VII.

Die nächsten Tage brachten unserm Volke vorerst hohe Stunden

patriotischer Begeisterung und nationalen Glückes.

Seit dem 11. November hatte sich der deutsche Rückzug machtvoll

fortgesetzt. In den ersten Tagen vollzog er sich in etwas chaotischer

Auflösung. Dann kam Ordnung hinein. Das militärische Gesetz regelte

wieder die Beziehungen in den Soldatenreihen; also herrschte die

Manneszucht. Die Mannschaften trugen die alten Abzeichen und erwiesen

die gewohnten Ehrenbezeugungen. Nichts Bolschewistisches war in der

Führung der ernst und gemessen Vorübermarschierenden wahrzunehmen.

Den Blick geradeaus, eherne Starre in den gebräunten, etwas hagern

Gesichtern zogen sie unter den ausgehängten Siegesfahnen hindurch.

Ein Oberst leistete sich sogar beim Einzug durch die Montereyavenue

das Vergnügen einer Parade. Mit klingendem Spiel marschierte das

Regiment in strammer Haltung an ihm vorbei und in die Straße hinein.

Tags darauf kamen die Befreier.

Vorerst die Amerikaner. Am 20. November meldete General Parker die

baldige Ankunft des Obergenerals John J. Pershing.

Am 21. erschien dieser selbst. Mit ihm seine Truppen.

Unbeschreiblicher Jubel empfing die heißersehnten Gäste.

General Pershing begab sich alsbald ins Schloß und begrüßte die

Großherzogin. An ihrer Seite nahm er vom Schloßbalkon aus die

Truppenschau ab.

Wie die ersten khakigrauen Reihen durch die Wilhelmstraße am

Kammergebäude heruntermarschieren, schlägt mir das Herz. Im niedrigen

Sturmhelm mit flachem Tellerrand, die länglichschmalen sackartigen

Segeltuchtornister im Rücken kommen die herrlichen Jungens heran,

leichten, federnden Schrittes. Prächtige Gestalten! Eine Lust für Auge

und Gemüt.

Auf jedem Antlitz ruht die Weihe der Stunde. Alle Mannschaften tragen

Blumen.

Als sie „Augen links!" vorüberwogten, quoll es mir weich und warm in

den Blick. Ich sagte mir: Diese tapferen Burschen und braven Männer

sind die Retter auch deiner Heimat! Und mein Dank jauchzte ihnen zu.

Des andern Tages kamen die Franzosen, das 109. Regiment,

Oberstleutnant Randier an der Spitze. Die Begeisterung der Luxemburger

überschlug sich. Jeder Helm war kranzgeschmückt. Ein jedes Gewehr

schien ein blühender Friedensstab.

Oberst Randier und Kommandant de Beaucoudray saßen auf ihren Rossen

wie Helden aus Bronze. In den Tiefen ihrer Augen fror noch die

Erinnerung an die furchtbaren Blutstunden, die hinter ihnen lagen.

Keine Muskel zuckte im Antlitz. Aus dem Grau der Zerstörung und des

Todes zogen sie unter dem Freudensturm eines glücklich verschonten

Volkes durch eine unversehrte festliche Stadt. Welch erschütternder

Übergang! Ich grüßte sie wie Erscheinungen aus der antiken Vorzeit.

Auch Oberst Randier stattete der Großherzogin seinen Besuch ab.

Inzwischen war am Abend des 21. November Prinz Albert de Ligne, der

neue Vertreter Belgiens, in Luxemburg eingetroffen. Doch sollte er als

Geschäftsträger nur bei der Regierung beglaubigt werden.

Am 25. November kam dann unangemeldet Marschall ~Foch~.

Im frühen Nachmittag sprach sein Ordonnanzoffizier im großherzoglichen

Palast vor. Doch die Fürstin weilte auf Schloß Berg.

Auch keines der Regierungsmitglieder war anwesend. Gegen 5 Uhr ließ

der Marschall ein andermal seine Karten beim Staatsminister abgeben,

mit der Meldung, er müsse leider abreisen; doch werde er in den ersten

Wochen wiederkehren und dann seinen Besuch bei der Großherzogin und

der Regierung nachholen.

Auf dem Bahnhof hatte ihn kurz nach seinem Eintreffen der belgische

Generalleutnant Baltia begrüßt. General Baltia war luxemburgischer

Abstammung. Er trug, wie er mir selbst erzählte, ein Schreiben des

französischen Außenministers bei sich, das seine Ernennung zum

Platzkommandanten von Luxemburg bestätigte. Das zur Besetzung des

Landes und der Stadt bestimmte Regiment wartete marschbereit in der

Nähe der Stadt Arlon. Es bestand zum größten Teil aus Mannschaften,

die dem belgischen Luxemburg angehörten und denen die luxemburgische

Sprache vertraut war. Unter den Offizieren zählte es einige geborene

Luxemburger, die sich während des Krieges besonders hervorgetan hatten

und mit Recht als Helden der belgischen Armee gefeiert wurden.

General Baltia überreichte dem Marschall seine Bestallung. Foch gab

ihm kurz ablehnenden Bescheid. Er habe sein eigenes Leibbataillon

mitgebracht, sagte er: dieses werde die Stadt besetzt halten, denn

eine Besetzung Luxemburgs sei notwendig zur Sicherung des Vormarschs

in die Rheinlande.

Die Absage des Feldherrn war für Belgien eine erste schwere

Enttäuschung.

Am 2. September klagte u. a. der Brüsseler „+Soir+": „Wenn

Marschall Foch, der glorreiche Sieger des Krieges, wüßte, wie sehr es

den belgischen Soldaten am Herzen liegt, ihrerseits nach Luxemburg

zu kommen, würde er sich gewiß gleich bereit finden, von unseren

Kavalleriedivisionen die dorthin zu entsenden, die seit Tagen

marschfertig steht, um das Luxemburger Land zu besetzen."

Die innere Lage gestaltete sich, trotz der erhebenden Jubeltage der

Befreiung, wo sich Fest an Fest reihte, stets unerfreulicher.

Die Feinde der Dynastie hatten nach der Niederlage vom 13. November

die Waffen noch nicht gestreckt.

„Fort mit den Braganza! Die Stunde der Braganza! Der Prozeß der

Großherzogin! Die Jugend Luxemburgs wünscht die Republik;": Solche

und ähnliche Schmähartikel in „Escher Tageblatt", „Volkstribüne"

und andern Blättern der Linksparteien deuten zur Genüge den

angeschlagenen Ton an.

Einen häßlichen Streich lieferten sich am 21. November die Leiter

des zu Ehren der Amerikaner veranstalteten Festzuges. Um den General

Pershing und seine Leute von der Unbeliebtheit der Landesfürstin zu

überzeugen, hatten sie die 60 luxemburgischen Gesellschaften, die

den siegreichen Truppen das Ehrengeleite gaben, verhindert an dem

großherzoglichen Palaste vorbeizuziehen. Sie beschimpften damit nur

das eigene Volk und ernteten einen regelrechten Hereinfall. Denn die

ganze Kundgebung klang in einer Huldigung für die Herrscherin aus.

Beim Einmarsch der Franzosen unterblieb jeder Vorüberzug am Schloß.

Weder dem Hofe noch der Regierung war von einem Festzug oder einer

Festzugsordnung an dem Mittwoch, 22. November, irgendwelche Mitteilung

zugekommen.

Auch die sog. Arbeiter- und Bauernräte wühlten weiter, hetzten, tobten

und schrieen stets ungeberdiger nach Abdankung und Republik.

Immer ungeduldigere Stimmen verlangten das Aufgehen Luxemburgs in der

Republik Frankreich.

Die junge „französische Liga" hatte diesen Untergang ja schon in ihrem

Aufruf vom 15. November gefordert. Die meisten Linksblätter: „Escher

Tageblatt", „Landwirt", „Volkstribüne" usw. zogen auch an diesem

Strang.

„Wir können nicht unabhängig bleiben!" so orakelte es hier und dort.

-- „Die Zukunft unserer Kinder liegt bei einem großen Land -- die

einzige Rettung besteht für uns in der Eingliederung in ein großes

Nachbarland. -- Nun gibt es nur eine mögliche Umorientierung: Das ist

ein Anschluß an Frankreich." -- „Die einzige Rettung aus dem Sumpfe

ist offenbar die Einordnung in ein großes Ganzes, in ein ~möglichst

großes~ Ganzes, also der Anschluß an den Großstaat Frankreich.

Der schauerliche Nonsens unserer internationalen Situation hat

sich 1914 in seiner ganzen Geistlosigkeit offenbart. Benutzen wir

um Gotteswillen die Gelegenheit endlich etwas zu werden." („Escher

Tageblatt", 16. Nov. 1918.)

Auch die Zeitschrift der freisinnigen Studentenschaft „+La Voix

des Jeunes+" stieß bedauerlicherweise in dieselbe Posaune. Unter

den sog. Akademikern leistete sich ein wortberauschter Heldentenor

folgenden Tusch: „Luxemburg ist nicht unser Vaterland. Alle Merkmale,

die das Vaterland ausmachen, sind uns noch immer abgegangen. Eine

einzige Lösung drängt sich auf: Vereinigung unseres Landes mit unserem

großen Mutterlande Frankreich!"

Die Röte steigt einem immer noch ins Gesicht beim Gedanken, daß sich

solche Knechtesgesinnung gerade vor unserer studierenden Jugend äußern

durfte, ohne daß ein Sturm der Entrüstung die Phrasendrescher von

hinnen fegte und Verachtung ihnen den Mund schloß. Das berüchtigte

Wort Treitschkes, das wir immer als blutigen Schimpf empfunden haben,

das Wort von dem „vaterlandslosen Gesindel", „von dem Volk ohne

Vaterland und daher ohne Ehre", auf diese Leute und ihresgleichen

trifft es zu. Und es ist besonders merkwürdig, wie sich dem

„Vaterland" des Luxemburgers gegenüber Treitschke, der Preuße, und

der unentwegteste Herold Frankreichs halb und halb sogar im Ausdruck

treffen. Die Scham hätte den Männern Schweigen gebieten müssen sowie

das elementarste Dankesgefühl gegen das wehrlose Land, von dem sie

seit ihren jungen Jahren nur Wohltaten und Förderung genossen hatten.

In andern Ländern wäre solchen Defaitisten und Verrätern mit Kerker

und Kugel gedroht worden. Unsere Koalitionsregierung war ihnen

gegenüber und auch den andern, die später dieselben Wege gingen,

zur Ohnmacht verurteilt. Wir mußten eben auch hier auf den gesunden

Sinn unseres Volkes bauen, das in seiner kühlen Ruhe die Windmacher

nach ihrem Wert zu schätzen wußte und in den geheimsten Triebfedern

ihres Handelns durchschaut hatte. Was aber, so sagte ich mir in jenen

Tagen oft, kann von der vaterländischen Zukunft erwartet werden, wenn

sie gerade in dem Gefühl derer, die einst zu Leitern und Lehrern

des Volkes berufen sind, von solchen unverantwortlichen Amoralisten

vergiftet wird!

Diesem tollen Liebeswerben für Frankreich innerhalb des Großherzogtums

antwortete bald von jenseits unserer Grenzen stets ungeberdiger der

Ruf nach einer Rückkehr zu Belgien, als dem wirklichen Mutterlande

Luxemburgs von alter Zeit her.

Die Lage unserer Regierung wurde damit nicht erfreulicher. Und

zugleich hob um einzelne ihrer Mitglieder der schon längst erwartete

Rumor an.

Die ritterliche Haltung der fremden Heer- und Truppenführer vor Maria

Adelheid hatte den Groll ihrer Gegner noch stärker aufgebracht. Sie

fahndeten schließlich nach einem Sündenbock.

Besonders in sozialistischen Kreisen bleibt die Empörung über

den vereitelten Fürstensturz groß. Das klägliche Ergebnis lohnt

schließlich nicht die Unterstützung einer Regierung, die wie

~ein~ Mann zum Thron steht und nur darauf bedacht ist, die gegen

diesen entworfenen Pläne mit allen Mitteln zu hintertreiben! Was hat

in dieser Regierung ein sozialistischer Vertrauensmann zu tun!

Herr Probst vor allem wurde mit Vorwürfen bedacht. Er hatte mich mit

Einsetzung seiner Person ins Ministerium gebracht. Er war so zum

Mitschuldigen an meinen Untaten geworden.

Ich, so hieß es um ihn her, ich hätte es fertig gebracht, daß die

Großherzogin Maria Adelheid neben General Pershing auf dem Balkon habe

erscheinen dürfen. Ich hätte diese Komödie in Szene gesetzt, um ihr

mit diesem Trugspiel wieder zu einer „politischen Jungfrauschaft" zu

verhelfen.

Über diesen Punkt erfolgte zwischen den beiden Freunden eine bittere

Aussprache.

Als ich den Vorwurf, bei der „Balkonposse" gewissermaßen den Barnum

gespielt zu haben, nur mit einem Lächeln und Achselzucken beantworten

konnte, kam der Unwille zum Durchbruch: „Du hältst, so hieß es

schließlich, mich und die Partei zum besten. Und für wen! Einem jungen

Mädchen zulieb, das das Land an der Nase führt."

An dem Abend fühlte ich zum ersten Male so ganz das Zweideutige und

Gebundene meiner Stellung.

Den Freund selbst verstand ich. Sein Festhalten an mir brachte ihn bei

den Parteigängern in arge Verlegenheit. Sein Ruf und seine Beliebtheit

stand auf dem Spiel. So sehr er mir auch innerlich zugetan blieb,

länger, so ahnte ichs, durfte mich Probst nicht in Schutz nehmen.

Von dem Tage an saß ich in der Regierung wie ein Vogel auf dem Reis,

von meiner Amtstätigkeit nur halb befriedigt, durch meine Stellung im

Ausdruck persönlichen Empfindens gehemmt.

Wegen der spanischen Grippe und der andauernden Truppendurchmärsche

sind sämtliche Schulen monatelang geschlossen und so ist an eine

regelrechte Einrichtung des Dienstes kaum zu denken.

Rundum tobt der Kampf um Luxemburgs Zukunft und Bestand. In unserm

eigenen Lande trommeln die Franzosen und trompeten die Belgier.

Grüne Jungen, kecke Schreier prahlen als Heilande ihres Volkes.

Selbstsüchtige Männer hoffen, sich in die neuen Verhältnisse

einrichten zu können als Schrittmacher und Handlanger der Fremden,

auch auf Kosten des unabhängigen Vaterlandes, das diese Helden dem

Luxemburger überhaupt absprechen möchten. Greise werden kindisch unter

den Eingebungen eines befangenen, lange zurückgedämmten Grolles.

Dazwischen geberden sich die Ultranationalisten wie tollpatschige

Pudel.

Befreiende Lieder möchten sich der Seele entringen, um Zeugnis

abzulegen für meinen Glauben und meine Liebe. Statt dessen muß ich als

Mitglied einer von allen Seiten gehetzten Regierung meinen Schritt

nehmen, vorsichtig, schweigsam und sacht.

Einige Tage später kündigte sich die Entscheidung an. Am 26. November

beschied die sozialistische Kammerfraktion ihren Vertrauensmann zu

einer Besprechung in die Vereinsschenke.

Ich traf die Versammlung in einem schmalen, dumpfen Zimmer: eine Dame

und neun Herren. Herr Probst fehlte.

Wortführer war Herr Josef Thorn.

„Die Partei", so begann er, „fährt schlecht mit einem

Koalitionsministerium. Sie wird in der klerikalen Presse beschimpft

und verdächtigt; sie wird in der Kammer übervorteilt, und das unter

Beihilfe der Regierung. Auch Ihnen als unserm Vertrauensmann kann

dieser Vorwurf nicht erspart bleiben."

Ich ersuche um größere Deutlichkeit. Die Sozialisten, so führt Herr

Thorn nun aus, fühlten sich durch den Ausgang der Debatte über das

Schicksal der Großherzogin betrogen; die Klerikalen hätten ihren guten

Glauben mißbraucht; ein Minister, Herr Collart, habe seine Leute in

der Freien Volkspartei durch Verheißung des Achtstundentages für die

Klerikalen gekapert.

Seither hätte besonders ich dazu beigetragen, die Rettung der

Großherzogin zu bewerkstelligen. Auf mein Betreiben sei die

Anwesenheit des Generals Pershing und der Einzug der Amerikaner dazu

verwandt worden, das arg ramponierte Ansehen Maria Adelheids neu

aufzuputzen. Auch an den Umtrieben unsers Presseamtes in Bern trüge

ich die Hauptschuld. Ich sei der Vater dieser Einrichtung; die Herren

in Bern aber wären nur darum bemüht, dynastische Politik zu machen

und über die Vorgänge in Land und Kammer in den Ländern der Entente

falsche Nachrichten zu verbreiten.

Dann sprang die Anklage auf das soziale Gebiet über. Die Regierung

müsse die Hand auf die Eisenbahnen legen; wir müßten endlich aus dem

Finanzmarasmus heraus, und dergleichen mehr.

Jetzt griffen auch die dem Arbeiterstand angehörigen Abgeordneten

ein und kamen ihrerseits mit Forderungen und Klagen; besonders die

Genossin sprach schroff und scharf. Als ich einem ihrer Anwürfe

begegnete, kam die bissige Erwiderung, sie begreife ganz gut, daß es

mir schwer falle von einem fetten Posten zu scheiden.

Schließlich stellte Herr Jos. Thorn den Antrag auf Auflösung des

Koalitionsministeriums. Manches Gesicht zeigte schwere Bedenken. Ich

erlaubte mir auf die Folgen dieses Beschlusses aufmerksam zu machen,

trotz der Gefahr, wieder in der eben angegebenen Art abgeblitzt zu

werden.

„Überlegen Sie, was Sie damit tun", sagte ich. „Geht dies Ministerium

auseinander, so kommt kaum ein anderes zustande, das wissen Sie

selbst. Und es folgt dann der allgemeine Wirrwarr."

In einigen Augen flackerte Zustimmung. Besonders Herr Krieps mahnte

und warnte zur Vorsicht.

Auf einmal rief jemand, wenn die Koalitionsregierung bestehen

bleibe, so solle doch allenfalls die Gelegenheit wahrgenommen

werden, besondere wirtschaftliche Forderungen zu stellen wie z. B.

auf Achtstundentag und Mindesttagelohn. Aber sogar Herr Thorn mußte

alsbald bemerken, diese Wünsche ließen sich nicht so ohne weiteres

erfüllen und vielleicht auch nicht unserseits allein durchführen.

Ich spürte bei dem vielen unklaren Hin- und Herreden, daß es den

meisten Anwesenden selbst bei ihren Einfällen nicht ganz geheuer war.

Auch Herr Jos. Thorn schien einen Rückzug ihrerseits zu befürchten,

und als ich wieder einmal an die Verantwortung erinnerte, die sie auf

sich laden wollten, rief er plötzlich, indem er jedes seiner Worte mit

schweren Fausthieben durch die dumpfe Luft unterhämmerte: „Ach was,

Verantwortung! Was liegt daran! Wir müssen vom Fleck kommen!" Und er

stellte seinen Antrag zur Abstimmung.

Ich fragte, wie sich die Herren meinen Rücktritt eigentlich dächten.

„O, meinte Herr Thorn, das ist doch ganz einfach. Sie schreiben einen

Brief an den Herrn Staatsminister und geben Ihre Entlassung."

„So!", entgegnete ich scharf. „Ich soll mich also drücken. Sie möchten

mich so ganz im geheimen auf die Seite bringen. Nein, meine Herren!

Wenn ich einmal gehen muß, so geschieht es frei und offen. Ich werde

jedenfalls vor der Kammer eine diesbezügliche Erklärung abgeben."

„Da haben wir's!" hieß es nun von verschiedenen Seiten. „Wenn es dann

zum „+gâchis+" kommt, so werden die Klerikalen schreien, wir

Sozialisten seien schuld daran."

Ich bestand auf meinem Willen und die Genossen gaben schließlich

selbst zu, ich könne nicht anders tun; das andere sei für mich doch

ein zu kläglicher Rückzug.

Darauf kam es zur Abstimmung. Der Antrag Thorn wurde mit 4 Stimmen

gegen 5 und eine Enthaltung verworfen.

Die Dame stimmte dafür. Ihr Wort fiel scharf und hart wie ein

Messerhieb.

Dem Koalitionsministerium wurde aber nur eine Galgenfrist eingeräumt,

und das unter folgenden zwei Bedingungen: Der Achtstundentag, hieß es,

müsse eingeführt und die Suspendierung der Großherzogin durchgeführt

werden.

„Die Kammer", wandte ich ein, „hat die Amtsenthebung der Großherzogin

gefordert; Maria Adelheid ist bereit, sich diesem Wunsche zu fügen.

Vorerst müssen nun die gesetzlichen Wege ausfindig gemacht werden, die

den Schritt ermöglichen sollen."

„Es geschieht aber nichts."

„Die Regierung tut, was sie kann. Sie hat dem Staatsrat die Frage

unterbreitet. Die Ausführung des Referendums durch die Gemeinden ist

auch so weit eingeleitet. Für wann wünschen Sie denn die Erfüllung

dieser Forderung?"

Die Runde rief durcheinander: „Gleich! In drei Tagen! In acht Tagen!

In vierzehn Tagen!"

„Wie wollen Sie aber in der kurzen Frist auch den Achtstundentag

eingeführt sehen! Die Regierung ist mit dem Achtstundentag

grundsätzlich einverstanden. Sie hat an eine wenigstens zeitweilige

Einführung in unsern gewerblichen Betrieben bereits gedacht, und das

kraft ihrer diktatorialen Gewalt. Die Reform läßt sich aber durch

uns allein nicht verwirklichen. Herr Probst selbst hat in der Kammer

darauf aufmerksam gemacht, wie die Einführung des Achtstundentages

eine internationale Angelegenheit sei. Herr Generaldirektor Liesch

bemerkte dazu mit Recht, die einseitige Durchführung dieser Neuerung

im Inland würde den Ruin unserer Großindustrie nach sich ziehen. Wie

wollen Sie da innerhalb einiger Tage den Achtstundentag verwirklicht

sehen?"

Einzelne unter den Versammelten teilten diese Ansicht. Schließlich

meinte der junge Arzt, Hr. Dr. Franz Knaff, die Partei könnte sich

auch mit der Suspendierung der Großherzogin zufrieden geben.

„Diese Angelegenheit unterliegt, wie Sie selbst wissen, der

Begutachtung des Staatsrates. Hoffen wir, daß seine Antwort in den

ersten Tagen eintrifft."

Ob ich denn mit einer Frist von vierzehn Tagen einverstanden sei?

Jede andere Frist wäre mir gerade so recht gewesen. Ich antwortete:

„Warum nicht? Sagen wir also: vierzehn Tage!"

„Schön!" hieß es zurück. „Bis zum 10. Dezember müssen also die zwei

Forderungen erfüllt sein."

Ich ging zur Regierung und berichtete.

Herr Reuter rief unwillig: „Herr Josef Thorn als Jurist müßte doch

wissen, daß einer Suspendierung der Großherzogin Verfassungsbedenken

entgegenstehen! Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht von heute auf

morgen aus dem Wege räumen!"

„Laß ihnen den Willen", erwiderte ich. „Sie müssen ja einen Vorwand

haben."

Gegen die zeitweilige Amtsenthebung der Großherzogin erhob der

Staatsrat in seinem Gutachten vom 5. Dezember wirklich Einspruch und

empfahl in seiner Mehrheit einen Aufschub des Referendums.

Im Dienste · 第 12 / 48 题