Die neue Regierung stellte sich am 3. Oktober der Kammer vor.
Staatsminister Reuter entwickelte deren Programm. Zustande gekommen,
so führte er aus, sei sie auf Grund einer Verständigung zwischen
den Parteien; als Hauptaufgabe stelle sie sich folgende Ziele:
Verfassungsrevision, Volksernährung, internationale Beziehungen.
Die Aufnahme war freundlich. Die einzelnen Parteien schienen wirklich
beseelt von dem guten Willen, zu dem sie sich bekannt hatten.
Persönlich hätte ich mir in der Regierung keine bessern Verhältnisse
wünschen können. Der Regierungspräsident, Hr. ~Emil Reuter~,
war mir vom Konvikt her sehr gut bekannt und hatte mir in späteren
Jahren manchen Beweis freundschaftlicher Teilnahme gegeben. Die beiden
Generaldirektoren ~Neyens~ und ~Collart~ waren mir beide als
Schüler wert und vertraut geworden. Herrn ~Liesch~ hatte ich, da
ich über dem „Franz Bergg" saß, als den früheren Verteidiger meines
„Helden" schätzen lernen; seine offene, entschiedene Art forderte
Achtung und weckte Vertrauen. Und so verband die fünf, unter so ganz
verschiedenen Zeichen zusammengekommenen Männer in kürzester Frist
wirkliche Freundschaft und Einmütigkeit.
Die ersten Wochen vergingen ohne besondere Zwischenfälle.
Ich lebte mich in die neue Arbeit ein. Ein rechter Stolz kam darüber
nicht auf. Allzuoft fühlte ich mich als Unterfertigungsmaschine.
Zum Eindringen in die fremden Gegenstände fehlten Zeit und Ruhe.
Auch glaubte ich nicht, daß meines Bleibens lange im Schatten der
Liebfrauenkirche sein könne, und so drängte es mich, wenigstens im
Schulfach die eine und andere Besserung durchzuführen, wodurch dem
Unterricht und den frühern Kollegen zugleich gedient werde.
An Lebenserfahrung allerdings nahm ich rasch zu. Dabei halfen
Umgebung und Gesellschaft mit. Die Erfahrung war nicht immer
erfreulicher Natur. Viele sind der Leute, die Ansprüche stellen und
mit unerfüllbaren Forderungen kommen. Eine solche Belastungsprobe hält
das, was im gewöhnlichen Freundschaft heißt, nicht immer aus. Und auf
Klienten ist kein Verlaß.
* * * * *
Draußen gehen inzwischen die Kriegsereignisse ihren erschütternden
Gang.
Die deutsche Westfront weicht dem französisch-englisch-amerikanischen
Druck. Die Gefahr rückt stets näher an unsere Grenzen.
Bulgarien wird in die Kniee gezwungen und bittet um Waffenstillstand.
In Preußen äußern sich die demokratischen Forderungen mit drohendem
Ungestüm.
Der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden richtet ein Friedensangebot
an den Präsidenten Wilson. Die von Deutschland und Österreich
gemachten Zusagen genügen den Verbündeten nicht. Waffen und Mord wüten
weiter.
Schon geht auch durch unser Volk eine gewisse Aufregung, die die
Regierung zu einer ersten Kundgebung veranlaßt.
„Alle aufreizenden Handlungen und Kundgebungen", heißt es in dem
Aufruf, „die den Beteiligten sowohl wie deren Mitbürgern zum Schaden
gereichen könnten, sollen vermieden werden. Es bleibt Pflicht eines
jeden Luxemburgers, in seinem Verhalten die Besonnenheit und Würde
zu bewahren, die den Umständen angemessen sind. So wird dem Wohl des
Vaterlandes und der Allgemeinheit am besten gedient."
Unsere Hoffnungen richten sich ebenfalls auf den Präsidenten der
Vereinigten Staaten, der in seiner Botschaft der Vierzehn Artikel den
Sieg des Rechtes zwischen den Nationen zu verheißen schien.
Am 8. Januar 1918 hatte er diese Forderungen dem Kongreß in Washington
übergeben. Die Botschaft vom 10. Februar brachte dazu eine glückliche
Ergänzung. Und schon schwärmten Unzählige von Wilsons Verkündigung als
der sichersten Grundlage für die künftigen Friedensverhandlungen und
Völkerbeziehungen.
Vor allem die Rechte der kleinen Nationen wurden anerkannt und das
Selbstbestimmungsrecht aller Völker gegen jede Gewaltpolitik kräftig
behauptet.
„Die nationalen Wünsche", sagte Wilson, „müssen gewahrt werden. Die
Völker dürfen nur ihren eigenen Wünschen entsprechend regiert werden.
Selbstbestimmung ist kein eitles Wort, es drückt sich darin eine
gebieterische Forderung aus, die kein Staatsmann künftighin ohne
Gefahr übersehen darf.
„Dieser Krieg hat seinen Ursprung in der Verachtung des Rechts der
kleinen Nationen und Nationalitäten, die der Einheit und der Macht
entbehrten, um ihren Forderungen sowie einer eigenen selbstherrlichen
Politik Nachdruck zu verleihen. Es müßten jetzt Vereinbarungen
getroffen werden, die solche Vorfälle in Zukunft unmöglich machen.
Diese Abmachungen müßten gestützt werden durch die vereinten Kräfte
aller Nationen, die das Recht achten und bereit sind, ihm um jeden
Preis Geltung zu verschaffen."
Diese goldenen Worte eines weisen politischen Toren enthielten
den Freiheitsbrief der kleinen Völker und fanden auch bei uns den
freudigsten Widerhall.
Am 8. Oktober 1918 wandte sich die Luxemburger Kammer in einer
Tagesordnung an den Präsidenten der Vereinigten Staaten und bat
um Schutz unserer Rechte, um Räumung des Großherzogtums durch die
fremden Besatzungstruppen sowie um die Freilassung der in deutscher
Militärhaft schmachtenden Luxemburger.
Großherzogin Maria Adelheid rief den Beistand des Papstes an und
erflehte seine Vermittlung, damit das Land von den Deutschen frei
gegeben und Luxemburgs Neutralität von den kriegführenden Mächten
neuerdings anerkannt und geachtet werde.
Die Regierung ihrerseits übermittelte Wilson den einstimmigen
Wunsch der Landesvertretung und der Regierung auf Fortbestand des
unabhängigen Großherzogtums und rief seinen wohlwollenden Beistand
an, damit die Zukunft des Landes bei den Friedensverhandlungen
sichergestellt werde.
Am 17. Oktober verkündete die Kammer in einer Tagesordnung die
demokratischen Gesinnungen des Luxemburger Landes und forderte
die Regierung auf, „die Frage über den Eintritt des unabhängigen
Luxemburgs in den Völkerbund zu studieren und den Anschluß an diesen
Bund, der von der Demokratie der ganzen Welt gewünscht wird, so weit
als möglich vorzubereiten".
Auch die belgische Regierung schien sich zu unsern Gunsten zu rühren
und ersuchte, auf Anregung und Wunsch der im belgischen Heeresverband
dienenden Luxemburger, den Präsidenten Wilson und die verbündeten
Regierungen, bei dem Abschluß eines Waffenstillstandes, mit der
Räumung Belgiens zugleich „die Räumung des mit Belgien eng verbundenen
Großherzogtums Luxemburg von den Deutschen zu fordern".
Kurzum, Völker und Einzelne witterten einen neuen Morgen. Man fühlte
sich an der Schwelle großer Ereignisse.
In einer Note vom 20. Oktober an den Präsidenten Wilson nimmt die
deutsche Regierung die in den 14 Artikeln gestellten Bedingungen
rückhaltlos an und ersucht um Waffenstillstand. Diesem Antrag kann,
so antwortet Wilson am 23. Oktober, nur stattgegeben werden, wenn
die bisherigen Machthaber Deutschlands, die den Krieg geführt haben,
zurücktreten oder Deutschland sich bedingungslos ergibt.
Darob erwiderte die deutsche Regierung bereits am 28. Oktober,
Deutschland habe jetzt eine Volksregierung, der auch die Militärmacht
unterstellt sei; die verbündeten Mächte möchten daher die Bedingungen
eines Waffenstillstandes, der einen Rechtsfrieden der Völker
herbeiführen könne, bekannt geben.
Am folgenden Tage treten die Türkei und Österreich-Ungarn mit den
Verbündeten in Sonderverhandlungen ein.
Die Türkei streckt am 31. Oktober die Waffen. Österreich-Ungarn geht
aus den Fugen. In Prag und Budapest übernehmen Nationalräte die
Regierung. Offiziere und Soldaten stellen sich ihnen zur Verfügung.
Der deutsche Rückzug bereitet sich vor. Zugleich wälzt sich die
Kriegsgefahr stets drohender an unser Land heran. In der ausländischen
Presse mehren sich die falschen Nachrichten und die Tatarenmeldungen
über die Zustände in Luxemburg, über die Wünsche der Bevölkerung, über
die Haltung des Landes und besonders seiner Herrscherin während des
Krieges.
Dieser ganze Feldzug scheint einer einzigen dunklen Quelle zu
entströmen und einem besondern Ziele zuzustreben.
Ich rate im Regierungskolleg dringend zur Einrichtung einer
Pressestelle in Bern.
Sämtliche Länder, so betone ich meinen Kollegen gegenüber, verfügen
über besondere Geldmittel zur Förderung oder zur Wahrung des
nationalen Gedankens. Ein solches Amt hätte auch für Luxemburg gleich
zu Kriegsbeginn im Ausland geschaffen werden müssen. Jetzt mag es in
allerletzter Stunde vielleicht zu spät sein. Aber versucht werden muß
es, und zwar ohne Aufschub.
Die geeignete Persönlichkeit bei uns ausfindig zu machen ist
allerdings nicht leicht. Eine gewandte Feder und journalistisches
Geschick wären für die ihr gestellte Aufgabe unerläßliche
Vorbedingung. Der Vertrauensmann würde unserer Berner Geschäftsstelle
zugeteilt. Er müßte Beziehungen zu den bedeutendsten politischen
Blättern des verbündeten Auslandes suchen, jede falsche Nachricht
aus oder über Luxemburg berichtigen: er müßte ausgiebig mit Mitteln
versorgt werden, die es ihm ermöglichten, seine eigenen Zuschriften
unterzubringen und eine wirksame Propaganda zu Gunsten des Landes
einzuleiten. Für den patriotischen Zweck kann ja keine Ausgabe zu groß
sein.
Der Gedanke gefiel. Aber der geeignete Mann war in der Eile nicht
aufzutreiben. Schließlich einigten wir uns auf die Person eines jungen
Richters, der in der Schweiz Erholung suchen mußte. Herr Adam, so
bekräftigte man, sei zuverlässig, klug, fleißig, und schreibe einen
klaren Stil.
Diese Wahl fand nur meine halbe Zustimmung. Die Lage erforderte einen
ganz andern Mann. Wo den finden? Diesen und jenen hätte ich schon
vorschlagen können. Aber auf keinen von ihnen, das spürte ich, war in
nationaler Beziehung Verlaß. Grade bei ihnen mußten wir uns, unter den
heutigen Umständen, doppelt vorsehen. Etwas aber mußte getan werden.
So durfte es in keinem Falle weitergehen.
Herr Adam reiste alsbald nach Bern, um das luxemburgische Presseamt
dort einzurichten und zu leiten.
* * * * *
Zwischen den Verbündeten und Österreich-Ungarn kam es am 4. November
zum Waffenstillstand.
In stets stärkeren Massen wurden die deutschen Krieger durch Luxemburg
zurückbefördert. Auffällig dabei war eine bisher unerhörte Lockerung
der Zucht. Handlungen des Übermutes, ja des verbrecherischen
Mutwillens mehrten sich.
Angesichts der stets engeren Bedrängung der deutschen Heere
durch den Feind, mußte mit der Möglichkeit gerechnet werden,
daß schließlich auch Luxemburg in den Schlachtenfeuerbereich
geraten werde. Die Regierung erließ dementsprechende Weisungen
an die Gemeindeverwaltungen und gab Verhaltungsmaßregeln für den
entsetzlichen Notfall.
Am 6. November kamen der deutsche Gesandte und der deutsche
Befehlshaber in Luxemburg dem Staatsminister melden, das Land
werde vielleicht schon in den ersten Tagen ganz oder teilweise ins
Etappegebiet einbezogen werden.
Gegen diesen neuen Neutralitätsbruch legte die Regierung alsbald in
Berlin und bei der Entente Verwahr ein. Kammer und Volk schlossen sich
ihr entrüstet an.
Endlich war die Friedensfrucht in Brand und Schrecken reif geworden.
An demselben 6. November reiste die deutsche Abordnung zur
Entgegennahme der Friedensbedingungen nach dem Westen.
Am 8. November überreicht ihr Feldmarschall Foch im Walde von
Rhetondes bei Compiègne diese Waffenstillstandsbedingungen und fordert
Antwort innerhalb 72 Stunden, spätestens also für den 11. November
gegen 11 Uhr morgens. Ein Antrag auf einstweilige Waffenruhe wird
abgelehnt.
In Deutschland kommt es zur Revolution. Schon am 7. November leiten
die Kieler Matrosen den Umsturz ein. In allen Städten bilden sich
Arbeiter-Soldaten-Bauernräte und reißen die Gewalt an sich. Münchens
Bevölkerung beschließt die Absetzung der Dynastie Wittelsbach. Wilhelm
II. dankt in unwürdiger Weise ab und flüchtet auf holländisches
Gebiet. Der Kronprinz folgt in noch unrühmlicherer Art dem väterlichen
Beispiel.
Luxemburg wird Durchmarschsgebiet. Deutsche und österreichische
Truppen fluten stets stärker zurück.
Der Schlachtendonner rollt aus immer beängstigenderer Nähe herüber.
Und auch die Fliegerangriffe halten immer noch die Menschen in
beständiger Aufregung.
In Luxemburg rührte sich der Unfriede und hob schnuppernd die
Schnauze. Die Feinde der Dynastie, die Feinde des unabhängigen kleinen
Vaterlandes, die Freunde eines Regierungswechsels, Republikaner,
Parteigänger Belgiens: alle halten sie ihre Stunde für gekommen. Die
in ihrem Solde stehenden Zeitungen herrschen in stets stärkeren,
rücksichtslosen Tönen. Katilinarische Gesellen lauern und rüsten sich
zum Ansprung, zu Schlag und Raub.
Großherzogin Maria Adelheid vor allem stand im Kreuzfeuer der
Verdächtigungen und der Anklagen.
Über ihre Haltung seit Kriegsbeginn und dem deutschen Einfall gingen
die widersprechendsten Gerüchte. In ausländischen Zeitungen wurde sie
schonungslos angegriffen. Ein Teil der in Paris ansässigen Luxemburger
forderte ihre Absetzung und den Anschluß des Landes an Frankreich.
Sie war, so wollten es ihre Ankläger, die Freundin Deutschlands. Sie
hatte dem General, der als erster luxemburgisches Gebiet verletzt
hatte, Audienz gewährt. Sie hatte den deutschen Kaiser empfangen und
gastfreundlich zu Tisch geladen. Sie hatte für den Sieg der deutschen
Waffen gebetet, auf den Erfolg der großen glorreichen deutschen Heere
einen Trinkspruch getan. Sie hatte es zugelassen, daß unter ihren
nächsten und höchsten Hofbeamten einzelne Kriegsdienste im deutschen
Heere taten. Sie plante den Anschluß Luxemburgs an das deutsche Reich.
Sie hatte, um das Maß voll zu machen, ihre Einwilligung gegeben zu
der Verlobung ihrer Schwester Antonia mit dem bayrischen Kronprinzen
Rupprecht, dem „Henker Flanderns"; sie hatte sogar die Stirn gehabt,
diese Verlobung den Herrschern der Ententeländer zur Kenntnis zu
bringen.
Diese und andere Anwürfe und Beschuldigungen wurden in steter
Wiederholung der Öffentlichkeit ins Bewußtsein gehämmert. Sie machten
Eindruck. Die Dreistigkeit, womit sie in den Tag geschleudert wurden,
die planmäßige Folge, mit der sie seit Kriegsbeginn aneinandergereiht
wurden, nahmen auch die Menge gefangen. Niemand erinnerte sich;
niemand rief sich andere Worte und Geberden der jungen Fürstin ins
Gedächtnis, die zu diesen Behauptungen und Gerüchten im schroffsten
Gegensatz standen; niemand stieß sich an der Verblendung, die
allein eine solche Haltung hätte eingeben oder gebieten können. Die
öffentliche Meinung ward im starken Maße vergiftet.
Und doch versuchten die Freunde und Anhänger des Herrscherhauses das
Mögliche, diese öffentliche Meinung zu bekehren. Sie erinnerten an die
tapfere, gebieterische Haltung der jungen Großherzogin gleich nach
dem Einbruch der fremden Heere. Sie wiesen hin auf die Verantwortung
des damaligen Regierungspräsidenten, der ihr den einen oder andern
Schritt als notwendig hingestellt hatte und dem sie sich nur unwillig
fügte. Sie entlarvten so manchen Anwurf ihrer Widersacher als schnöde
Erfindung und Verleumdung.
Für mich stand eines fest: Was auch Maria Adelheid im einzelnen, mit
oder ohne Willen, an Unklugheiten oder Verdächtigem hatte geschehen
lassen, Luxemburgerin war sie immer gewesen und geblieben. Mit ihrem
freien, unabhängigen Vaterlande wollte sie stehen und fallen.
Sie hatte sich zu feierlich und zu entschieden dazu bekannt, um ihr
fürstliches Wort so schnöde Lügen zu strafen.
Ich erinnere nicht einmal an ihre vaterländischen Worte in den
Notsitzungen der Abgeordnetenkammer nach dem Einbruch der Deutschen.
Aber auch am 3. November 1915, kurz vor der Bildung des Ministeriums
Loutsch, sprach sie das stolze Wort: „Ich trage die Krone eines freien
unabhängigen Staates, dessen Verfassung ich beschworen habe. Ich will
diese Freiheit und Unabhängigkeit aufrechthalten und schützen. Niemals
gebe ich meine Zustimmung zu einem Anschluß Luxemburgs an Deutschland.
Niemals reiche ich die Hand zu einer Umgestaltung des Großherzogtums
in einen deutschen Bundesstaat."
Und als ihr die demokratischen Verbände des Landes, als Verwahr gegen
die Auflösung der Kammer, nach einer gewaltigen Straßenkundgebung am
2. Januar 1916 eine Adresse überreichten, da hieß es in ihrer Antwort:
„Alle meine Anstrengungen verfolgen das eine Ziel: dem Vaterlande
seine selbständige Fortdauer, seine Unabhängigkeit und seine Freiheit
zu sichern.
„Ich bin Luxemburgerin, Luxemburgerin von Geburt aus, im Herzen und in
der Seele.
Ich liebe mein Land und ich liebe mein Volk. Ich will mein Land frei
und unabhängig, ich will mein Volk frei und glücklich wissen."
Solche Worte sprechen eine heilige Überzeugung aus. Maria Adelheid
hat keine öffentliche Handlung gesetzt, die mit diesem feierlichen
Gelöbnis nicht vereinbar gewesen wäre.
Aber in jenen Tagen kam es weniger darauf an festzustellen, wie sich
im Ausland dieser und jener zu der Frage von Maria Adelheids Schuld
oder Unschuld, ihrer Haltung gegen Deutschland, ihrer Gesinnung
gegen die Ententemächte stelle; in jenen Tagen galt es vor allem zu
erwägen, wie die Luxemburger in ihrem Herzen und in ihrem Glauben zu
ihrer Landesfürstin standen.
Nun aber hatte Maria Adelheid innerhalb weniger Monate bei einem
großen Teil ihres Volkes stark an Liebe eingebüßt. Die monarchisch
fühlenden freisinnigen Kreise vor allem vergaßen nicht die
unerfreulichen Überraschungen, die ihnen die junge Fürstin, die erste
auf heimatlicher Erde geborene und erwachsene Großherzogin, schon bald
nach ihrem mit unendlichen Hoffnungen begrüßten Regierungsantritt
bereitet hatte.
Ihr Zögern und ihre Weigerung, Männer liberaler und radikaler Richtung
an hohe Vertrauens- und Amtsposten zu ernennen, mochte es dabei zur
Regierungsumbildung und zu Ministerkrisen kommen, die Entsendung
des Ministeriums Loutsch vor eine starke feindliche Kammermehrheit,
die Kammerauflösung von November 1915: diese und andere Handlungen
wurden als Äußerungen eines Herrscherwillens empfunden, der bei den
Voraussetzungen und vieljährigen Erfahrungen unserer demokratischen
Vergangenheit befremden und Widerspruch hervorrufen mußten.
Ob und inwieweit die Verfassung der Landesherrin das Recht gab,
ihrem Gewissen und nicht ihrem verantwortlichen Minister zu folgen,
wurde nicht untersucht. Die Kammerauflösung, die beinahe zu einem
Wahlsieg der Rechtspartei geführt hatte, wurde von dem Linksblock
als rückständiger Staatsstreich verschrieen und Maria Adelheid war
in ihrer inneren Regierung den freisinnigen Luxemburgern verdächtig
geworden.
Dazu gesellten sich in jenen Tagen stets lauter, dreister, drohender
die unfreundlichen Stimmen aus dem Ausland, die Anklagen auf
Deutschfreundlichkeit, d. h. auf Landesverrat.
In den ersten Tagen, davon durfte man überzeugt sein, standen schwere
Kämpfe bevor. Es handelte sich dabei um das Schicksal des Vaterlandes.
Eine Rettung aus der bedenklichen Lage konnte, so fürchtete ich,
im entscheidenden Augenblick nur mit Hilfe des einmütigen, auf das
~eine~ große Ziel gerichteten Volkswillens erreicht werden. Dabei
blieben Dynastie und nationale Selbständigkeit unzertrennlich. An den
Fortbestand des freien Großherzogtums ohne das durch internationale
Verträge beglaubigte und angestammte Herrscherhaus war in jenen Zeiten
nicht zu denken.
Die überwiegende Mehrheit unseres Volkes war zweifellos monarchisch
und dynastiefreundlich. Ob sie aber in gegebener Stunde zu Maria
Adelheid stehen würde, durfte bezweifelt werden. Ich persönlich konnte
mich, angesichts der eben angedeuteten Verhältnisse, nicht zu der
Hoffnung aufschwingen, daß es möglich wäre, sämtliche zur Rettung der
Heimat erforderlichen Kräfte der Anhänglichkeit und der Opferfreude
im Zeichen ~ihres~ Namens zu ~einem begeisterten~ Entschluß
zusammenzubinden. Maria Adelheid war, weniger durch eigene Schuld als
durch die Unbesonnenheit oder die Beschränktheit unverantwortlicher
Höflinge und Ratgeber sogar für manche fürstentreue Katholiken zum
Stein des Anstoßes geworden.
Nicht der Rumor im Ausland, die Stimmung im Lande machte mir
Sorge. Aus der Tiefe des eigenen Volkes drohte in der Stunde der
Schicksalswende der übel beratenen Herrscherin Gefahr.
Die Großherzogin selbst schien ein Vorgefühl zu haben von dem
Verhängnis, das sich aus allen Winkeln des politischen Himmels
gegen sie zusammenballte. Das beweist ein schon im Oktober 1918 aus
persönlicher Eingebung an den Staatsminister gerichteter eigenhändiger
Brief. In diesem Schreiben erklärt sie Hrn. Reuter, seine Regierung
brauche bei einer etwaigen Neuregelung der staatlichen Verhältnisse
Luxemburgs nach Kriegsschluß auf Ihre Person keine Rücksicht zu
nehmen. Sie denke an freiwilligen Verzicht. Für die Zukunft des
luxemburgischen Herrscherhauses sei die Sicherung der Nachfolge
und der Nachkommenschaft unerläßliche Vorbedingung. Sie denke an
keine Vermählung. Ihre Schwester Charlotte werde schon jetzt im
Familienkreis als ihre Nachfolgerin angesehen. Die Prinzessin sei mit
ihrem Vetter, Prinz Felix von Bourbon-Parma, verlobt und ein möglichst
baldiger Abschluß der Verbindung sei wünschenswert.
Gewiß eine äußerst bezeichnende und hochwichtige Mitteilung!