III.

Am 9. November im Nachmittag kam Generalmajor Teßmar in die

Regierung und meldete, von Trier her seien deutsche Aufwiegler im

Anzug auf Luxemburg; aus Differdingen werde ihnen Verstärkung durch

luxemburgische Arbeiter kommen. Die Absicht der Empörer sei, auch

in Luxemburg eine Sowjetherrschaft einzurichten. Mit den deutschen

Rädelsführern gedenke er schon fertig zu werden. Schlimmer stehe es,

wenn sich die Luxemburger zu den Deutschen gesellten. Er habe darauf

gehalten, uns auf die Gefahr aufmerksam zu machen; wir möchten die

Großherzogin benachrichtigen und nachtsüber am Fernsprecher bleiben.

Er selbst werde sich nicht niederlegen und stets zu erreichen sein.

Von einer eigentlich revolutionären Bewegung im Differdinger Becken

war uns nichts bekannt. Ich zog die Herren Probst und Housse ins

Vertrauen. Auch sie waren ahnungslos. Ich hatte die Herren nach

Schluß einer Stadtratssitzung getroffen. Auf einmal trat der zweite

Stadtschöffe in den Saal; er trug ein großes Blatt und rief: „Hier

ist ein Aufruf der Regierung!" und breitete das Papier auf den Tisch.

Alles stand herum, las und lachte. Einer der Herren freute sich baß

und laut, daß auch bei uns der Bolschewismus so rasch überhand nehme;

zugleich beglückwünschte er, in meiner Anwesenheit, Herrn Probst, daß

er in diesem Augenblick nicht Minister sei.

Wir beschlossen, den Abend und die Nacht im Regierungsgebäude zu

verbringen. Staatsminister Reuter wollte noch an demselben Abend nach

Berg, um die Großherzogin von dem Ernst der Lage zu unterrichten. Ich

sollte ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin begleiten.

Kurz nachher trägt uns der Wagen durch die Nacht. Die Baumgänge an der

Straße vertiefen sich im Lichte der Scheinwerfer zu endlosen Hallen

mit schlanken bleichen Säulen. Mir ist, als ob an jeder Straßenwendung

das Schicksal auf seinem Einhorn hervorlenken könne.

Die Großherzogin wartet. Im fußfreien schwarzen Rock tritt sie

uns mit freundlichem Lächeln entgegen. Auf dem Tisch stehen zwei

Blumensträuße; der eine verbirgt ihr Herrn Reuters Gesicht; sie rückt

die Vase still zur Seite.

Wir wiederholen die Warnung des Generalmajors und reden von der

Unruhe, die sich stets stärker in den Reihen besonders der städtischen

Bevölkerungen fühlbar mache; auch die Stimmen von jenseits der Grenzen

seien äußerst sorglich; ja, es stehe zu befürchten, daß im gegebenen

Augenblick Maria Adelheids Verbleib auf dem Throne dem Ausland als

unerwünscht gelten könne.

Bei den letzten Worten lehnt sich die Fürstin tief in den Sessel

zurück. Die rechte Hand liegt fest auf dem Tisch. Um den Mund zeigt

sich ein Zug müden Schmerzes. Das edle Haupt auf dem schlanken Halse

neigt sich etwas nach vorn. Doch schon hat sie sich gefaßt, das

Antlitz hebt sich und die großen Augen blicken still und klar.

„Wenn Herr Teßmar wahr gesprochen hat", meint Herr Reuter, „und wenn

die Bewegung um sich greift, dürfte es morgen in der Stadt gefährlich

werden."

„Dann komme ich morgen nach Luxemburg gefahren", erwidert sie rasch.

Wir raten ab.

Ein Verzicht auf den Thron, so erklärte sie dann mit ruhiger Stimme,

falle ihr an sich nicht schwer. Aber sie möchte es vorher doch auf

den klar ausgesprochenen Willen des Volkes ankommen lassen; diesem

Volkswillen werde sie sich fügen.

Teßmars Absicht, mit Gewalt Ordnung schaffen zu wollen, wird scharf

von ihr mißbilligt und als Torheit zurückgewiesen.

Inzwischen hatten sich auch die Wangen wieder gerötet; die Augen

lächelten. Die ganze Haltung bezeugte innere Festigkeit.

Nach einer Stunde schieden wir.

Im Vorzimmer des Regierungsgebäudes hatte sich unterdessen eine

Gendarmeriewache eingerichtet.

Nach 1 Uhr nachts gingen Herr Reuter und ich, um Herrn Teßmar

zu sprechen. Er war nicht in seinem Amtsquartier zu finden. Wir

klingelten ihn im Gasthof an. Der Herr lag zu Bett.

Wir sahen uns an, lachten und gingen nach Haus.

Am folgenden Morgen, kurz nach acht, stehen wir Herrn Teßmar wieder

gegenüber. Wie sich der Mann in einer Nacht geändert hat! Nichts

Herausforderndes mehr in seiner Haltung, nichts Herrisches und

Barsches! Freundlich reicht er uns die Hand, ein abgespannter,

sorgenvoller Greis; seine Stimme tönt müde, fast weich.

„Gute Nachrichten", so verkündet er, „sind eingelaufen. Die englischen

Matrosen sind in den Generalstreik eingetreten. Hindenburg drängt auf

schleunigen Abschluß des Waffenstillstandes. In Trier ist es ruhig.

Die Zugverbindung mit Luxemburg ist abgebrochen; die Einfahrtssignale

in den Bahnhöfen sind abgestellt. Und nun mögen die Rebellen kommen!

Für den Nachmittag erwarte ich ein zuverlässiges Bataillon. Wir werden

die Herren ~warm~ empfangen."

Während der törichte Polterer so sprach und flunkerte, hatte sich in

Luxemburg bereits ein deutscher Soldatenrat gebildet. Die Offiziere

wurden ihrer Abzeichen entkleidet und entwaffnet. Nachmittags schon

schritt auch Herr Teßmar seinen Gang, ganz bescheiden, mit hängender

Schulter und mit tiefem Haupt, ohne Säbel und ohne Achselklappe.

Seit dem Tage habe ich den gestürzten Machthaber nicht wiedergesehen.

Die blutigsten Gerüchte folgten ihm nach Trier und über den Rhein

hinüber, und ein Spruch des Kriegsgerichtes von Lüttich verurteilte

ihn im Februar 1925 im Abwesenheitsverfahren zum Tode als den Henker

der 123 Opfer von Rossignol.

Durch die Straßen der Stadt wälzte sich indessen der Rückzug in

trüben, aufgeregten Wogen. Hoch durch die Luft aber strebten die

Luftzeuggeschwader in langen Zügen moselzu und heimatwärts.

Die für die Annahme der Friedensbedingungen gestellte Frist lief am

Montag vormittag ab. Die Annahme galt als sicher. Und schon richtete

sich alles auf die neuen Verhältnisse ein.

Am Nachmittag des 10. November befand ich mich im Zimmer des

Staatsministers. Da wurde Herr Obergerichtsrat F. X. gemeldet. Er

trat vor Herrn Reuter und führte mit geläufiger Zunge in langer Rede

folgendes aus: „Die Lage im Innern ist verzweifelt. Die Großherzogin

muß fort. Die Regierung liegt am Boden. Der Aufruhr droht. Nur ein

rasches Eintreffen der Ententetruppen kann retten. Schicken Sie

einen Parlamentär im Schutz der luxemburgischen Flagge an die Front

und ersuchen Sie die Franzosen um raschen Einmarsch. Falls Sie den

richtigen Mann zu dem Zweck nicht haben, stelle ich mich Ihnen gerne

zur Verfügung. Ich bin der Mann, den Sie brauchen und ich nehme auch

eine Kugel mit in den Kauf."

Wir freuten uns dieser verdächtigen Beredsamkeit und der

Staatsminister komplimentierte den todesmutigen Mitbürger hinaus.

Schon hatte sich auch unter der unmittelbaren Auswirkung des

Waffenstillstandes die sog. „+Ligue Française+" gegründet. Ihre

Ziele umschreibt sie in der folgenden Kundgebung:

„Die alte und die neue Welt haben das Selbstbestimmungsrecht der

Völker feierlich verkündet.

Kraft dieses Rechtes richten wir an alle Bürger und Bürgerinnen, ohne

Unterschied der Parteien, den dringenden Ruf, der eben gegründeten

Französischen Liga beizutreten.

~Die Liga fordert den Anschluß unseres Landes an Frankreich.~

Dieser Anschluß entspricht unsern kulturellen Bestrebungen sowie

unsern moralischen und materiellen Interessen.

Wir bitten, unverzüglich die Beitrittserklärungen an die Adresse

Georges Schommer, Paradeplatz 6, zu richten."

Der provisorische Exekutivausschuß i. A.:

gez.: Jean Angel, Emile Mark, Armand Michel, Paul

Palgen, Paul Reisen, Georges Schommer, Henry

Schreiber, Paul Stümper, Paul Sivering,

Georges Traus."

Das „Escher Tageblatt" machte es sich zur patriotischen Pflicht, den

Bestrebungen der französischen Liga den Weg zu bereiten; allerdings

entsprach der Erfolg nicht ganz der darauf verwandten Beredsamkeit.

Schon bald trat der Verband im jungen Werbeeifer an die

Öffentlichkeit. Zum ersten Mal geschah das in der Volksversammlung,

die am Nachmittag des 10. November im Saale Brosius abgehalten wurde.

Der Sprecher der Liga, der sich seinen Landsleuten auf französisch

vorstellte, wurde von dem Unwillen der Anwesenden, die nur die

Heimatsprache hören wollten, alsbald zum Schweigen gezwungen.

Während der Tagung traf, wie die „Luxemburger Zeitung" vom 11.

November 1918 zu berichten weiß, Herr Josef Thorn aus einer

Versammlung der sozialistischen Parteileitung ein und teilte mit,

die Partei werde sofort an die Regierung die Frage stellen, wie sie

sich zu folgenden Forderungen verhalte: Republik, Beschlagnahme der

Großbetriebe durch den Staat, Achtstundentag usw. Lehne die Regierung

ab, so werde der Vertrauensmann der Sozialisten (Hr. Nik. Welter)

austreten und die Partei werde sehen, was weiter zu geschehen habe.

Nach längerem verworrenem und stürmischem Gerede wurde ein sogenannter

Arbeiter- und Bauernrat zusammengesetzt und man beschloß als

wesentlichste Neuerungen die Abdankung der Großherzogin, die Absetzung

der Dynastie und die Ausrufung der Republik.

Auch in verschiedenen Gegenden des Erzbeckens bildeten sich nach

deutschem und sowjetistischem Muster Arbeiter- und Bauernräte.

Für den folgenden Abend wird eine neue Volksversammlung auf dem

Wilhelmsplatz einberufen.

Am Montag morgen kommt die Nachricht, der Waffenstillstand sei zur

Tatsache geworden. Friede! Friede! Endlich erlöst! Die Freude ist

groß. Im Nu wallen die Häuser im Fahnenschmuck!

Es war, wie sich später herausstellte, für uns eine Rettung in

allerletzter Stunde.

Auf den 14. November hatte Marschall Foch den großen Lothringer

Angriff festgesetzt. Zugleich sollte ein Vorstoß der Verbündeten in

der Richtung Longwy-Luxemburg erfolgen. Noch einige Tage also des

blutigen Treibens und die Kriegsgeschichte wüßte heute wahrscheinlich

von der großen Schlacht an der Sauer oder Mosel zu berichten.

Vor diesem entsetzlichen Schicksal wurden wir am 11. November

glücklich errettet.

Jetzt aber, wo das Land Luxemburg am Rande des Schicksals wie durch

ein Wunder erhalten wurde, begann für uns im Innern erst recht der

Kampf um die Heimat.

Im Dienste · 第 8 / 48 题