VIII.

Auch die Liberalen hatten die parlamentarische Schlappe vom 13.

November nicht vergessen noch verziehen.

Am 5. Dezember erhob sich in der Kammer ihr Wortführer zu einer

Interpellation über die Mittel und Wege, wie die belgische Regierung,

oder vielmehr das belgische Nationalkomitee mit Hilfe Amerikas, die

Lebensmittelversorgung auch des Großherzogtums regeln und sichern

wolle. Diese Darlegung gab ihm Veranlassung, auf das in Vorbereitung

befindliche Referendum und auf die dynastische Frage selbst

einzugehen. Bevor das Volk seinen Willen in voller Sachkenntnis äußern

könne, sei es geboten, eine eingehende Untersuchung über die Haltung

der Krone während des Krieges vorzunehmen; er bringe daher im Namen

der Linksparteien folgende Tagesordnung ein:

„Die Kammer beschließt eine parlamentarische Untersuchung über die

nachstehend erwähnten, sowie über alle übrigen Tatsachen, die sich

während der Untersuchung ergeben könnten:

1) Beziehungen der Krone zu den Staatsoberhäuptern und den Angehörigen

der Herrscherhäuser jener Staaten, die unsere Neutralität verletzt

haben; als z. B. Empfang Kaiser Wilhelms und seiner Familie, seines

Kanzlers und etwaige Kundgebungen zu ihren Gunsten;

2) Handlungen der Dynastie und ihrer Umgebung zum Schaden der

Neutralität und der Würde unseres Landes.

Das Ergebnis der Untersuchung wird den Signatarmächten des Londoner

Vertrages zur Kenntnis gebracht."

gez. Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Léon, Brasseur.

Diese durch nichts gebotene Tagesordnung erweckte Staunen und

Unwillen. Schon aber gab die Rechte den Schlag zurück und die HH.

August Thorn, Bech, Huß, Ecker und Schiltz stellten in ihrem Namen und

als Ergänzung der liberal-sozialistischen Tagesordnung den Antrag,

diese parlamentarische Untersuchung auszudehnen auf die Haltung der

verschiedenen Regierungen seit 1914, sowie über die Tragweite aller

von ihnen gesetzten Handlungen.

Am 10. Dezember trat die Kammer in die Besprechung der Tagesordnungen

ein.

Der dynastiefeindliche Linksantrag machte, besonders

in seiner fadenscheinigen Verquickung mit der

Lebensmittelversorgungsangelegenheit, einen durchaus unangenehmen

Eindruck. Damals bereits hetzte die belgische Presse in allen Tonarten

gegen Großherzogin und Herrscherhaus. Damals schon wurde der Anschluß

an Belgien oder zum mindesten die Personalunion mit Belgien als die

beste Bürgschaft für Luxemburgs gedeihliche Zukunft angepriesen.

Auch mir kam in jener Stunde das Gefühl, als wolle man durch die

Verknüpfung zweier scheinbar so weit auseinanderliegenden Fragen die

Bevölkerung hinweisen auf die Gefahren, die die Anwesenheit einer

deutschfreundlichen Dynastie für Volk und Land heraufbeschwören könne;

unter Umständen dürfe diese Anwesenheit sogar ein Hindernis zur

Lebensmittelversorgung des Großherzogtums ergeben. Auch mir kam das

alles vor wie ein richtiges Winken mit dem Zaunpfahl. „Achtung, ihr

Luxemburger! so hieß es: Paßt auf, was ihr tut, oder der Brotkorb wird

euch höher gehängt!"

Die Ausfälle gegen Maria Adelheid äußerten sich schonungsloser

denn je. Aus den sozialistischen Reihen fielen besonders scharfe

Zwischenrufe, die beweisen, daß man sich des Sieges gewiß wähnte. „Die

Krone ist verurteilt!" so scholl es her. „Sie muß fort! Und sie geht

fort!"

Nach der Sitzung traf ich mich mit meiner Fraktion in einem

Sektionszimmer des Abgeordnetenhauses.

Von den am 26. November an mich gestellten Forderungen war die eine

nur halb, die andere nicht erfüllt.

Auch die übrigen damals vorgebrachten Anklagen und Vorwürfe gegen

mich wurden aufgetischt. Die Partei, so hieß es, könne so nicht mehr

mitgehen. Es müsse endlich Schluß gemacht werden.

Ich gab zu: „Allerdings kann die Partei als solche mit der Wendung der

Dinge nicht zufrieden sein. Aber Sie müssen doch auch ans Ganze, Sie

müssen auch an das Land und seine Zukunft denken. Wenn ich austrete,

fällt das Ministerium. Dann aber bricht das Chaos herein, denn bei

der heutigen Zusammensetzung der Kammer und unter den heutigen

Verhältnissen bringen Sie keine Regierung mehr zusammen, das wissen

Sie genau so gut wie ich."

Kein Einwand wurde beachtet.

Da wagte ich es mit einem letzten Gedanken, auf die Gefahr hin, mich

damit wieder der Verdächtigung und dem Hohne auszuliefern.

„Ließe sich denn nicht dieses erreichen? Die Sozialisten wollen nichts

mehr mit einem Koalitionsministerium zu tun haben. Gut, sie sagen sich

also von der Koalition los, dulden es aber, daß die heutige Regierung

als Geschäftsministerium im Amte bleibt. So wird ein Bruch vermieden.

Die Kammer kann die Verfassungsreform zu Ende führen, die Wahlen

finden statt und die heutige Regierung geht auseinander. So stirbt sie

eines natürlichen Todes und es bleibt dem Lande jede verhängnisvolle

Störung erspart."

„Nein, nein!" hieß es von verschiedenen Seiten, „davon wollen wir

nichts wissen."

Und schon hörte ich auch wieder eine Stimme, die andeutete, man

begreife, daß es mir schwer falle zu gehen.

Ich hob die Achsel und sagte: „Ich habe das Meine getan. Tun Sie

jetzt, was Sie nicht lassen können."

Vor der Abstimmung verließ Herr Probst den Saal. Sämtliche Anwesenden

forderten, bei einer Enthaltung, den sofortigen Austritt des

Vertrauensmannes aus der Koalitionsregierung.

In der Mittwochssitzung (11. Dezember) wurde gegnerischerseits die

ganze Reihe sämtlicher gegen Maria Adelheid in Umlauf gesetzten

Gerüchte aufgerollt und grell beleuchtet. Dabei fiel sogar der

ungeheuerliche Ausspruch, bei einem Referendum zu ihren Gunsten

werde, wenn nicht durch eine vorherige Untersuchung volles Licht

geschaffen worden sei, jeder der der Dynastie seine Stimme gebe, als

deutschfreundlich gelten müssen.

Auch die bekannten Verhandlungen im Regierungsgebäude während der

Nacht und am Vormittag des 13. November kamen wieder zur Sprache, denn

die Linke konnte die im Nachmittag des 13. erlebte Enttäuschung immer

noch nicht verschmerzen.

Kurz vor Sitzungsschluß meldete ich mich zu Wort und sprach: „Meine

Herren, ich erachte es als meine Pflicht und empfinde es als ein Gebot

persönlicher Würde, der Kammer folgende Erklärung abzugeben:

Am 25. November beschied mich die sozialistische Partei, die mich in

die heutige Koalitionsregierung als ihren Vertrauensmann entsandt hat,

zu einer Zusammenkunft, wobei einige Punkte der Regierungspolitik

besprochen werden sollten.

Nach einem Gedankenaustausch beschloß die sozialistische Partei, der

Regierung eine Frist von 14 Tagen einzuräumen, um die ordnungsgemäße

Verzichtleistung der Krone auf ihre souveränen Rechte entsprechend den

Wünschen der Kammermehrheit durchzusetzen und um den Achtstundentag

in allen großindustriellen Betrieben und Transportunternehmen

einzuführen. Sollte innerhalb der eingeräumten Frist diesem Beschluß

nicht Rechnung getragen sein, so werde die sozialistische Partei ihren

Vertrauensmann aus der Regierung zurückziehen.

Ich brachte dieses Ultimatum meinen Kollegen im Ministerium zur

Kenntnis. Inzwischen ist der Achtstundentag in den Grenzen der

Möglichkeit verwirklicht worden. Die zweite der Forderungen konnte die

Regierung trotz allen besten Eifers nicht durchführen, und das aus

den in der gestrigen Sitzung vom Herrn Staatsminister entwickelten

Gründen, die ich zudem auch dem Führer der sozialistischen Fraktion

brieflich zur Kenntnis gebracht hatte.

Nach Schluß der gestrigen Sitzung erklärte mir die sozialistische

Fraktion, sie könne angesichts dieser Sachlage der Regierung ihr

Vertrauen nicht länger gewähren, und forderte mich auf, meine

Entlassung zu geben. Als sie diesen Beschluß faßte, machte die

sozialistische Partei Gebrauch von einem unbestreitbaren Rechte. Mir

bleibt nichts anders übrig, als mich ihrem Wunsche zu fügen.

Da ich vor einigen Monaten in die Regierung eintrat, brachte ich dazu

mit den Reichtum meiner schönen Absichten, die ganze Kraft eines guten

Willens. Ich hatte das Glück, daß mir ein Wirkungskreis zugewiesen

wurde, der meiner Erfahrung und meinen Wünschen entsprach.

Ich verlasse diesen Posten, nicht weil mich der Wille der Kammer

hinauswiese, nicht weil mich die Mißbilligung einer parlamentarischen

Mehrheit von hinnen fegte. Einen solchen Ausgang könnte immerhin der

tiefe Glanz umstrahlen, der den Fall auf dem Felde der Ehre verklärt.

Mein Abgang ist weniger ruhmvoll. Aber als ich zur Zeit dem Rufe

der sozialistischen Fraktion Folge leistete, wußte ich recht wohl,

daß meine Stellung immer ein wenig unsicher sein mußte, da sie den

launenhaften Schwankungen der Politik ausgeliefert war. Ich mußte

damit rechnen, daß eines guten Tages ein Wandel eintreten würde in der

Stellung, die die Fraktion anfangs der Regierungspolitik gegenüber

einzunehmen willens war.

Ich scheide von meinem Posten mit einem langen Rückblick auf eine

reiche Ernte, die meine Kräfte und mein Herz zu rufen schien.

Es ist mir kaum gestattet worden, aus all der Fülle eine erste Garbe

zu binden. Aber ich scheide hohen Hauptes und ohne Bitterkeit. Ich

habe einige Wochen erlebt, Wochen von besonderem Gewicht in dem

Schicksal unseres Volkes und in dem Dasein eines Mannes.

Ich bitte die Partei, die mir an einer kritischen Wendung unserer

inneren Politik ihr Vertrauen schenkte, auf die Stimme der Stunde

zu hören. Die Gegenwart ist, wie Sie sehr wohl wissen, dem

Internationalismus nicht günstig. Heute mehr als jemals muß jedermann

ein Vaterland haben. Während der so langwierigen und harten Prüfungen

der letzten Jahre hat sich das kleine Luxemburg um seine Söhne wohl

verdient gemacht. Wir schulden ihm dafür jede Huldigung. Wir müssen

ihm auch das Opfer unserer gewagten, manchmal ganz unerfüllbaren

Träume zu bringen wissen.

Ich meinerseits bin glücklich, daß ich einmal wenigstens von dieser

Stelle aus Zeugnis ablegen kann für den Gedanken, in dessen Dienst ich

das Beste meines Wesens gestellt habe. Ich grüße meinerseits heute die

Seele unsers kleinen Vaterlandes, dem endlich die Stunde der Befreiung

geschlagen hat.

Ich wünsche, daß es sich fröhlich entfalten kann in der Sonne der

lateinischen Freundschaft und Hochherzigkeit, umhegt von der treuen

Liebe all seiner Kinder. Den Untergang meiner stolzesten Hoffnungen

aber müßte ich betrauern an dem Tage, wo ich mich gezwungen

sähe, zu verzweifeln an der Zukunft eines freien, unabhängigen,

vielhundertjährigen Luxemburgs."

* * * * *

Mein durch nichts angekündigter oder als notwendig empfundener

Austritt löste bei den Vaterlandsfreunden Verblüffung und Entrüstung

aus.

Auch die „Luxemburger Zeitung" schrieb unter einer ersten Regung des

aufrichtigen Gefühls: „Herr Welter verläßt die Regierung nicht mit der

Überzeugung der Notwendigkeit seines Ausscheidens.

„Dies ist eine Ministerkrisis ohne eine Spur von innerer

Notwendigkeit. Man sieht nicht ab, wie sie zu lösen wäre. Statt die

Krisis zu verschärfen, wäre vielleicht eine andere Lösung am Platze.

Wenn die Sozialisten aus Prinzip und absolut draußen bleiben wollen,

so hindert nichts, daß Herr Welter als Vertrauensmann der Liberalen,

denen er politisch viel näher steht, wieder in die Regierung eintritt."

Des andern Tages allerdings führten die liberalen Führer in der Kammer

eine ganz verschiedene Sprache.

Am Vormittag des 12. Dezembers kündigte ich, im Beisein des Herrn

Reuter, der Großherzogin meinen Austritt an.

Am Nachmittag folgten in öffentlicher Kammersitzung die Herren Liesch

und Collart meinem Beispiel.

Damit war das Koalitionsministerium aus den Fugen.

Am 13. Dezember tagte die Kammer ohne Regierung. Es kam zu einer

scharfen Auseinandersetzung zwischen den Parteien wegen der so

überflüssigen und mutwillig heraufbeschworenen Krisis. Eine

Tagesordnung sprach der abgehenden Regierung das Vertrauen der Kammer

aus und forderte sie auf, um das Land in dieser schwierigen Zeit nicht

durch eine Ministerkrisis aufzuregen, als Geschäftsministerium vor die

Kammer zurückzukehren. Diese Tagesordnung wurde von den Herren Prüm

und Böver eingebracht und auch von den Herren Hemmer, Herschbach und

Huß gezeichnet.

Der Antrag wurde mit 32 gegen 7 Stimmen angenommen. Die Sozialisten

hatten sich vor der Abstimmung entfernt.

Nach Erledigung dieser Angelegenheit erhob sich Herr Bech zu einer

Rede, die dem jungen überzeugten Patrioten zur Ehre gereicht. Dabei

gedachte er meiner mit besonders warmen Worten, die mir damals sehr zu

Herzen gingen.

„Die schöne Rede", so sagte er, „die Herr Welter vor einigen Tagen

in diesem Saale halten mußte, klang aus in einen bewegten Wunsch für

die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes. Ganze Geschlechter

junger Luxemburger anerkennen ihn als einen der berufensten

Wortführer der luxemburgischen Seele. Er gehört zu den seltenen

Luxemburger Gebildeten, deren Werke im Ausland geschätzt sind.

Das Glaubensbekenntnis, das er in jener Stunde hier ablegte, wird

denn auch endgiltig mit dem Märchen aufräumen, das einige anonyme

Zeitungsschreiber zu verbreiten suchen und gemäß dem die Luxemburger

Gebildeten kein Vaterland hätten.

„Herr Welter konnte keinen andern als diesen vornehmen Abgang finden.

Ich halte darauf, ihm meine öffentliche Anerkennung auszusprechen

dafür, daß er die Sache des unabhängigen Vaterlandes mit dem Gewicht

seines Ansehens gestützt hat.

„Das wenigstens ist ein Mann, den diese würdelose Politik nicht

erniedrigt hat."

Für dieses edle Zeugnis bin ich immer dankbar.

Der freundlichen und ehrenvollen Aufforderung der Kammer aber konnten

wir nicht entsprechen.

Am 14. Dezember reichte die Gesamtregierung ihre Entlassung ein.

Dabei kam die Rede natürlich auf die Lage des Landes.

Auch nach außen gestalteten sich ja die Verhältnisse höchst

beunruhigend.

Die fremden Gesandten fanden den Rückweg nach Luxemburg immer noch

nicht.

Der Anstandsbesuch, den der belgische Geschäftsträger bei Hofe getan

hatte, galt den Verwandten, nicht der Landesfürstin; er war also nur

ein persönlicher Schritt.

Die Telegramme, die die Großherzogin zum Dank für die Befreiung des

Landes an die Staatsoberhäupter der Entente gerichtet hatte, fanden

eine gar kühle oder gemessene Antwort. Auffallend besonders war die

wortkarge Zurückhaltung in den Antworten des Präsidenten Poincaré und

König Alberts.

Um so wärmere Grüße und Versicherungen aber gingen der Kammer zu als

der Vertretung des luxemburgischen Volkes.

Soviel schien festzustehen: Dem luxemburgischen Volke gehört das

Wohlwollen der Entente. Ihre Gefühle zu der Großherzogin sind zum

mindesten zweifelhaft, eher ablehnend.

In Belgien und in belgofreundlichen Zeitungen der Ententeländer mehren

sich die Stimmen, die ein Aufgehen Luxemburgs in Belgien beantragen.

Der bekannte Sozialist und Politiker Destrée forderte kurzweg

Luxemburgs Rückkehr zu Belgien, zu dem es gehöre wie Elsaß-Lothringen

zu Frankreich.

Er begegnete sich in dieser irrigen Ansicht mit seinem französischen

Parteigenossen Marcel Sembat, der als Mitglied des Ministeriums

Briand schon im Oktober 1916 dem Gesandten Belgiens in Paris, Baron

de Gaiffier d'Hestroy erklärt hatte, Luxemburg werde wahrscheinlich

nicht selbständig bleiben, es müsse an Belgien zurückfallen, worauf

der Gesandte angelegentlich beteuerte, diese Rückkehr zu Belgien

entspreche den heißesten Wünschen und den berechtigten Ansprüchen

seines Landes.

Zahlreiche Zuschriften über die „Annexionsgelüste Belgiens" in

deutschen Zeitungen bestätigten diese Hoffnungen und Absichten.

Luxemburg seinerseits aber, so wurde in jener Stunde erörtert, muß

einen neuen wirtschaftlichen Anschluß suchen. An wen kann es sich

dafür wenden? An Belgien, das sich ihm zu nähern sucht mit der

Gesinnung des Wolfes in der Fabel? Welcher Aufnahme kann es gewärtig

sein bei einem Frankreich, dessen öffentliche Meinung vergiftet wird

durch die stets heftigern Anklagen auf Ententefeindlichkeit, die gegen

die Großherzogin sogar im eigenen Lande mit Leidenschaft und mit

Verschlagenheit wiederholt werden. Könnte so die Fürstin dem Wohle des

Landes nicht, wenn auch ohne ihre Schuld, im Wege stehen? Könnte nicht

durch ihre Anwesenheit sogar der Bestand des Großherzogtums bedroht

sein?

Während dieser Reden gefiel sich Maria Adelheid in einer etwas

befremdeten Zurückhaltung. Dann richtete sie sich auf und sprach mit

etwas herber Betonung: „Auf Befehl des Auslandes, meine Herren, gehe

ich nicht. Ich darf so nicht gehen. In dem Falle könnte mein Rücktritt

auch den Verlust der Unabhängigkeit bedeuten, oder nach sich ziehen.

Dem inneren Frieden des Landes zuliebe wäre ich schon eher zum Abgang

bereit. Vorher will ich dann aber doch meine Meinung sagen, und das

~ganz~ und ~scharf~."

Und sie preßte das zarte Fäustchen fest auf die Tischplatte.

Dabei blieb es an dem Morgen.

Vor der Kammer aber zogen sich in Abwesenheit einer Regierung die

Verhandlungen über die antidynastische Tagesordnung hin bis zum 19.

Dezember. Da kam es endlich zu einem vorläufigen Abschluß.

Ein Antrag des Herrn Böver verschmolz die von links und rechts

aufgeworfenen Wünsche und ging in seinen äußersten Forderungen darüber

hinaus. Er besagte:

„Die Kammer beschließt die Einsetzung einer parlamentarischen

Kommission:

1) Zur Festsetzung der Haltung, die seit August 1914 die verschiedenen

Staatsgewalten, insbesondere die Krone und die verschiedenen

Regierungen der Neutralität des Landes gegenüber beobachtet haben;

2) zur Aufdeckung aller weiteren Tatsachen, die dazu angetan wären,

das neutrale Großherzogtum bei den Garantiemächten bloßzustellen."

Der Antrag wurde mit 25 Stimmen gegen 12 bei 5 Enthaltungen angenommen.

Die liberal-sozialistische Tagesordnung Pescatore, die die

Untersuchung auf die Dynastie und ihre Umgebung beschränkt wissen

wollte, wurde verworfen mit 24 Stimmen gegen 22.

Abgewiesen wurde weiter eine sozialistische, von Herrn Jos. Thorn

eingebrachte Aufforderung an die Kammer, sich für das republikanische

Prinzip auszusprechen, und das mit 25 Stimmen gegen 16 bei 5

Enthaltungen. Dagegen stimmten die Rechtspartei und Herr Böver. Dafür

die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Vinandy, Blum, Diderich, Gallé, Housse,

Koch, Krieps, Krier, Laval, Léon, Mark, Palgen, Jak. Schaack, Joh.

Schaack. Es enthielten sich die HH. Brasseur, Kellen, Lacroix, Noesen,

Pescatore.

Die beiden letzten Abstimmungen bewiesen wieder mit erschreckender

Deutlichkeit, wie stark, trotz allem, die Gegner von Krone und

Monarchie in der Kammer vertreten waren und wie das Geschick von

Großherzogin und Herrscherhaus, in dieser Versammlung wenigstens, auf

des Messers Schneide stand.

In der Sitzung vom 10. Dezember hatte Herr Bech zur Abwehr und in

richtiger Erkenntnis dessen, was dem Ausland gegenüber besonders

nottat, folgendes zur Abstimmung vorgeschlagen:

„Die Kammer, im Vertrauen auf die Staatsverträge und auf die

hochherzigen, von unsern Befreiern verkündeten Grundsätze, die den

Völkern das Recht auf freie Selbstbestimmung zusichern; bewogen durch

den sorglichen Wunsch, nicht den geringsten Zweifel an den wirklichen

Gefühlen der Luxemburger aufkommen zu lassen: erklärt neuerdings

aufs feierlichste, und ohne damit einem wirtschaftlichen Bündnis mit

den Ländern der Entente vorgreifen zu wollen, daß das Großherzogtum

als selbständiger, freier und unabhängiger Staat weiterzubestehen

wünscht."

Für diesen hochpatriotischen Antrag fanden sich im ganzen 29 Stimmen

gegen 11 bei 6 Enthaltungen.

Es stimmten dafür die HH. Aug. Thorn, de Villers, Vinandy, Wirtgen,

Wolter, Altwies, Bech, Boever, Buffet, Delaporte, Duhr, Ecker,

Eichhorn, Gerard, Hansen, Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Kellen,

Ad. Klein, Nik. Klein, Mackel, Meyers, Noesen, Petges, Jak. Schaack,

Schiltz, Schmitz.

Es stimmten dagegen die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Gallé, Housse,

Koch, Laval, Léon, Mark, Palgen, Joh. Schaack.

Es enthielten sich die HH. Brasseur, Diderich, Krieps, Krier, Lacroix,

Pescatore.

In die Entschlüsse der Regierung aber war seit dem 14. Dezember ein

Neues getreten.

Im Dienste · 第 13 / 48 题