aufgestellte Grundsatz gesteht
allen Völkern das Recht der freien Selbstbestimmung zu. Wir haben
diesem Prinzip zugestimmt, wir hatten es sogar eine Zeit vor ihm
verkündet.
Mag Luxemburg auch ein ganz kleines Land sein -- 250000 Einwohner!
-- mag es auch einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert darstellen --
es soll unter den stahlerzeugenden Ländern an sechster Stelle stehen
--, so erlaubt das alles uns nicht, ihm ein Recht vorzuenthalten, das
allen Völkern zugestanden wird."
Aus Belgien scholl es dagegen seit vielen Wochen ganz anders zu uns
herüber.
Ein bedauerliches Mißverständnis ließ die Belgier glauben, die
Luxemburger wären ihrer Selbständigkeit müde und verzehrten sich
in Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem, wie ihre Politiker
und Geschichtsschreiber mit Vorliebe lehren und predigen, das
Großherzogtum 1839 wider seinen Willen und mit Willkür entrissen
worden sei. Für viele Belgier war das unabhängige Luxemburg, wie
Destrée sich ausdrückt, ein belgisches Elsaß-Lothringen! Nun aber
weiß jeder Kundige, daß diese Auffassung den Tatsachen aber auch gar
nicht entspricht. Sogar im Verband der spanischen und österreichischen
Niederlande hatte das Herzogtum Luxemburg seine Selbständigkeit
gewahrt. Es war weder völkisch noch politisch mit den übrigen
Provinzen der Vereinigten Niederlande verschmolzen, und die von ihm
bewilligten Geldmittel wurden ausschließlich zum Nutzen des Herzogtums
verausgabt. Das Großherzogtum Luxemburg vollends ist nie belgisch
gewesen. Im Gegenteil: als selbständiger Staat des neuen Europas ist
es älter als Belgien und 1839 wurde ihm, Belgien zuliebe, die größere
Hälfte seines unabhängigen Staatsbesitzes geraubt.
In den Dienst dieses politischen Größenwahns mischten sich in Brüssel
besonders die Männer des sog. +Comité de Politique Nationale+,
und das mit dreistester Voraussetzungslosigkeit. Am 31. Dezember 1918
leistete sich z. B. das halbamtliche Blatt „+Le XX^e Siècle+"
folgende Stilblüte: „Die heutige Lage ist derart, daß Luxemburg, wenn
es genötigt ist, die Beziehungen zur Entente enger zu knüpfen, nichts
anders werden kann als entweder ein kleines französisches Departement
oder eine große belgische Provinz. Das Großherzogtum möge wählen!"
Zum mindesten aber wären, so glaubte in Belgien jedes Kind, die
Luxemburger ihres Herrscherhauses überdrüssig und wünschten nichts
ungeduldiger als die „verpreußten" Nassau-Braganza nach Deutschland
zurückzuschicken, um sich im Heldenkönig Albert durch Personalunion
einen Großherzog nach ihrem Herzen zu geben.
Schon am 17. November 1918 hatten eine Anzahl belgischer Luxemburger
in einer Adresse an den König den heißen Wunsch geäußert, Luxemburg
möchte Belgien zurückgegeben werden.
Eine Personalverbindung mit Belgien forderten dann die in Brüssel
ansässigen Luxemburger in der Kundgebung vom 8. Dezember 1918 auf der
+Place des Martyrs+, und es hatte ihrem ungestümen Übereifer der
Beifall aus Regierungskreisen nicht gefehlt.
Diese irrige Beurteilung der luxemburgischen Gesinnungen und
Verhältnisse darf aber nicht ganz wunder nehmen.
„Seit Jahren, so erklärte der Prince de Ligne selbst einer
luxemburgischen Abordnung, wurde in Belgien durch Briefe, Zuschriften,
Gespräche usw. von Luxemburgern selbst verbreitet, das Großherzogtum
wolle sich durchaus mit Belgien verbinden; in Brüssel hatte man
deshalb gehofft, durch Unterstützung der Annexionsbestrebungen dem
innigsten Wunsch der Luxemburger entgegenzukommen."
Wie hätte das in eingeweihten Kreisen auch anders sein können,
angesichts folgender ungemein bezeichnender Tatsache:
Im Frühjahr 1916 hatte sich Baron Orban de Xivry, Senator der Provinz
Luxemburg, wie er mir am 28. Juli 1920 in Arlon bei der Überführung
der armen Opfer von Rossignol persönlich gestand, auf dem Umweg über
London nach La Panne begeben und hier seinem König Albert im Namen der
luxemburgischen Kammermehrheit die Krone des Großherzogtums angeboten.
Der König erschrak über eine solche Zumutung und wies sie zurück mit
dem entrüsteten Ausruf: „+Ça, jamais, jamais, jamais!+"
Er fand in dieser ritterlichen Empörung eine Geberde, die auch seiner
Base Maria Adelheid nicht fremd war und von dieser Belgien gegenüber
wiederholt wurde.
Deutschland, so wurde ihr eines Tages beteuert, trage sich mit dem
Gedanken, bei Friedensschluß die deutschen Bezirke von dem belgischen
Luxemburg abzutrennen und mit dem Großherzogtum zu vereinigen.
„Aber für wen hält man mich! rief die Fürstin in edelm Zorn. Das
unglückliche Belgien! Man hat ihm das größte Unrecht angetan! Und man
wagt es, uns eine solche Handlung zuzumuten! Nie! Niemals!"
Wenn aber ein belgischer Senator glaubte, im Namen einer Luxemburger
Kammermehrheit, die als solche nur auf zwei Augen stand, den bekannten
Antrag stellen zu dürfen, so begreift man schließlich die kühle
Ignorierung der Großherzogin Maria Adelheid durch ihren königlichen
Vetter beim feierlichen Empfang in Arlon.
Die Anwesenheit der Franzosen in Luxemburg durchkreuzte
geheimgesponnene Pläne. Marschall Fochs Weigerung ließ keinen
belgischen Soldaten dauernd über Luxemburgs Grenze, mochte er auch
noch so geläufig luxemburgisch reden.
Der Fehlschlag der Revolution und die in Aussicht stehende Abdankung
der Großherzogin Maria Adelheid enttäuschte in Brüssel. „Frankreich,
so hieß es im „+Soir+" vom 12. Januar, machte Belgien Hoffnungen
auf Luxemburg. Aber die Militärpartei und die +Ligue française+
wollen die Dynastie erhalten. Dann wird die Personalunion mit Belgien
hinfällig, das Land entzieht sich Belgien und kann sich Frankreich
später angliedern. Französische Interessenpolitik verlangt die
Anerkennung Charlottens."
„Eine Republik Luxemburg hätte die spätere Personalunion mit Belgien,
für die sogar die Sozialisten zu haben waren, nicht ausgeschlossen
und die republikanische Bewegung hätte sehr leicht in Bolschewismus
ausarten können."
Das war doch aufrichtig gesprochen und zugleich sehr naiv.
Auch die Auslandspresse wurde zugunsten wenigstens der Personalunion
mit Belgien bearbeitet und bedient.
Schon ~gegen Mitte Dezember 1918~ heißt es auf dem Umweg über
Paris und Haag: „Nach Meldungen aus Luxemburg ist die Abdankung der
Großherzogin ~in der ersten Hälfte des Januar~ zu erwarten." Die
Mehrheit des luxemburgischen Volkes, so wird dann angedeutet, sei für
die Personalunion mit Belgien.
Aus belgischen Quellen wird am 13. Januar 1919 über die Grenzen
verkündet, 30 luxemburgische Abgeordnete hätten, nach dem Abgang der
Rechten, die Abdankung der Großherzogin beschlossen. Von den 30 hätten
16 die Republik ausgerufen. Die 14 übrigen möchten von einer Republik
nichts wissen, die von 52 nur 16 Stimmen auf sich vereinigt habe. Was
dazu die Rechte denke, bleibe abzuwarten.
Auch bei dieser ironischen Glossierung einer durchaus falschen
Tatsache redet eine heimliche Hoffnung mit.
Der revolutionäre Aufruhr schlug fehl. Die Belgier waren enttäuscht.
Sie suchten einen Schuldigen und fanden den in General de la Tour.
Ohne das Eingreifen des französischen Stadtkommandanten, so wurde
geschimpft, hätte der Umsturz gesiegt. Dies Verbrechen heischte
Sühne, d. h. die Maßregelung seines Urhebers. Clemenceau gab nach.
Der französische General Roque kam zu einer Untersuchung herüber, und
General de la Tour wurde abberufen.
Unserm Kollegen, Herrn Generaldirektor Collart gegenüber, ließ sich
ein belgischer Diplomat zu dieser bezeichnenden Klage hinreißen: „Sie
hätten Großherzogin Maria Adelheid nicht fortschicken sollen. Sie
hatte sich beim Volk und bei der Entente unlieb gemacht. Man hätte
sich ihrer sehr leicht entledigen können. Prinzeß Charlotte aber ist
ein junges Mädchen, dem kein Vorwurf gemacht werden kann. Es wird
recht schwer halten, sie zu verdrängen."
Dieses Geständnis redet Bände.
Wie man damals in Brüssel die Freundschaft und die Rücksicht verstand,
beweist das Erscheinen des Blattes „+Le Luxembourg+", das in
der zweiten Hälfte des Monats Januar 1919 in unserer Hauptstadt
plötzlich auftauchte. Ein Blatt, mit belgischem Gelde gegründet
und gedruckt, das den Wählern gratis ins Haus geschickt wurde und
belgisch-nationalistische Politik trieb. Allein der Titel schon war
eine Herausforderung. „+Le Luxembourg!+" Ich stellte mir mehr
als einmal vor, was wohl in Brüssel geschehe, wenn holländische
Annexionisten die Stirn hätten in Belgiens Hauptstadt ein in ihrem
Solde stänkerndes Blatt herauszugeben und es dazu noch „+La
Belgique+" zu taufen! Den Hallo hätte ich hören mögen!
Sogar vor der Friedenskonferenz in Paris äußerten sich die
belgischen Wünsche. Zwar wurde die Rückkehr Luxemburgs an Belgien
nicht ausdrücklich gefordert, aber da ja die ganze Bevölkerung des
Großherzogtums ihre Heimkehr zum Mutterlande verlange, so hofften die
belgischen Vertreter, die Friedenskonferenz werde den Luxemburgern
den Anschluß an Belgien empfehlen. „Luxemburg, so verlangte Herr
Hymans am 1. Februar, müsse Belgien in Personalunion angegliedert,
Großherzogin Charlotte könne von der Entente nicht anerkannt werden."
Am 12. Februar behauptete er, ein neutrales Luxemburg im neuen Europa
sei ein Widersinn. Belgien wolle keine Gewalt gebrauchen, aber es wäre
glücklich, wenn die Entente den Anstoß zu einer Annäherung der beiden
Länder gebe.
Es blieb also Tatsache: Die belgischen Politiker waren auf dem
Kriegspfade gegen das freie, zum mindesten das neutrale Luxemburg.
Aber sie gingen einen Irrweg; sie schufen sich selbst Ärger und
Niederlagen; sie brachten uns zeitweilig in unverdiente Bedrängnis;
sie zwängten so zwischen die beiden einander recht nahestehenden
Länder eine Spannung, durch die ein von vornherein herzliches und
vertrauensvolles Verhältnis in überflüssiger und verhängnisvoller
Weise getrübt wurde.
In der französischen Öffentlichkeit wurde die Nachricht von der
Thronbesteigung Charlottens mit fast ermunternder Freundlichkeit
aufgenommen. Sogar bei Blättern, die die Einrichtung einer
luxemburgischen Republik eifrig begrüßt hatten, war keine Enttäuschung
festzustellen.
Es lag also der Schluß nahe, solches geschehe nicht ohne Weisung von
oben. Das geht zudem klar aus den Worten des Schriftstellers Maurice
Barrès hervor, der am 24. Januar 1919 im „+Echo de Paris+" seine
annexionistischen Freunde wissen ließ, er werde sich in Zukunft jeder
Kritik zu den luxemburgischen Verhältnissen enthalten und sich damit
den leitenden Gedanken der französischen Staatsmänner unterordnen.
* * * * *
Am 28. Januar 1919 verließ Großherzogin Maria Adelheid das Land. Ihre
Mutter, Großherzogin Charlotte, die Prinzessinnen Hilda und Antonia
begleiteten sie bis Diedenhofen. In einem letzten Aufruf an ihr Volk
nahm die tapfere Fürstin von der Heimat und ihrem Volke den würdigsten
Abschied.
Wie aufrecht und wahr auch die Seele ihrer Nachfolgerin von der ersten
Stunde ab empfand, das beweist ein Vorfall, der in seinen genauen
Einzelheiten der Öffentlichkeit entzogen bleiben muß.
Ein sehr einflußreicher Ausländer ließ im Februar 1919 Großherzogin
Charlotte um eine persönliche Audienz bitten, zu der er inkognito
als Journalist erscheinen wolle. Er sei bereit, und zugleich in der
Lage, die Anerkennung der Großherzogin bei König Albert und in London
zu erwirken, unter der Bedingung, daß I. K. H. mit Belgien in ein
wirtschaftliches und militärisches Bündnis trete.
Kaum hört die Fürstin, worum es sich handelt, so ruft sie in ehrlicher
Entrüstung: „Aber sowas ist doch unerhört! Ich empfange den Herrn
nicht. Wenn das Wohl des Landes auf dem Spiele steht, will ich nichts
hinter dem Rücken der Regierung tun. Unter keiner Bedingung gebe ich
mich zu einer Abmachung her, bei der es sich um das Glück des Volkes
handelt, auch nicht meinem Haus und meiner Krone zulieb."
Nur auf den dringlichen Zuspruch ihrer Umgebung ließ sie sich bewegen,
ihre Absage zu begründen, und so wurde dem freundlichen Vermittler der
Bescheid, die Großherzogin könne seinem Wunsche nicht nachkommen, aus
konstitutionellen Rücksichten, denn eine so wichtige Frage müßte doch
dem Außenminister unterbreitet werden.
Um 6 Uhr abends schon war die Großherzogin beim Staatsminister und
erzählte den Vorfall.
Wir unserseits lernten aus diesem kleinen Ereignis, daß die
Entschlossenheit, womit Fürst, Regierung und Volk einmütig hinter dem
Willen zur Unabhängigkeit und freien Selbstbestimmung stand, auch im
Ausland an entscheidender Stelle Eindruck gemacht hatte.