Verschiedentlich schon war in Kammer und Öffentlichkeit darauf
hingewiesen worden, wie dringlich es sei, mit den Ententeregierungen
in Verbindung zu treten, um sie von den politischen und
wirtschaftlichen Absichten des Luxemburger Volkes zu verständigen.
Dieser Erwartung und Forderung mußte entsprochen werden. Zugleich
bestand so die Möglichkeit, uns auch über andere, für den Augenblick
noch brennendere Fragen, die an die Wurzeln der Selbständigkeit
rührten, Aufschluß zu holen.
Belgiens Haltung flößte wenig Vertrauen ein. In Paris war, so wähnten
wir, mit größerer Aufrichtigkeit zu rechnen. Auch mußte hier so
manches weiteren Rätsels Lösung liegen.
Ich bat Herrn Reuter ganz angelegentlich, im Hinweis auf den von
der Kammer geäußerten Wunsch, nach Paris zu fahren, und sich, wenn
möglich, von Herrn Geschäftsträger Vannerus begleiten zu lassen.
Herr Vannerus billigte den Plan, bedauerte aber, dem Staatsminister
nicht folgen zu können, da ihm sein hohes Alter und sein in letzter
Zeit ziemlich gebrechlicher Zustand die unter den damaligen
Verhältnissen äußerst beschwerliche Reise verbiete.
Herr Reuter forderte nun mich zur Begleitung auf. Ich war gerne
bereit, riet aber, auch Freund Liesch mitzunehmen, damit so die drei
stärksten Parteien der Kammer an der Erkundigungsfahrt beteiligt
wären, denn es werde wahrscheinlich zu bedeutsamen Feststellungen
kommen.
Die beiden jüngeren Kollegen und Herr Vannerus waren einverstanden.
Die Reise sollte möglichst unauffällig vorbereitet werden, aber
tunlichst rasch, denn auch in Frankreich regte sich stets schroffer
die rücksichtslose Scharfmacherei gegen Maria Adelheid und das Haus
Braganza.
Wir besprachen uns im Vertrauen mit Oberst Randier und baten, uns mit
Unterstützung des Marschalls die Fahrtmöglichkeit für die nächsten
Tage zu erwirken. Herr Randier tat alsbald die erforderlichen
Schritte. Schon hatte er uns die Pässe eingehändigt, da mußte er
in letzter Minute, und das mit etwas befangener Miene, erklären,
der Marschall lasse bitten, die Reise etwas hinauszuschieben;
Außenminister Pichon sei nicht in Paris; Foch selbst werde demnächst
nach Luxemburg kommen und hoffe, uns die Fahrt im einzelnen
einzurichten.
Wir waren über den unerwarteten Aufschub, für den wir keine richtige
Erklärung hatten, etwas betroffen und beunruhigt. Im Lande äußerte
sich stets stürmerische Leidenschaft; die Haltung des Auslandes wurde
immer bedrohlicher; von Seiten unserer eigenen Geschäftsträger draußen
liefen nur belanglose Nachrichten ein. Wir mußten selbst zu irgend
einer Gewißheit zu kommen suchen.
Inzwischen brach der 11. Dezember herein und es kam zur Auflösung des
Ministeriums.
Was tun?
Die Stimme der Selbsterhaltung wies nach Paris. So wie die
Dinge lagen, mußte mit der Wahrscheinlichkeit einer längeren
Regierungskrisis gerechnet werden. Wir durften den Gedanken nicht
fallen lassen. Trotz unserer eigentümlichen Stellung besaßen wir noch
das Vertrauen einer starken Kammermehrheit, die unsere Rückkehr mit
Ungeduld erwartete. Wir konnten es deshalb schon wagen, einen von
dieser Mehrheit selbst mehrfach gewünschten Schritt zu unternehmen.
Das war die Rechtfertigung nach außen. Mir persönlich war es bei der
Reise um Wichtigeres zu tun.
Da kam am Sonntag, den 15. Dezember, Marschall Foch.
Im Laufe des Nachmittags fuhr er bei der Großherzogin vor.
Am folgenden Morgen, gegen 10 Uhr, traten die Regierungsmitglieder
zwischen den an der Eingangspforte aufgepflanzten Schilderhäuschen
hindurch in das Konservatoriumsgebäude, wo der Feldherr sein
Hauptquartier eingerichtet hatte.
Man weist uns zu ebener Erde in ein geräumiges, helles Zimmer.
Foch erhebt sich hinter seinem mit Papieren bedeckten Tisch und
kommt auf uns zu: ein untersetzter, kräftig gebauter Soldat, in
schlichter Uniform, ohne Orden. Das Gesicht scheint bleich, die Züge
tiefgegraben, etwas verzogen, wie unter einem geheimen körperlichen
Leiden. Die starken, ergrauten Augenbrauen, der kräftige graue
Schnurrbart, das massige Kinn werden in ihrem etwas strengen Ausdruck
gemildert durch die Freundlichkeit des kleinen, scharfen Auges, aus
dem die Herrschgewalt blitzt, sowie durch eine Gutmütigkeit, die die
schmalen Lippen lächelnd umspielt.
Er drückte uns allen die Hand. Der Staatsminister sprach eine kurze
Begrüßungsrede und dankte dem Sieger und Befreier. Foch erwiderte
in einer Antwort, die, wohl überlegt, auf eine besondere Wirkung
berechnet schien und deren mit Kraft, fast ruckweis hervorgestoßene
Worte durch ein energisches Rudern des Armes und Aufundnieder der
geballten Faust unterstrichen wurden.
„Ja, meine Herren, sprach er u. a., wir haben gesiegt. Wir haben
gesiegt durch die Kraft. Wir sind in unserm Vormarsch stehen
geblieben, weil wir stehen bleiben wollten. Sonst wären wir in einigen
Wochen und Monaten an den Rhein, über den Rhein, nach Berlin, kurzum
so weit vorgerückt, als es in unseren Wünschen gelegen hätte. Auf
die Kraft kommt es an. Stark mußten wir sein, um in diesem Sturm zu
bestehen. (Und die bezeichnenden Ruderbewegungen zogen sich immer
wuchtiger her und hin.) Die Kraft aber liegt in der Einigkeit.
Das ist denn auch der Rat, den ich Ihnen geben möchte. Sie müssen
versuchen, stark zu werden. Dazu bedarf es des Anschlusses an einen
Starken. Wie Sie das zu verwirklichen wünschen, das ist Sache der
Regierenden. Bedenken Sie, daß wir unsere Rettung nur der Kraft
verdanken. Und daß ein Deutschland mit 70 Millionen Einwohner immer
ein gefährlicher Nachbar und Gegner bleibt. Daher, wie gesagt, sich
anschließen an einen Starken und sich vorsehen für die Zukunft! Führen
Sie die Wehrpflicht ein und suchen Sie sich gegen Deutschland durch
Befestigungen zu sichern. Kurzum: Werden Sie stark und sehen Sie sich
vor!"
Mir wurde bei diesen Worten heiß, fast wirblig. Ich verstand: Der
Marschall predigt militärischen Anschluß an Frankreich! Und Aufgabe
unserer Neutralität! Zugleich aber schwang es mir durch den Sinn:
„Ho, Foch ist Soldat. Er redet als Soldat. Und er redet zugleich als
Franzose."
Das Gespräch berührte sodann die Lebensmittelverhältnisse des Landes.
Wir deuteten an, daß auch wir es in der Hinsicht nicht gerade leicht
gehabt haben. „Klagen Sie nur nicht, unterbrach er eifrig. Sie hätten
unrecht zu klagen. Da müßten Sie das Land an der Aisne, an der Somme,
in den Argonnen sehen! In 100 bis 200 Kilometer Länge, in 30 bis 50
Kilometer Breite kein Haus, keine Mauer, kein Baum! Alles fortgefegt
und rasiert! Von Ortschaften, wie Noyon, Roye, Bapaume, Fleury
und vielen anderen bleiben höchstens Mauerstümpfe, so in der Höhe
dieses Tisches." Und die Linke führt einen kräftigen Schlag auf die
Tischkante.
„Übrigens, meine Herren", rief er dann in munterer Erregung, „habe ich
für Sie noch eine Meldung aus Paris, eine gute Nachricht."
Er ging auf die Türe des Nebenzimmers zu, mit schwerem, breit
ausladendem Schritt, wobei die markige Gestalt, die elementare, darin
gebundene Kraft überzeugend zum Ausdruck kam, und öffnete.
Ein Mann in Mittelgröße trat herein, jünglinghaft schlank, noch
schlichter als Foch.
Der Marschall stellte vor: „Herr Weygand, mein Mitarbeiter und mein
Freund, vor dem ich keine Geheimnisse habe."
General Weygand, der Generalstabschef Fochs, seine rechte Hand, der
Mitersinner seiner Siege! Der erste Blick nimmt für den Mann gefangen!
Der General überreichte ein Telegramm. Foch nahm und sprach: „Hier
ist, was Sie zu hören wünschen." Und er las: „+Le ministre des
Affaires étrangères ne voit aucun inconvénient à ce que M. le
Président du Conseil avec les quelques hauts fonctionnaires dont
question se rende à Paris pour y discuter avec le Ministre ou avec
Monsieur Mollard des questions de ravitaillement et autres.+"
„Sie sehen also, meine Herren, man erwartet Sie." Damit faltete er das
Blatt und legte es auf den Tisch. „Sie fahren natürlich nach Paris.
Ich besorge Pässe und Fahrtgelegenheit. Ich wünsche Ihnen eine gute
Reise. Und auf fröhliches Wiedersehen!"
Ein erneuter Händedruck, ein freundlicher Blick, ein ermunterndes
Nicken und der mächtige Greis setzte sich wieder hinter seinen Tisch.
General Weygand geleitete uns hinaus.
Die Unterredung hinterließ eine starke Nachwirkung. Dieser Soldat ist
eine Natur. Ob ein großer Geist? Jedenfalls ein Wille. Wer mit dem
Mann zu tun hat, sehe sich vor. Er läßt nicht locker. Er geht auf sein
Ziel los wie eine mit Volldampf geladene Maschine, die Stahlplatten
eindrückt und Mauern umwirft. Die den Deutschen aufgelegten
Waffenstillstandsbedingungen und deren eiserne Durchführung verbürgen
dies Gefühl.
Im Nachmittag spricht in der Regierung vor ~General de la
Tour~, der von Foch bestellte Platzkommandant von Luxemburg. Ein
freundlicher, grauer Herr, von zierlichem Wesen und geschmeidiger
Beweglichkeit. Er trägt die französische Dienstmütze schräg auf dem
von weißem Verband geschützten Kopf. Er wurde bei einem der letzten
Sturmangriffe verwundet und ist noch nicht ganz heil. Der General
spricht die Erwartung aus, daß die herzlichen Beziehungen, wie sie
bisher zwischen der Regierung und Oberstleutnant Randier bestanden,
auch mit seiner Person weiter unterhalten würden.
Diese Worte waren uns recht aus dem Herzen gesprochen.
Dann rüsteten wir zur Fahrt nach Paris.
Vorher, am 18. Dezember, mußten wir noch nach Arlon.
König Albert besuchte seine treue, schwergeprüfte Stadt. Die
Luxemburger Kammer entsandte eine Abordnung. Auch die Regierung ging
hin. Und zwar vollzählig. Wir wollten den belgischen Nachbarn und
Vettern unsern ganzen guten Willen zeigen.
Trotz des strömenden Regens wurde aus der Fahrt ein erhebender
Tag. Ich erfuhr, vor allem in den Hallen des Arloner Doms, was es
heißt, ein volkstümlicher Fürst sein, der Stolz, der Liebling, der
Ruhm seines Volkes. Der schlichte, tapfere Mann in seinem etwas
schwerfälligen, fast schüchternen Gehaben, dem ich aus der Ferne schon
einmal im Liede gehuldigt hatte, ließ mein Inneres erzittern, als mich
sein Vorübergang streifte.
Doch auch er war der Gefangene der Politik. Wie die Luxemburger
Abordnungen vor ihn traten, fand er herzliche Worte des Dankes und
der Freundschaft für die Mitglieder der Kammer als die Vertreter des
Volkes.
Staatsminister Reuter hatte ihm in seiner Ansprache auch die Grüße der
Großherzogin entboten. In seiner Antwort gedachte der König unserer
Großherzogin, seiner nahen Verwandten, mit keinem Wort; statt dessen
fiel ein Satz, der uns aufhorchen ließ.
„Bei der bevorzugten Stellung, so hieß es am Schlusse der königlichen
Rede, deren sich Belgien heute durch den Sieg und das Vertrauen der
Mächte erfreut, wird es dem Luxemburger Volke, sobald dies um seinen
Schutz ersucht, nach Kräften zuhilfe kommen und dessen moralische
und materielle Interessen, soweit es sie ihm anvertrauen will,
verteidigen."
Das war klar und klug gesprochen. Leider zu vorsichtig, gar zu
geschäftlich kühl. Maria Adelheid wurde auch von ihrem Vetter, dem
ritterlichen König Albert, ignoriert.
Vertreten war die belgische Regierung in Arlon durch Hrn.
Staatsminister Orts. Der bewegliche Herr umwarb Herrn Reuter mit einer
unheimlichen Zutraulichkeit. Über Tisch hörte ich, wie ihm Herr Reuter
von unserer morgigen Reise nach Paris erzählte. Ich erschrak und
schaute scharf. In dem Gesichte des belgischen Diplomaten hatte die
Aufmerksamkeit sämtliche Federn gespannt. Die Augen brannten. Er paßte
auf wie ein Jagdhund.
An dem Tage kam mir die Überzeugung, daß unser Besuch in Paris zur
ehernen Notwendigkeit geworden war. So oder so! Wir mußten Gewißheit
haben.