Am Abend des 11. November fand auf dem Wilhelmsplatz eine aufgeregte
Versammlung statt. Die rote Fahne flatterte auf der Treppe des alten
Rathauses. Abdankung der Dynastie! Ausrufung der Republik! war auch
hier die Losung. Die französischen Annexionisten wurden wieder
höhnisch überjohlt. Verworren und mit kindischem Ungestüm äußerten
sich daneben die krassesten sozialen Forderungen. Die Abgeordneten
Housse und Probst sprachen sich gegen jedes gewaltsame Vorgehen aus;
eine Verwirklichung der neuen Gedanken werde sich, so hofften sie, in
nächster Zukunft mit gesetzlichen Mitteln erreichen lassen.
Den Beschluß der Versammlung, worin die Abdankung des Hauses
Nassau-Braganza verlangt wurde, brachten uns die Vorstände der
„Bauern- und Arbeiterräte" am folgenden Nachmittag in die Regierung
und ersuchten, ihn der Kammer zu übermitteln.
Einige Stunden später platzten in dieser Versammlung Liebe und Haß
zum Herrscherhaus aufeinander. Wenn ich bis dahin immer versucht
war, die lärmfrohen Kundgebungen einer unverantwortlichen Masse als
groben Unfug anzusehen, in dieser Kammersitzung, angesichts der
Volksvertreter, von denen jeder einzelne doch seine Verantwortung zu
tragen hatte, trat mir der bittere Ernst der Stunde zum ersten Mal
beunruhigend ins Bewußtsein.
Herr Staatsminister Reuter verständigte die Kammer von dem festen
Willen der Großherzogin, die Frage über die zukünftige Regierungsform
einem Volksreferendum, also dem freien Willen des Volkes selbst zu
unterstellen.
Der Vorschlag fand keine Gnade. Liberale und Sozialisten brachten
eine Tagesordnung ein, in der die Kammer den Wunsch ausdrückte, die
Dynastie möge zum Wohl des Vaterlandes auf den Thron verzichten.
Diese Tagesordnung lautete in ihrer ersten verletzenden Fassung:
„Die Kammer,
in Anbetracht, daß die Herrscherin außerstande war, im Innern den
verfassungsmäßigen Schranken gemäß zu regieren noch auch den Wünschen
aller Kreise ihres Volkes Verständnis entgegenzubringen wußte;
in Anbetracht, daß die Landesfürstin und das Haus Nassau-Braganza die
Interessen des Landes nach außen gefährdet haben:
drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie auf den Thron des
Großherzogtums verzichte, und beauftragt das Kammerbüro, diesen
Beschluß der Herrscherin zur Kenntnis zu bringen.
gez. Brasseur, Pescatore, Lacroix, Probst, Thilmany."
Der Präsident weigerte sich, diesen Wortlaut zur Abstimmung zu
stellen, denn die Person der Fürstin sei unverletzlich.
Darauf erklärten die Antragsteller, sie seien bereit, die
vorausgeschickten Begründungen zu streichen und als Tagesordnung den
einzigen Schlußabschnitt festzuhalten.
Die Rechtspartei ihrerseits beantragte folgende Tagesordnung:
„Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und fordert sie auf,
das Luxemburger Volk in seiner Gesamtheit auf dem Wege des Referendums
über die zukünftige Staatsform zu befragen.
gez. Aug. Thorn, Prüm, Hansen, Huß, Bech."
Das Ganze stand also wirklich auf dem Spiel. Stets rücksichtsloser
stürmte die politische Leidenschaft vor. Draußen die Straße warf die
Klänge der Marseillaise in die parlamentarische Brandung herauf.
Die Tribünen lärmten mit Äußerungen des Beifalls und des Unwillens
herunter.
Herr Reuter sprach tapfer und klug und fand bei seinen Freunden
wackere Unterstützung.
Die Versammlung ging in höchster Aufregung auseinander. Am andern Tag
sollte die Entscheidung fallen.
Die Aussichten waren trüb. Der Regierung fehlte der starke Rückhalt
einer entschiedenen Mehrheit. Die beiden Vertrauensmänner der
Linken wußten sich mit ihrer Überzeugung im schroffen Widerspruch
zu ihren Parteien. Gesichert war der Rechten von vornherein nur die
Unterstützung der beiden unabhängigen Nationalparteiler. Bei der
Freien Volkspartei stand die Entscheidung. Diese fünf Männer sahen
sich in einer äußerst verzwickten Lage. Sie durften, bei allem guten
Willen ihrerseits, von dem Gefühl der Arbeitermassen, zu denen die
große Mehrheit ihrer Wähler gehörte, nicht ohne weiteres absehen.
Ihre Verlegenheit war groß. Ihre Stellungnahme war zweifelhaft. Ihr
Führer aber hatte sich als Mitglied eines Arbeiterrates bereits für
die Republik ausgesprochen und erklärte nach der Sitzung auch dem
Staatsminister, er werde für die antidynastische Tagesordnung stimmen.
Ich sah an dem Abend die Zukunft des Landes jählings an den Abgrund
gestellt. Viel Liebe für die Dynastie hatte ich bei der Kammer nicht
in Rechnung gebracht; niemals aber erwartete ich beim Ansturm der
Linken, vor solch einem Dammbruch der Abneigung und Feindseligkeit
stehen zu müssen.
Kurz nach unserer Rückkehr in die Regierung überraschte uns, in
Abwesenheit des Herrn Reuter, Herr Kammerpräsident Altwies mit der
Mitteilung, es sei ihm der Einfall gekommen, mit den Führern der
verschiedenen Fraktionen in eine Besprechung einzutreten, ob sich
nicht doch vielleicht eine Einigung erzielen ließe mit der Aussicht
auf Rettung der Dynastie.
Herr Reuter wurde telephonisch benachrichtigt und hergebeten. Herr
Liesch und ich setzten uns mit unsern Parteien in Verbindung. Und so
erschienen im Regierungsgebäude gegen 8 Uhr: von den Liberalen die
Herren Pescatore, Brasseur und Lacroix; von den Sozialisten die Herren
Probst und Housse; von der Rechtspartei die Herren Altwies und Schiltz.
Herr Altwies empfing die Geladenen mit den aufklärenden Worten:
„Vielleicht habe ich Sie vergebens herbemüht, meine Herren. Mir ist
nach der Kammersitzung der Gedanke einer Lösung gekommen, mit der
sich die Kammermehrheit möglicherweise zufrieden geben dürfte.
Die Großherzogin Maria Adelheid würde abdanken und eine ihrer
Schwestern die Nachfolge antreten. Dann müßte allerdings aus der
bewußten Tagesordnung der die ganze Dynastie einbegreifende Ausdruck
verschwinden. Das war so mein Gedanke. Ich habe ihn auch einigen
Mitgliedern meiner Partei unterbreitet. Die einen stimmten zu, die
andern nicht. Ich hatte Herrn Aug. Thorn und auch Hrn. Prüm gebeten,
hieherzukommen. Beide haben entschieden abgelehnt. Ich habe mithin
keinen Auftrag, Sie im Namen meiner Partei mit diesem Vorschlag zu
befassen. Ich tue es nur in meinem eigenen Namen."
Herr Schiltz bestätigte die letzten Aussagen des Kammerpräsidenten
mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel an seiner eigenen
Mißbilligung ließ. Er war durch einen Freund zur Besprechung
eingeladen worden, ohne recht zu ahnen, worum es sich handle. „Hätte
ich Bescheid gewußt", so erklärte er bestimmt, „dann wäre auch ich
fortgeblieben."
Nach dieser wenig verheißenden Einleitung begannen die Erörterungen.
Ein erster Vorschlag zielte auf die Beseitigung der
dynastiefeindlichen Tagesordnung unter der Voraussetzung, daß
Großherzogin Maria Adelheid abdanke und durch Prinzessin Charlotte
ersetzt werde. Diese Lösung wurde von den Linksparteien als
unzulänglich abgelehnt. Herr Brasseur vor allem erklärte, die
Antragsteller der Linken hätten mit Absicht die ganze Dynastie in ihre
Tagesordnung einbezogen; es müsse einmal, und zwar gründlich, Schluß
gemacht werden.
Nach weiterem Hin und Her bedeuteten die Gegner, sie könnten nur dann
von ihrer Tagesordnung absehen, wenn Großherzogin Maria Adelheid
abdanke und ihre Nachfolgerin sich der Ausübung ihrer Herrschergewalt
enthalte, bis das Volk in einer Gesamtabstimmung über die zukünftige
Regierungsform verfügt habe.
Dieser Vorschlag wurde von der Regierung und ihren Freunden
entschieden verworfen; zugleich wurde auf die verfassungsrechtlichen
Schwierigkeiten hingewiesen, die einer solchen Lösung entgegenstünden.
Herr Schiltz besonders war sprachlos. Er rief in seiner sanguinischen
Lebhaftigkeit, mit dem ersten Antrag könnte er sich im Notfall
schließlich noch abfinden, niemals aber mit dem zweiten; er begreife
nicht, wie man auch der Nachfolgerin Maria Adelheids eine so unwürdige
und durch gar nichts verschuldete Demütigung zumuten könne; er erkläre
es von vornherein für unmöglich, daß sich auch nur ~ein~ Mitglied
der Rechtspartei zur Billigung eines solchen Auswegs verstehen könne.
Da taucht aus dem Munde des Hrn. Housse ein dritter Vorschlag auf.
Großherzogin Maria Adelheid, so führte Herr Housse aus, enthält sich
auf Wunsch der Kammer jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt, bis
eine aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangene Volksvertretung
über die zukünftige Regierungsform des Landes befunden hat. In
der Zwischenzeit werden die Geschäfte von der heutigen Regierung
weitergeführt. Einstweilen genügt zur Durchführung dieser Maßregel
eine Änderung von Art. 32 der Verfassung.
Der Gedanke des sozialistischen Abgeordneten und Bürgermeisters
ging seinen Freunden nicht weit genug. Sie beharrten bei ihrer viel
radikaleren Lösung.
Herr Staatsminister Reuter erkannte in dem Antrag des Herrn Housse
immerhin die Möglichkeit zu einer Verständigung; doch legte er sich in
keiner Weise fest.
So kam es zu keiner Einigung. Schließlich wurde folgendes vereinbart:
Eine Abordnung fährt noch an demselben Abend nach Schloß Berg, um die
Großherzogin über die Lage und den Stand der Verhandlungen aufzuklären
und ihre persönliche Ansicht einzuholen. Nach Mitternacht treffen sich
die Anwesenden wieder in der Regierung.
Gegen 10 Uhr fuhren die Herren Altwies, Reuter und die übrigen
Regierungsmitglieder hinaus.
Der Staatsminister erstattete Bericht. Wir legten darauf den Ernst der
Lage dar und verständigten die Fürstin von der Tragweite der einzelnen
Anträge.
Zu dem ersten Vorschlag erklärte Maria Adelheid ohne alles Zögern,
sie sei bereit abzudanken, wenn damit die Dynastie gerettet werde.
Doch könne niemand anders ihr Nachfolger sein als Prinzeß Charlotte;
ihrer dritten Schwester, Prinzeß Hilda, sei jeder Gedanke an eine
Thronbesteigung fremd.
Einer von uns wandte ein, gegen Prinzeß Charlotte als künftige
Großherzogin würden in jedem Fall Bedenken erhoben, denn sie sei
ja dem Prinzen Felix von Parma verlobt, und der Prinz habe im
österreichischen Heere gedient.
Maria Adelheid blickte erstaunt und entgegnete: „Das schon! Aber die
Bourbon-Parma sind doch Franzosen."
„Allerdings, Königliche Hoheit. Es wird aber auch ein großes Aufsehen
gemacht mit einem Telegramm, gemäß dem Prinz Felix als Erster in
Premysl eingerückt sei."
Trotz des ernsten Augenblicks konnten wir uns bei diesem Einwurf eines
Lächelns nicht erwehren.
Die Großherzogin sah uns verwundert an. Dann lachte auch sie und sagte
lebhaft: „Mein Gott, muß der gute Junge auch noch herhalten! Meine
Herren, ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, Prinz Felix ist
so ein charmanter Mensch, er würde im Handumdrehen die Herzen aller
Luxemburger gewinnen."
Diese Rede war mir nicht unlieb zu hören. Prinzeß Charlotte war mir
von Persönlichkeiten, die viel in ihrer Nähe lebten, als zuverlässig,
offen und weitherzig gerühmt worden. Die einigen Male, wo ich sie
selbst gesehen hatte, so vor einigen Monaten noch im Stadttheater bei
der Uraufführung der romantischen Oper: „Griselinde", hatte sich ihr
Bild meiner Erinnerung aufs vorteilhafteste eingeprägt.
Auch in die zeitweilige Suspendierung ihrer Regierungsgewalt ist
Maria Adelheid bereit einzuwilligen, falls eine solche Amtsenthebung
verfassungsgemäß zulässig ist.
Darauf wendet sich die Rede dem Antrag der Linken zu, für den
sich, angesichts der wahrscheinlichen Haltung der Volkspartei, die
Mehrheit der Kammer vielleicht doch entscheiden könnte: Abdankung der
Großherzogin und zeitweilige Amtsenthebung der Nachfolgerin.
Auf diese Frage fällt der Fürstin die Antwort schwerer. Sie bedenkt
sich, blickt uns zweifelnd an und meint, wie im Kampfe mit sich
selbst, zögernd und gedämpften Tones, den Zweck und die Notwendigkeit
dieses Antrages könne sie eigentlich nicht einsehen; wenn aber das
Wohl des Landes es wirklich erfordere, so sei sie auch zu diesem Opfer
bereit; sie stelle uns die Lösung anheim und lasse uns voll Vertrauen
freie Hand für die eine oder die andere Entscheidung.
Viertel nach eins waren wir wieder im Regierungsgebäude, wo uns die
übrigen Herren erwarteten.
Herr Altwies teilte das Wesentliche mit und die Verhandlungen setzten
aufs neue ein.
Den Antrag Housse erklärten die Vertreter der Linksparteien endgültig
für durchaus unannehmbar.
Über den Antrag Brasseur entspinnt sich ein aufregender
Meinungsaustausch. Herr Reuter weist ihn entschieden ab; er verstoße
zudem gegen den Vertrag von 1867.
Herr Schiltz wehrt sich dagegen mit verzweifelten Hand- und
Armbewegungen: er begreift nicht, warum Maria Adelheid überhaupt
zur Abdankung gezwungen werden müsse; seine Partei sei für solchen
Gewaltschritt unter keiner Bedingung zu haben.
Da nimmt das Wort Herr Neyens und sagt mit ernster Stimme: „Doch,
Herr Schiltz, diese Abdankung kann notwendig werden. So schwer es
mir das Herz drückt, aber ich muß gestehen, daß sich Maria Adelheid
auch meinem Gefühl nach kaum noch halten könnte, sobald zwei starke
Parteien, wie die liberale und die sozialistische, solch schwere
Anklagen gegen die Krone erheben und sie zum Abgang auffordern. Das
würde dann eine recht ernste Sache, der die Krone unter Umständen
Rechnung tragen müßte. Übrigens würde, wenn die Gegner draußen auch
nur über eine starke Minderheit verfügen, die Krone, meiner Ansicht
nach, unter bestimmten Verhältnissen von selbst aus dieser Lage die
Folgen ziehen. Ich meinerseits werde mein Bestes tun, daß sich die
Partei der Rechten mit der Zwischenlösung, wie sie durch die zweite
Formel aufgestellt wird, abfinde, wenn sich wirklich keine andere
Möglichkeit für die Rettung der Dynastie bietet."
Herr Schiltz stutzte ob dieser so entschieden und ruhig vorgebrachten
Rede. Er schüttelte das Haupt, brummte unwillig und schwieg. Nun erst
merkte er, wie verzweifelt die Sache stand, und er schien nahe daran
seinerseits zu schwanken.
Gegen 3 Uhr früh trennten wir uns, um am Vormittag 11 Uhr wieder
einmal zusammenzukommen.
Beim Fortgang stellte ich Herrn Pescatore an der Türe des Vorzimmers
und sagte: „Hören Sie mal: Genügt es denn wirklich nicht, daß Maria
Adelheid abdankt? Für das Land wäre es das Beste, wenn Charlotte ihr
einfach folgen könnte." „Nein, gab er schroff zurück, sie müssen alle
fort."
Des andern Tages sprach ich am Fuße der Kammertreppe ähnlich zu
Herrn Probst. Er hörte mich ungeduldig an und gab zurück: „Weißt du,
Maria Adelheid hätte gleich gehen sollen, dann wäre die Sache schon
in Ordnung." „Nun", meinte ich, „dazu ist ja immer noch Zeit. Und
Charlotte kommt an ihre Stelle." Er aber, mit polterndem Unwillen:
„Dazu ist es jetzt zu spät", und eilt die Treppe hinan.
Um 11 Uhr vormittags hatten wir uns inzwischen ein drittes Mal im
Zimmer des Staatsministers zusammengefunden. Herr Altwies war nicht
zugegen, wohl aber Herr Jos. Thorn.
Die verschiedenen Anträge wurden ein andermal erörtert. Zu einer
Einigung kam es auch jetzt nicht. Für den Fall jedoch, wo der radikale
Vorschlag der Linksparteien Annahme fände (auch die Volkspartei schien
ja dafür gewonnen!) wurde vorgeschlagen, einen Regentschaftsrat
einzusetzen mit den Herren Altwies, Pescatore und Probst als
Mitgliedern und Hrn. Staatsrat Vannerus als Präsidenten; die Regierung
könne im Amte bleiben.
Am Nachmittag sollte die verworrene Frage ein letztes Mal in den
einzelnen Fraktionsversammlungen besprochen und nach allen Seiten
erwogen werden. Hr. Neyens seinerseits erklärte wieder, er werde,
wenn nötig, nach besten Kräften die Rechte zur Annahme sogar des
schlimmsten Antrages zu bekehren suchen, um so wenigstens an dem
Äußersten vorbeizukommen.
Die Nachmittagssitzung wurde gleich nach Eröffnung unterbrochen und
die einzelnen Parteien traten zusammen.
Die Rechte weigerte sich lange entrüstet, den zweiten Antrag auch
nur ernstlich in Erwägung zu ziehen. Manche ihrer Mitglieder wurden
allerdings in ihrer Zuversicht erschüttert, denn mit dem Abfall der
Volkspartei zu den Gegnern wurde das Los der Dynastie doch aufs
äußerste gefährdet.
Die Volkspartei ihrerseits kam auch nicht leicht zum Entschluß. Sie
bestand in ihrer Mehrheit aus gemäßigten Männern, die sich zu einer
republikanischen Stellungnahme niemals verpflichtet hatten. Ihre
Wähler hatten sie entsandt, nicht um bei einer Revolution mitzuhelfen,
sondern um besonders für eine Aufbesserung des Arbeiterloses
einzutreten. Herr Kappweiler, ihr Führer, allerdings hatte sich
für den Antrag des Linksblocks ausgesprochen. Herr Generaldirektor
Collart, der Vertrauensmann der Gruppe, sprach versöhnliche Worte
und suchte zu beschwichtigen. Die Partei war ja auch nicht zu den
nächtlichen Verhandlungen geladen worden, sie wußte nicht Bescheid und
hatte sich keinem verpflichtet.
Herrn Collart kam zu Hilfe Herr Prüm. Auch er war nicht zu den
Besprechungen im Regierungsgebäude erschienen. Da hörte er in
den Wandelgängen der Kammer aus dem Munde eines sozialistischen
Abgeordneten, seine Fraktion habe soeben den Antrag Housse, der die
zeitweilige Amtsenthebung der alleinigen Großherzogin Maria Adelheid
fordere, mit Stimmenmehrheit verworfen und sich für die schroffere
Lösung ausgesprochen.
Herr Prüm ließ sich genauer unterrichten und begab sich zu der
Volkspartei. Er verständigte diese von dem Gedanken des Herrn Housse
und meinte, wenn sich in der republikanischen Sozialistengruppe
wenigstens eine Minderheit mit der Suspendierung der einen
Großherzogin hätte befreunden können, so dürfte die viel gemäßigtere
Volkspartei ihrerseits denselben Antrag Housse aufgreifen und vor
ihren Wählern vertreten. Auf das Drängen seiner Partei hin ließ sich
schließlich auch Herr Kappweiler gewinnen. Er fand sich sogar bereit,
seinen Namen unter eine Tagesordnung zu setzen, die dem Antrag der
Rechten als Zusatz angefügt werden sollte.
Die Rechtspartei war inzwischen immer noch nicht schlüssig geworden.
Da eröffnete der Antrag Prüm den Ausweg aus der Bedrängnis. Er wurde,
neben Herrn Kappweiler, von drei Mitgliedern der Rechten, den HH.
Meyers, Hansen und Bech gezeichnet.
Sozialisten und Liberale hatten sich indessen schon wieder in den
Sitzungssaal begeben. Herr Liesch und ich waren all die Zeit über
im Saal oder im Vorzimmer zurückgeblieben. Wir konnten mit unsern
Parteien nicht einiggehen und hielten uns abseits.
Die Linke zweifelte nicht an dem Sieg. Von der Schwenkung der
Volkspartei war ihr nichts bekannt. Sie ging also nach Wiederaufnahme
der Sitzung der schmerzlichsten Enttäuschung entgegen.
Die Sprecher der Rechten wiesen den gegen die Dynastie gerichteten
Antrag als beleidigende Zumutung zurück. Herr Prüm brachte seine
Tagesordnung ein. Herr Kappweiler rechtfertigte seine Unterschrift:
Die Konstituante, so erklärte er, habe ganz andere Aufgaben zu lösen
als einen Dynastiesturz; zu einem solchen sei ihr vom Land überhaupt
kein Auftrag geworden; die Arbeiterschaft im besondern fühle sich
durch nichts veranlaßt, die bestehende Staatsform einzureißen, ohne
vorher zu wissen, durch welches neue Gebilde sie ersetzt werde und was
bei dem politischen Gehaben für das Volk eigentlich herauskomme.
Die Linke saß verblüfft. Die Stimmen der Volkspartei waren von ihr in
sichere Anrechnung gebracht worden. Besonders der Umschwung in der
Haltung des Herrn Kappweiler kam gar zu unerwartet.
Darob Ärger, Entrüstung, Vorwürfe, Schimpf, verdoppelter Grimm und
entsprechende Abwehr.
In vorgerückter Stunde kam es zur Entscheidung.
Die von der Rechtspartei durch Herrn Aug. Thorn eingebrachte
Tagesordnung lautete: „Die Kammer billigt die Erklärungen der
Regierung und fordert sie auf, das Luxemburger Volk in seiner
Gesamtheit auf dem Wege des Referendums über die zukünftige Staatsform
zu befragen."
Sie wird mit 28 gegen 21 Stimmen angenommen.
Der zu dieser Tagesordnung angeschlossene Zusatzantrag Prüm: „Die
Kammer äußert zur Beruhigung des Landes den Wunsch, daß sich die
Großherzogin jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt enthalte, bis das
Volk in einem Referendum über die Staatsform befunden hat", wird
gutgeheißen mit 36 Stimmen gegen 2 und 10 Enthaltungen.
Die von der Linken eingebrachte Tagesordnung endlich: „Die Kammer
drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie zum Wohle des Landes auf
den Thron des Großherzogtums verzichte", wird zurückgewiesen mit
21 Stimmen gegen 19 und 3 Enthaltungen. Es stimmten dafür die HH.:
Brasseur, Diderich, Housse, Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix,
Laval, Léon, Mark, Polgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh.
Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum. Es stimmten dagegen die noch
anwesenden Mitglieder der Rechten mit den HH. Glesener, Herschbach,
Noesen, Böver und Prüm. Es enthielten sich die HH. Kappweiler, Kellen
und Vinandy.
Die Abstimmung über diesen Antrag war angesichts der beiden
vorhergegangenen nichts anders als eine Farce. Aber der törichte
Spaß wäre fast ins Verhängnis umgeschlagen. Wenn sich dafür eine
Mehrheit gefunden, hätte unmittelbar darauf die heilloseste Verwirrung
entstehen können.
Die nächste Gefahr war damit abgewandt und wir fühlten uns von einer
schweren patriotischen Sorge befreit.
Herr Staatsminister Reuter hatte während der Fraktionsverhandlungen
die Großherzogin über den Gang der Verhandlungen auf dem laufenden
gehalten. Die unerwartete Wendung der Dinge rief ihre Befriedigung
hervor und sie beauftragte den Minister, auch im Namen der
großherzoglichen Familie allen, die an dieser würdigsten Lösung
mitgeholfen hatten, den Dank des Herrscherhauses und des Vaterlandes
auszusprechen.
Die Linksparteien allerdings schimpften, der 12. und der 13. November
sei für sie eine Nacht und ein Tag der Gefoppten geworden, wo sie
von den Klerikalen und von den Volksparteilern richtig übers Ohr
gehauen wurden. Am Abend des 12. habe der Führer der Volksparteiler
den Liberalen versprochen, für ihre Tagesordnung zu stimmen. Das
hätten auch die Klerikalen gewußt. Deshalb seien sie mürbe geworden
und hätten sich anfangs, wie besonders auch das Geständnis des
Herrn Neyens beweise, mit der Abdankung Maria Adelheids und der
Amtsenthebung ihrer Schwester abgefunden. Herr Collart aber und Herr
Prüm hätten die Volkspartei durch Versprechungen herübergelockt. Da
habe es keines Zauderns mehr bedurft und nun seien die Klerikalen
in der bekannten rabiaten Entschiedenheit zur Krone gestanden. Die
Linksparteien hätten sich also in eine Falle locken lassen und sie
wären nun für alle Zukunft gewarnt.
So blieb bei den Geschlagenen ein bitteres Gefühl der Niederlage
zurück, das bald wieder sein Recht verlangte.
Der Beschluß des Abgeordnetenhauses wurde der Großherzogin zur
Kenntnis gebracht. Sie war bereit, sich dem Spruche des Volkswillens
zu fügen. Nur müßten Mittel und Wege gefunden werden, dem Wunsche der
Volksvertretung in den gesetzlichen Grenzen nachzukommen.
„In der Erfüllung meiner Pflichten, so schloß die Fürstin ihre
Erklärung, verfolgte ich als einziges Ziel immer nur das höhere Wohl
unseres geliebten Heimatlandes. Was auch geschehen mag, weder die
Rechte der Dynastie noch mein Wille werden jemals dem Luxemburger Volk
ein Hindernis sein auf dem Wege zur Erreichung seines freigewählten
Ideals von Wohlfahrt und Glück."
In Ausführung des Kammerbeschlusses vom 13. November wurde bereits am
19. November der Staatsrat mit der Vorlage befaßt, die ein nationales
Referendum vorsah, in dem sich das Luxemburger Volk, Männer und
Frauen, über die Beibehaltung der heutigen Großherzogin und des
heutigen Herrscherhauses in geheimer Abstimmung äußern sollte.
Zugleich ließ der Staatsminister durch Vermittlung der
Distriktskommissare an die Gemeinden ein Rundschreiben gelangen,
in dem sie ersucht wurden, die in naher Zukunft abzuhaltende
Volksabstimmung im einzelnen vorzubereiten.