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»Herein,« sage ich ein wenig erstaunt und sehe nicht gerade angenehm
überrascht vom Buch auf, denn meine Kaffee- und Besuchsstunde ist längst
vorbei, und in diesem, vielleicht einzigen Punkt bin ich ein bißchen
Pedant.
Und es schießt mir durch den Kopf, ob Karl Gerhard wirklich nur darum so
unsicher und zerknirscht aussieht, wie er da in der Türe steht, oder
ob noch etwas anderes --? Ich habe allerlei Fatales gehört in letzter
Zeit -- --
»Kommen Sie nur näher, wenn Sie schon mal da sind,« sage ich,
»und drehen Sie das Licht an, zum Lesen ist's schon ein bissel dunkel
geworden.«
»Das finde ich nicht,« antwortet er, an der Tür stehenbleibend, »ich
lese sogar schon von hier aus in Ihrem Gesicht mit den hochgezogenen
Augenbrauen mein -- nun, sagen wir wenigstens -- mein gesellschaftliches
Todesurteil.«
Ich schüttle den Kopf. »Ich habe keinerlei Urteile, am wenigsten
Todesurteile auszusprechen.«
Er kommt langsam näher, bleibt aber beim Flügel stehen und sagt, die Arme
auf das Instrument gestützt:
»Es sind nicht nur die ausgesprochenen Todesurteile, die töten. Und ich
habe in den letzten Tagen manchmal denken müssen, daß die Menschen auch
nicht immer an ihren eigenen Gebrechen sterben. Es ist schon mancher an der
Herzensträgheit eines anderen zugrunde gegangen.«
»Gerhard!« sage ich.
»Es ist nur eine theoretische Abhandlung, gnädige Frau,« antwortet er,
»und ich will Sie nicht mit Details quälen. -- Darf ich ein paar Minuten
bleiben?«
Ich nicke. »Aber setzen Sie sich und nehmen Sie sich etwas zu tun, denn
ich möchte dies Kapitel gern noch zu Ende lesen.«
»Darf ich mich so lange am Klavier nützlich machen, bis Sie erfahren
haben, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen und die Unschuld zu
Fall bringen wird?« Und er sitzt schon am Flügel und spielt aus Mahlers
Achter »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«.
Ich klappe seufzend das Buch zu.
»Ich weiß zwar noch nicht, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen
wird,« sage ich, »aber daß Sie's erreicht haben, ist sicher. Also lassen
Sie Mahler und das Vergängliche und erzählen Sie mir, was Sie heut so
spät noch hertreibt.«
»Ich hoffe, Sie haben ein Zeichen ins Buch gelegt oder sich wenigstens
die Seitenzahl gemerkt,« sagt er bedächtig. »Oder vielmehr, ich hoffe
es nicht, denn es stände im Widerspruch mit meiner Anschauung von der
weiblichen Psyche. Ehe eine Frau nämlich ein Zeichen ins Buch legt oder
im Register nachsucht, blättert sie lieber eine halbe Stunde lang seufzend
hin und her.«
»Es wird auch Frauen geben, die es anders machen,« antworte ich, »wenn
ich auch leider von mir zugeben muß --«
»Sehen Sie,« triumphiert er mit aufgehobenem Zeigefinger, »das Zeichen
ins Buch legen ist eben ein männlicher Zug, und wenn es Frauen gibt, die
es dennoch tun, so beweist das nur, daß sie männliche Züge aufweisen und
sich vom Zwang des Geschlechts befreit haben.«
»O Gott,« stöhne ich, »lassen Sie Weininger ruhen, wenn Sie auf meine
Freundschaft auch nur den geringsten Wert legen.«
»Gut,« lacht Karl Gerhard, »legen wir also Weininger zu Mahler, da es
Ihnen heute so beliebt, und da die Wahl zwischen einem toten Philosophen
und einer lebendigen Freundin keine nennenswerten Kämpfe in mir weckt.
-- Was haben Sie aber ernstlich gegen den guten Weininger einzuwenden? Der
Umstand, daß man ihm mit der Bezeichnung eines modernen Frauenlob
bitter unrecht täte, dürfte doch bei Ihnen nicht schwer wiegen, da Sie
eingestandenermaßen Ihr eigenes Geschlecht nur bis zum Backfischalter
erträglich finden?«
»Vielleicht ist der weibliche Korpsgeist doch stärker in mir als man
denken sollte,« antworte ich, »vielleicht ist's aber auch nur die
Weiningersche Beweisführung, die Sie soeben auch anwandten; die erscheint
mir oft so billig, daß sie eines klugen Mannes, also auch Ihrer, nicht
würdig ist.«
Er verbeugt sich: »Dank für die gute Meinung. -- Ich tue leider in
letzter Zeit so vielerlei, was eines klugen Mannes nicht würdig ist, daß
der harmlose Weiningersche Trick mit unterlaufen mag.«
»Ja, ich habe so etwas gehört,« sage ich und schiebe ihm die Zigaretten
hin, da die Zöpfchen, die er aus den Fransen meiner Tischdecke flicht,
schon anfangen mich zu irritieren. Und nach einer kurzen Pause setze ich
langsam hinzu: »Gerhard, warum machen Sie auch so dumme Geschichten?«
Er bläst ein paar Ringe in die Luft, blickt ihnen nach und fragt:
»Sie wissen es nicht, gnädige Frau?«
Und dann plötzlich den Kopf zu mir wendend: »Sie haben keine Ahnung,
warum ich neulich abend von Wartenbergs fortlief wie -- na, sagen wir wie
ein wildgewordener Esel, wenn es so was gibt, -- und geradeswegs in die
Bar, wo ich mit einem anderen Esel in einen etwas deutlichen Wortwechsel
geriet.«
»Sie sollen ihn so verprügelt haben, daß der Wirt Sie hinauswerfen
ließ.« -- »O nein,« widerspricht Gerhard und drückt bedächtig seine
Zigarette aus, »ich ging ganz von selbst, nachdem ich mir ein bißchen
Luft gemacht hatte. Und ich ging stolz.« -- »Gestützt auf Emmi,«
unterbreche ich ihn.
»Hieß sie Emmi?« fragt er, »ja richtig, gestützt auf Emmi, denn
ein Stuhlbein hatte ich doch bei der Diskussion abgekriegt. Sie sind
gut unterrichtet, gnädige Frau.« -- »Nicht besser als alle Welt,«
versichere ich ihn.
»Und Sie wissen auch nicht besser als alle Welt, was die Veranlassung zu
all meinen Dummheiten ist?« fragt er vorgebeugt und nach seiner Gewohnheit
die Hände ums Knie geschlungen.
»Vielleicht doch,« antworte ich, »soweit Sinnlosigkeit eine Veranlassung
haben kann. -- Aber ich habe schon zu viele Kinder gesehen, die wild um
sich schlugen und sich selbst Beulen in den Kopf rannten, weil man ihnen
einen Wunsch versagen mußte oder ihnen ein gefährliches Spielzeug aus der
Hand nahm, als daß mich Ihre Erlebnisse in der Bar und anderswo gewundert
hätten. Ich ahnte fast so etwas, als Sie so plötzlich bei Wartenbergs
verschwanden.«
»Sie sind ja auch so klug,« lächelt er mit ironisch verzogenen
Mundwinkeln. »Aber ob es so klug war, mir mein Spielzeug aus der Hand zu
nehmen, -- ich weiß doch nicht. Denn darin haben Sie recht, wir sind alle
nur einfältige Kinder, die immer etwas zum Spielen haben müssen, damit
wir nicht schreien. Fällt uns ein Spielzeug aus der Hand, schnell ein
neues hineingesteckt, damit wir nicht schreien. Niemand von uns kann ohne
ein Spielzeug leben.«
»Und da ging Karl Gerhard zur Bar und kaufte sich ein neues.«
»Mein Gott,« antwortet er, »man nimmt, was man gerade findet.
Wählerisch ist man in solchen Momenten nicht.«
»Nun, Gott sei Dank,« sage ich, »ich sehe, daß es Äquivalente für
alles gibt.« -- »Es gibt keine Äquivalente auf der Welt,« bemerkt
Gerhard, »es gibt höchstens Surrogate.«
»Mag sein,« gebe ich zu, »aber Surrogate tun ja auch ihre
Schuldigkeit.« -- »Nein,« ruft er plötzlich heftig, steht auf und
läuft quer durchs Zimmer.
»Nein?« frage ich ganz naiv erstaunt und sehe ihm nach.
»Nein,« wiederholt er, »und ich will nicht, daß wir uns in diese
Bitterkeit hineinreden, aus der wir nachher nicht wieder herauskönnen. Sie
wissen so gut wie ich, daß ich kein Äquivalent und kein Surrogat gesucht
habe, daß ich einfach --« -- »Ja, ich weiß,« sage ich und wundere
mich, wie weich meine Stimme klingt.
Er bleibt plötzlich stehen, kommt dann näher an den Tisch und fragt:
»Darf ich noch einen Augenblick bleiben?« -- »Ja,« sage ich, und er
setzt sich und starrt vor sich hin.
»Und ich hatte mir geschworen, nie mehr hierherzukommen!«
»Du lieber Himmel!« sage ich, »wenn es einen Gerichtshof für all die
Meineide gäbe, die wir uns selber schwören! -- Aber vielleicht wäre es
doch besser gewesen, Sie hätten diesmal Ihren Schwur gehalten, wenigstens
ein paar Wochen lang --«
Er sieht mich an und schüttelt langsam den Kopf.
»Denn sehen Sie,« fahre ich fort, »es gibt außer diesem Zimmer noch so
viel Schönes auf der Welt, das zu sehen und zu genießen lohnt.«
»Ach, ich verstehe,« sagt er, »eine kleine Reise oder so etwas, was
bessere Leute in meinem Fall immer zu unternehmen pflegen. Wenigstens steht
es so in allen schlechten Romanen der Weltliteratur, daß der unglückliche
Held eine Reise um die Welt unternimmt und gereinigt und herrlicher denn
je an die Stätte seiner früheren Leiden zurückkehrt. Manchmal bringt er
sich ein Mädchen von den Fidschiinseln mit, das an Holdheit alles Lebende
überstrahlt und die schnöde, heimische Kokette bis auf die Knochen
blamiert. -- Es kann auch eine Geisha sein, aber das ist veraltet und
sentimental, und die Fidschiinseln und Neuseeland sind sozusagen noch
unberührter Boden. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Ihnen von da aus
eine Ansichtskarte --«
»Gerhard,« sage ich, »wer bringt jetzt den bitteren Ton hinein?« Und
nach einer kleinen Pause: »Ich finde übrigens auch, daß eine Reise als
seelisches Heilmittel veraltet und literarisch ist. Man denkt an Goethe und
Italien, und die ganze Literaturstunde steht vor einem auf. Und ich glaube
auch, es ist gleichgültig, ob man da oder dort ist, solange man sich
selber überall mit hinschleppt.« -- »Jawohl,« sagt Gerhard, »einmal
aus der Haut fahren, das wäre noch das einzige.«
»Nein, über sich selbst hinauswachsen, oder vielmehr bis zu sich selbst
hinwachsen, -- denn Sie wissen es ja, unser wahres Selbst liegt nicht tief
verborgen in uns, sondern hoch über uns --«
Gerhard nickt langsam: »Nietzsche, und ein großes Wort. -- Aber, Gott
sei's geklagt, sie helfen uns nicht, die großen Worte.«
»Nun, dann ein kleines, wenn Sie die großen nicht lieben. Wir müssen
versuchen, das In-uns zu ändern, wenn wir das Außer-uns nicht ändern
können. Wir müssen versuchen, uns anders einzustellen und an den kleinen
Dingen des Lebens Freude zu gewinnen. Glauben Sie mir, wir leben alle
von der Hand in den Mund und müssen uns aus lauter kleinen Stücken
und Stückchen etwas zurechtschneidern, was vor der schlimmsten Kälte
schützt.«
Karl Gerhard lehnt sich im Sessel zurück, stützt die Fingerspitzen
gegeneinander und sagt bedächtig: »Gestatten Sie mir, zu bemerken, was
schon der alte Fritz Reuter richtig herausgefunden hat, daß nämlich die
Armut allemal von der Pauvreté herrührt. Wenn ich die kleinen Freuden des
Lebens genießen könnte, dann wäre ich gesund und brauchte Ihnen nicht
mit Jammertönen lästig zu fallen. -- Aber das ist's ja,« fährt er
heftig fort, »von jeher haben die satten Leute den armen hungrigen Teufeln
gesagt: ›Was klagt ihr über Hunger! Seht doch um euch und genießt die
herrliche Natur und die Schönheiten des Lebens und der Kunst!‹ -- Und
von jeher haben die armen Teufel dagegen geschrien: ›Macht uns erst
satt!‹ -- Denn wer kann Michelangelo genießen und Schuberts Unvollendete
und den Lago Maggiore, solange ihm der Hunger die Eingeweide zerreibt!«
Und er legt den Kopf im Sessel hintenüber und schließt die Augen.
Ich sehe ihn eine Weile schweigend an und sage dann: »Immer muß ich doch
denken, wieviel Glückliche man machen könnte mit dem Glück, das in
der Welt ungenutzt verlorengeht. Da sitzen Sie nun, jung und gesund und
unabhängig und begabt wie wenige --«
»Wie hübsch,« unterbricht mich Gerhard lächelnd, »daß sich auch
bei Ihnen einmal weiblich ökonomische Instinkte melden! Nichts umkommen
lassen, ist ja die erste Hausfrauenregel, mögen es nun Brotkrumen sein
oder Glücksmöglichkeiten, die unter den Tisch gefallen sind.« -- »Sie
sollen nicht unter den Tisch fallen,« sage ich heftig. »Wo ist Ihr
Ehrgeiz und Ihr Glaube an sich selbst, der Glaube, von dem Sie einmal
sagten, daß es der einzige sei, der Berge versetzen könne.«
»Ich will keine Berge mehr versetzen,« sagt Gerhard müde und steht auf.
»Ich will jetzt nur noch eins: irgendwo hingehen, wo es warm ist. Mir ist
in diesem Augenblick so erbärmlich kalt zumut. Und darin haben Sie recht,
wir müssen uns aus den Fetzen des Lebens etwas zurechtschneidern, was vor
der bittersten Kälte schützt.«
»Ja,« antworte ich, »wir alle. Aber die Fetzen, die wir zu dem
schützenden Mantel verwenden, die zeigen, wer wir in Wahrheit sind.
Der eine geht zur Bar, um sich zu erwärmen, der andere schafft ein
unsterbliches Werk. Denn was sind alle großen Werke anderes als ein
Mantel, den ein armer frierender Mensch um seine zitternde Blöße gedeckt
hat und um seine Wunden und Male? Und was ist alle Tollheit und aller
Rausch und alle Niedrigkeit anderes, und was alles Insichversinken und
Träumen anderes als ein Schutz gegen die Kälte da draußen? Aber das
Material, das wir zu dem Mantel wählen, Gerhard, das ist's, das über uns
entscheidet.«
Gerhard kommt plötzlich einen Schritt näher und streckt mir die Hand hin.
»Ich will wieder arbeiten,« sagt er mit so eindringlicher Plötzlichkeit,
daß ich wider Willen lächeln muß.
»Fein,« sage ich und reiche ihm die Hand. »Ehrenwort?«
Er zuckt die Achseln. »Für einen anständigen Menschen ist jedes gegebene
Wort ein Ehrenwort.«
»Hören Sie, Gerhard, mit dieser Sentenz auf den Lippen müßten Sie
gehen, es wäre ein vorzüglicher Abgang.«
Er lächelt. »Ich bin zwar nicht so effektsüchtig wie Sie glauben, aber
trotzdem, wenn es denn sein muß, -- leben Sie wohl!«