Rufe rechts: „Das genügt uns!"

Hr. Reuter: „Wir legen keine Schriftstücke vor, wir dürfen keine Namen

nennen. Wenn die Kammer uns nicht glauben will, so möge sie tun, was

sie für nützlich findet!"

Von diesem Standpunkt wird der Staatsminister auch bei allen folgenden

Auseinandersetzungen kein Haarbreit abweichen. Immer wieder beruft er

sich auf die heilige Überzeugung sämtlicher Regierungsmitglieder und

auf deren Vaterlandsliebe; beständig weigert er sich, Namen zu nennen

und der Kammer die geforderten Belege zu unterbreiten.

Das Vertrauen hielt stand. Der Antrag wurde mit 30 gegen 19 Stimmen

abgelehnt.

Dagegen stimmte die Rechte sowie die HH. Glesener, Herschbach, Laval,

Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver;

dafür stimmten die HH. Diderich, Hemmer, Housse, Kellen, Kieffer,

Koch, Krier, Lacroix, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak.

Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum und Brasseur;

es enthielten sich die HH. Kappweiler und Krieps.

Dasselbe Schicksal fand bei 31 Stimmen gegen 19 und 1 Enthaltung eine

zweite von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Tagesordnung des Inhalts:

„Da die französische Regierung sich weigerte, bei aller Sympathie für

das luxemburgische Volk, die Minister der Großherzogin zu empfangen;

da es aber notwendig ist, mit der französischen Republik wieder in

enge Beziehungen zu treten, schiebt die Kammer die Ernennung der

Kommission auf und bezeichnet aus ihrer Mitte eine Vertretung von

drei Mitgliedern, die im Namen des Luxemburger Volkes alsbald mit der

französischen Regierung sowie mit den übrigen Ententemächten Fühlung

nehmen sollen."

* * * * *

Am 15. Januar, um 4 Uhr nachmittags, wurde Großherzogin Charlotte

vereidigt. Sie schloß an die feierlichen Worte folgenden Ausspruch:

„Ich bin stolz auf den Eid, den Ich soeben in die Hände der Vertretung

der luxemburgischen Kammer abgelegt habe.

Ich fasse meinen Eid in dem Sinne auf, daß Ich die Interessen des

Luxemburger Volkes über Alles stelle, daß ich sein Leben leben und an

seinen Freuden und Leiden teilnehmen will.

Ich wünsche mit dem Luxemburger Volke zusammenzuarbeiten, um die

freundschaftlichen Bande zu festigen, die es mit den Verbandsmächten,

an deren wirtschaftlichem Leben es teilnehmen soll, verknüpfen sollen.

Ich wünsche, daß aus dieser Vereinigung sich dem Land eine Zeit des

Wohlstandes, des inneren und äußeren Glückes eröffne."

Der Kammerpräsident dankte I. K. H. und verlieh der Hoffnung

Ausdruck, unter dem gedeihlichen Zusammenwirken von Fürst und Volk

werde das Großherzogtum einer glücklichen und unabhängigen Zukunft

entgegengehen.

* * * * *

In der Sitzung vom 16. Januar stand auf der Tagesordnung das

Vertrauensvotum für die neue Regierung.

Ich rechtfertigte meine Handlungsweise in einer längeren Erklärung,

deren Ton und Ausführungen ausschließlich von den angedeuteten

Gefühlen bestimmt wurden: nur der Heimat und dem Heimatgedanken

sollten meine Worte gelten.

„~Herr Generaldirektor Welter~: Ich verlange das Wort in einer

persönlichen Angelegenheit. Während der Dienstagssitzung wurde ich

mit gewissen Liebenswürdigkeiten bedacht, deren Sinn und genauen

Wortlaut ich in dem allgemeinen Tumult nicht verstehen konnte. Erst

als ich gestern morgen den analytischen Kammerbericht las, konnte

ich mir von diesen Vorwürfen eine bestimmte Vorstellung bilden.

Man gibt darin, unter anderm, meinen Namen der Verachtung aller

ehrlichen Leute preis. Die Kammer wird mir gestatten, auf diesen

kleinen Zwischenfall zurückzukommen. Nicht als ob diese Ausfälle mir

besonders nahe gegangen wären, aber ich möchte auch nicht den Anschein

haben, als wollte ich mich einer freiwillig und bewußt übernommenen

Verantwortung entziehen. Auch möchte ich durch meine Erklärungen dem

Lande begreiflich machen, daß man ein ehrlicher Mann bleiben kann,

sogar wenn es einem unmöglich gewesen ist, bis zum äußersten der

Politik einer Partei zu folgen, der man durch aufrichtige Sympathien

und tiefe Freundschaft verbunden war.

Wenn ich verschiedene andere Unterbrechungen richtig verstanden habe,

ruft man besonders nach dem Verrat des Dichters der „Schmiede" und des

einstigen Vertrauensmanns. Aber weder in der einen noch in der andern

Eigenschaft habe ich jemals verraten oder getäuscht.

Der Verfasser der „Schmiede" verleugnet noch heute keinen der in

diesem Gedichte ausgesprochenen Gedanken. Im Gegenteil, ich denke

immer mit Vergnügen daran und es macht mich diese Erinnerung um 20

Jahre jünger. Ich empfand denn auch eine aufrichtige Genugtuung an dem

Tage, wo ich die Entdeckung machte, daß der Dichter der „Schmiede"

sich gewissermaßen als Pate des sozialistischen Parteiblattes

betrachten darf. Es war auch nur die lebhafte Sympathie für die

sozialen Bestrebungen dieser Partei, die mich zur Annahme des Postens

in dem Koalitionsministerium bewog, das glücklicherweise aufgelöst

ist, leider aber nicht selig im Herrn entschlafen konnte. Den besten

Beweis dafür, daß die „Schmiede" für mich keine Jugendsünde ist,

für die ich heute büßen möchte, finden Sie unter anderem in dem

Leben eines Proletariers, in dem Buche „Franz Bergg". „Franz Bergg"

hat mir kurz vor Beginn des Krieges in Deutschland, auf Befehl der

Militärbehörden, zwei Prozesse eingebracht. Sie werden mir also

glauben, wenn ich Ihnen noch einmal versichere, daß ich der Einladung

der sozialistischen Partei gefolgt bin, aus reiner Sympathie für die

sozialen Ideen, die sie vertritt, einer Sympathie, der sich auch etwas

menschliche, leicht begreifliche Neugier mischte. Aber an dem Tage, wo

ich mich vor die Einladung der sozialistischen Partei gestellt sah,

war ich darauf bedacht, meinen Vorbehalt zu machen. Und so gab ich

denn einem Freunde zu verstehen, daß es mir in einem Konflikt zwischen

Monarchie und republikanischem Prinzip vielleicht unmöglich gemacht

würde, der Erwartung meiner Auftraggeber ganz zu entsprechen. Es wurde

mir die Antwort, daß es zu einem solchen Konflikt kaum kommen dürfte;

meine diesbezüglichen Bedenken seien also unbegründet.

Sie erkennen daran, daß ich von Anfang an darauf bedacht war, jedem

Mißverständnis vorzubeugen und mir in der Hinsicht meine Freiheit

vorzubehalten. Man hat demnach Unrecht, mir einen Vertrauensbruch

an der Fraktion vorzuwerfen. Ich habe niemals die Abdankung meiner

Persönlichkeit verpfändet.

Ich bin weit davon entfernt, ein eingefleischter Monarchist zu

sein. Republikaner in Frankreich, in der Schweiz, in dem heutigen

Deutschland, dürfte ich es, und besonders unter den heutigen

Umständen, nicht in Luxemburg sein, und zwar so ziemlich aus

denselben Gründen, die Herr Laval vorgestern mit der ganzen Kraft der

Überzeugung auseinandergesetzt hat.

Ich kämpfe, wie ich es an dieser Stelle bereits ausgesprochen habe,

für die Unabhängigkeit des Landes. Ich will, daß Luxemburg, trotz

aller wirtschaftlichen und anderen Bande, in seiner innern Politik

möglichst selbständig bleibe. Ich gehöre nicht zu den Landsleuten,

die dem Auslande weismachen wollten, der Luxemburger habe wohl eine

Heimat, aber kein Vaterland. Dieser lächerliche Sophismus wird sogar

von großen ausländischen Schriftstellern wiederholt und verbreitet.

Das Großherzogtum ist nun aber unser Vaterland. Dieses Vaterland ist

allerdings klein. Sein Volk ist, und war es niemals mehr als heute,

der Schwächste der Schwachen. Aber dieses Vaterland wird uns dadurch

nur um so teurer, weil sich gerade den Kleinen und den Schwachen die

Zärtlichkeit unserer ganzen schützenden Liebe zuwendet.

Wenn es Männer gibt, die sich ihres Vaterlandes schämen, die es dazu

drängen möchten, im Abgrunde der Größe einer benachbarten Nation

unterzugehen, so bin ich immer stolz darauf gewesen, Luxemburger zu

sein, und ich hoffe immer Luxemburger bleiben zu können.

Nun gestatten Sie mir, m. H., Ihnen zu erklären, weshalb wir bleiben

möchten, was wir sind, weshalb wir freie Luxemburger bleiben möchten.

Seit meiner Kindheit lernte ich Luxemburg lieben als ein Land, wo das

Leben trotz allem nicht zu schwer ist, obschon ich mich in meiner

Jugend niemals an die Tafel des Überflusses setzen durfte. Ich konnte

mich auch schon früh davon überzeugen, daß dem Talent bei uns seine

Förderung wurde, daß der freie Gedanke und das freie Wort unter uns

eine Stätte hatte, daß die Kraft und der Mut auf der heimatlichen

Erde ein geeignetes Arbeitsfeld fanden oder wenigstens auf einen Weg

gestellt wurden, der sie auf die großen Kreuzungspunkte und die weiten

Kampfplätze menschlicher Tätigkeit führte.

In diesem kleinen neutralen Lande wurde uns aber auch schon früh

ein Ideal in die Seele gepflanzt, das mir immer teuer blieb, ein

friedliches, antimilitaristisches, rein menschliches Ideal, dessen

Verwirklichung heute mehr als jemals zu den großen Sorgen der Völker

und der Individuen gehört.

Es ist aber auch nur zu natürlich, daß die Gedanken von idealer

Gerechtigkeit und von menschlichem Recht gerade uns tief ins Herz

gesenkt wurden, denn dem Schwachen bleibt nur das Recht und die

Gerechtigkeit, um sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.

Und so lernte der Luxemburger, wie ich mir ihn denke, sein Ideal

vom Menschen und von Menschlichkeit sehr hoch stellen. Bürger eines

schwachen Staates, schritt er doch auf den Gipfeln, von denen aus sein

Blick messen konnte, was unvergänglich und groß, aber auch was klein

und vergänglich war an dem Tun der großen Reiche, deren nationale

Vorurteile ihm den Scharfblick seines Urteils nicht trübten. Und

deshalb behaupte ich wieder einmal, daß die kleinen neutralen Staaten

ihren Platz in der politischen Staatengruppierung haben müssen.

Zwischen den erzgepanzerten Riesen bergen sich diese Kleinen schwach

und furchtsam, aber in ihnen, viel lebhafter und feiner als in den

Großstaaten, verkörpert sich das Gewissen der Menschheit. An dem Tage,

wo der letzte dieser kleinen Staaten der Begier des Imperialismus

hingeopfert würde, müßte der gute Geist der Menschheit sich in Trauer

hüllen, denn er würde sich bis in den Kern der Seele verarmt fühlen.

Das, meine Herren, ist meine Auffassung über die kleinen Staaten

wie Luxemburg, das ist nach meinem Empfinden die moralische

Daseinsberechtigung dieser Staaten, und das ist auch einer der

wichtigsten, einer der hauptsächlichsten Gründe, weshalb ich fordere,

daß ein freies und unabhängiges Luxemburg erhalten bleibt.

Wir neutralen Kleinstaater sind sogar in mehr als einer Hinsicht

der Entwicklung voraufgegangen, die sich in der Welt vorzubereiten

scheint. Wir waren immer die begeisterten Anhänger der Forderung,

gemäß der jede Nation das Recht haben müßte, frei über ihr Schicksal

zu verfügen. Dieses Ideal, das heute von der höchsten Völkerkanzel neu

verkündigt wird, war immer das unsrige. Die schwache Flamme, die mit

ihrem trauten Schein unsern schlichten Herd beleuchtete, brennt auch

in der Fackel, mit der Präsident Wilson heute den großen Nationen die

Wege der Zukunft erhellt.

Die beste Gewähr einer weiten und gesicherten Selbständigkeit aber

sehe ich, wie Herr Laval, in einer einheimischen Dynastie. Ich

verehre, wie Sie alle, das siegreiche und schutzbringende Frankreich,

das geheiligte Vaterland der Gesetze, der Künste und der Armeen. Aber

ich will nicht, daß das kleine Luxemburg im Reichtum und in den Tiefen

Frankreichs untergehe. Eine luxemburgische Republik müßte, für den

Fall, wo sie eingerichtet werden und bestehen könnte, notgedrungen

bald von einer benachbarten starken Macht aufgesogen werden. In dieser

Richtung übrigens bewegen sich die Hoffnungen vieler Mitglieder der

„+Action républicaine+" und deshalb konnte ich ihre Bestrebungen

niemals billigen. Die „+Action républicaine+" hat sich ja

schließlich selbst für die Selbständigkeit des Landes ausgesprochen,

aber ich erlaube mir, die Absichten vieler ihrer Mitglieder etwas

anzuzweifeln. Ihr republikanischer Block bedeutet mir nichts Gutes.

Unter den Führern der „+Action républicaine+" stehen die Namen

von Politikern und andern Leuten, die von der ersten Stunde an

sozusagen das Aufgehen des Landes in Frankreich herbeigewünscht

haben. Ebenso sind unter ihren eifrigsten und feurigsten Anhängern

viele, die für den Augenblick allerdings die annexionistischen Wünsche

in den Hintergrund gestellt haben; sie werden diese heimlichen

Absichten aber ganz gewiß wieder laut werden lassen, sobald sich ihnen

bessere Aussichten auf Gelingen eröffnen. Ich habe daher gar kein

Zutrauen in die Unschuld ihrer späteren Erklärungen, ich betrachte

diese Erklärungen vielmehr als politische Camouflage.

Im Anschluß an diesen Gedankengang kann ich es mir nicht versagen,

Ihnen eine recht bezeichnende kleine Begebenheit zu erzählen. Vor

kurzem kam ein französischer Soldat unsere Freiheitsavenue herauf,

während sich ein Deutscher in der Richtung des Bahnhofs ihm entgegen

bewegte. Ein junger Luxemburger kam ebenfalls daher. Als er an dem

Franzosen vorbeiging, rief er „+Vive la France!+" Dann wandte

er sich gegen den andern und schleuderte ihm ein „+M.... pour

la Prusse+" ins Gesicht. Da wandte sich der brave Poilu um und

bemerkte dem luxemburgischen Gassenbuben im vorwurfsvollen Tone:

„+Oh, Monsieur, cela n'est pas beau.+"

Nun wohl, meine Herren, unsere Herren Annexionisten nehmen ungefähr

dieselbe Haltung ein. Sie kehren sich nach Südwesten und jubeln mit

schriller Stimme „+Vive la France!+" Dann wenden sie sich,

aber diesmal nach dem eigenen Lande, und höhnen: „+Flûte pour le

Luxembourg!+" Aber es kann ihnen leicht widerfahren, daß das

edelmütige Frankreich auch ihnen die Antwort des braven Poilu gibt und

ihnen ebenfalls bemerkt: „+Oh, Messieurs, cela n'est pas beau.+"

Aus allen diesen Gründen bin ich also ein überzeugter Gegner der

Annexion. Ich will, daß wir selbst in möglichst weitem Maße Herren

bei uns bleiben. Deshalb habe ich mich von der ersten Stunde an, wie

auch meine Kollegen sehr wohl wissen, für eine nationale Dynastie

ausgesprochen, und ich bekannte mich auch immer zu der Lösung, die die

Mehrheit der Kammer gebilligt hat. Diese Haltung gebot mir zudem schon

das schlichte Gerechtigkeitsgefühl.

Ich möchte weiter den Thron möglichst fest und sicher zwischen das

Großherzogtum und seine Nachbarn pflanzen als eine Art Schranke, die

uns erlaubte, unser eigenes Leben zu leben, unsern eigenen Haushalt zu

führen gemäß unserm Charakter, unsern Sitten und Gebräuchen.

Das, meine Herren, hat mich dazu geführt, mich für die Beibehaltung

der Dynastie auszusprechen. Sie sehen, daß bei alledem kein Verrat und

kein persönlicher Hintergedanke war. Ich bin dem nationalen Gedanken,

zu dem ich mich mein Leben lang bekannt habe, treu geblieben, dem

nationalen Gedanken, der sich neben den sozialen Ideen wie ein roter

Faden durch alle meine Schriften zieht.

Ich weiß eigentlich nicht, worüber sich die Herren drüben beklagen.

Ich wurde der Lehnsmann der sozialistischen Fraktion, wo ich mich

doch bis dahin niemals einer politischen Partei hatte verschreiben

wollen. Und ich habe mich als Vertrauensmann aufrichtig und gefügig

benommen, das müssen die Herren selbst zugestehen. Ich habe die Ideen

und Pläne der Fraktion nicht immer gebilligt, und ich habe mich doch

unterworfen. In der entscheidenden Stunde hoben sie meinen Ratschlägen

zuwider entschieden und ich bin zurückgetreten.

Aber am Tag, wo ich die Kammer verließ, ging ich mit leichteren

Schritten heim, denn ich war wieder ein freier Mann geworden.

Seitdem habe ich die laufenden Geschäfte erledigt. Ich habe mich

geweigert, in ein anderes Ministerium einzutreten und wartete darauf,

dem Nachfolger meinen Sessel abzutreten. Die Ereignisse überrumpelten

mich. Auch ich mußte mich der Einrichtung der revolutionären Republik

widersetzen. Aber als der öffentliche Wohlfahrtsausschuß uns im

Regierungsgebäude die Ehre seines Besuches schenken wollte, da hatte

ich das Bewußtsein, daß wir fünf politischen Leichen, wie man uns so

gerne schimpft, daß wir, die gegangenen Minister, in Wirklichkeit den

engeren nationalen Wohlfahrtsausschuß bildeten, dem der Schutz der

Gesetzlichkeit und der nationalen Würde anvertraut war.

Die Revolution, mit der man es versucht hatte, war zudem von

vornherein zum Scheitern verurteilt. Die große Mehrheit der

Luxemburger ist nicht republikanisch gesinnt. Dafür haben wir noch

nicht genug gelitten. Die Revolution, meine Herren, ist, wie Sie sehr

gut wissen, das Kind des Elends. Die revolutionäre Republik ist die

Tochter der Drangsal. Der Baum der revolutionären Freiheit wurzelt

in den Tiefen der gequälten Herzen, der zerrissenen Eingeweide. Sein

Stamm wird mit Blut getränkt, aus seiner Krone tropfen die Tränen

der Mütter, der Witwen und der Waisen. Das Beispiel Rußlands und

Deutschlands beweist leider wieder einmal diese trostlose Wahrheit.

Und diese leidvolle Entwicklung, diese soziale Revolution bildet auch

den Grundgedanken meiner „Schmiede".

Sie, meine Herren, haben es nur mit einer politischen Revolution

versucht. Aber wir hatten immer noch nicht genug gelitten, als daß

auch dieser Versuch bei uns hätte gelingen können. Trotz aller

Bedrängnis der letzten Jahre hat Luxemburg noch lange nicht dieselben

Marter- und Todesängste durchgemacht, wie die benachbarten Nationen,

die auf einem endlosen Leidensweg ihr Kreuz von Station zu Station

schleppen mußten. Unser Land wurde gerettet, gerade in dem Augenblick,

wo das Schicksal mit ehernem Hufe gegen unsere Schwelle stieß. Die

benachbarten Länder mußten die Tiefe der Erde mit der sterblichen

Hülle ihrer grausam hingemähten Söhne bevölkern. Die Blüte der

Luxemburger Jugend aber ist unversehrt und lacht in die Sonne, bereit

ihren Flug zu nehmen.

Und noch in manch andern Hinsichten blieb uns das Elend erspart, das

in einer Revolution seine natürliche Sühne und Erlösung sucht und

findet. Ich durfte also mit vollem Rechte schon einmal an dieser

Stelle behaupten, daß sich das kleine Luxemburg um seine Kinder wohl

verdient gemacht hat.

Haben wir daher, meine Herren, haben wir wenigstens den Mut zur

Dankbarkeit, denn dem unabhängigen und neutralen Vaterlande schulden

wir unsere unverhoffte Rettung. An uns ist es jetzt, zu beweisen, daß

uns dieses unerhörte Glück nicht ganz unverdient geschenkt worden ist.

Das, meine Herren, sind die Gründe, die es mir als Pflicht

auferlegten, die republikanische Bewegung zu bekämpfen. Ich mußte in

dieser Bewegung eine Bedrohung der Zukunft unseres Landes sehen. Ich

habe nach meinem Gewissen gehandelt und bin mir selbst treu geblieben

als Mensch und als Dichter. Ich habe übrigens in der Zwischenzeit

meine Erfahrungen gemacht. Ich bin keine politische Natur, das weiß

ich jetzt. Ich habe wenig in mir vom Herdeninstinkt und nichts

vom Demagogen. Ich werde mein Leben lang ein unverbesserlicher

Individualist bleiben.

Seit der „Schmiede" bin ich nur etwas kritischer geworden. Ich bin

vor allem zu dem Skeptiker geworden, der durch die Menschen und die

Ereignisse des Tages mit dem Lächeln seiner schwermütigen Ironie

seinen Weg geht. Aber ich habe mir doch den nationalen Glauben

gewahrt. Und wenn ich an diesen Platz zurückgekehrt bin, so geschah

es, weil ich als guter Luxemburger eine patriotische Pflicht zu

erfüllen hatte. Im Augenblicke, wo ich mich dazu entschloß, wollte ich

nicht den Stimmen lauschen, die mit verführerischer Gewalt aus den

Tiefen meiner Vergangenheit heraufriefen. Ich verschloß mein Ohr dem

Vorwurf des Freundes und der Schmähung des Gegners. Ich folgte der

Eingebung meiner gereiften Überlegung. Ich gehorchte dem Drang meines

luxemburgischen Blutes. Ich nahm meinen Schritt nach dem Pulsschlag

meines luxemburgischen Herzens."

* * * * *

Den sich diesen Erklärungen anschließenden heftigen Vorwürfen,

Anklagen und Übertreibungen des sozialistischen Parteiredners setzte

ich, meinem bereits dargelegten Vorsatz gemäß, Stillschweigen entgegen.

Dann sprach Herr Liesch. Er tat es, seiner ganzen überlegenen Art

entsprechend, scharf, schneidig und klug. Auch er erkannte einer

Republik Luxemburg die Daseinsmöglichkeit ab, ging mit beißender

Ironie ins Gericht mit den luxemburgischen Jünglingen, die in Paris

ihre Annexionsgelüste austoben ließen zum Schaden des Landes, sprach

von den Lehren der Vergangenheit und bekannte sich mit flammender

Überzeugung zur neuen Herrscherin, zur Heimat und ihrer Zukunft.

Tagelang zog sich das Gehader hin. Der Revolutionsputsch wurde

in seinem ganzen Verlaufe aufgerollt, von dem Radau in der

Kaserne angefangen bis zur Lüftung des Kammergebäudes durch die

luxemburgischen Gendarmen. Spätere Lustspieldichter könnten in

den verschiedenen Abschnitten dieser von den Wohlfahrtsmenschen

aufgeführten politischen Hanswurstiade sowie aus deren

parlamentarischer Aufmachung noch für Jahrzehnte schöpfen. Manchmal

allerdings duftete das Häßliche allzu widerlich durch und es dampfte

die Schamlosigkeit.

Die Freunde der Dynastie, allen vorauf die Herren August Thorn,

Schiltz und Prüm, ließen sich nicht verblüffen, erwiderten Hieb auf

Hieb und zogen die Revolutionäre vor ein hochnotpeinliches Gericht.

Herr Staatsminister Reuter kämpfte mit dem starken Schwung seiner

begeisterten Überzeugung und juristischen Schlagfertigkeit.

Die Regierung fand Glauben. Das Vertrauen sprach sich auch auf den

Lippen des einen und andern Linksabgeordneten rührend aus.

Besonders ergreifend und wirkungsvoll tat das, unmittelbar nach

seinem Freunde Hrn. ~J. Schmitz~ aus Garnich, der frühere

Präsident und jetzige Alterspräsident Herr ~Notar Hemmer~, da

er als Vorsitzender am 24. Januar zur Begründung seines Votums diese

Erklärung gab: „... Meine Herren, die gegenwärtige Regierung ist kein

Koalitionsministerium mehr. Sie ist nur noch ein Geschäftsministerium,

und dem ist auch besser so.... Ich persönlich vertraue den Männern,

die der Regierung angehören. Mir ist von ihnen keine Handlung bekannt,

die mich bestimmen könnte, ihnen mein Vertrauen zu entziehen....

Besonders aber, und ich halte darauf, das hervorzuheben, besitzen

mein Vertrauen die beiden Generaldirektoren, die am schärfsten

hier angegriffen werden.... Ich wage zu hoffen, daß die nunmehrige

Geschäftsregierung in der Unterstützung der Kammermehrheit die Kraft

finden wird, deren sie bedarf zur Erhaltung von unseres Landes

Unabhängigkeit und Selbständigkeit, gemäß dem heiligsten Wunsch der

ungeheuern Mehrheit unseres Volkes."

Kurz nachher sprach dann auch die Kammer der Regierung mit 30 gegen 17

Stimmen ihr Vertrauen aus. Gegen sie stimmten die HH. Kieffer, Koch,

Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Jak.

Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur und Gallé.

Für die Regierung erklärten sich neben der Rechten die HH. Glesener,

Hemmer, Herschbach, Kellen, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver.

* * * * *

Inzwischen hatte Großherzogin Charlotte ein erstes Wort an ihr Volk

gerichtet und die leitenden Grundsätze ihrer Regierung in den großen

Linien dargelegt in folgender

Proklamation.

„Die Krone des Großherzogtums Luxemburg ist mir in einem der

kritischsten Augenblicke unserer nationalen Geschichte zugefallen. Ich

nehme sie an, weil Ich es als Meine Pflicht erachte, das Gut unserer

öffentlichen Einrichtungen, die das Luxemburger Volk bislang als

eine Gewähr seiner Unabhängigkeit und seiner Zukunft angesehen hat,

unversehrt zu erhalten.

Das Großherzogtum schickt sich an, die Grundlagen seines

wirtschaftlichen Lebens neu zu gestalten und Verbindungen einzugehen,

die seine gedeihliche Entwicklung sicher stellen und für das Land

eine neue Zeit des moralischen und materiellen Fortschrittes eröffnen

werden.

Ich werde bemüht sein, die Bande, die zwischen dem Großherzogtum und

den Ententestaaten geknüpft wurden, zu festigen und immer enger zu

gestalten.

Unsere internationalen Beziehungen müssen aufgebaut werden auf der

herzlichen, rückhaltlosen Freundschaft, die zwischen dem Luxemburger

Volk und den verbündeten Mächten besteht, und auf dem gegenseitigen

Vertrauen, das die Frucht dieser Freundschaft sein wird.

In dem Augenblick, wo das Großherzogtum diese Umstellung seiner

Geschicke vornimmt, will ich es nicht unterlassen, im Namen des

Luxemburger Volkes wie in Meinem eigenen Namen unserm innigsten Dank

Ausdruck zu verleihen für die Befreiung, die uns die siegreichen

Heere in der Stunde der höchsten Gefahr gebracht haben. Dank ihrem

unwiderstehlichen Ansturm ist Luxemburg vom Joche befreit worden, das

der fremde Eindringling, den feierlich beschworenen Verträgen zuwider,

auf uns lasten ließ.

Unserer Dankbarkeit paart sich eine tiefe Ergriffenheit beim

Gedanken an die Söhne der Luxemburger Erde, die unter den Fahnen der

verbündeten Mächte gekämpft haben.

Ich bin glücklich, mich der Huldigung anzuschließen, die die

Abgeordnetenkammer unsern Landsleuten dargebracht hat. Indem sie

ihr Blut für die Ehre ihres selbstgewählten Vaterlandes vergossen,

haben diese Tapfern mitgeholfen, die Unabhängigkeit ihres kleinen

Heimatlandes wieder herzustellen und zu sichern.

Alle Meine Anstrengungen bleiben darauf gerichtet, Meine Pflichten als

luxemburgischer Fürst gewissenhaft zu erfüllen.

Unser Volk hegte stets neben der Liebe zu seinen nationalen

Überlieferungen den Kultus der Gerechtigkeit und der Freiheit. Ich

werde Meine hohe Aufgabe in demselben Geiste durchführen.

In der Ausübung der höchsten Gewalt sollen die Verfassung und die

Gesetze des Landes Meine Richtschnur sein. Eine auf das Vertrauen des

Volkes gestützte Regierung soll Mich leiten und beraten.

Die demokratische Reform unsers Grundgesetzes, die von der

verfassunggebenden Versammlung in Angriff genommen wurde, wird Meine

volle Zustimmung finden.

Ich will das Leben Meines Volkes leben, von dem Mich keine Schranke

trennen soll.

Ich will seine Freuden und seine Leiden teilen.

Wunderbarerweise von den Greueln des Krieges verschont, wünscht unser

kleines Land unabhängig in der großen Völkerfamilie und im Lichte der

neuen Freiheit weiterzubestehen.

Luxemburgerin von ganzer Seele, werde Ich es als Meinen schönsten

Ruhmestitel ansehen, zur Verwirklichung dieses nationalen Wunsches

beizutragen.

Schloß Berg, den 18. Januar 1919.

~Charlotte.~"

Der Hinweis auf die Luxemburger Legionäre in den Heeren der Entente

und das am Schlusse gegebene Versprechen machten im Ausland, und

besonders in Frankreich, den besten Eindruck.

Am 28. Januar 1919 feierte Großherzogin Charlotte ihren ersten

Geburtstag als Landesfürstin.

Zum ersten Male war beim feierlichen Tedeum der großherzogliche

Hof durch einen luxemburgischen Hofmarschall, Herrn Fr. de Colnet

d'Huart, vertreten. General de la Tour, die französischen Offiziere,

ein englischer Offizier hatten ihre Plätze im Chor eingenommen.

Der belgische Geschäftsträger, Prince de Ligne, bedauerte, einer

durch ein Regierungsmitglied überbrachten mündlichen Einladung des

Staatsministers nicht entsprechen zu können; er hielt aber darauf,

wie er erklärte, persönlich, unter dem andächtigen Volke der Feier

beizuwohnen, um den Luxemburgern einen Beweis seiner Sympathie zu

geben.

Am 31. Januar konnte die Regierung endlich auch die Vorlage über das

politische Referendum einbringen.

Im Dienste · 第 25 / 48 题