IX.

Verschiedentlich schon war in Kammer und Öffentlichkeit darauf

hingewiesen worden, wie dringlich es sei, mit den Ententeregierungen

in Verbindung zu treten, um sie von den politischen und

wirtschaftlichen Absichten des Luxemburger Volkes zu verständigen.

Dieser Erwartung und Forderung mußte entsprochen werden. Zugleich

bestand so die Möglichkeit, uns auch über andere, für den Augenblick

noch brennendere Fragen, die an die Wurzeln der Selbständigkeit

rührten, Aufschluß zu holen.

Belgiens Haltung flößte wenig Vertrauen ein. In Paris war, so wähnten

wir, mit größerer Aufrichtigkeit zu rechnen. Auch mußte hier so

manches weiteren Rätsels Lösung liegen.

Ich bat Herrn Reuter ganz angelegentlich, im Hinweis auf den von

der Kammer geäußerten Wunsch, nach Paris zu fahren, und sich, wenn

möglich, von Herrn Geschäftsträger Vannerus begleiten zu lassen.

Herr Vannerus billigte den Plan, bedauerte aber, dem Staatsminister

nicht folgen zu können, da ihm sein hohes Alter und sein in letzter

Zeit ziemlich gebrechlicher Zustand die unter den damaligen

Verhältnissen äußerst beschwerliche Reise verbiete.

Herr Reuter forderte nun mich zur Begleitung auf. Ich war gerne

bereit, riet aber, auch Freund Liesch mitzunehmen, damit so die drei

stärksten Parteien der Kammer an der Erkundigungsfahrt beteiligt

wären, denn es werde wahrscheinlich zu bedeutsamen Feststellungen

kommen.

Die beiden jüngeren Kollegen und Herr Vannerus waren einverstanden.

Die Reise sollte möglichst unauffällig vorbereitet werden, aber

tunlichst rasch, denn auch in Frankreich regte sich stets schroffer

die rücksichtslose Scharfmacherei gegen Maria Adelheid und das Haus

Braganza.

Wir besprachen uns im Vertrauen mit Oberst Randier und baten, uns mit

Unterstützung des Marschalls die Fahrtmöglichkeit für die nächsten

Tage zu erwirken. Herr Randier tat alsbald die erforderlichen

Schritte. Schon hatte er uns die Pässe eingehändigt, da mußte er

in letzter Minute, und das mit etwas befangener Miene, erklären,

der Marschall lasse bitten, die Reise etwas hinauszuschieben;

Außenminister Pichon sei nicht in Paris; Foch selbst werde demnächst

nach Luxemburg kommen und hoffe, uns die Fahrt im einzelnen

einzurichten.

Wir waren über den unerwarteten Aufschub, für den wir keine richtige

Erklärung hatten, etwas betroffen und beunruhigt. Im Lande äußerte

sich stets stürmerische Leidenschaft; die Haltung des Auslandes wurde

immer bedrohlicher; von Seiten unserer eigenen Geschäftsträger draußen

liefen nur belanglose Nachrichten ein. Wir mußten selbst zu irgend

einer Gewißheit zu kommen suchen.

Inzwischen brach der 11. Dezember herein und es kam zur Auflösung des

Ministeriums.

Was tun?

Die Stimme der Selbsterhaltung wies nach Paris. So wie die

Dinge lagen, mußte mit der Wahrscheinlichkeit einer längeren

Regierungskrisis gerechnet werden. Wir durften den Gedanken nicht

fallen lassen. Trotz unserer eigentümlichen Stellung besaßen wir noch

das Vertrauen einer starken Kammermehrheit, die unsere Rückkehr mit

Ungeduld erwartete. Wir konnten es deshalb schon wagen, einen von

dieser Mehrheit selbst mehrfach gewünschten Schritt zu unternehmen.

Das war die Rechtfertigung nach außen. Mir persönlich war es bei der

Reise um Wichtigeres zu tun.

Da kam am Sonntag, den 15. Dezember, Marschall Foch.

Im Laufe des Nachmittags fuhr er bei der Großherzogin vor.

Am folgenden Morgen, gegen 10 Uhr, traten die Regierungsmitglieder

zwischen den an der Eingangspforte aufgepflanzten Schilderhäuschen

hindurch in das Konservatoriumsgebäude, wo der Feldherr sein

Hauptquartier eingerichtet hatte.

Man weist uns zu ebener Erde in ein geräumiges, helles Zimmer.

Foch erhebt sich hinter seinem mit Papieren bedeckten Tisch und

kommt auf uns zu: ein untersetzter, kräftig gebauter Soldat, in

schlichter Uniform, ohne Orden. Das Gesicht scheint bleich, die Züge

tiefgegraben, etwas verzogen, wie unter einem geheimen körperlichen

Leiden. Die starken, ergrauten Augenbrauen, der kräftige graue

Schnurrbart, das massige Kinn werden in ihrem etwas strengen Ausdruck

gemildert durch die Freundlichkeit des kleinen, scharfen Auges, aus

dem die Herrschgewalt blitzt, sowie durch eine Gutmütigkeit, die die

schmalen Lippen lächelnd umspielt.

Er drückte uns allen die Hand. Der Staatsminister sprach eine kurze

Begrüßungsrede und dankte dem Sieger und Befreier. Foch erwiderte

in einer Antwort, die, wohl überlegt, auf eine besondere Wirkung

berechnet schien und deren mit Kraft, fast ruckweis hervorgestoßene

Worte durch ein energisches Rudern des Armes und Aufundnieder der

geballten Faust unterstrichen wurden.

„Ja, meine Herren, sprach er u. a., wir haben gesiegt. Wir haben

gesiegt durch die Kraft. Wir sind in unserm Vormarsch stehen

geblieben, weil wir stehen bleiben wollten. Sonst wären wir in einigen

Wochen und Monaten an den Rhein, über den Rhein, nach Berlin, kurzum

so weit vorgerückt, als es in unseren Wünschen gelegen hätte. Auf

die Kraft kommt es an. Stark mußten wir sein, um in diesem Sturm zu

bestehen. (Und die bezeichnenden Ruderbewegungen zogen sich immer

wuchtiger her und hin.) Die Kraft aber liegt in der Einigkeit.

Das ist denn auch der Rat, den ich Ihnen geben möchte. Sie müssen

versuchen, stark zu werden. Dazu bedarf es des Anschlusses an einen

Starken. Wie Sie das zu verwirklichen wünschen, das ist Sache der

Regierenden. Bedenken Sie, daß wir unsere Rettung nur der Kraft

verdanken. Und daß ein Deutschland mit 70 Millionen Einwohner immer

ein gefährlicher Nachbar und Gegner bleibt. Daher, wie gesagt, sich

anschließen an einen Starken und sich vorsehen für die Zukunft! Führen

Sie die Wehrpflicht ein und suchen Sie sich gegen Deutschland durch

Befestigungen zu sichern. Kurzum: Werden Sie stark und sehen Sie sich

vor!"

Mir wurde bei diesen Worten heiß, fast wirblig. Ich verstand: Der

Marschall predigt militärischen Anschluß an Frankreich! Und Aufgabe

unserer Neutralität! Zugleich aber schwang es mir durch den Sinn:

„Ho, Foch ist Soldat. Er redet als Soldat. Und er redet zugleich als

Franzose."

Das Gespräch berührte sodann die Lebensmittelverhältnisse des Landes.

Wir deuteten an, daß auch wir es in der Hinsicht nicht gerade leicht

gehabt haben. „Klagen Sie nur nicht, unterbrach er eifrig. Sie hätten

unrecht zu klagen. Da müßten Sie das Land an der Aisne, an der Somme,

in den Argonnen sehen! In 100 bis 200 Kilometer Länge, in 30 bis 50

Kilometer Breite kein Haus, keine Mauer, kein Baum! Alles fortgefegt

und rasiert! Von Ortschaften, wie Noyon, Roye, Bapaume, Fleury

und vielen anderen bleiben höchstens Mauerstümpfe, so in der Höhe

dieses Tisches." Und die Linke führt einen kräftigen Schlag auf die

Tischkante.

„Übrigens, meine Herren", rief er dann in munterer Erregung, „habe ich

für Sie noch eine Meldung aus Paris, eine gute Nachricht."

Er ging auf die Türe des Nebenzimmers zu, mit schwerem, breit

ausladendem Schritt, wobei die markige Gestalt, die elementare, darin

gebundene Kraft überzeugend zum Ausdruck kam, und öffnete.

Ein Mann in Mittelgröße trat herein, jünglinghaft schlank, noch

schlichter als Foch.

Der Marschall stellte vor: „Herr Weygand, mein Mitarbeiter und mein

Freund, vor dem ich keine Geheimnisse habe."

General Weygand, der Generalstabschef Fochs, seine rechte Hand, der

Mitersinner seiner Siege! Der erste Blick nimmt für den Mann gefangen!

Der General überreichte ein Telegramm. Foch nahm und sprach: „Hier

ist, was Sie zu hören wünschen." Und er las: „+Le ministre des

Affaires étrangères ne voit aucun inconvénient à ce que M. le

Président du Conseil avec les quelques hauts fonctionnaires dont

question se rende à Paris pour y discuter avec le Ministre ou avec

Monsieur Mollard des questions de ravitaillement et autres.+"

„Sie sehen also, meine Herren, man erwartet Sie." Damit faltete er das

Blatt und legte es auf den Tisch. „Sie fahren natürlich nach Paris.

Ich besorge Pässe und Fahrtgelegenheit. Ich wünsche Ihnen eine gute

Reise. Und auf fröhliches Wiedersehen!"

Ein erneuter Händedruck, ein freundlicher Blick, ein ermunterndes

Nicken und der mächtige Greis setzte sich wieder hinter seinen Tisch.

General Weygand geleitete uns hinaus.

Die Unterredung hinterließ eine starke Nachwirkung. Dieser Soldat ist

eine Natur. Ob ein großer Geist? Jedenfalls ein Wille. Wer mit dem

Mann zu tun hat, sehe sich vor. Er läßt nicht locker. Er geht auf sein

Ziel los wie eine mit Volldampf geladene Maschine, die Stahlplatten

eindrückt und Mauern umwirft. Die den Deutschen aufgelegten

Waffenstillstandsbedingungen und deren eiserne Durchführung verbürgen

dies Gefühl.

Im Nachmittag spricht in der Regierung vor ~General de la

Tour~, der von Foch bestellte Platzkommandant von Luxemburg. Ein

freundlicher, grauer Herr, von zierlichem Wesen und geschmeidiger

Beweglichkeit. Er trägt die französische Dienstmütze schräg auf dem

von weißem Verband geschützten Kopf. Er wurde bei einem der letzten

Sturmangriffe verwundet und ist noch nicht ganz heil. Der General

spricht die Erwartung aus, daß die herzlichen Beziehungen, wie sie

bisher zwischen der Regierung und Oberstleutnant Randier bestanden,

auch mit seiner Person weiter unterhalten würden.

Diese Worte waren uns recht aus dem Herzen gesprochen.

Dann rüsteten wir zur Fahrt nach Paris.

Vorher, am 18. Dezember, mußten wir noch nach Arlon.

König Albert besuchte seine treue, schwergeprüfte Stadt. Die

Luxemburger Kammer entsandte eine Abordnung. Auch die Regierung ging

hin. Und zwar vollzählig. Wir wollten den belgischen Nachbarn und

Vettern unsern ganzen guten Willen zeigen.

Trotz des strömenden Regens wurde aus der Fahrt ein erhebender

Tag. Ich erfuhr, vor allem in den Hallen des Arloner Doms, was es

heißt, ein volkstümlicher Fürst sein, der Stolz, der Liebling, der

Ruhm seines Volkes. Der schlichte, tapfere Mann in seinem etwas

schwerfälligen, fast schüchternen Gehaben, dem ich aus der Ferne schon

einmal im Liede gehuldigt hatte, ließ mein Inneres erzittern, als mich

sein Vorübergang streifte.

Doch auch er war der Gefangene der Politik. Wie die Luxemburger

Abordnungen vor ihn traten, fand er herzliche Worte des Dankes und

der Freundschaft für die Mitglieder der Kammer als die Vertreter des

Volkes.

Staatsminister Reuter hatte ihm in seiner Ansprache auch die Grüße der

Großherzogin entboten. In seiner Antwort gedachte der König unserer

Großherzogin, seiner nahen Verwandten, mit keinem Wort; statt dessen

fiel ein Satz, der uns aufhorchen ließ.

„Bei der bevorzugten Stellung, so hieß es am Schlusse der königlichen

Rede, deren sich Belgien heute durch den Sieg und das Vertrauen der

Mächte erfreut, wird es dem Luxemburger Volke, sobald dies um seinen

Schutz ersucht, nach Kräften zuhilfe kommen und dessen moralische

und materielle Interessen, soweit es sie ihm anvertrauen will,

verteidigen."

Das war klar und klug gesprochen. Leider zu vorsichtig, gar zu

geschäftlich kühl. Maria Adelheid wurde auch von ihrem Vetter, dem

ritterlichen König Albert, ignoriert.

Vertreten war die belgische Regierung in Arlon durch Hrn.

Staatsminister Orts. Der bewegliche Herr umwarb Herrn Reuter mit einer

unheimlichen Zutraulichkeit. Über Tisch hörte ich, wie ihm Herr Reuter

von unserer morgigen Reise nach Paris erzählte. Ich erschrak und

schaute scharf. In dem Gesichte des belgischen Diplomaten hatte die

Aufmerksamkeit sämtliche Federn gespannt. Die Augen brannten. Er paßte

auf wie ein Jagdhund.

An dem Tage kam mir die Überzeugung, daß unser Besuch in Paris zur

ehernen Notwendigkeit geworden war. So oder so! Wir mußten Gewißheit

haben.

Im Dienste · 第 14 / 48 题