1 Unabhängiger: Kellen.

Keine Fraktion verfügte über die Mehrheit. Auch ein Zusammenschluß

hätte den Linksparteien im Verein mit der Volkspartei diese Mehrheit

kaum dauernd verbürgt.

Die neue Kammer trat am 27. August zusammen. Am Ministertische saß die

Regierung Kauffman, die bereits in ihren Grundzügen gelockert schien.

Eine am 4. September eingebrachte Anfrage über Luxemburgs Beziehungen

zum deutschen Reich, dessen Truppen das Gebiet des Großherzogtums

seit Kriegsbeginn widerrechtlich besetzt hielten, wurde von ihr als

unangebracht abgelehnt und mündete in eine Mißtrauenskundgebung.

Die Regierung gab ihre Entlassung. Eine Lösung der Krisis war nicht

leicht. Eine einheitliche Regierung war unmöglich, weil ja keine

Partei die dazu erforderliche Mehrheit besaß. Man einigte sich auf die

Bildung eines Geschäftsministeriums.

Hr. Mathias Mongenast, der langjährige Generaldirektor der Finanzen,

war bereit, beim Zusammenschluß eines solchen mitzuhelfen. Die

verschiedenen Parteien sollten ihm ihre Kandidaten vorschlagen; er

selbst werde als Staatsminister gewissermaßen das neutrale Haupt

bilden, das die einzelnen Glieder des Ministeriums zum einträchtig

friedlichen Tun zusammenhalte.

In jenen Tagen kam ich auf einem Spaziergang mit meinem Freunde, dem

Rechtsanwalt und sozialistischen Abgeordneten ~J. P. Probst~,

in ein Gespräch über die innerpolitische Lage und meinte im Verlauf

der Unterredung, wenn es seiner Partei wirklich darum zu tun wäre bei

der neuen Regierung mitzuhelfen, so könnte ich ihm einen tüchtigen

Schulmann als Unterrichtsminister empfehlen. Ich nannte dessen Namen.

Es war ein guter Freund von uns beiden, ein Mann von vornehmer

Gesinnung und freisinniger Weltanschauung, aber doch so friedfertiger

Natur, daß ich mich heute, nach all den persönlichen Erfahrungen in

den Wirren der Zeit, verwundert frage, wie ich überhaupt nur hatte

daran denken können, den zartnervigen Menschen auf diese Galeere zu

bringen.

Hr. Probst sah mich erstaunt an und bemerkte, der Mann sei ja auch

ihm ganz lieb; aber er seinerseits habe sich angesichts der so ganz

verfahrenen innerpolitischen Verhältnisse seine eigenen Gedanken

gebildet und seine Wahl getroffen. Er werde seiner Partei mich als

Vertrauensmann empfehlen.

Von Kindheit auf befreundet, hatten Hr. Probst und ich in unserm

Heimatdorfe Mersch und seiner romantischen Umgebung eine an

sonnigen Erinnerungen reiche Jugend verlebt. Wir waren während der

Studentenjahre noch inniger zusammengewachsen und uns seither sehr

nahe geblieben, wenn auch die beiderseitige Entwicklung nicht immer

gleich gelaufen war.

Hr. Probst kannte mich schon aus meinen Jugendversen als den Menschen

von starkem Mitgefühl. Er hatte mir zur Zeit das Gedicht "Die

Schmiede" abgelockt; er hatte das stürmische Lied im "Escher Journal"

untergebracht und damit der Öffentlichkeit und dem Hader ausgeliefert.

Das tiefe Mitleid mit aller menschlichen und irdischen Not war mir bei

allen Wandlungen geblieben; ich hatte es in zahlreichen Dichtungen

gestaltet.

Am überzeugendsten war ich für den auch unbekannten Proletarier

eingetreten grade in den kurz vor dem Krieg erschienenen Bekenntnissen

des "Franz Bergg", einem Buche, das aus dem Erbarmen geboren wurde

und mir von Seiten des preußischen Kriegsministeriums zwei Prozesse

eingebracht hatte, die, in Frankfurt und Hamburg anhängig, durch den

Kriegsausbruch niedergeschlagen oder vielmehr zurückgenommen wurden.

Meinen Lesern in Deutschland mußte ich auf Grund dieses Werkes als

Sozialdemokrat gelten. Der inländischen Partei war ich niemals

beigetreten. Ich fühlte in manchen wesentlichen Punkten mit ihr. In

andern billigte ich ihre Bestrebungen nicht. Und im übrigen ist es mir

im Leben stets unmöglich gewesen, mich einer Partei zu verschreiben.

Das war auch meinem Freunde bekannt. Aber es schreckte ihn nicht ab.

Im Gegenteil.

Die Partei, so erklärte er mir, denke nicht daran, wieder einmal

jemand aus ihrer Mitte in die Regierung zu schicken. Sie werde sich

für einen Vertrauensmann entscheiden, der nicht auf das engere

Parteiprogramm eingeschworen sei und dem damit auch eine größere

Bewegungsfreiheit gestattet werde. Ich sei der richtige Mann. Ich

besäße einen geachteten Namen, die Zuneigung der breitesten Kreise.

Die Partei, so warb er weiter, werde Ehre mit mir einlegen; ich

brauche mich nicht verpflichtet zu fühlen; sie müsse im Gegenteil mir

dankbar sein dafür, daß ich ihr meinen Namen und meine Person zur

Verfügung stelle.

Ich wandte u. a. ein, er kenne doch meine politischen Anschauungen.

In einem Zwist zwischen Krone und Partei z. B. könne ich als Minister

der Großherzogin unmöglich auf die Seite der Republikaner treten; das

verbiete mir mein persönliches Ehrgefühl.

Hr. Probst suchte mir klar zu machen, daß es zu einem solchen Konflikt

in dieser Zeit überhaupt nicht kommen werde. Die Partei denke nicht an

politische Abenteuer. Auch die Sozialisten müßten sich hauptsächlich

darum bemühen, aus den schwierigsten Volksernährungssorgen

herauszukommen, die Verfassungsreform durchzuführen und damit zu

klareren Verhältnissen hinzufinden. „Dieses Geschäftsministerium, so

beteuerte er, soll eben die Brücke zu einer friedlicheren Zukunft

schlagen helfen. Die verschiedenen Hauptparteien sind in der neuen

Regierung vertreten. Sie bringen zum ersprießlichen Zusammenarbeiten,

wenn auch keine Begeisterung, doch den aufrichtigen Willen mit. So

scheint das Neue unter nicht grade ungünstigen Gestirnen geboren zu

werden."

Den Ausschlag bei meiner Entscheidung brachte schließlich die

Erwägung, wie ich durch eine solche Beförderung an eine höchste

leitende Stelle in die Lage versetzt werde, das Leben und die

Menschen unter Verhältnissen kennen zu lernen, die mir bis dahin ganz

verschlossen waren. Mein innerer Mensch werde unter der bereicherten

Erfahrung notwendigerweise wachsen, und zudem werde es mir so möglich

gemacht, den einen und andern Lieblingsgedanken, der mir während

meiner Lehrtätigkeit teuer geworden, zu verwirklichen.

„Denn", so entschied ich schließlich, „selbstverständlich komme ich

nur für den Posten des Unterrichtsministers in Betracht. Auf einen

andern passe ich nicht."

Unter den Führern der sozialistischen Gruppe zählte ich neben Probst

noch manchen andern guten Bekannten. Sie konnten mich, fast ohne

Ausnahme, sämtlich gut leiden. Der Dichter der „Schmiede" und des

„Franz Bergg" sagte ihnen zu.

Des Freundes Vorschlag fand willige Ohren.

Am 18. September 1918, nachmittags gegen 4 Uhr, traf ich mich mit den

Vertretern der sozialistischen Kammergruppe in einem Caféhaus des

Paradeplatzes zu einer Aussprache.

Herr Probst führte mich ein, setzte die Ziele der Partei für die

nächste Zukunft auseinander, betonte den Wunsch auf ein friedliches

Zusammenarbeiten mit den übrigen Parteien, um der wirtschaftlichen

Sorgen und Hemmnisse Herr zu werden, und teilte mir schließlich mit,

die sozialistische Kammerfraktion sei bereit, mich als ihren einzigen

Vertrauensmann in Vorschlag zu bringen.

Die freundlichen Mienen der Anwesenden bewiesen, daß dieser Gedanke

allgemeine Zustimmung fand.

Ich dankte für das Vertrauen, das mir zuteil ward, und sagte: „Dieses

Vertrauen ehrt mich doppelt, denn ich bin, wie Sie wissen, nicht

Mitglied der Sozialdemokratie. Aber ich fühle sozial und denke

demokratisch von Jugend auf. Von dieser Gesinnung habe ich Proben

gegeben, die Ihnen gewiß bekannt sind. Ich werde auch in Zukunft

diesem Geiste treu bleiben. Wenn Ihnen diese Zusicherung genügt,

können wir zusammenarbeiten."

Diese Worte weckten Zustimmung. Ein weiteres Glaubensbekenntnis, so

hieß es, wolle man von mir nicht hören.

Ich warf ein: „Gewiß aber werden es die andern Parteien als sonderbar

empfinden, daß Sie Sozialdemokraten mit Ihren besondern Plänen und

Bestrebungen in der neuen Regierung für sich gerade den Posten des

Unterrichtsministers fordern, denn für einen andern mag ich mich nicht

melden."

„O", bemerkte Freund Probst, „dem öffentlichen Unterricht kommt

doch auch eine höchst bedeutsame soziale Aufgabe zu. In nächster

Zukunft muß z. B. der so wichtige Fortbildungsunterricht bei uns

zweckmäßiger gestaltet werden. Dabei hättest du das entscheidende

Wort zu sprechen. Dem Werke der Volkserziehung und der Jugendbildung

bringt der Sozialismus bekanntlich eine besondere Liebe entgegen.

Außerdem leben wir in der Zeit der Lebensmittelbeschlüsse mit ihren

gerade für den armen Mann und den Arbeiter so drückenden Folgen. Diese

Verordnungen werden im Ministerrat getroffen. Also hättest du auch

dabei entscheidend mitzureden."

„Schön. Nur dürfen wir uns nicht falsch verstehen, meine Herren. Ich

möchte als Ihr Vertrauensmann nicht von den Launen oder der Willkür

eines Einzelnen Ihrer Abgeordneten abhängen, dem ich vielleicht

mißliebig bin oder werden könnte. Um mich zu entfernen, brauchte

dieser nur eine Prinzipienfrage vom Zaun zu brechen, mit der Regierung

und Kammermehrheit nicht einverstanden sein könnten; dann aber wäre

der Bruch zwischen uns da und ich müßte austreten. Ich will mit Ihnen

aufrichtig arbeiten, aber ein Hampelmann mag ich nicht sein."

„Diese Gefahr besteht nicht. Ein einzelner Abgeordneter darf sich

solche Seitensprünge nicht erlauben. Die Fraktion als solche allein

entscheidet. Und die kennt ihre Verantwortung."

„Es bleibt also dabei: Alle brennenden Fragen werden zurückgestellt?

Wir wollen fruchtbare Arbeit leisten? So ist es ja gemeint?"

Im Dienste · 第 5 / 48 题