Als ich in der Zeitung die von dem Abgeordneten Josef Thorn während
der Volksversammlung vom 10. November gesprochenen Worte las, kamen
mir besondere Gedanken. Diese Worte waren nach Inhalt und Ton für
den Vertrauensmann schlechthin verletzend. Der Vertrauensmann der
Sozialisten, so heißt es kurz, wird, wenn diese Bedingungen nicht
erfüllt werden, austreten. Ich war aber mit keinem Wort auf diese
Möglichkeit vorbereitet worden. Hinter meinem Rücken wurde über mich
verfügt, wie über ein Werkzeug, das sich nach Belieben muß hantieren
lassen. Eine heimliche Furcht wurde mir dadurch zur Tatsache. Ich
wollte, wie ich gleich anfangs der Partei erklärte, kein bloßer
Hampelmann zwischen den Fingern der politischen Laune und Berechnung
sein. Man schien mich aber nur als solchen halten zu wollen.
Mit dieser bitteren Feststellung richtete sich schon am 11. November
die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes mit der Fraktion drohend
vor mir auf.
Im Herzen Europäer, also weltbürgerlich gesinnt, fühlte ich doch
von Jugend auf als begeisterter Sohn der kleinen neutralen Heimat.
Dem neutralen Luxemburg mit seiner menschlich vornehmen Gesinnung
verdankte ich eine ganz persönliche Stellung gegenüber dem sog.
Vaterlandsgedanken und seinen engen Forderungen.
Schon im „Franz Bergg" hatte ich den kleinen Staaten und ihrer
kostbaren Bestimmung das Wort geredet, da ich schrieb:
„Dies eben ist der große Vorzug der kleinen neutralen Staaten.
Sie denken friedlich und urteilen gerecht. Sie empfinden
~international~, also ~menschlich~ im höchsten Sinne.
Sie predigen nicht den Haß aus Vaterlandsliebe. Zwischen den
eisenstarrenden Riesen liegen diese Kleinen eingeklemmt, hilflos wie
Kinder, aber doch Lieblinge des guten Geistes, denn in ihrem Gefühl
verdichtet sich das Gewissen der Menschheit. In ihren Ansichten über
Geschichte und Entwicklung sind sie den sogenannten Großmächten um
Jahrzehnte vorauf. An dem Tage, wo der letzte dieser Kleinen der
Kriegslist und Eroberungsgier eines Großen zum Opfer fällt, traure die
Menschheit, denn sie ist in ihrer Seele ärmer geworden."
Denselben Gefühlen hatte ich auch in „über den Kämpfen" Ausdruck
verliehen, stellenweise sogar fast mit denselben Worten, in dem
Gedicht:
An die Großmächte.
Spottet nicht der kleinen Staaten, die in eurem Schatten stehn,
die mit Bangen und Bewundrung auf zu eurer Größe sehn.
Laßt sie ungehindert wachsen wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zum Preise und zum Herzensschmuck der Welt.
Zwar sie können kaum sich decken hinter Schwert und Mörserschild,
sind in euren Panzerfäusten wie ein Alabasterbild;
Doch sie heben voll Vertrauen ihre Augen zu euch hin,
denn sie hoffen, daß sich Stolz und Stärke paart dem Edelsinn ..
Dieses aber bleibe unsres Daseins Vorrecht bis zuletzt,
daß es euch, den Himmelsstürmern, freigewollte Schranken setzt,
daß ihr auch im Eisenkleide Ehrfurcht tragt für euren Schwur,
unterm Zwang der Not nicht mordet eure bessere Natur.
Laßt daher die Kleinen wachsen wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zur Prüfung und zum Herzenstrost der Welt;
alle guten Engel Gottes schrecktet ihr schon längst hinaus,
bauten ihnen unsre Hände nicht ein stilles Tempelhaus.
Nähert ihr euch einem Nachbarn, lenkt euch nur der Eigennutz;
da im Nachbarn ihr den Feind seht, denkt ihr nur an Schutz und Trutz;
schon dem Kind fälscht ihr den Menschbegriff im Herzen und im Hirn
und entehrtet die Geschichte gern zu eurer Eigendirn.
Wir empfinden viel gerechter, fühlen menschlicher als ihr:
wo ihr neidet, da bewundern, wo ihr haßt, da helfen wir,
und wenn ihr euch, wahnverblendet, herzlos bis zum Tod zerfleischt,
hebt sich betend unsre Stimme, die für euch Erbarmen heischt.
„Friede, Friede den Menschen auf Erden!" das ist unser Schlachtenruf;
unser Schwert der Stab des Moses, der aus Felsen Brunnen schuf;
unser Traum Triumph der Güte, Treu und Rechttun unser Ruhm,
unser Ziel das freiste Bürger- und das reinste Menschentum.
Weh dem armen Bruder, den sich eure Selbstsucht unterwarf,
weil er fürder nur auf eure Vorurteile schwören darf!
Ach, bei jedem Freien, den ihr hart in euer Prunkjoch schirrt,
fühlt die Menschheit fröstelnd, daß sie in der Seele ärmer wird.
Schont darum und schützt die Kleinen, die in eurem Schatten stehn,
laßt sie als Gewissenszeugen mahnend euch zur Seite gehn;
laßt sie blühend sich entfalten wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zum Heile und zum Herzensstolz der Welt.
Sinnt den Worten, die der Göttlichste der Erdgeborenen sprach,
sinnt den Worten Jesu aus dem kleinen Jordanlande nach:
„Wollt ihr Großen selig werden, werdet diesen Kindern gleich!
Laßt die Kleinen zu mir kommen, ihrer ist das Himmelreich."
Erst wenn der Tag des Heils gekommen ist, wo sich das zerrissene
Europa zu den Vereinigten Staaten Europas zusammenschließt,
durchdrungen von demselben Ideal des Rechtes und des Friedens, das
sich bis heute nur in den kleinen neutralen Völkern verkörpern
konnte, erst dann wird sich neben Dänemark, Holland, Belgien und der
Schweiz auch Luxemburg seines eigenen Wesens erfreuen können. Von
seinem besseren Selbst braucht es dann nichts aufzugeben und auch der
angestammte Name bleibt ihm für immer erhalten.
Dieser lichte Zukunftstraum wird leider nur ein Traum bleiben. Recht
lange noch werden vaterländische Grenzen und patriotische Vorurteile
die Völker des sich selbst zerfleischenden Europas scheiden. Holland,
die Schweiz, Belgien werden trotzdem für sich fortbestehen. Dann
aber sehe ich nicht ein, warum auch Luxemburg nicht dauern dürfte
und sollte. In dem Besten seines Geistes, das sich in jedem rechten
Luxemburger ausspricht, darf es, selbstbewußt wie diese Größeren,
sein Recht auf Dasein geltend machen.
Weiterleben aber kann es nur als ~Monarchie~. Eine Republik
Luxemburg, das war und das bleibt meine Überzeugung, wäre ein
totgeborenes Kind. Diese Regierungsform führte bei uns im Innern bald
zur schlimmsten Familien-, Kasten- oder Parteiwirtschaft und müßte
nach außen rasch beim Aufgehen im größeren Frankreich enden.
Auch ein Dynastiewechsel wäre verhängnisvoll. Hut ab vor dem
hochherzigen belgischen Königspaar! Aber die Personalunion mit Belgien
käme, in diesem Augenblick, einem Anschluß an Belgien gleich. Nur im
treuen Ausharren bei der heimischen Dynastie liegt die Bürgschaft der
Zukunft. So allein bekundet das Land seinen Willen zum unabhängigen
Fortbestand.