Von Seelenmalerei und einer geschwollenen Backe

[Illustration]

Man hat mir so lange vorgeredet, ich müsse mich malen lassen, bis ich

selber von ungeduldigem Verlangen nach meinem Bildnis erfaßt wurde und die

Sache mit Karl Gerhard besprach. Von dem naheliegenden Gedanken, daß er

der Maler des Bildes werden solle, haben wir schnell abgesehen, denn unsere

Freundschaft ist uns zu heilig, um sie leichtsinnigerweise einer so harten

Probe auszusetzen.

Er hat mir aber einen jungen Künstler aus seinem Bekanntenkreis empfohlen,

der sich schon mit viel Glück im Porträtieren versucht habe, ganz modern

und ein Werdender sei. Von jeher waren mir die Werdenden interessanter als

die Gewordenen, und als mir Gerhard noch erzählte, daß Artur Vollmer es

besonders gut verstehe, die Seele seines Modells zu versinnbildlichen, da

war mein Entschluß gefaßt.

Wie wird er meine Seele malen? Diese Frage hat mich tagelang aufs

angenehmste beschäftigt.

Auch jetzt, während ich zur Besprechung in Artur Vollmers Atelier

bin, verläßt sie mich nicht, sie hat aber inzwischen etwas leicht

Beängstigendes angenommen.

Wir haben ein paar nebensächliche Fragen bereits erledigt, er hat mir eine

Zigarette gereicht, und ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, da ich

mir einrede, daß er bei dieser Gelegenheit meine Seele kennenlernen will.

Vorerst scheint es ihm noch nicht sehr darum zu tun zu sein, denn er hat

bis jetzt jedes meiner Worte nur mit einem leisen Lächeln quittiert, das

genau die Mitte zwischen Höflichkeit und Unverschämtheit innehält. Ich

ziehe es daher vor, schweigend die Bilder zu betrachten, die bunt und wirr

an den Wänden hängen, und mein Blick bleibt an einem kauernden, etwas

unproportionierten Mädchen haften, das so angestrengt bemüht ist, sich

ein Strumpfband ums Bein zu binden, daß ihm die Haare wild übers Gesicht

hängen.

Und ich kann die Frage nicht unterdrücken, warum dieses junge Mädchen

sich so leidenschaftlich um sein Strumpfband bemüht, da es doch weder

Strümpfe noch sonst etwas an Kleidung Erinnerndes auf dem Leibe hat.

»Es ist eine Studie,« beantwortet Vollmer meine unkünstlerische Frage,

und ich bin zufrieden.

»Dies Ding ist übrigens eines der ersten, die ich gemacht habe,« spricht

er zu meinem Erstaunen weiter, sich mit einem schwermütigen Lächeln

zu mir wendend. »Es stammt noch aus der Zeit, als ich ein junger

Springinsfeld war und mir wer weiß was vom Leben versprach.«

Er spricht langsam und in einem sehr weichen Dialekt eigner Erfindung und

erzählt nun, einmal in Gang gekommen, ausführlich von den Enttäuschungen

des Künstlerlebens, den Intrigen der stümpernden Kollegen, der

Parteilichkeit der Ausstellungsdirektoren und der Verlogenheit der

Kunsthändler. -- Ich höre schweigend zu, und während sein sanft sonores

Organ mich weich umspült, gerate ich langsam in jenen fast hypnotischen

Zustand, der mich jedesmal überkommt, wenn die Maniküre die Fingerspitzen

meiner einen Hand sanft streichelt, während die der anderen im lauwarmen

Seifenwasser ruhen.

»Ja,« schließt er jetzt sein Gespräch, »wenn man nicht als Künstler

geboren wäre! Lieber hätte man in seiner Jugend Holzhacken lernen sollen,

es wäre damit besser für das Alter gesorgt.«

Ich schüttle den hypnotischen Bann so gut es geht von mir und sage, noch

ein wenig benommen: »Es ist gewiß sehr traurig, daß so viele Menschen

die erste Hälfte ihres Lebens dazu benutzen, die zweite unglücklich zu

machen.«

Vielleicht, daß dieser sonst gute Ausspruch nicht hierhin paßt,

vielleicht auch, daß Vollmer die Abstecher ins Allgemeine nicht liebt,

jedenfalls geht er mit einem leisen, etwas unbehaglichen Räuspern darüber

hinweg, und ich setze schnell hinzu:

»Aber die Kämpfe, die Sie mir geschildert haben, sind ja kein Unglück

zu nennen und sie bleiben wohl keinem erspart, der seine Persönlichkeit

durchsetzen will.« -- »Gewiß,« bestätigt Vollmer, »und je neuartiger

und origineller die Persönlichkeit sich äußert, um so härter sind

heutzutage die Kämpfe mit der Lauheit und der Bequemlichkeit des

Publikums.«

»Man sagt das allgemein,« antworte ich und sehe mit Schrecken, daß

wieder ein leises Unbehagen über seine etwas verschwommenen Züge geht,

»aber ich finde, gerade das Gegenteil ist heute der Fall. Noch zu keiner

Zeit lief eine neue und eigenartige Begabung so wenig Gefahr, übersehen

oder verlacht zu werden, wie heutzutage. Wir verehren und lobhudeln ja

alles Schrullenhafte, und je absurder sich ein Künstler in seinen Werken

gebärdet, um so eifrigere Anhänger und Förderer wird er finden. Gefahr,

übersehen zu werden, laufen eigentlich nur die Stillen im Land, die

einfach schaffen, wie sie können und müssen, ohne sich um Richtungen und

Moden zu kümmern, die unliterarischen, möchte ich sagen.«

»Die Langweiligen mit einem Wort,« lächelt Vollmer.

»Nun ja,« antworte ich lachend, »zur Gesellschaft sind mir auch die

anderen lieber, die vielseitig Interessierten, die lebhaft Bewegten, die

eigenartig Schillernden. Aber ich glaube bestimmt, die wirklichen Künstler

kommen aus der anderen Sphäre, aus der Sphäre der Einseitigen und

Schwerfälligen, die darum in Gesellschaft langweilig sind, weil sie in

ihrer Seele zuviel Kunst haben und zuwenig Literatur.«

Vollmer schweigt ein paar Sekunden. »Ja, ja, die Seele,« bemerkt er dann

sinnend, und mir fällt plötzlich wieder der Zweck meines Besuches ein.

»Sie sollen ja ein ganz besonders feiner Forscher auf diesem Gebiet

sein,« sage ich, »wenigstens hat man mir berichtet, daß Ihre Bilder

wahre Seelenporträts seien, und ich muß sagen, ich bin gespannt --.«

Artur Vollmer lächelt zurückhaltend und weist mit der Hand auf ein

großes Bild, das gleich beim Eintritt meinen Blick auf sich gelenkt

hat und das ich jetzt aufmerksam betrachte. »Porträt von H. K.« steht

darunter, und es stellt einen sorgsam und elegant gekleideten jungen Mann

von phantastischer Häßlichkeit dar, der in einer romantischen Landschaft

im Profil steht und einen Apfel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger

hält, entsetzt betrachtet.

»Sehr eigenartig,« sage ich höflich und überzeugt. »Ist es wirklich

ein Porträt?«

»Sie kennen das Modell,« antwortet er und setzt nachlässig hinzu:

»Auf die äußere Ähnlichkeit haben wir allerdings verzichtet, aber Sie

müßten ihn schon an der Art erkennen, wie er den Apfel hält.«

Ich will schon bedauernd den Kopf schütteln, denn mir fällt keiner meiner

Bekannten ein, der die Gewohnheit hat, einen Apfel mit zwei Fingern zu

halten, doch da kommt mir der rettende Gedanke: -- Seelenmalerei! Und ich

sage stolz und glücklich: »Vielleicht ist es einer, der alle Dinge im

Leben sehr vorsichtig anfaßt?« -- »Ja,« nickt Artur Vollmer, »mit

einem gewissen Abscheu sogar. Betrachten Sie den Ausdruck von Ekel in

seinem Gesicht.«

»Nun ja,« sage ich etwas zaghaft, »aber genügt dieser eine Zug, um das

Bild Porträt zu nennen? Und warum, wenn Sie H. K. schon malen wollten,

haben Sie so vollkommen auf die Ähnlichkeit verzichtet?«

Vollmer schweigt einen Augenblick und sagt dann mit einem zerstreuten Blick

aus dem Fenster: »Ähnlichkeit bekommen Sie für zwanzig Mark das Dutzend

beim Photographen.«

Und so stark ist die Suggestionskraft seiner Worte, daß mir in diesem

Augenblick die Photographen als eine durchaus minderwertige Menschengattung

erscheinen. Aber dann erwacht mein besseres und mutiges Selbst und ich

riskiere die Schreckensfrage, die Banausenfrage, die Frage, mit der man

jungen Malern das Gruseln beibringt:

»Kann ein Porträt nicht künstlerisch und doch ähnlich sein?«

Und Artur Vollmer antwortet denn auch mit einem leisen Klang von

Gereiztheit in seiner milden Stimme: »Sie sprechen immer von Ähnlichkeit,

gnädige Frau, und das ist in der Kunst ein so ganz verfehlter Standpunkt.

Die Hauptsache, daß das Bild ein Kunstwerk ist. Wer fragt in den Galerien

und Museen heute danach, ob die Porträts von Dürer und Rembrandt und Van

Dyk dem Modell auch ähnlich waren. Es sind Kunstwerke, und sie bleiben

bestehen, während die Ähnlichkeit von heute schon morgen nicht mehr wahr

ist.«

»Das ist sehr richtig,« antworte ich, »nur ist es dann nicht nötig,

sich selbst malen zu lassen. Ich kann mir statt dessen irgendein berühmtes

Bild eines berühmten Meisters kaufen, dessen Wert anerkannt ist, während

es doch bei aller Hochachtung vor Ihrer Kunst noch nicht völlig sicher

ist --«

»Daß ich Rembrandt oder Van Dyk erreiche,« unterbricht er mich, und die

Stimme umspült mich wieder sanft wie Seifenwasser. »Nein, gnädige Frau,

das ist sogar sehr unsicher, aber Sie vergessen, daß es noch eine andere

Ähnlichkeit gibt, als die rein äußerliche, von der Sie reden. Die

Ähnlichkeit, die vielleicht nur der Künstler sieht. -- Kennen Sie den

hier?«

Und er nimmt ein Bild vom Boden, das bis jetzt mit dem Gesicht nach der

Wand gestanden hat, und stellt es auf eine Staffelei.

»Mein Gott!« sage ich entsetzt, »Frank Meinert.«

Es ist wirklich Frank Meinert, der mir aus einem blutigroten Hintergrund

entgegenstarrt. Frank Meinert mit einer blutigroten Krawatte, die eine

Backe geschwollen, die Züge nicht ganz unähnlich, aber ins brutal

Verbrecherische verzerrt, und mit dem bösartig lauernden Ausdruck, mit dem

die Shakespeareschen Meuchelmörder über die Bühne zu schleichen pflegen.

»Mein Gott!« wiederhole ich nur, aber in meinem Innern setze ich hinzu:

Was wird er aus meiner Seele machen? Gott sei meiner armen Seele gnädig!

Und nach diesem Stoßgebet frage ich gefaßt:

»Sie sind befreundet mit Frank Meinert?«

»Ja,« sagt er, »wir treffen uns oft des Abends im Café und auch

sonst --«

»Und so erscheint Ihnen seine Seele?«

»So sehe ich ihn,« antwortet er einfach.

»Nun,« sage ich, »dann bewundere ich aufrichtig Ihren Mut. Fürchten Sie

denn gar nicht, daß er Ihnen eines Abends Strichnin oder Zyankali in den

Kaffee schüttet, oder daß er Sie auf dem Heimweg mit einem Schlagring

überfällt?«

Vollmer lächelt melancholisch. »Nein,« sagt er, »was Sie da auf dem

Bild sehen, ruht ja ungewußt und ungehoben in den tiefsten Gründen seines

Wesens. Es wird nie zutage kommen.«

»Das wollen wir zu Gott hoffen!« antworte ich inbrünstig.

»Lebenslängliches Zuchthaus wäre das wenigste. -- Übrigens maße ich

mir kein Urteil darüber an, ob nicht wirklich brutale Triebe in Franks

Seele schlummern. Er deutet selbst gern so etwas an, aber das ist kein

Grund dafür, es nicht zu glauben. Kein Mensch kann dem anderen bis auf

den Grund der Seele blicken, schon darum nicht, weil die Seele keinen Grund

hat. Es geht immer noch tiefer und tiefer. Und wahrscheinlich könnten

Sie jeden von uns mit dem gleichen Recht zum Verbrecher stempeln. -- Zum

mindesten freundschaftlich kann ich das Bild nicht finden.«

»Und wie würden Sie an meiner Stelle Frank gemalt haben?« fragt Vollmer

lächelnd, indem er das Gemälde, diesmal richtig herum, an die Wand lehnt.

»Nun,« sage ich, »da Sie die Bilderrätsel lieben, hätten Sie ihn für

mein Gefühl am besten als Narziß gemalt, schwermütig am Bach ruhend,

verliebt und versunken in sein Spiegelbild. -- Darf ich mir aber noch die

Frage erlauben, welche Bedeutung die geschwollene Backe auf dem Bild hat?«

»Da ist doch keine geschwollene Backe,« widerspricht er zum erstenmal

wirklich gereizt und holt das Bild wieder herbei. »Ich bitte Sie, das

scheint doch nur so durch die Haltung und die Beleuchtung.« -- »Ach

so,« sage ich, froh, daß keine Beziehung zwischen Franks Seele und dieser

Schwellung besteht.

»Und wie denken Sie sich mein Bild?« frage ich dann etwas ängstlich und

setze mich vorsichtshalber.

»Tja,« sagt er, mich nachdenklich betrachtend, »ich dachte zuerst, als

ich Sie sah, an die Franzosen. Renoir oder so etwas. Aber ich bin davon

abgekommen. Ich möchte Sie jetzt am liebsten als Daphne malen.« --

»Daphne?« wiederhole ich und wühle verzweifelt in den Untergründen

meiner mythologischen Erinnerungen. Leider umsonst. »Es wird nur seine

Schwierigkeiten haben,« fährt er fort, »wegen der Bekleidung und auch

sonst.«

Ich blicke unwillkürlich zu dem Mädchen mit dem Strumpfband hinüber und

bitte dann etwas verschüchtert um Aufklärung über Daphne.

»Daphne,« erklärt er, auf der Tischkante sitzend, mit weicher

Stimme, »war die Tochter der Gäa, zu deutsch Erde, und des arkadischen

Flußgottes Ladon. Andere behaupten zwar, daß Amyklas ihr Vater war und

noch andere nennen Pennios, aber --« -- »Lassen wir die Frage offen,«

schlage ich vor, »Sie wissen =La recherche de la paternité= --« Er

lächelt und fährt fort:

»Apollo liebte Daphne, aber er hatte einen Nebenbuhler an Leukippos, der

ihr als Jungfrau verkleidet folgte und auf Apollos Veranlassung hin von

den Nymphen getötet würde. Nun floh Daphne auch vor Apollo, sie wurde

von ihrer Mutter aufgenommen und in einen immergrünen Lorbeerbaum

verwandelt.«

Ich sitze ein paar Sekunden lang still, fasse mich aber allmählich und

sage: »Also alles in allem ein Mädchen von Charakter. -- Nun gestatten

Sie mir aber bitte noch ein paar Fragen: Zuerst, in welchem Stadium ihres

ereignisreichen Lebens wollen Sie Daphne malen? Zweitens, woran soll man

mich als Daphne erkennen? Und drittens und letztens, warum überhaupt

Daphne?«

»Ich sagte es ja schon,« antwortet Artur Vollmer, »die Sache wird ihre

Schwierigkeiten haben. Aber die Idee wird mir lieb und lieber, je mehr ich

darüber nachdenke. Es liegt eine tiefe Symbolik darin: Die Frau, die sich,

vor dem Geliebten fliehend, in Lorbeer verwandelt. Man müßte natürlich

diesen Moment festhalten, noch halb Weib, halb schon Baum --.«

Ich habe plötzlich das Gefühl, als ob ich schon halb zum Baum erstarrt

wäre und mache heimlich ein paar schlenkernde Bewegungen mit den Beinen,

um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Dann stehe ich auf und sage:

»Ihre Idee ist wirklich sehr interessant und sogar geistreich wie alle

Ihre Bilder. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich dazu entschließen

kann, Ihnen als Daphne zu sitzen. Ich glaube, daß mein tiefstes Wesen

in Ihrem Daphnebild nicht zum Ausdruck käme. Ich mache Ihnen daher einen

anderen Vorschlag: Malen Sie mich ganz einfach hier im Sessel sitzend,

möglichst bequem, das entspricht am besten einem Grundzug meines Wesens.

Und machen Sie das Bild so ähnlich wie möglich, dann wird ganz gewiß

auch etwas von meiner Seele in Ihre Farben fließen, denn ich bilde mir

ein, daß meine Seele meinem Gesicht gar nicht so unähnlich ist. -- Und

wann wollen wir anfangen?«

Wir bestimmen die Zeit, und ich verabschiede mich von dem etwas frostig

gewordenen Künstler, und dann sitze ich im Auto und überlege mir den

Fall.

Und je mehr ich darüber nachdenke, über die ausgeklügelt geistreichen

Bilder und über das unproportionierte Mädchen mit dem Strumpfband und

über Frank Meinerts geschwollene Backe, um so deutlicher steigt ein

schwarzer Verdacht in mir heraus, der sich nach und nach zur Gewißheit

verdichtet.

Und ich nehme mir vor, morgen zu Karl Gerhard zu sagen: »Lieber Freund,

Ihr Protegé ist ein interessanter junger Mann, wenigstens versteht er mit

herzlich wenig Unkosten darauf zu posieren. Er hat eine einschmeichelnde

Stimme und sehr gepflegte Hände. Er ist in der Mythologie erstaunlich gut

bewandert und hat die eigenartigsten symbolischen Ideen. Er versteht, sehr

nüanciert zu lächeln, und ich bin überzeugt, daß er auch sonst noch

allerlei kann. Nur ein einziges kann er ganz bestimmt nicht, und das ist

eigentlich sehr schade: er kann nicht malen.«

»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual --«

[Illustration]

Wir haben uns gezankt und sitzen uns nun gegenüber wie Kinder, die beide

ihre Heftigkeit bereuen und doch zu eigensinnig sind, das erste gute Wort

zu sprechen. Wir sehen einander nicht an, aber ich merke, daß seine Hand,

die die Zigarette hält, ein bißchen zittert, und wieder einmal, wie nach

jedem Streit mit Herbert Arndt, steigt in mir das Mitleid auf.

Vielleicht habe ich ihm doch unrecht getan, als ich ihn oberflächlich

genannt, denke ich, und weiß doch zugleich, daß der scheinbar tiefe

Eindruck, den der Wortwechsel auf ihn gemacht hat, wie der Eindruck

ist, den man einem Gummiball beibringen kann. Sobald du den Finger

zurückziehst, ist alles, wie es war.

Und dieses Wissen um Herbert Arndts stets veränderliche

Unveränderlichkeit ist es vielleicht, was mich ihm gegenüber oft zu

einer Heftigkeit hinreißt, die mir sonst ganz fremd ist und die mich im

Augenblick weit über den zufälligen Anlaß hinaus erbittert.

Was konnte es mich zum Beispiel kümmern, daß Herbert Arndt heute fast

verächtlich von einem Menschen sprach, den er vor kurzem voll Begeisterung

einen bedeutenden Mann von seltener geistiger Anmut genannt, und für

dessen vornehm künstlerische Lebensgestaltung er eine andachtvolle

Bewunderung gezeigt hatte.

Heute entsann er sich dessen kaum und nannte das Wesen des vor ein paar

Tagen so hoch Gepriesenen unmännlich und affektiert, im Gegensatz zu der

kraftvollen und knorrigen Einfachheit, mit der alle wirklich Großen ihr

Leben geführt. Und ich wurde gereizt und nannte es Haltlosigkeit, nie bei

einer Empfindung und einem Urteil beharren zu können und, wie die Snobs,

immerfort seine Geschmacksrichtung zu ändern, sobald von den Obersnobs

eine neue Parole ausgegeben wird. Und er nannte es Sentimentalität oder

Indolenz, an alten Erinnerungen und alten Wertschätzungen zu kleben, und

wir steigerten uns in immer größeren Zorn, und plötzlich schwiegen wir

beide, weil wir fühlten, daß wir nicht weitergehen durften.

Und jetzt sitzen wir da und möchten uns versöhnen und wissen nicht wie.

Endlich steht Herbert auf und sagt mit etwas rauher Stimme, der man noch

die Erregung anhört:

»Ich will Sie lieber jetzt von meiner Gegenwart befreien. Ich kann

mir denken, wie peinlich Ihnen der Anblick eines so charakterlosen und

minderwertigen Menschen ist.«

Nun muß ich doch lachen. »Ich finde, Ihre Zerknirschung geht zu weit.«

Er verzieht den Mund: »Ich habe mich augenblicklich nur mit Ihren Augen

gesehen.«

»Ich habe diese Worte nicht gebraucht,« antworte ich, »und Sie wissen

sehr gut, daß ich mit einem Menschen, den ich für charakterlos und

minderwertig halte, nicht fünf Minuten lang sprechen, wieviel weniger mich

in einen Streit einlassen würde.«

»Ach so,« bemerkt er, »dann habe ich es vielleicht als Ehre aufzufassen,

daß Sie sich die Mühe nahmen, mich einen Snob und einen Menschen ohne

inneren Halt zu nennen.«

»Mindestens als einen Beweis sehr herzlicher Freundschaftsgefühle,«

antworte ich und sehe, wie ihm wider Willen ein Lächeln um die Mundwinkel

zuckt. Und ich sage:

»Seien Sie kein Frosch, Herbert Arndt, und setzen Sie sich noch mal hin,

denn gewöhnlich machen Sie's doch wie Wotan im letzten Akt der Walküre

und nehmen stundenlang Abschied. Und in der Zeit kann man ebensogut

vernünftig reden.«

Er setzt sich zögernd, denn trotz des Lächelns ist sein Ärger noch nicht

überwunden, und ich schiebe ihm seine Tasse und den Kuchen näher, weil

ich finde, daß es fast nichts auf der Welt gibt, das nicht gleich ein

bißchen weniger schlimm aussieht, sobald man Kaffee und Kuchen vor sich

hat.

Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt Herbert: »Was mich am meisten

beleidigt, ist ja gar nicht, daß Sie meine Art, die Dinge zu sehen,

verachten. Ich kann Ihnen das nicht verwehren, denn jeder schätzt im

Grunde genommen nur seine eigene Lebensanschauung, und wenn wir von

jemandem sagen, daß er vernünftige Ansichten habe, dann hat er sicherlich

die gleichen Ansichten wie wir. Was mich beleidigt, ist, daß Sie an meine

Art, die Dinge zu sehen, überhaupt nicht glauben, daß Sie annehmen, ich

rede nur so oder so, um mich interessant zu machen, oder aus Affektiertheit

oder aus irgendeiner anderen Verlogenheit heraus.«

»Nein,« unterbreche ich ihn, »das ist ganz gewiß nicht der Fall. Und

das ist eigentlich das Traurige an der Sache, das Hoffnungslose, möchte

ich sagen, daß Sie immer ehrlich sind.«

»Und gerade deshalb ist der Fall hoffnungslos?« fragt er. »Wie soll ich

das verstehen?«

»Es ist ganz einfach,« antworte ich, »und ich will's Ihnen erklären,

selbst auf die Gefahr hin, Sie noch einmal zu beleidigen und auf die

Gewißheit hin, daß es nichts nützt, denn ein Mensch, der sich immerfort

ändert, der kann sich niemals ändern.«

Herbert hebt erstaunt den Kopf. »Und ich ändere mich immerfort,« fragt

er.

»Und Sie wissen das gar nicht?« frage ich dagegen. »Sie wissen es gar

nicht, daß bei Ihnen immerfort ein Eindruck den anderen verwischt und

auslöscht, und daß Sie immerfort wie auf einem dünnen Seil gehen, nichts

rechts, nichts links, so daß man ordentlich schwindelig wird, wenn man

Ihnen zusieht.« -- »Ich verstehe das nicht,« sagt Herbert schroff.

»Nun also,« antworte ich, »dann will ich Ihnen aus der leider

übergroßen Fülle der Beispiele nur eines nennen: Waren Sie nicht vor

kurzem noch ganz berauscht von den Versen Stefan Georges, den Sie nach

Goethe den einzigen deutschen Dichter nannten? Und sprachen Sie nicht ein

paar Tage darauf sehr abfällig von seiner hypermodernen Pathetik, die

doch im Grunde genommen hohl sei, wenn man einen einzigen Mörikeschen

Vers damit vergleicht? Und war nicht wieder ein paar Tage darauf Mörike

spießbürgerlich und deutsch-borniert und veraltet, weil Sie gerade bei

irgendeinem dekadenten französischen Absinthlyriker angelangt waren? --

Und ist es nicht so auf jedem Gebiet? Die fanatische Ausschließlichkeit,

mit der Sie jeden Tag eine andere Sache anbeten und jeden Tag mit der

gleichen überzeugenden Ehrlichkeit, als gäbe es nur die eine auf der

Welt, die macht mich müde und ungeduldig zugleich.«

Herbert schüttelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, was Sie mir vorwerfen.

Gefühl ist doch nichts, was ein für allemal feststeht, Empfindungen,

selbst die wärmstem schwanken auf und ab. Und wären wir Menschen, wenn

wir nicht Stimmungen unterworfen wären?«

»Ja,« nicke ich, »oft denke ich, Sie haben gar keine Empfindungen,

sondern nur Stimmungen, oder besser gesagt: Anwandlungen, und Anwandlungen

kommen nicht aus dem Gemüt, sondern aus den Nerven und der Phantasie.«

-- »Und was ist Gefühl denn anderes als Betätigung der Nerven und der

Phantasie?« fragt Herbert lebhaft und schnell. »Können wir irgend etwas

empfinden, Liebe, Haß, Mitleid, Begeisterung, Freude oder Schrecken,

ohne daß unsere Nerven zucken und unsere Phantasie die Flügel hebt? Der

phantasieloseste Mensch ist der gefühlloseste zugleich, und -- so paradox

es klingen mag -- die Verstandsmenschen sind die dümmsten von allen.«

Ich nicke ihm langsam zu: »Es ist wahr, wir sind alle nur bauernschlau,

solange es uns nicht gegeben ist, weise zu sein. Und auch das andere, was

Sie sagten, ist wahr: Es gibt kein wertvolles Gefühl ohne Phantasie. Aber

die Phantasie muß in unserem Gemüt ihren Ursprung haben, sonst ist der

Mensch wie ein Ofen, der von außen erwärmt wird statt von innen, der

heiß, vielleicht sogar überheizt erscheint, aber niemals Wärme abgibt

und verströmt.«

»Ein sinnfälliger Vergleich!« sagt Herbert, und sein Mund verzieht sich

spöttisch. »Ich gebe allerdings zu, daß ich wenig Talent zum traulich

wärmenden Ofen habe, und offen gesagt, mein Ehrgeiz geht nicht dahin. --

Ich gebe auch zu,« fährt er nach einem kurzen Schweigen fort, »daß ich

leicht von diesem oder jenem Eindruck überwältigt werde und leicht alles

andere darüber vergesse, aber ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil,

ich bin froh und glücklich darüber, denn ich selbst liebe nur Menschen,

die impulsiv und warm und stark empfindend sind.«

»Ach, lieber Freund,« sage ich, »heute! Heute lieben Sie die Impulsiven,

vielleicht weil heute morgen oder gestern abend ein liebes Mädel in

schöner Impulsivität Ihnen die Hand hingestreckt und etwas Herzliches

gesagt hat. Und morgen lernen Sie eine interessante Frau kennen, die kühl

und geheimnisvoll und verschlossen ist, und dann erzählen Sie mir, daß

alles Impulsive doch eigentlich recht vulgär sei, und daß der wahre Reiz

eines Menschen in seiner geheimnisvollen Verschlossenheit läge.«

»Ja,« antwortet Herbert, »und Sie erzählen mir dann, was ich Ihnen

gestern erzählt habe, und werfen mir meine Treulosigkeit gegen das liebe

Mädel vor. Aber der Reiz des Lebens liegt doch gerade darin, daß ich

heute die Impulsiven lieben darf und morgen die Verschlossenen.«

»Ach, lassen wir's,« sage ich ein bißchen müde, »ich merke schon, wir

reden aneinander vorbei und werden uns nicht verstehen.«

»Das ist weibliche Kriegstaktik,« antwortet Herbert, »sobald sie

nichts zu antworten wissen, ziehen sie sich hinter die männliche

Begriffsstutzigkeit zurück. Aber ich möchte jetzt meine Sache bis zu Ende

verfechten und erbitte mir Antwort darauf, weshalb es ein, -- nun sagen

wir, ein verächtlicher Zug sein soll, jeder Art und Gattung Geschmack

abgewinnen zu können.« -- »Das ist's ja nicht,« sage ich seufzend,

»und ich möchte Ihnen gerne noch einmal antworten, aber ich fürchte, die

Anklagerede wird lang.«

»Wenn ich als Delinquent einen letzten Wunsch äußern darf,« sagt

Herbert, »dann möchte ich mir noch ein Stück Kuchen erbitten.«

»Gewährt,« antworte ich, »und möge Ihnen das letzte Stück Kuchen

leicht werden!« -- »So leicht wie Ihnen mein Todesurteil,« erwidert er

mit einer höflichen Verbeugung und zieht sich den Teller mit Kuchen näher

heran.

Mein Ärger ist längst verflogen, und ich muß lachen.

»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual?« fragt er kauend,

»oder hat meine sieghafte Liebenswürdigkeit so schnell die Wolken von

Ihrer Stirne verjagt? -- Es wäre eigentlich schade,« setzt er hinzu,

»denn ich hatte mein ganzes Wesen schon auf Bußfertigkeit eingeschaltet,

und außerdem war es von jeher meine Leidenschaft, zuzuhören, wenn von mir

die Rede war.« -- »Ja,« sage ich, »es ist die einzige Leidenschaft, der

Sie bis jetzt treu geblieben sind.«

Er sieht mich einen Augenblick schweigend an und sagt dann: Ȇber diesen

Punkt dürften Sie besser orientiert sein.«

»Ich weiß,« antworte ich nach einer kleinen Pause, »aber ich finde

immer, das erotische Gebiet, denn darauf spielen Sie ja an, liegt so

abseits, daß es nicht in Betracht kommen kann, wenn von dem Charakter

eines Menschen die Rede ist. Und selbst wenn jemand hartnäckig an seiner

ersten Liebe hängen sollte --«

»Erste Liebe,« unterbricht er mich lächelnd.

»Oder an seiner dritten oder vierten,« antworte ich, »denn eine erste

Liebe gibt es ja eigentlich nicht, weil immer schon eine vorher dagewesen

ist. Aber es handelt sich jetzt gar nicht um die Treue gegen andere,

sondern um die Treue, die wir uns selbst schuldig sind.«

»Uns selbst, uns selbst,« sagt Herbert ungeduldig, »wie einfach klingt

das! Aber wer von uns kennt sich und wertet sich richtig? Wir sind doch

viel zu sehr in uns selbst gefangen, um unbefangene Richter über uns zu

sein.«

»Aber lieber Freund,« sage ich, »was hat die Treue mit der Erkenntnis zu

tun, da sie doch nichts Bewußtes ist, sondern so selbstverständlich wie

das Atemholen, und da sie aufhört zu existieren, sobald sie bewußt und

ein Willensakt geworden ist. Und wer wir selbst sind, fragen Sie? Nun, wir

sind nicht nur die, die jetzt hier sitzen und reden. Zu uns gehört alles,

was wir vor Jahren und Monaten, und was wir gestern und heute erlebt und

gefühlt haben. Und wenn wir das täglich und stündlich von uns werfen

können wie alte Kleider, dann werfen wir uns täglich und stündlich

selber weg. Wie ein Mensch ohne Schatten sind wir dann, und ich begreife

jetzt, was ich als Kind nie verstanden habe, weshalb Chamisso es als so

traurig und als so schmachvoll hinstellt, keinen Schatten zu haben.«

Herbert ist blaß geworden. »Traurig und schmachvoll,« wiederholt er,

während er mit nervöser Hand seine Zigarette in der Schale zerdrückt.

Dann hebt er den Kopf, und seine Augen haben den eigensinnig fanatischen

Blick, den ich kenne.

»Vielleicht haben Sie Chamisso doch falsch verstanden,« sagt er leise,

»vielleicht war es nur deshalb so traurig und schmachvoll, keinen Schatten

zu haben, weil alle Welt einen Schatten hat, und weil alle Welt die haßt

und verachtet, die anders sind als alle Welt.

Und jetzt will ich gehen,« sagt er aufstehend, und setzt mit einem

sonderbaren, etwas hilflosen Lächeln hinzu: »Diesmal nicht wie Wotan.«

»Und doch wie Wotan,« sage ich und strecke ihm die Hand hin, die er

einen Augenblick sehr fest in seiner hält. »Leben Sie wohl, einäugiger

Wanderer!«

Gespräche im Zwielicht · 第 16 / 20 题