X.

Am 19. Dezember fuhren wir im Auto über Metz durch kriegverheertes

Gelände nach Nanzig. Herr Foch hatte versprochen, den Reisemarschall

zu spielen.

In Nanzig hieß es sich gedulden. Die Züge liefen mit starken

Verspätungen. Um 11 Uhr nachts war von dem Pariser Zug noch keine

Meldung eingelaufen. Wir durchwachten die Nacht im Wartesaal des

unsäglich trostlosen Bahnhofes und rückten so nahe wie möglich an

den mächtigen, kaum erwärmten Ofen. Um uns ein zigeunerhaftes Bild.

Soldaten, Kinder, Frauen lagen, saßen, lehnten in allen Stellungen. Um

warm zu werden, hockten wir schließlich auf der den Ofen umlaufenden

Eisenstange wie kranke Hühner.

Gegen halb 6 Uhr morgens kam endlich der Zug. Er war natürlich voll

besetzt. Ein unbeschreibliches Schieben und Drängen entstand. Eine

Viertelstunde warteten wir im Schneegestöber, denn von den großen

Hallendächern war kein Splitter mehr zu sehen. Wir kamen nicht

vorwärts. „Drinnen," so schrieen unzufriedene Mäuler, „drinnen in den

Abteilen liegen zwei, drei Offiziere und schnarchen. Die Soldaten in

den Gängen haben nicht den Mut, sie zu stören. Und sowas muß sich das

Volk gefallen lassen!"

Schon wurde zur Abfahrt gerufen. Wir standen in Verzweiflung. Endlich

erinnerten wir uns, und Herr Liesch rief einem Bahnbeamten zu, ob

Herr Marschall Foch keine Plätze habe belegen lassen. Der Name

wirkte Wunder. „Marschall Foch? O ja, gewiß. Plätze für die Minister

aus Luxemburg." „Nun, die sind wir." „+Oh, alors, suivez-moi,

messieurs!+"

Er bahnte uns einen Weg durch den Wirrwarr. „Hier ist Ihr Wagen."

Natürlich war kein Platz mehr frei. Die Insassen stellten sich

taub, aber sie wurden im Namen des Marschalls aufgerüttelt und

herausbefördert. Wir nahmen ihre Plätze ein. Es war ein Halbabteil

und gerade groß genug. Wir ließen uns mit erlöstem Aufatmen nieder.

Draußen im Gang aber ging das Schnattern und Fluchen los. „Unerhört!"

schimpfte es im aufgeregten Durcheinander. „Sowas kann nur in

Frankreich vorkommen. Gute Franzosen wirft man hinaus und bringt an

ihrer Stelle drei ,+Boches+' unter."

Diese Fahrt nach Paris wird einem jeden von uns, auch wegen anderer

komischen Zwischenfälle, unvergeßlich bleiben.

Kurz nach Mittag stiegen wir im Ostbahnhof aus. Unser Geschäftsträger

empfing uns im Gasthof mit langem Gesicht. Wie wir nach Paris hätten

kommen können! Er habe uns doch gedrahtet, zu Hause zu bleiben. Herr

Pichon werde die luxemburgischen Minister nicht empfangen.

Wir bedauerten, eine solche Meldung sei uns nicht zugegangen. Wir

seien schon seit gestern morgen von Luxemburg fort.

Dann allerdings! Er habe das Telegramm erst gestern abgeschickt. „Und

es ist wirklich dumm," meint Herr Leclère mit bekümmerter Miene, „daß

meine Meldung Sie nicht erreicht hat. Sie haben sich vergeblich hieher

bemüht. Sie werden überhaupt von niemand empfangen. Sogar nicht von

Herrn Mollard. Ich selbst wollte diesen Abend heimfahren. Lassen Sie

sich raten und fahren Sie mit."

Wir blickten uns an und gaben kurzen Bescheid. „Wenn Sie glauben

fahren zu müssen, Herr Leclère, bitte, lassen Sie sich nicht

aufhalten. Wir sind hier und wir bleiben hier."

Herr Leclère reiste tatsächlich. Herrn Leclères Vertrauter in Paris

war besonders der ~luxemburgische~ Generalkonsul, Herr Bastin.

Aber Herr Bastin war zugleich ~belgischer~ Generalkonsul. Auch

der bedauerte, uns versichern zu müssen, daß wir in keinem Ministerium

Gehör finden würden.

Eine Unterkunft in Paris ließ sich damals nur schwer ausfindig machen.

Die Gasthöfe waren überfüllt. Herr Liesch suchte vergebens Quartier.

Da überließ ich ihm mein Bett und verzog zu meiner Schwester.

Wir sprachen bei Herrn Mollard vor. Der Empfang war, trotz böser

Verheißungen, recht herzlich.

Das Gespräch erging sich in der Hauptsache über die wirtschaftlichen

Sorgen des Landes. Herr Mollard empfahl unserm Staatsminister, Herrn

Außenminister Pichon brieflich um eine Unterredung zu ersuchen.

Am folgenden Tage besuchte ich den Grafen ~de Fels~; ich lernte

in dem Schwager Jacques Lebaudys, des einstigen Kaisers der Sahara,

einen guten Freund Luxemburgs kennen. Er wußte recht wohl Bescheid in

den Absichten der verschiedenen Verbände und Vereinigungen, die sich

in Paris um den französisch-luxemburgischen Anschluß bemühten. Trotz

allen gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen glaubte er an Maria

Adelheid und war der Überzeugung, daß sich Frankreich mit ihr abfinde.

Luxemburg müsse, so führte er aus, ein selbständiges Land bleiben und

sich wirtschaftlich an Frankreich anschließen. Vor Belgien gelte es,

auf der Hut zu sein. Er stellte sich unserer Regierung mit seinem

Einfluß zur Verfügung und wollte, wenn wir es wünschten, auch bei

Herrn Pichon vermitteln.

Graf de Fels hätte in Paris zu gerne die Rolle des luxemburgischen

Vertreters spielen wollen. Leider war er nicht Luxemburger.

Wahrscheinlich hätten wir in ihm einen recht nützlichen Mann gefunden.

Er schien aufrichtig und gewandt, hatte einflußreiche Verbindungen und

führte ein großes Haus. Einen bessern Freund zählten wir damals in

Paris kaum.

Im Nachmittag traf ich mich mit einem andern Freunde, einem Landsmann

und Verwandten. Der horchte in manche einflußreiche Kreise hinein und

zog als kluger Mann seine Schlüsse.

„Belgien", so bekräftigte auch er mir, „Belgien heißt die Gefahr für

Luxemburg. Frankreich soll in schicksalsschwerer Stunde durch den Mund

Ribots Luxemburg gewissermaßen an Belgien preisgegeben haben. Dies

Versprechen drückt Frankreich heute schwer. Pichon und Clemenceau sind

der Ansicht, das Wort Ribots müsse eingelöst werden. Unsere Lage ist

äußerst bedroht, und der böse Ruf Großherzogin Maria Adelheids trägt

nicht dazu bei, sie zu bessern. Ihre deutschfreundliche Politik, --

du leugnest sie allerdings, aber die Fürstin hat sich nun einmal in

den bösen Ruf gebracht -- ihre Deutschfreundlichkeit ist Wind in die

belgischen Segel. Ihr solltet euch doch an die Amerikaner wenden und

deren besonderen Schutz anrufen. Jedenfalls wäre es angezeigt, den

amerikanischen Gesandten in Paris oder den Obersten House, Wilsons

Freund, von der Lage unseres kleinen Landes zu verständigen. Unterm

Schutz des Sternenbanners säßen wir geborgen. Und wer weiß, Luxemburg

dürfte nach dem Friedensschluß gewissermaßen ein Stapelplatz werden

für den amerikanischen Absatz in Europa."

Er deutete mir zugleich einen Weg an, der mich an den Vertreter der

Vereinigten Staaten herangeführt hätte. Aber die Sorgen der wenigen

Tage, die uns zur Verfügung standen, erlaubten mir keine Ausnützung

der Gelegenheit.

Immerhin, der Freund hatte damals klug gesehen und schlau geraten.

Wir mußten die amerikanische Hilfe später doch anrufen, und zwar in

allerletzter Stunde, da es eben zwölf schlagen sollte.

An dem Abend brachte uns Herr Konsul Mersch mit einigen französischen

Abgeordneten zusammen. Sie konnten die ablehnende Haltung des Herrn

Pichon nicht verstehen, versuchten ihn noch nach zehn Uhr nachts am

Fernsprecher zu erreichen, und versprachen, sich anderntags tatkräftig

zu unsern Gunsten zu verwenden. Weitere Schritte in der Kammer

behielten sie sich vor.

Am Morgen des 23. Dezember begab ich mich mit meinem Bruder zu Herrn

Minister Mollard, der mich persönlich zu sprechen gewünscht hatte. Die

Rede kam auf die innere Politik des Großherzogtums.

„Die französische Regierung," so versicherte mir dieser gute Freund

Luxemburgs, „bringt dem Großherzogtum die wärmsten Gefühle entgegen

und denkt nicht daran, des Landes Selbständigkeit zu gefährden. Die

Feinde des freien Großherzogtums sitzen anderswo. Wünschen Sie

Beweise dafür?" Und er zog die Schublade seines Schreibtisches auf.

Ich winkte ab. „Wir glauben Ihnen aufs Wort, Herr Minister. Sie

bestätigen uns die eigenen Vermutungen."

„Wie aber", fuhr ich fort, „stellt sich Frankreich zur Großherzogin

Maria Adelheid?"

„O", entgegnete Herr Mollard lebhaft und schob die beiden Handflächen

abwehrend gegen mich heran, „auf die Frage kann Ihnen der französische

Minister keine Antwort geben."

„Ich verstehe", erwiderte ich. „Aber meine Frage wendet sich auch

nicht an den Minister, sondern an Herrn Mollard. Warum, Herr Mollard,

kehrt der französische Minister in Luxemburg, Herr Armand Mollard,

nicht auf seinen Posten zurück?"

Er lachte, sah mich forschend an und sprach nach einer Pause: „Gut,

so wird Ihnen Herr Mollard antworten. Aber unter Zusicherung der

Verschwiegenheit."

„Ich verspreche das."

„Nun wohl, der Minister Frankreichs kommt nicht nach Luxemburg, weil

die Regierung Frankreichs von Maria Adelheid nichts mehr wissen will.

Sie hat sich zu großer -- sagen wir -- zu großer Unklugheiten schuldig

gemacht. Sie muß fort."

„Ich verstehe Ihr Gefühl, Herr Minister. Aber es hält schwer,

der Großherzogin ihre Abdankung als unabwendbare Notwendigkeit

nahe zu bringen. Von dieser Notwendigkeit müßten Sie schon unsern

Regierungspräsidenten, Herrn Reuter, der zugleich das Haupt der

unserer Fürstin sehr ergebenen Rechtspartei ist, überzeugen. Versuchen

Sie das doch, ich bitte. Aber in einer Weise, die ihm keinen Zweifel

übrig läßt. Ich selbst bin ja durch mein Ihnen gegebenes Wort

gebunden."

„Ich will mir die Sache überlegen."

„Nehmen wir also an, Maria Adelheid entsage dem Thron. Wie stellt sich

dann Frankreich zur Dynastie? Denn eine Republik Luxemburg ist ein

Ding der Unmöglichkeit."

„O, da können Sie beruhigt sein. Frankreich wünscht nichts sehnlicher,

als daß Luxemburg als selbständiges Land fortbestehe unter seinem

eigenen Fürsten. Gegen die Dynastie hat die Republik nichts

einzuwenden."

„Es dürfte also eine ihrer Schwestern Maria Adelheids Nachfolge

antreten?"

„Selbstverständlich."

„Aber welche? Prinzeß Charlotte, die zweite, ist bekanntlich verlobt

mit dem Prinzen Felix von Bourbon-Parma, der im österreichischen

Heere gedient hat. Prinzessin Antonia ist die Braut des Kronprinzen

Rupprecht von Bayern; die muß also von vornherein ausscheiden.

Prinzeß Hilda, die dritte der Prinzessinnen, will überhaupt von einer

Thronfolge nichts wissen. Die beiden jüngsten Schwestern sind noch

minderjährig. Die Großherzogin Mutter Maria Anna müßte alsdann die

Regentschaft führen. Und das sagt Frankreich doch auch nicht zu."

„Nein, das geht nicht."

„Es bleibt also nur Prinzessin Charlotte. Mit ihr müßte sich

Frankreich abfinden. Trotz ihrer Verlobung. Sie wäre, meinem Gefühl

nach, auch die bestgeeignete."

„Das ist wirklich Ihre Überzeugung?"

„Entschieden."

Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit einem leichten

Schnippchen in die Luft: „He, warum auch nicht! Mag der Prinz auch in

österreichischen Diensten gestanden sein ....."

„Gegen Frankreich hat er nie gekämpft, Herr Minister. Und seine beiden

Brüder Sixtus und René, nun, Sie wissen ja ....."

„Gewiß, gewiß! Und schließlich: Er bleibt trotz allem ein Bourbon.

Also ein Franzose. Geben Sie mir Bedenkzeit. Ich werde Erkundigungen

einziehen. Und wir werden über den Punkt weiter reden."

Ich bat Herrn Mollard an der Türe ein zweites Mal, doch um jeden

Preis Herrn Reuter über die Gefühle Frankreichs zur Großherzogin zu

unterrichten, und zwar auf eine Art, die ihm jeden Zweifel nehme.

„Ich will daran denken."

Damit schieden wir.

Meine Kollegen waren von diesem Schritt nicht unterrichtet.

Da ich bekanntlich auswärts wohnte, sah ich sie an dem Tage nicht

mehr bis kurz vor dem Abendessen. Da aber sagte mir Herr Reuter mit

seltsamer Befangenheit:

„Weißt du, wir sind gegen fünf Uhr bei Herrn Pichon gewesen."

Ich stand starr und machte große Augen.

„O!" fiel Herr Liesch gleich ein. „Sei froh, daß du nicht mit dabei

warst. Du hast nichts verloren."

Sie erzählten, am Nachmittag sei vom Quai d'Orsay aus in den Gasthof

gemeldet worden, Herr Minister Pichon erwarte die luxemburgischen

Minister für 5 Uhr. Sie hätten mich auch telephonisch nicht erreichen

können und seien allein hingegangen.

Herr Pichon habe sie freundlich empfangen und ihnen gleich folgende

Rede gehalten:

„Meine Herren! Ich spreche zu Ihnen in aller Aufrichtigkeit. Die

französische Regierung war nicht gesonnen, Sie zu empfangen.

Die Drahtung, die Ihnen durch Marschall Foch übermittelt wurde,

beruht bestimmt auf einem Irrtum. Unsere ganze Absicht war, der

großherzoglichen Regierung gegebenenfalls zu erlauben, sich in Paris

mit den zuständigen Stellen in Verbindung zu setzen, um mit ihnen

wirtschaftliche und ähnliche Fragen zu erörtern. Die französische

Regierung empfängt nicht die Minister der Großherzogin. Wenn ich Sie

trotzdem sprechen wollte, so geschah es aus Höflichkeit und auf das

dringende Ersuchen des Herrn Mollard. Es sind in den letzten Jahren

Dinge geschehen, die in ihren Folgen gewissermaßen auf einen Abbruch

der Beziehungen hinauslaufen. Das ist auch der Grund, weshalb Herr

Mollard noch nicht auf seinen Posten zurückgekehrt ist."

Herr Pichon machte eine Pause und Herr Liesch warf ein: „Herr

Minister, wir danken Ihnen für Ihre aufrichtigen Worte. So wird

von vornherein eine klare Lage geschaffen. Sie deuten auf gewisse

Tatsachen und Zwischenfälle hin, auf die einzugehen leider jetzt nicht

der Augenblick ist. Soviel aber möchte ich bemerken, daß die heutige

Regierung an diesen Geschehnissen unschuldig ist."

„Mißverstehen Sie mich nicht, meine Herren. Die luxemburgischen

Minister als solche sind uns sehr sympathisch. Wir sind über die Dinge

in Luxemburg genau unterrichtet. Und wenn die französische Regierung

Sie nicht empfangen will, so liegt der Grund dafür nur in dem Umstand,

daß Sie die Vertreter der Großherzogin sind."

„Wenn die Sachen so liegen", fiel ihm Herr Reuter ins Wort, „so wollen

wir nicht länger stören und empfehlen uns, Herr Minister."

Herr Pichon schien über den raschen Aufbruch etwas verblüfft und

beeilte sich hinzuzufügen: „Meine Herren, ich halte darauf, Ihnen zu

versichern, daß Land und Volk Luxemburgs Frankreichs ganze Sympathie

besitzen."

„Luxemburg erwidert diese Gefühle, Herr Minister."

Die beiden Herren gingen.

Das waren allerdings schlimme Nachrichten. Und trübe Aussichten.

Soviel schien festzustehen: Maria Adelheid wird von der Regierung

Clemenceaus nicht anerkannt. Aber was dann? Wie denkt sich Frankreich

die Weiterfahrt? Wie stellt es sich zu einer künftigen Gestaltung

Luxemburgs?

Nach einer schlaflosen Nacht gab ich meinem Bruder folgenden Auftrag:

„Du gehst heute vormittag zu Herrn Mollard. Du erzählst ihm von

dem Empfang bei Herrn Pichon, dessen Verlauf er allerdings schon

kennen wird. Und du sagst ihm in meinem Namen folgendes: ‚Wenn wir

mit nichts anderm als mit diesem Bescheid nach Hause kommen, ist es

um Maria Adelheid, aber auch um die Dynastie geschehen. Stürzt die

Dynastie, so wird Luxemburg Republik, wenigstens für den Augenblick.

Eine Republik Luxemburg hat keinen Bestand. Und dann tritt todsicher

dieses ein: Luxemburg fällt an Belgien. Das aber will Luxemburg nicht

und auch Frankreich nicht. Deshalb ist mein letzter Rat: Prinzessin

Charlotte muß anerkannt werden, oder alles ist verloren. Wir müssen

diese Zusicherung nach Hause bringen.' Das sage ihm in meinem Namen.

Inzwischen ist mir der Zweck des gestrigen Empfangs und die Art der

Aufnahme durch Pichon klar geworden. Schade, daß ich nicht dabei sein

konnte."

Mein Bruder ging, fand Herrn Mollard aber erst im frühen Nachmittag.

Herr Mollard hörte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an und sagte

bedächtig: „Ich bedaure ebenfalls, daß Ihr Bruder gestern abend nicht

bei Herrn Pichon zugegen war. Er hätte verstanden und die Herren

wären nicht so fortgelaufen. Der Minister war selbst über den raschen

Aufbruch verwundert. Im übrigen hat Ihr Bruder recht. Er spricht als

weiser Mann. Kommen Sie in zwei Stunden mit ihm zu mir zurück. Dann

hoffe ich, Ihnen Bescheid geben zu können."

Nach der Unterredung mit Pichon erschien ein längerer Aufenthalt in

Paris ohne Zweck. Auch war aus Luxemburg die Meldung eingelaufen, die

Kaserne meutere.

So wollten wir am 24. abends in jedem Fall die Heimfahrt antreten.

Gegen 6 Uhr abends fuhr ich mit meinem Bruder bei Herrn Mollard vor.

Herrn Reuter hatte ich kurz vorher von den inzwischen angeknüpften

Fäden verständigt. Er billigte den Schritt. Herr Mollard sprach mit

Bedauern: „Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen die in Aussicht

gestellte Antwort jetzt schon zu geben. Sie müssen mir noch zwei Tage

Frist gönnen. Ich lasse Ihnen durch Ihren Bruder Nachricht zukommen.

Beunruhigen Sie sich nicht. Ich habe mich der Sache angenommen. Sie

werden gewiß bald von mir hören. Und hoffentlich das Gute, das wir

beide wünschen."

Mit dem schwachen Troste nahm ich Abschied.

Ich machte dann mit meinem Bruder rasch das Nötige ab. Daß ich

Bescheid erhalten werde, stand für mich felsenfest. Ich kannte

den Diplomaten Armand Mollard als Ehrenmann, dem es nur um einen

wirtschaftlichen Anschluß des Großherzogtums an Frankreich zu tun war,

wie ein solcher ja auch in den Wünschen des Landes zu liegen schien.

Mein Bruder weilte seit Kriegsschluß wieder in Paris. Er hat sich kurz

nach Ausbruch des Krieges mit Billigung der Regierung ins Ausland

zurückbegeben, um sich auf die ihm zugesagte Stellung des Badearztes

und -direktors in Mondorf weiter vorzubereiten. In dieser Erwartung

sah er sich beim Austritt +Dr.+ Welters aus der Regierung

rücksichtslos betrogen. +Dr.+ Welter, der ihn bei einem Besuch

in Paris als sein oberster Vorgesetzter in Bekanntenkreisen als den

zukünftigen Leiter des luxemburgischen Staatsbades vorgestellt hatte,

der ganz kurz vor seinem Rücktritt noch die Weisung gegeben hatte, dem

Dr. Eloi Welter die Bedingungen des mit der Regierung abzuschließenden

Vertrags bekannt zu geben, zog es vor, sich selbst als Badearzt nach

Mondorf ernennen zu lassen.

Um meinen Bruder für die schmerzliche Überrumplung in etwa zu

entschädigen, ließ ihm Herr Generaldirektor Lefort durch meine

Vermittlung den Posten eines Hilfsarztes an der Heilanstalt

in Ettelbrück anbieten, und zwar unter der ausdrücklichen und

schriftlichen Zusicherung der Direktorstelle nach dem Amtsablauf des

heutigen Anstaltsleiters, Hrn. +Dr.+ L. Buffet. Mein Bruder nahm

dieses neue Angebot an und suchte sich in dem altberühmten Irrenhaus

Sainte-Anne in Paris mit seinem neuen Berufe vertraut zu machen.

Einer Aufforderung der luxemburgischen Regierung, seine Stellung

in Ettelbrück anzutreten, konnte er nicht Folge leisten, denn die

deutschen Militärbehörden verweigerten ihm hartnäckig den Paß über die

Schweizer Grenze. Da war er aus der Schweiz nach Paris zurückgekehrt,

um von dort den Weg nach Haus zu finden, nachdem ihm jede Möglichkeit,

sich in Frankreich ein neues Wirkungsfeld zu schaffen, verschlossen

schien.

In Paris lebte auch unsere älteste Schwester. Wir machten uns

diesen Umstand zunutze und vereinbarten eine Geheimsprache, die von

vornherein nichts Auffälliges an sich hatte. Für die beiden einzigen

Möglichkeiten wurde sogar der Wortlaut festgelegt.

Am Christabend fuhren die luxemburgischen Vertreter aus Paris

fort. Ein Mißverständnis nötigte uns, in Nanzig einen freudlosen

Weihnachtstag zu verbringen.

Den 26. Dezember, im Spätnachmittag, waren wir wieder daheim.

Im Dienste · 第 15 / 48 题