Die Runde antwortete: „Ja! Ja!"

„Wir halten es mit einer Politik, die sich ohne weitere Nebenabsichten

in die Tat umsetzen läßt?"

„Gewiß, gewiß! So meinen wir's auch."

„Es wäre aber zu wünschen", warf der Abgeordnete Josef Thorn ein, „daß

der Vertrauensmann in beständiger Fühlung mit der Partei bleibe und

seinen Leuten nicht so fern, ja so fremd gegenüberstehe, wie das im

letzten Ministerium für die liberalen Vertreter der Fall gewesen zu

sein scheint."

„Natürlich werde ich das. Und das um so lieber, als ich mich ja nicht

als Strohmann behandelt wissen will. Ich werde darauf bedacht sein,

Sie geziemend auf dem laufenden zu halten und Ihrer Meinung meine

Ansicht gegenüberzustellen."

Damit war diese erste Besprechung zu Ende. Es wurde nichts weiter

verhandelt und kein übriges vereinbart.

Soviel aber wußte ich von vornherein, daß ich, als Vertreter der

Fraktion, bei deren Abhängigkeit von dem stets schwankenden Fühlen und

Wollen der Masse immer mit der Ungewißheit und den Launen zu rechnen

hätte. Ich war entschlossen, diese Gefahr auf mich zu nehmen und im

entscheidenden Augenblick an meiner Aufrichtigkeit keinen Zweifel zu

lassen.

Gleich nach dieser Sitzung begab sich Herr Probst zu Herrn Mongenast.

Eben verließ der Führer der Rechtspartei dessen Haus. Er schien nervös

und blickte unzufrieden drein.

Probst erklärte Herrn Mongenast, seine Partei sei bereit, ihn als

künftigen Regierungspräsidenten anzuerkennen, und gab ihm den Namen

des sozialistischen Vertrauensmannes.

Herr Mongenast war erstaunt und meinte nach einigem Bedenken: „Wissen

Sie, Herr Probst, ich kann Herrn Welter ganz gut leiden."

„Aber das hoffe ich, Herr Mongenast."

„Herr Welter ist ein tüchtiger Professor. Das habe ich auch als

Präsident des Kuratoriums feststellen können. Um seine Kandidatur

aber ist es heikel bestellt, besonders wegen der Haltung, die die

Klerikalen ihm gegenüber einnehmen werden."

Herr Probst lachte verständnisvoll und erinnerte an den Widerstand,

den die Rechtspartei zur Zeit meiner Ernennung zum Gymnasialdirektor

entgegengestellt hatte.

Das aber war so gekommen.

Herr ~G. Zahn~ hatte am 2. August 1917 seine Entlassung als

Direktor des Athenäums erhalten. Ich wurde von den Linksparteien,

die damals die Mehrheit in der Kammer besaßen, als sein Nachfolger

empfohlen. Herr Probst, und besonders Herr Robert Brasseur, setzten

sich mit allem Eifer zu meinen Gunsten ein. Mit Erfolg, wie wir

zu hoffen wagten. Der damalige Generaldirektor des öffentlichen

Unterrichtes, Herr Moutrier, ein guter Freund des Herrn Brasseur, gab

ihnen und mir sein Wort.

Inzwischen hatte man sich auch im Rechtslager gerührt. Eine

Abordnung wurde in der Regierung vorstellig und legte gegen meine

Ernennung schärfsten Verwahr ein. Der Verfasser der „Lene Frank" und

des „Abtrünnigen", so hieß es, dürfe unmöglich an die Spitze der

vornehmsten Unterrichtsanstalt des Landes treten.

Herr Moutrier blieb fest und schlug mich der Großherzogin für den

Direktorposten vor. Großherzogin Maria Adelheid, die mir vor nicht gar

langer Zeit durch ihren Hofmarschall, Hrn. van Dyck, ihre Anerkennung

hatte aussprechen lassen für die starke und erfreuliche Wirkung,

die ich auf die studierende Jugend ausübe, nahm den Vorschlag ihres

Ministers kühl entgegen und verlangte acht Tage Bedenkzeit.

Herr Moutrier faßte das als Absage auf und suchte sich einen

anderen Kandidaten. Er fand deren zwei, denn es mußte nun auch der

Direktorposten an der Gewerbe- und Handelsschule neubesetzt werden.

Die Entwicklung, die diese Ernennungsangelegenheit genommen hatte,

war ziemlich allgemein bekannt. Auch Herr Mongenast wußte Bescheid.

Er nickte also zustimmend zu der Bemerkung meines Freundes, lächelte

fein, bewegte sich zu seiner Bibliothek und entnahm ihr ein Buch. „Das

hier ist Schuld daran", sagte er. Es war „Der Abtrünnige".

„Soeben haben mir", fuhr er fort, „die Klerikalen durch Herrn Huß

zwei Mann empfohlen. Ich kann sie unmöglich annehmen. Herr Huß wird

morgen wiederkommen und mir die endgültigen Vorschläge seiner Partei

unterbreiten. Mit dem Namen des Herrn Welter halten wir einstweilen

zurück. Es ist besser so. Wir dürfen ihn nicht gleich in die

Öffentlichkeit werfen."

Herr Probst erklärte sich mit dieser vorsichtigen Haltung

einverstanden, fügte aber hinzu, seine Partei werde keinen andern

Kandidaten in Vorschlag bringen.

Mir gestand er gleich nach dieser Unterredung, Herr Mongenast werde

kaum etwas erreichen.

Herr Mongenast verzichtete denn auch kurz nachher auf die Bildung des

neuen Geschäftsministeriums.

Jetzt konnte nur noch, wollte man überhaupt aus dem Wirrwarr

herauskommen, an eine richtige Koalitionsregierung gedacht werden. Der

Rechten, als der bedeutend stärksten Partei, kam dabei die Führung zu.

Sie sollten zwei Mann stellen.

Zwischen den Parteien wurde heftig und verworren hin und her

verhandelt. Links und rechts wurde bald dieser, bald jener Mann

vorgeschoben. Immer aber sollte Herr Emil Reuter, den die Rechtspartei

als den würdigsten auserlesen hatte, das Haupt der neuen Regierung

abgeben.

Schließlich kam es zwischen den Parteien zu einer Einigung

und am 28. September 1918 trat das Koalitionsministerium

~Reuter--Neyens--Welter--Liesch--Collart~ ins Amt.

Im Dienste · 第 6 / 48 题